Public Toilet

In der Subway überkommt es mich. Ich muss mal. Verdammt. Das Thema WC in New York ist ein unerfreuliches. Irgendwo habe ich vorher gelesen: Jede mitnehmen, die vorbeikommt, denn es gibt nicht viele, und das war ein wirklich guter Tipp, den ich hiermit weitergebe: Jede mitnehmen, die vorbeikommt, egal, wo sie ist oder wie sie aussieht. Nach persönlichen Reinlichkeitsbedürfnissen kann man gehen, aber dann hat man lange Leidenszeiten vor sich.

Ab sofort halte ich also Ausschau nach einer WC-Gelegenheit und da ist sie auch schon: Ein Schild an einem schwarzen, vergitterten Käfig, in dem ein Wachmann in der Subway-Station sitzt. Ein Blick links, ein Blick nach rechts – kein offener Gang, keine Pforte. Also frage ich, ob ich mal… er nickt und drückt auf einen Knopf, der die schwere Tür mit einem Klicken aufspringen lässt. Dahinter: Ödland. Und ein schwarzer Wachmann, der mit wissendem Blick auf mich zukommt. Irgendwie werden Touristen hier immer sofort erkannt. Freundlich weist er mir den Weg und zeigt auf die unauffällige weiße Tür zwischen weißen Wänden und weiteren vergitterten Türen.

Als ich die Tür aufdrücken will, geht sie nicht ganz auf und ich quetsche mich hinein. Hinter der Tür liegt ein großes Bündel Kleidung, auf der anderen Seite kämmt sich eine Frau die Haare. Ihre Sachen liegen in diversen Taschen um sie herum verteilt auf dem Boden. Hinter mir bewegt sich das große Bündel Kleidung und erschreckt sehe ich, dass in all dem Stoff eine verkrümmte Gestalt steckt. Ohne weiter nachzudenken rette ich mich in die einzige WC-Kabine. Das Schloss lässt sich nicht schließen, aber mittlerweile bin ich sicher: Wenn die eine Frau sich hier wäscht und die andere…  was auch immer tut, werden sie mich wohl nicht bei meinen Verrichtungen stören.

Als ich die Kabine verlasse, steht die verkrümmte Frau immer noch bewegungslos hinter der Tür in der Ecke, sie lehnt an den weißen Fliesen. Die Kleider um sie herum sind wie ein Panzer, unzählige Lagen Stoff übereinander, die Frau ist mit ihnen fast so breit wie hoch, ihr Kopf liegt auf ihrer Brust. Jetzt sehe ich auch, dass hinter ihr ein paar gefüllte Tüten liegen. Die andere Frau räumt ihren Platz am Waschbecken, macht mir Platz und geht sofort wieder zurück ans Waschbecken, als ich fertig bin und fährt fort, sich sehr lange und ausgiebig die Hände zu waschen.

Draußen bleibe ich einen Moment stehen, um zu begreifen, was ich eben gesehen habe. Es gibt hier Menschen, die in öffentlichen Toiletten wohnen. Die sich dort aufhalten, weil es warm ist, es Wasser und WCs gibt. Und sie werden geduldet, sogar bewacht vom Personal der Subway, ein sicherer Ort für Frauen. Ich bin geschockt. Damit hatte ich nicht gerechnet. Ich wünschte, ich wäre besser gewappnet gewesen, dann hätte ich ein paar Dollar dagelassen, aber ich war überfordert. Den Rest des Tages verfolgt mich das Bild der Frau im toten Winkel hinter der Tür, wie sie unbeweglich dort ihren Tag verbringt, eingehüllt in vermutlich alles, was sie besitzt. Wie sehen ihre Tage aus? Wie konnte es so weit kommen? Wie lange hält man so was aus?

Ausgelesen: Kluftinger. Von Klüpfel/Kobr.

Der Jubiläumsband: Nr. 10 in der Reihe um Hauptkommissar Kluftinger! Wenn eine Krimireihe dermaßen erfolgreich ist und die Autoren dermaßen schlitzohrig, muss es hier natürlich etwas Besonderes sein: Kluftinger wird von seiner Vergangenheit eingeholt. Jemand hat es auf ihn abgesehen und sorgt schon einmal für seine Beerdigung, mit Kranz und Holzkreuz, auf dem sein Name eingraviert ist. Nach außen hin gibt Klufti sich ungerührt, aber der „Streich“ trifft ihn innerlich härter als er zugeben würde. Als die „Streiche“ heftiger werden und es schließlich Tote gibt, muss Kluftinger tätig werden und tief in seiner Vergangenheit graben.

