Miss Liberty I

Ich bin aufgeregt. Gleich werde ich sie sehen, von Angesicht zu Angesicht. Miss Liberty, die grüne Schönheit, das Symbol für Freiheit, Neuanfang, Chancengleichheit und Offenheit. Bisher konnte nicht mal Mr. Trump an ihr kratzen, und ich hoffe, das bleibt so. In unzähligen Filmen habe ich sie schon gesehen, von vorn, von oben, von ganz nah, während auf ihrer Krone Menschen spektakuläre Stunts vollbrachten, eigentlich kenne ich sie jetzt schon sehr gut. Aber in echt ist das doch noch mal ein gewaltiger Unterschied. Glaube ich zumindest. Ich habe schon beschlossen, Miss Liberty nicht direkt zu besuchen, dafür hätte ich laut Internet Karten vorbestellen müssen (hätte ich nicht müssen, im Januar ist es touristentechnisch sehr entspannt hier, aber das wusste ich vorher nicht), mein Zeitbudget ist knapp bemessen und mein Reisebudget auch, und da die Eintritte hier für meine Verhältnisse überall astronomisch hoch sind, fällt das also aus. Es gibt aber eine Fährverbindung von Lower Manhattan nach Staten Island, und die ist komplett umsonst! Ich trabe also von der Subway Station Battery Park mit einem klitzekleinen Umweg über Starbucks (das musste einfach sein – warmer Bananen-Nuß-Kuchen!) durch den Battery Park zur Südspitze von Manhattan, weiche den zahllosen, sehr überzeugenden Anwerbern für die (kostenpflichtigen) Fährüberfahrten nach Liberty Island und Ellis Island aus und laufe ans Wasser.

Chai Latte und warmer Bananennußkuchen… lagen hier vor etwa fünf Minuten noch…

Auf dem Weg dorthin fällt mir ein runder Pavillon im Park auf, recht klein, rundherum verglast und drinnen bewegen sich merkwürdige Gestalten in Bonbonfarben auf und ab. Was ist das? Neugierig gehe ich näher heran und dann hinein. Ein Karussell! Mit großen, abstrakten Tiefseefischen, in denen man sitzen kann. Die Fische sind alle unterschiedlich gestaltet und aus einem undefinierbaren, durchsichtigen Plastikmaterial in hellgrün, rosa und hellblau, sie drehen sich einzeln, zu viert und alle zusammen zu Walzermelodien vom Band, eine Fahrt kostet fünf Dollar, es sitzen mehr Erwachsene als Kinder in den Fischen und alle sehen sehr, sehr glücklich aus. Niemand, der nicht lächelt, als die Fische sich anfangen zu bewegen, die Musik sanft startet, die Fische von innen zu leuchten beginnen und grünes, wellenförmiges Licht von oben herunter strahlt. Es ist  sehr amerikanisch, unfassbar kitschig und ganz wunderbar. Ich stehe da, gucke zu und lächle. Nach einer Runde verlasse ich das Karussell und gehe weiter, besser kann meine Laune jetzt eigentlich nicht mehr werden.

Lächelnde Gesichter in den Fischen…

Nach ein paar weiteren Metern bin ich am Wasser und da ist sie, Miss Liberty. Das hatte ich mir jetzt anders vorgestellt. Sie ist sehr weit weg. Sehr, sehr klein. Winzig klein. Geradezu mikroskopisch klein. Das sieht in Filmen aber immer ganz anders aus! Da hat man das Gefühl, gleich links von ihr beginnt die Skyline, mit einer unwichtigen kleinen Hafenlinie und vielleicht ein, zwei Kubikmetern Wasser dazwischen. Meine gelernte Lektion für heute: Traue keinem Hollywoodfilm! Die machen sich die Realität so, wie sie gebraucht wird und nicht so, wie sie ist. Aber egal, da ist sie also, zwar klein, aber vorhanden. Und rechts davon, das ist Ellis Island, dort sind zahllose Verwandte von mir in den fünfziger und sechziger Jahren an Land gegangen, um ein neues Leben in Amerika zu beginnen. Meine Babydecke in quietschgrün und pastellgelb habe ich aus New Jersey geschickt bekommen. Es nützt nichts, ich muss näher da ran, also suche ich das Fährterminal der Staten Island Fähre, um an Miss Liberty vorbeizufahren, wenn ich sie schon nicht direkt besuche. Auf geht´s!

Das war schon mit einer Menge Zoom fotografiert – in Wirklichkeit ist sie noch viel, viel weiter weg…

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