Was wartet im Garten?

Im Garten wartet die Schönheit. Immer. Egal, was es für ein Garten ist. Manchmal besteht sie aus kitschigen Wassertropfen auf weißen Rosenblättern, manchmal aus den zerrupften Wühlmäusen in den Brennnesseln. Oder sie webt im Wind ihr Netz. Manchmal wirft sie dir grüne Eicheln vor die Füße.
Sie ist eng mit der Versuchung befreundet. Eigentlich ist die Versuchung rot, aber du siehst sie nie, kurz bevor du hinsiehst, ist sie weg, und du hörst nur noch die rauschende Schleppe, die sich von dir weg bewegt. Trotzdem ist sie rot, du bist dir so gut wie sicher.
Die Schönheit bringt Schönes hervor: Viel Gelächter an Küchentischen. Wolken. Nasses Gras an nackten Füßen. Seerosen. Soviel Obst in leuchtenden Farben, dass die Vögel und Wespen mitessen dürfen. Einen Garten. Zwiebeln.
Überhaupt. So viele Farben überall, und zwischendrin meine Gedanken von ganz hell und durchsichtig bis dunkelgrau und stürmisch. Es gibt Momente, da fliegen sie wie Drachen am Himmel, aber manchmal verstecken sie sich auch im Tümpel unter den Seerosen.
Das Paradies ist ein Garten. Ich gehe meine Wege und alle führen darauf zu. Und wenn ich mich verirre oder vom Weg abkomme (das passiert von Zeit zu Zeit), dann habe ich es ganz klein in der Tasche, denn man kann es zusammenfalten und mitnehmen: In einem Buch, einer Tasse Tee oder in einem Gesicht. Ich weiß nicht viel. Aber das habe ich gelernt: Das Paradies ist ein Garten.

Das Paradies ist ein Garten

Das Paradies ist ein Garten.
Der Regen dort ist freundlich.
Verbünde dich mit ihm:
Streichle alte Eichen.
Erweiche die Erde.
Sei Wolkentänzerin.
Verwandle dich im Sonnenschein.
Komm wieder.
Das Paradies ist ein Garten.
Der Regen dort ist freundlich.

Der Dienstag dichtet!  Katha kritzelt hat diese Aktion ins Leben gerufen: Jeden Dienstag wird ein Gedicht aus eigener Herstellung veröffentlicht. Auch Wortgeflumselkritzelkram und  Mutigerleben sind mit von der Partie. Wer den Dienstag also mit Gedichten beginnen will: Herzlich willkommen!