Die Rückblenden in Kluftingers Jugendzeit haben mir eher weniger gefallen, aber ich mag Rückblenden sowieso in keinem Buch, sie unterbrechen den Lesefluss und bringen mich aus der Handlung heraus. Meiner Meinung nach könnte das alles zusammen am Anfang des Buches stehen und dann kommen wir möglichst schnell zur Gegenwart, in der es dann einheitlich weitergeht. Hier wäre das nicht möglich gewesen, da die Rückblenden notwendig für die Handlung sind. Na gut, die Kröte habe ich also geschluckt. Ansonsten war das Buch eine ziemlich wilde Mischung aus Spaß, unerwartetem Ernst, überraschend emotionalen Szenen, Albereien, Cameo-Auftritten bekannter Persönlichkeiten, absurden Situationen und recht viel Spannung. Der Leser lernt Kluftinger intensiv kennen und erfährt Hintergründe, und auch Martin Langhammer hat seinen Auftritt.

Für alle Fans der Reihe ist das Buch ein Muss. Für alle anderen: Wer leichtere Krimikost mag und zwischendurch gern lacht, ist hier goldrichtig.

Brooklyn Bridge

Frohgemut (so ein schönes Wort, das darf nicht aussterben!) wandere ich auf die Brooklyn Bridge zu. Es ist saukalt, der Wind pfeift mir um die Nase und ich bin froh, Leggings und Kniestrümpfe unter der Jeans zu tragen. Die Sonne scheint, der Himmel ist blau und ich kann es immer noch nicht fassen, dass ich wirklich hier bin, jetzt, auf einem anderen Kontinent, in einer Stadt, die bisher immer nur ein weit entferntes Vielleicht war. Heute morgen bin ich früh aufgebrochen, was nicht zu meinen Verdiensten gerechnet werden kann – ich war halt früh wach, wie das so ist, wenn einem sechs Stunden gestohlen worden sind. Und hier der allererste Insidertipp meines Touristenlebens: Morgens um neun Uhr in Lower Manhattan an einem Sonntag ist ein idealer Zeitpunkt, wenn man die Stadt für sich haben will. Niemand arbeitet, die Touristen frühstücken noch, sogar die zahllosen HotDog- und Imbissstände sind noch geschlossen. Nur ein paar frühe Jogger drehen keuchend ihre schnellen Runden, wirklich, die joggen hier nicht einfach, das sieht wie harte Arbeit aus, und sie sind schnell, meine Güte!

Nachdem ich mich anderthalb Stunden in Lower Manhattan herumgetrieben und mich zweimal verlaufen habe, stehe ich plötzlich vor dem Aufgang zur Brooklyn Bridge, die ich eigentlich von Brooklyn her ablaufen wollte. Aber Pläne sind ja hauptsächlich dazu da, um sie umzustoßen, und so wandere ich einfach drauf los, zusammen mit mittlerweile vielen anderen Touristen und ein paar sehr wütenden Fahrradfahrern, die vermutlich alle Fußgänger nur zu gern direkt ins Wasser des East Rivers schubsen würden. Glücklicherweise gibt es ein hohes Geländer, und man würde anstatt im Wasser sowieso nur auf der Kühlerhaube eines der unten fahrenden Autos landen.

Die Brücke. Ja, sie ist toll. Sie sieht toll aus, das Panorama ist in beide Richtungen sagenhaft, es macht auch nichts, dass es recht voll ist, die Leute, die da mit einem entlangwandern, sind fast so interessant wie die Stadtsilhouette von Manhattan. Wenn ich alle Selfies, die an diesem Morgen auf der Brücke gemacht wurden, ansehen müsste, wäre ich vermutlich jetzt noch beschäftigt. Mit Stick, ohne Stick, mit wehendem Haar, mit zusammengehaltenem Haar, mit dekorativ offener Jacke (die Models müssen dabei halb erfroren sein) oder auf einer Bank stehend, in Gruppen, allein oder mit Groupiefotograf – es gibt alles. Jeder Mensch ein Schauspieler. Selbst mich haben sie angesteckt, ich konnte nicht an mich halten und habe auf dem Rückweg ein Selfie gemacht und es auch noch verschickt. Und laut ist es! Die Autos unter dem Fuß- und Radweg verbreiten unablässig ein gleichmäßiges Tosen, dazu das Ra-Dong! Ra-Dong!, wenn sie eine Schiene im Asphalt überfahren, außerdem bläst der Wind auch nicht gerade leise und das Stimmengewirr der Heerscharen, die auf den Holzbohlen entlanglaufen – nein, romantisch leise mit zartem Möwengekreisch ist es definitiv nicht hier. Aber das macht nichts. Überhaupt macht alles nichts, die wehen Füße sind egal, die Kälte ist egal, die langen Wege und das Hungergefühl – was soll´s! Ich bin hier, alles andere ist hinzunehmen, und ein Müsliriegel hilft über das schlimmste hinweg. Als ich die Brücke fast überquert habe, entschließe ich mich, einfach umzudrehen und den ganzen Weg zurück zu laufen anstatt die Subway von Brooklyn aus zurückzunehmen. Ich kann mich jetzt einfach noch nicht trennen.

