Brooklyn Bridge

Frohgemut (so ein schönes Wort, das darf nicht aussterben!) wandere ich auf die Brooklyn Bridge zu. Es ist saukalt, der Wind pfeift mir um die Nase und ich bin froh, Leggings und Kniestrümpfe unter der Jeans zu tragen. Die Sonne scheint, der Himmel ist blau und ich kann es immer noch nicht fassen, dass ich wirklich hier bin, jetzt, auf einem anderen Kontinent, in einer Stadt, die bisher immer nur ein weit entferntes Vielleicht war. Heute morgen bin ich früh aufgebrochen, was nicht zu meinen Verdiensten gerechnet werden kann – ich war halt früh wach, wie das so ist, wenn einem sechs Stunden gestohlen worden sind. Und hier der allererste Insidertipp meines Touristenlebens: Morgens um neun Uhr in Lower Manhattan an einem Sonntag ist ein idealer Zeitpunkt, wenn man die Stadt für sich haben will. Niemand arbeitet, die Touristen frühstücken noch, sogar die zahllosen HotDog- und Imbissstände sind noch geschlossen. Nur ein paar frühe Jogger drehen keuchend ihre schnellen Runden, wirklich, die joggen hier nicht einfach, das sieht wie harte Arbeit aus, und sie sind schnell, meine Güte!

Nachdem ich mich anderthalb Stunden in Lower Manhattan herumgetrieben und mich zweimal verlaufen habe, stehe ich plötzlich vor dem Aufgang zur Brooklyn Bridge, die ich eigentlich von Brooklyn her ablaufen wollte. Aber Pläne sind ja hauptsächlich dazu da, um sie umzustoßen, und so wandere ich einfach drauf los, zusammen mit mittlerweile vielen anderen Touristen und ein paar sehr wütenden Fahrradfahrern, die vermutlich alle Fußgänger nur zu gern direkt ins Wasser des East Rivers schubsen würden. Glücklicherweise gibt es ein hohes Geländer, und man würde anstatt im Wasser sowieso nur auf der Kühlerhaube eines der unten fahrenden Autos landen.

Die Brücke. Ja, sie ist toll. Sie sieht toll aus, das Panorama ist in beide Richtungen sagenhaft, es macht auch nichts, dass es recht voll ist, die Leute, die da mit einem entlangwandern, sind fast so interessant wie die Stadtsilhouette von Manhattan. Wenn ich alle Selfies, die an diesem Morgen auf der Brücke gemacht wurden, ansehen müsste, wäre ich vermutlich jetzt noch beschäftigt. Mit Stick, ohne Stick, mit wehendem Haar, mit zusammengehaltenem Haar, mit dekorativ offener Jacke (die Models müssen dabei halb erfroren sein) oder auf einer Bank stehend, in Gruppen, allein oder mit Groupiefotograf – es gibt alles. Jeder Mensch ein Schauspieler. Selbst mich haben sie angesteckt, ich konnte nicht an mich halten und habe auf dem Rückweg ein Selfie gemacht und es auch noch verschickt. Und laut ist es! Die Autos unter dem Fuß- und Radweg verbreiten unablässig ein gleichmäßiges Tosen, dazu das Ra-Dong! Ra-Dong!, wenn sie eine Schiene im Asphalt überfahren, außerdem bläst der Wind auch nicht gerade leise und das Stimmengewirr der Heerscharen, die auf den Holzbohlen entlanglaufen – nein, romantisch leise mit zartem Möwengekreisch ist es definitiv nicht hier. Aber das macht nichts. Überhaupt macht alles nichts, die wehen Füße sind egal, die Kälte ist egal, die langen Wege und das Hungergefühl – was soll´s! Ich bin hier, alles andere ist hinzunehmen, und ein Müsliriegel hilft über das schlimmste hinweg. Als ich die Brücke fast überquert habe, entschließe ich mich, einfach umzudrehen und den ganzen Weg zurück zu laufen anstatt die Subway von Brooklyn aus zurückzunehmen. Ich kann mich jetzt einfach noch nicht trennen.

Und frohgemut laufe ich den ganzen wunderbaren, eisigen Weg über die Brooklyn Bridge zurück.