Briefe aus dem Paradies II

Liebe Angst,

ich bin tatsächlich hier, obwohl du doch immer soviele Zweifel hattest: Im Paradies. Und es ist ganz anders, als ich gedacht habe! Wenn ich denn überhaupt geglaubt habe, dass es eines gibt (was ja nicht immer der Fall war, wie du sehr wohl weißt).
Das Paradies: Es ist ein Garten. Lach nicht, das ist kein Witz: Es ist ein Garten. Es regnet hier durchaus (siehst du die Tropfen auf dem Papier?), aber es stört niemanden. Der Regen ist freundlich. Es gibt Unkraut und Wühlmäuse, und beides darf sein. Nur nicht im Übermaß. Alles hält hier Maß. Es gibt von allem, Sonne und Regen, Waffeln und Stangensellerie, aber im richtigen Verhältnis. Niemand weicht dem Schmerz aus, aber er nimmt nicht überhand. Knospen und Verblühtes stehen nebeneinander und wir sehen hin und lächeln. So ist es, so wird es sein.
Für mich gibt es Bücher. Und Mittagsschläfchen. Für andere Gesellschaft. Musik. Und Geschichten. Arbeit gibt es auch, nicht zuviel, aber auch nicht zuwenig. Man muss ab und zu müssen, sonst verliert das Dürfen an Freude.
Überhaupt: Freude. Die ist hier sehr wichtig. Große und kleine, schnelle und lange Freude, es gibt viele Arten, und du darfst dir aussuchen, welche du bevorzugst. Auch die minimale, trockene Freude, die mit einem Wimpernschlag vorbei ist, ist hier erwünscht. Alle Tränen, die du noch nicht geweint hast, darfst du hier nachholen, und wenn du damit fertig bist, geht jemand mit dir einen Kaffee trinken. Oder Tee. Es gibt einen kleinen See im Paradies, ein bisschen moosig, aber es gibt einen Steg und Libellen. Das Wasser ist kühl.
Ich sehe nicht alles hier. Manche Dinge sind nicht für mich gedacht. Das ist ok. Ich brauche keine Joggingrunde am Morgen. Für mich ist der langsame Spaziergang zum Fluß, die Liege unter dem Apfelbaum und die Bibliothek. Für dich wäre es vielleicht etwas anderes, wer weiß.
Gott kommt jeden Abend vorbei, und das ist gar nicht angsteinflößend, wie du mir immer gesagt hast. Ich freue mich auf ihn. Er fragt mich nach meinem Tag, manchmal legt er mir auch nur kurz die Hand auf die Schulter. Ich frage ihn auch nach seinem Tag, aber ich glaube, er verschweigt mir vieles. Ich liebe ihn sehr.
Noch bin ich ja nicht endgültig hier, sondern zu Besuch. Gott hat mir ein Geschenk gemacht: Er hat mir gezeigt, wie ich das Paradies mitnehmen kann. In einer Tasse Tee, einem Buch, beim Blick in den Himmel und schon ist es da, ganz nah, im Handgepäck.
Liebe Angst, es war schön, nach langer Zeit mal wieder mit dir zu schreiben. Ich bin wirklich froh, dass du Unrecht hattest. Du auch?

Deine (zuversichtliche) Stachelbeermond

Briefe aus dem Paradies I

Briefe aus dem Paradies I

Potentielle Empfänger:

  • meine Angst
  • der Unglaube
  • der Zweifel
  • mein zukünftiges Ich
  • meine Eltern
  • die Freunde
  • die BILD
  • die ZEIT

Was es alles braucht zum Paradies

Was alles braucht es in meinem Paradies?

Auf jeden Fall braucht es Bücher. In Mehrzahl. Und verschiedene Arten. Eigene Gedanken können mit der Zeit so unendlich gleichförmig werden ohne äußere Einflüsse! Bücher. Ja. Andere Menschen auch, aber in Maßen. Mit Pausen und langen, einsamen Spaziergängen zwischen den Begegnungen. Ein eigenes Zimmer. Mit Ausblick. Ein Fenster, das ich öffnen kann, um die Luft zu streicheln und mich streicheln zu lassen. Zum Paradies braucht es auch gemeinsame Mahlzeiten, Frühstück und Abendbrot mindestens, und ab und zu einen gemeinsamen Tee. Oder Kaffee, da bin ich nicht dogmatisch. Ein paar Katzen wären nett, und Vögel. Viele Vögel. Überhaupt alles, was flattert und summt und brummt. Das Paradies liegt selbstverständlich in einem großen Garten mit Obstbäumen, das muss ich eigentlich gar nicht erst erwähnen. Ein kleiner Bach wäre nett, aber eine Seligkeit wäre ein See, in dem ich schwimmen kann. Mit Steg. Vielleicht ein Boot? Ach ja. Und das Meer sollte nebenan sein, gleich, wenn man aus dem Gartentor tritt. Tee und heißes Wasser muss es geben, und Schokoladenkekse. Einen bequemen Stuhl, in dem man die Beine hochlegen kann. Vermutlich sollte es wohl auch Arbeit geben, ein Paradies ganz ohne ist unvollständig. Oder? Ist Zwetschgenpflücken und Marmelade kochen Arbeit? Unkraut jäten ist auf jeden Fall Arbeit und muss wohl sein. Aber man muss ja vielleicht nicht überall jäten. Und frische Brötchen mit Honig zum Frühstück. Die sollte es auch geben.

Und deins?