Und frohgemut laufe ich den ganzen wunderbaren, eisigen Weg über die Brooklyn Bridge zurück.

Nachts

nachts in New York
wachsen Eisblumen zwischen den Scheiben meines Fensters
kalte Winde jagen Sirenengeheul durch Häuserfluchten
der Hot Dog-Stand ist leer und dunkel
im zehnten Stock gegenüber
spielen Comicwesen auf dem Flachbildschirm
schwarze Katzen jagen hinter Panoramascheiben
ein Mann betrachtet sich lange im Spiegel
der 24-Stunden Supermarkt ist offen
ab und an ein gelbes Taxi vor der Ampel
am Central Park West
leuchten mittelgroße Wolkenkratzer
weiß, rot und blau

Ausgelesen: Eine treue Frau. Von Jane Gardam.

Im April 2018 hatte ich dieses Buch angefangen, und nun, endlich, im Januar 2019 habe ich es zu Ende gelesen. Das hier war meine April-Meinung:

Eine treue Frau von Jane Gardam. Ja. Hm. Ich bin mir nicht sicher. Es ist wirklich, wirklich gut geschrieben, jeder Satz eine unerwartete Reise, nie weiß man, wo es hingeht, da stehen Worte und hinter den Worten liegen völlig andere Worte, die aber niemals aufgeschrieben werden. Ich nehme an, dass das großartige Literatur ist, nur: Ich lese aus anderen Gründen. Eigentlich. Eigentlich möchte ich gerne eintauchen in das Leben anderer und es verstehen und mitfühlen, dafür brauche ich aber eine ganz andere Art von Schreibstil. Und trotzdem. Es lässt mich nicht los. Ich habe es noch nicht ganz durch und ich vermute, ich werde weiterlesen – bis zum Schluss.

Jo. Nun habe ich es bis zum Schluss gelesen, und um es kurz zu machen: Meine Meinung hat sich nicht geändert. Knapp, kurz, präzise, ein seziertes Menschenleben in einem Buch, eine Frau, die sich fatalerweise für den falschen Mann entscheidet und doch ein Leben lang in dieser Ehe bleibt. Wirklich glücklich wird sie nie, aber verlassen will und kann sie ihren Mann nicht. Es ist ein Bitterlemon-Buch über englische Kolonialmacht und das Leben zwischen zwei Welten, nie ganz in der einen und nie ganz zugehörig zur anderen, zwei seltsam heimatlose Menschen, die lebenslang zusammen und doch nie ganz ehrlich zueinander sind. Es hat mich gleichermaßen abgestoßen wie fasziniert, das Beste daran ist die schöne, knappe Sprache.

Es gibt zwei weitere Bücher, die dieselbe Geschichte aus anderer Sicht betrachten. Ob ich sie lesen werde? Mal sehen.

Vorurteile

Ich sitze in der Subway. Es ist voll und rumpelt, dröhnt und quietscht, die Stationsdurchsagen sind nur mit Mühe zu verstehen. Mir gegenüber sitzt eine mittelalte, farbige Frau mit raspelkurzem Haar, dunkelbraunen Cargohosen, schwarzen Parka und abgewetzten soliden Arbeitsschuhen. Sie guckt gelangweilt bis grimmig, auf ihren Knien steht eine schwarze Sporttasche. Ich bemühe mich, nicht hinzugucken, so wie ich mich bemühe, nirgends zu lange zu starren, obwohl ich am liebsten alles in dieser Stadt pausenlos anstarren würde. Tourist schlimmster Sorte, yeah, das bin ich. Beim nächsten Blick ertappe ich mich dabei, wie ich spekuliere. Bronx? Harlem? Bauarbeiterin? Oder Gärtnerin? Vielleicht im Central Park? Oder LKW-Fahrerin? Warum guckt sie so grimmig? Während ich vor mich hin denke, bewegt sich etwas in der Sporttasche, und plötzlich schiebt sich ein kleiner, flauschig weißer Hundekopf nach draußen, guckt erst mich an, dann einmal in die Runde und schnuppert schließlich neugierig an den Fingern der Frau mit den raspelkurzen Haaren. Verwirrt gucke ich vom Hund zur Frau und wieder zurück. Unbewegt starrt die Frau mich an, ohne zu blinzeln oder sonst einen Muskel in ihrem Gesicht zu bewegen, aber ihre Hand streichelt über den kleinen, flauschigen Kopf, der aus der Tasche ragt. Dabei kommen immer mehr weißes, seidiges Fell und zwei lange, interessiert hin und her zuckende Ohren aus der Tasche hervor. Ich kann nicht anders, ich muss lächeln, egal, ob man das hier tut oder nicht. Als die Frau mit ihrem Hund aussteigt, ohne ein einziges Mal zurück gelächelt zu haben, lässt sie mich heiterer, klüger und mit einem Vorurteil weniger in der Subway zurück.

