Fräulein Honigohr geht zum Frisör

Fräulein Honigohr geht zum Frisör

Fräulein Honigohr öffnet schwungvoll die Ladentür und sieht sich um. Alle Plätze bis auf einen sind belegt, in der Ecke fegt ein Lehrling Haare zusammen. Eine der Frauen kommt mit Färbepinsel in der Hand auf sie zu.
„Wie kann ich Ihnen helfen?“ fragt sie.
„Ich würde mir gern die Haare schneiden lassen“, sagt Fräulein Honigohr.
„Wir sind leider gerade voll, Sie sehen ja.“ Die Frau macht eine vage Handbewegung nach hinten, wo fünf Damen in Bearbeitung sitzen.
„Aber er da ist doch noch frei?“ Fräulein Honigohr zeigt auf den Lehrling, der immer noch Haare fegt.
„Das ist unser Lehrling, der hat noch nie Haare am lebenden Modell geschnitten. Aber ich könnte Ihnen für morgen einen Termin machen.“
„Och“, sagt Fräulein Honigohr, „ich würde es trotzdem gern mit ihm probieren.“
Der Lehrling blickt zu ihr hinüber. Er sieht beunruhigt aus.
„Sie wollen doch kein Massaker auf Ihrem Kopf haben, oder?“ fragt die Frau und wirft dem Lehrling ein mitleidiges Lächeln ins Gesicht, das rot wie eine vollreife Tomate wird.
„Ich glaube, er würde das gut machen“, beharrt Fräulein Honigohr mit einer Spur Schärfe in der Stimme.
Die Frau kneift die Augen zusammen. „Ich lehne jede Verantwortung ab!“ erklärt sie in gehobener Lautstärke, „die Damen hier sind meine Zeuginnen!“ Die Reihe frisch gewaschener und geschnittener Köpfe nickt eifrig. Das hier ist besser als jede Zeitschrift. Kino im Frisörsalon!
„Gut“, sagt Fräulein Honigohr und marschiert auf den freien Stuhl zu. „Du hast mitgehört, oder?“ fragt sie den Lehrling, der jetzt wie eine Tomate im Sonnenuntergang glüht. Er nickt und kommt mit winzig kleinen Schritten auf sie zu, hinter sich einen Wagen mit Scheren und Bürsten. Er sieht aus, als ob er geradewegs auf dem Weg zum Schafott wäre. Ängstlich betrachtet er Fräulein Honigohrs braunes Haar, das wie üblich wild in alle Richtungen wächst. „Waschen kann ich, aber schneiden… wie wollen Sie es denn haben?“
„Such dir was aus.“ Fräulein Honigohr grinst, als sie das entsetzte Gesicht des Lehrlings sieht.
„Oh Gott“, murmelt der Lehrling, „ich hab das noch nie gemacht, ehrlich. Ich hoffe, Sie sind hinterher nicht sauer.“
Fräulein Honigohr bekommt ein kleines bisschen Mitleid. Sie hat kurz vergessen, dass nicht alle wie sie sind. „Hör mal. Ich mag Anfänger. Du wirst nicht gelangweilt an meinen Haaren herumschnippeln, für dich wird das ein Abenteuer. Und für mich auch. Anfänge duften nach Freiheit, Aufregung und Überwindung!“ Sie strahlt den Lehrling an. „Und keine Sorge, meine Haare überleben das. Du hast ja keine Ahnung, wie schnell die nachwachsen.“
Der Lehrling starrt auf seine Hände. Dann blickt er sich um. Zehn Augenpaare huschen zurück in Zeitschriften und auf Scheren und Kämme. Nur Fräulein Honigohr sieht ihn an. Vorsichtig lächelt er zurück.
Dann stellt er das warme Wasser an.

Eigentlich ganz einfach, oder?

