Zimmerreise: Das Brot und die Kindheit

Bei puzzleblume habe ich neulich die Zimmerreisen entdeckt, die ich sehr verführerisch finde. So eine Wohnung ist unentdecktes Land, hinter jedem Gegenstand lauert eine Geschichte darauf, erzählt zu werden. Daher gibt es hier meine zweite Zimmerreise zum Buchstaben B wie Brot.

Wie man sieht, sieht man gute Dinge.

Das ist mein Tiefkühlfach. Und das da ist mein Vorratsbrot, fein von Hand in Scheiben geschnitten, damit ich immer die zwei Scheiben Brot, die ich täglich esse, frisch herausnehmen kann. Ich mag nämlich kein Pappbrot, und wenn das Brot anfängt, sich zu krümmen, muss es doch eine schlimme Krankheit haben, und dann sollte man ihm den Gnadenstoß geben anstatt es zu essen. Das widerspricht aber meinem du-sollst-kein-Essen-wegwerfen-Prinzip, und da kommt die Tiefkühleinheit ins Spiel! (Ich könnte auch eine Zimmerreise zum Thema Kühlschrank mit Gefrierschrank schreiben, das wäre ein buchfüllendes Großereignis, aber nein, heute ist nur das Brot an der Reihe. Also zurück.) Wo war ich? Brot, eingefroren. Ich habe im Tiefkühlfach auch Toastbrot (ganz schlimm für alle Vollwertliebhaber, ich weiß, aber da müsst ihr jetzt durch), Aufbackbrötchen (mein Ruf ist eh schon ruiniert) und frische Brötchen vom Bäcker (Landgewinn!). Es gibt als alleinlebender Mensch ja diverse Möglichkeiten, an seine Nahrung zu kommen, und ich gehöre eher nicht zur Sorte „ich kaufe jeden Tag auf meiner vorfrühstücklichen Laufeinheit ein Brötchen und ein Ei“. Ich bin eher der pragmatische Typ, der maximal einmal pro Woche einkaufen geht, und ich mag kein angetrocknetes Brot, das mir morgens vorwurfsvoll ins Gesicht sieht und über die miserable Essrate von Singles herummeckert. Darum der Tiefkühler.
Das alles wollte ich aber eigentlich gar nicht erzählen, ich weiß auch nicht, wie ich auf diese Tiefkühl-Abwege geraten bin, eigentlich sollte es hier um die Brotkauf-Erlebnisse aus meiner Kindheit gehen. Da gab es nämlich in meinem Dorf den Bäckerwagen. Der kam jeden Dienstag, wurde von der Frau des Bäckermeisters gefahren und hupte laut vor unserer Einfahrt. Meist hatte meine Mutter das Geld schon herausgelegt und einen Zettel geschrieben, was zu kaufen wäre: Ein Kastenweißbrot, ein Schwarzbrot und ein Graubrot und meistens noch irgendeinen Kuchen, der gerade da war. Diese neumodischen Dinge wie Körnerbrote mit Sonnenblumenkernen (!) oder Kürbiskernen (!!!) kamen erst etwas später in Mode, und auch die haben wir dann vom Bäckerwagen gekauft. Der Bäckerwagen kam aus einem Nachbardorf, und das war brisant, denn in meinem Dorf gab es natürlich auch einen Bäcker, aber der kam eben nicht bis direkt vor die Haustür. Wir kauften also bei der Konkurrenz ein, und das hatte immer eine kleine, subversive Note, die mir gut gefallen hat. Das Brot war allererste Klasse. Ich mochte nie Schwarzbrot, früher nicht, heute nicht und zukünftig wohl auch nicht, aber die Knüste von einem frischen Schwarzbrot von diesem Bäckerwagen, um die haben wir uns alle gestritten. Der Gewinner wurde jede Woche neu festgelegt. Auch die anderen Knüste waren heiß begehrt, außen knackig, innen weich, duftend, perfekt für Butter und Honig oder im Falle meines Vaters für Leberwurst. Ich mag den Begriff „Knust“ für das Endstück eines Brotes bis heute und verbreite ihn unermüdlich überall. So ein schönes Wort!
Das Brot selbst wurde mit einer alten, in die Küche eingebauten, ausklappbaren Brotschneidemaschine mit Handkurbel geschnitten, die Scheibenstärke war einstellbar und das Geräusch des knackenden Brotes, das durch die scharfen Sägezähne gemahlen wurde, kann ich sofort jederzeit vor meinen inneren Ohr reproduzieren. Jedes Mal ermahnte meine Mutter alle Benutzer der Brotmaschine (so hieß sie bei uns), ja auf die Finger achtzugeben, sie wolle bitte keine Fingerkuppen in ihrem Brot haben. Bis heute hätte ich gerne so eine Brotmaschine mit Handkurbel, aber ach, wo sollte ich sie hinstellen und wo bekäme man so eine her, und überhaupt wäre es nicht dasselbe.
Der Dienstag war bei uns also der Tag des frischen Brotes, und da der Bäckerwagen ja auch Kuchen hatte und wir ihn kaufen durften, auch der Tag des Bäckerkuchens. Ansonsten gab es ausschließlich selbstgebackene, sehr gute Kuchen und Torten, aber einmal in der Woche eben auch den Butterkuchen vom Bäckerwagen. Sehr viele B´s habe ich hier gerade im Text, stelle ich mit Genugtuung fest, aber es ist ja auch die Zimmerreise zum Buchstaben B wie Brot.
Geblieben aus diesen Bäckerwagen-Dienstagen ist meine Vorliebe für frisches Brot. Bei mir gibt es nie solche seltsamen Dinge wie Arme Ritter, Brotkuchen oder Suppencroutons, geschweige denn selbstgemachtes Paniermehl. Woraus sollte ich das herstellen? In meiner Wohnung gibt es kein altes Brot. Nur knackiges Weißbrot, krachende Brötchen und knuspriges Kürbiskernbrot. Guten Appetit! 🙂