Ausgelesen: Ich bin kein Serienkiller. Von Dan Wells.

Ja. Also. Solche Bücher lese ich ja eigentlich schon aufgrund des gruseligen Buchcovers schon mal gar nicht. Blut, das irgendwo herunterläuft, verführt zumindest mich nicht zum Lesen, aber in diesem Fall bekam ich es mit einer zaghaften Empfehlung ausgeliehen – ich schätze, mein Ausleiher war sich gar nicht so sicher, ob ich ihn nicht für etwas seltsam halten würde aufgrund seiner Empfehlung. Und dann lag es bei mir im Regal und ich wurde immer neugieriger und fing irgendwann an zu lesen, und schon nach den ersten drei Seiten hatte das Buch mich.

John Cleaver ist ein seltsamer fünfzehnjähriger. Er interessiert sich nicht für dieselben Dinge wie andere Jungs in diesem Alter, sondern in einem abnorm hohen Maße für das Bestattungsunternehmen seiner Mutter, das sie im Geschäft unter den Wohnräumen der Familie führt. Genauer gesagt interessiert John sich vor allem für die Leichen, die im Bestattungsunternehmen einbalsamiert werden. Der Faszination, die sie auf ihn ausüben, kann er sich nur mit allergrößter Mühe entziehen, und auch sonst führt er einen ständigen Kampf mit seinem zweiten Ich, das permanent an die Oberfläche will, um dort für Zerstörung, Blut und Chaos zu sorgen. Damit das nicht passiert, hat er sich selbst einen strengen Verhaltenskodex auferlegt, dessen Einhaltung seine oberste Maxime ist. Dann geschehen seltsame Dinge in Clayton, dem Ort, in dem er wohnt – grausame Morde werden verübt, und John entdeckt Indizien, die auf einen Serienmörder hinweisen. Aber wie soll er diese Indizien weitergeben, ohne sich selber zu verraten? Es bleibt ihm nichts anderes übrig, als selbst auf die Jagd nach dem Mörder zu gehen, immer in der Gefahr, dass sein blutrünstiges zweites Ich sich befreit, wenn er sich zuviel Gewalt und Tod aussetzt…

Das Buch ist sehr spannend geschrieben. Durch den Ich-Erzähler verengt sich die Perspektive und man erhält gefühlt immer viel zu wenig Informationen, denn alles was passiert, wird nur aus der Sicht von John geschildert. Während des Lesens war ich hin und her gerissen zwischen Sympathie und Ablehnung der Hauptfigur gegenüber. Genauso erging es mir mit dem potentiellen Mörder, der in Clayton umgeht. Anfangs scheint das Buch ein typischer Thriller mit Serienkiller zu sein, dann entwickelt es sich zu einer Art Fantasy-Thriller, bleibt dabei aber immer eisig kalt. Der innere Kampf, der permanent in John wütet, und sein Anderssein nehmen viel Platz ein, trotzdem fällt der Spannungsbogen selten ab. Die Twists in der Handlung sind gut geschrieben, ab einem bestimmten Punkt weiß man, woran man ist und trotzdem kann man nicht aufhören zu lesen.

Bis zum Schluss war ich mir nicht sicher, ob ich John nun mag oder nicht, und auch nachdem das Buch nun ausgelesen ist, habe ich noch keine endgültige Entscheidung getroffen. Aber: Band zwei würde ich doch schon ganz gern lesen. Obwohl ich ja eigentlich keine Bücher mit Blut auf dem Cover mag. Und auch keine Serienkiller. Tja. Er hat mich, würde ich sagen.