Fundbüro

Vorsichtig öffne ich die Tür. Sie quietscht, als ich sie nach innen schiebe. Drinnen ist es dämmrig, auf dem Tresen steht eine angelaufene Klingel. Ich drücke zaghaft auf den Klingelknopf und warte.
Nach einer Weile schlurft ein sehr alter Mann durch den Fliegenvorhang, der in den hinteren Bereich des Ladens führt. Sein Gesicht ist unbewegt. „Ja?“
„Ich… ähm…“ Ich ringe innerlich die Hände. „Ich suche einen abgelaufenen Neuanfang. Haben Sie sowas da?“ Erleichtert lasse ich die Hände sinken. Jetzt ist es raus.
Der alte Mann zupft an seinem faltigen Ohrläppchen. „Neuanfang, Neuanfang… wie soll er denn aussehen?“
„Oh. Nun ja. Irgendwie neu, eben.“ Ich überlege. „Nicht zu abgelaufen. Vielleicht mit ein bisschen Farbe? Kein Grau, bitte. Ja. Und… frisch! Frisch sollte er auf jeden Fall sein. Aber auch nicht zu frisch! Das fühlt sich so kalt an. Und aufregend! Ja!“ Ich bin aufgeregt. Sofort kommen mir Zweifel. „Aber normale Aufregung, nicht zu schlimm“, schiebe ich schnell noch hinterher.
Der alte Mann starrt mich ausdruckslos an. „Ich geh nachsehen“, knarzt er dann und verschwindet durch den Fliegenvorhang nach hinten.
Ich warte. Eine Fliege summt gegen die Fensterscheibe. Es ist warm hier drinnen.
Der alte Mann kommt zurück. Er trägt ein vibrierendes, gut verschnürtes Päckchen, das versucht, ihm aus den Händen zu hüpfen.
Es ist rosa. Mit Glitzer.
„Das?“ frage ich entsetzt.
„Es gibt nur das hier“, antwortet der alte Mann. „Nehmen Sie es?“
Ich zittere, aber irgendetwas lässt mich nicken.
„Hier quittieren“, knarzt der alte Mann, „kein Umtausch.“
Ich unterschreibe und bezahle, dann nehme ich den Neuanfang vorsichtig hoch. Das Päckchen fühlt sich an, als ob es gleich in meinen Händen explodieren würde. Der alte Mann verschwindet ohne ein weiteres Wort in den hinteren Teil des Ladens. Behutsam öffne ich die Tür und gehe hinaus. Das Päckchen schnurrt und räkelt sich in der Sonne. Es glitzert sehr rosa.
Ich schwitze.

Durst

Durst

Wasserhände ziehen
so leicht die Angst
das Meer lacht
ich atme langsamer
werde gewogen
schwebe
zwei Verse halten meine Haut
genug Salz überall
zwischen gelösten Fingern
Durst ist Mut
du kannst

Der Dienstag dichtet! 🙂  Katha kritzelt hat diese Aktion ins Leben gerufen: Jeden Dienstag wird ein Gedicht aus eigener Herstellung veröffentlicht. Auch WortgeflumselkritzelkramMutigerlebenWerner KastensFindevogel, die WortverzauberteLyrikfederDer BerlinAutorNachtwandlerinLindas x Stories, Myriade, Gedankenweberei, MynaKaltschneeWortverdreher und
Lebensbetrunken sind mit von der Partie. Schaut doch mal bei ihnen vorbei, der Dienstag fängt besser an mit ein bisschen Wortzauberei!

Experimentelles Kochen

Und dann war da noch die Rote-Beete-Tomaten-Suppe.

Wenn man auf einem Jugend-Zeltlager für fünfundachtzig Teenager und vierundzwanzig Mitarbeiter kocht, geht man eher weniger Risiken ein. Nudeln mit Bolognese-Sauce, Currygeschnetzeltes, dazu eine vegetarische Variante und Früchtequark, das geht immer, und es gucken dann höchstens fünfzehn Teenies kritisch, der Rest isst es klaglos, vermutlich auch, weil die Tage anstrengend, wundervoll und lang sind und nur Schokoriegel und Coca-Cola irgendwann doch langweilig werden. Unser Küchenteam gibt sich da keinen Illusionen hin, aber wir kochen gern und auch gut, wenn ich die verputzten Mengen hochrechne.