Gartenfragmente

Gartenfragmente

  1. Es ist hochgradig erstaunlich, wie wenig Lust ich verspüre, etwas über den Garten zu schreiben.
  2. Noch erstaunlicher, dass ich es trotzdem tue.
  3. Es ist kühl und nass nach dem Regen am Morgen, und plötzlich wird mir bewusst, dass der Garten mich viel weniger braucht als ich ihn.
  4. Die Farbe Rosa ist lauwarm und unentschieden. Sie weiß nicht, was sie will: Rot sein oder weiß? Und so bleibt sie in der Mitte stecken. Trotzdem: Der rosa Oleander ist hübsch.
  5. Bei im Sommer abgefallenen Laub bin ich mir nie ganz sicher: Lebenszweck erfüllt oder verfehlt?
  6. Ich weiß die Wärme der Sonne immer erst dann zu schätzen, wenn mir vorher sehr kalt war.
  7. Wenn die Sonne auf geschlossene Augenlider scheint, kann ich die innere Farbe meiner Lider sehen: Ein sagenhaftes Rot-Orange.
  8. Ob die Ameise, die gerade das Innere meiner Hand und dann meinen Daumen auskundschaftet, auch nur die leiseste Ahnung hat, welches Risiko sie gerade eingeht? Eine Weile spiele ich mit ihr wie ein übermächtiger Gott (Göttin?), indem ich das Labyrinth meiner Finger immer wieder verändere, dann komme ich mir schäbig vor und puste sie in die Luft.
  9. Das Schweigen des Gartens ist endlos.
  10. Es gibt unendliche Formen des Lebens außerhalb des menschlichen, aber keines davon erscheint mir so erstrebenswert wie unseres.
  11. Gespräche sind wunderbar. Gartengeräusche sind sehr anders. Sehr beruhigend, aber sehr anders. Anders.
  12. Das Beobachten von Wolkenformationen im Flug ist das Netflix des Paradieses.
  13. Obwohl ich nicht die leiseste Ahnung von Gartenpflege habe, fühle ich mich im Grün immer zuhause. Sagt das etwas über mich aus?
  14. Manchmal muss man aufhören zu philosophieren und einfach nur dasein. Dankbar sein.

Das hier war der Vorläufer des Gedichtes/Rondells vom Dienstag. In der Regel tauchen die Vorläufer für Gedichte bei mir nie wieder irgendwo auf, aber dieses Mal gefielen mir die Vorläufer besser als das fertige Gedicht. Vielleicht, weil das Gefühl beim Schreiben so unglaublich war – alles hat gepasst. Als ob die Zeit kurz angehalten hätte. Eine goldene Stunde.

Das Schweigen des Gartens

das Schweigen des Gartens ist endlos
Rosa ist eine lauwarme Farbe
Wolkenformationen fliegen hoch
Gartengeräusche sind anders
das Schweigen des Gartens ist endlos
manchmal muss man einfach nur da sein
leise atmen
unter hochfliegenden Wolkenformationen
das Schweigen des Gartens ist endlos

Im Urlaub haben wir Rondelle geschrieben, und ich kann mich mit der Form einfach nicht anfreunden. Irgendetwas in mir mosert, wenn ich Sätze nach einem festen Muster wiederholen soll, und sofort suche ich nach einem kleinen, versteckten Ausweg. Seht selbst, das war das ursprüngliche Rondell:

das Schweigen des Gartens ist endlos
Rosa ist eine lauwarme Farbe
manchmal muss man einfach nur da sein
das Schweigen des Gartens ist endlos
Gartengeräusche sind beruhigend, aber anders
Wolkenformationen fliegen hoch
das Schweigen des Gartens ist endlos
manchmal muss man einfach nur da sein

Ist ja auch nicht verkehrt, aber irgendwas passt mir daran nicht. Egal, nun gibt es halt beide Varianten 🙂 .

Der Dienstag dichtet!  Katha kritzelt hat diese Aktion ins Leben gerufen: Jeden Dienstag wird ein Gedicht aus eigener Herstellung veröffentlicht. Auch Wortgeflumselkritzelkram und  Mutigerleben sind mit von der Partie. Wer den Dienstag also mit Gedichten beginnen will: Herzlich willkommen!