Familientreffen

Wütend pfefferte sie den Löffel in die Spüle. Hatten sie das nicht ganz genau abgesprochen? Kein weiteres Familientreffen mit seinen ach so lieben Cousins, den lästernden Tanten und den Onkeln, deren Blicke ihr überall hin folgten, und vor allem nicht mit seiner teuflischen Mutter? Nie wieder zwei Liter Wackelpudding kochen für seine Sippe, die diesen schecklichen Zuckerwasserglibber liebte? Und? Hatte er sich daran gehalten? Natürlich nicht. Wie immer war er schwach geworden, als seine Schwester angerufen und ihn beschwatzt hatte, er müsse doch dabeisein, das könne er Mutti nicht antun, er würde doch dazugehören. Mutti! Wenn eine Frau keine Mutti war, dann war dass diese Frau, die ihr in jedem unbeobachteten Augenblick zu verstehen gab, dass sie in keinster Weise gut genug war für ihren Sohn. Keine Ahnung, wie sie es geschafft hatte, einen so netten Mann aufzuziehen. Selbst jetzt, nach seinem Einknicken, war sie fast schon wieder bereit, ihm das zu verzeihen. Aber noch ein Familientreffen im stickigen Wohnzimmer seiner Mutter würde sie nicht überleben, und nicht hingehen war keine Option. Ohne sie würden die gierigen Klauen seiner Familie ihren Mann in der Luft zerreissen, zu oft war er geknickt und gedemütigt von solchen Veranstaltungen nach Hause gekommen. Erstaunlich, wie unverdrossen er trotzdem jedes Mal wieder zusagte. Gedankenverloren spielte sie mit der Flasche, es knisterte leise, und wie von selbst öffnete sich der Verschluss. Erst langsam, dann schneller goß sie den Wodka in den Messbecher. Als die Flasche leer war, holte sie eine zweite und leerte auch die. Dann füllte sie mit Apfelsaft auf, bis die zwei Liter voll waren. Wer sagte denn, dass Wackelpudding immer mit Wasser gekocht werden musste? Niemand. Sie sah der Flüssigkeit beim Heißwerden zu. Zumindest interessant würde dieses Familientreffen werden. Vielleicht sollte sie großzügig sein: Wer wusste schon, ob zwei Liter Wackelpudding spezial ausreichten…

Das war noch ein Beitrag zu den abc-Etüden, und nun reicht es auch. 😁 Ich hatte dieses Mal die große Ehre, die Wortspenderin zu sein! Ich habe mit Vergnügen und Vorfreude Wackelpudding, unverdrossen und knistern gewählt. Organisiert werden die Etüden von Christiane, und weil das viel Arbeit ist, ein großes Dankeschön von Blog zu Blog. Inspiriert hat mich ein anderer Beitrag zu den Etüden, da kam auch Wodka-Wackelpudding vor. Leider weiß ich nicht mehr, welcher Beitrag das war…

Wackelpuddingleben

Manchmal ist das Leben wie ein Wackelpudding. Es ist viel zu grün, durchschaubar und verspricht mehr, als es hält, und wenn du mit einem Löffel draufhaust, geht ein Zittern durch es hindurch, das noch lange anhält. Auf der anderen Seite ist es aber auch süß, hat ein intensives Aroma und die meisten Leute lächeln, wenn sie versuchen, einen Löffel voll davon auf ihren Teller zu bekommen, denn der Löffelvoll hat sehr ausgeprägte Fluchtendenzen. Wenn du dem Wackelpuddingleben dann noch Vanillesauce hinzufügst, kann es sehr überzeugend wirken. Und was bleibt dir auch anderes übrig? Wenn das Leben ein Wackelpudding ist, hast du ja nicht wirklich eine Wahl. Du kannst dich für ein leicht gelangweiltes Abwinken von oben herab entscheiden, alles schon gesehen, alles schon erlebt, du stehst weit über dem gewöhnlichen Wackelpudding. Oder du entscheidest dich dafür, Grün zu mögen, das allgegenwärtige Zittern als Zeichen für Lebendigkeit zu nehmen, unverdrossen auf die Vanillesauce zu warten, und wenn sie nicht kommt, selbst welche zu kochen. Nicht alle Wackelpuddingtage sind schön, natürlich nicht. Manche enden als zerfledderter grüner Rest auf dem Boden der Schüssel. Wie schön ist dann das Knistern der neuen Packung, wenn du sie aufreißt, du atmest den Waldmeisterdampf ein, der aus der heißen Schüssel aufsteigt und dann heißt es warten. Regenerieren. Beim Wackelpudding musst du geduldig sein, er wird nicht schneller fest, wenn du ihn anstarrst oder mit dem Finger hineinstippst. Er braucht seine Zeit, wie du. Wenn dein Leben also manchmal wie ein Wackelpudding ist, dann denk dran: Das Beste ist immer der Nachtisch.

Das war ein Beitrag zu den abc-Etüden, und ich hatte dieses Mal die große Ehre, die Wortspenderin zu sein! Ich habe mit Vergnügen und Vorfreude Wackelpudding, unverdrossen und knistern gewählt und bin gespannt auf die Beiträge. Organisiert werden die Etüden von Christiane, und weil das viel Arbeit ist, ein großes Dankeschön von Blog zu Blog. 😊