Aber ich gebe zu, es juckt mich jedes Mal, wenn ein neues Camp ansteht, und so gibt es in den morgendlichen heißen Kakao nicht nur Kakao, sondern auch eine Prise Salz und Zimt. Der Quark wird mit Sahne und Vanillesauce gemischt und das Obst darin ist frisch geschnitten. Zu den Kartoffeln gibt es einen Dip aus Sauerrahm, Kräutern und frischer Paprika und in den Lagerfeuer-Tee kommt weißer Pfeffer, damit er wärmt. Mittlerweile habe ich gelernt, diese kleinen Sonderzutaten nie zu erwähnen und einfach die Reaktionen abzuwarten. In der Regel sind sie positiv, die meisten merken nicht einmal etwas, sie freuen sich nur, dass es gut schmeckt.

Dieses Mal aber hatten wir einige Liter Gemüsesaft von einem Programmpunkt übrig. Was macht man auf so einem Zeltlager mit Tomaten-, Rote-Beete-, Karotten- und Sauerkrautsaft? Wir boten die Säfte zum Frühstück an und ernteten angeekelte Blicke. Wir versuchten es ein weiteres Mal zum Abendessen und die Teilnehmer machten einen weiten Bogen um den Tomatensaft. Vom Sauerkrautsaft ganz zu schweigen. Also wegwerfen? Oder zu den am Ende übrig gebliebenen Lebensmitteln geben und auf leiderprobte Abnehmer hoffen, die nichts wegwerfen können? Nein. Ich wollte darauf vertrauen, dass es ein paar mutige Menschen in dieser hundertköpfigen Schar gäbe, die ein ungewöhnliches Essen zumindest ausprobieren würden. Und kochte eine tief pinkrotfarbene Tomaten-Rote-Beete-Karotten-Sauerkaut-Kartoffelsuppe mit Sahne, Frischkäse, Pfeffer und Salz. Sie war wirklich lecker, fruchtig und würzig und scharf, aber eben auch so ungeeignet für ein Jugendcamp, wie man es sich nur vorstellen kann. Nichts an dieser Suppe war dafür gemacht, Teenagern zu gefallen – zu suppig, zu pink, zu rot gefärbte Kartoffelstücke, viel zu exotisch, ein Fremdkörper zwischen gebratenen Nudeln, Brot mit Käse oder Wurst und Apfelspalten.

Die ersten fünfundzwanzig Teenies schlichen an meinem Topf vorbei, guckten misstrauisch und gingen schnell weiter, bevor ich sie auffordern konnte zu probieren. Dann stockte die Schlange vor dem Frischkäse und der Butter und die nächsten zehn Teenies mussten zwangsweise vor mir stehenbleiben. Die Gelegenheit, um Werbung zu machen! Ich pries die Suppe an wie himmlisches Manna und ein paar Teenies guckten interessiert in den Topf, gingen dann aber doch lieber weiter zu Brot und Bananen. Entmutigt rührte ich in meiner schönen, dampfenden Suppe, als ich plötzlich auffordernd einen Teller unter die Nase gehalten bekam. Überrascht sah ich auf und fragte sicherheitshalber nach, und ja, sie wollte! Klar würde sie probieren! So schlimm würde es schon nicht werden! Und dann zog sie mit ihrem Teller davon. Die nächsten in der Schlange sahen verwirrt von mir zu dem Mädchen mit dem Teller und dann zum Topf und wussten nicht, was sie nun tun sollten: Probieren? Weitergehen? Vielleicht etwas verpassen? Risiko? Ein Junge hielt mir reflexartig seine Schale hin und ich nutzte die Chance: Bevor er ihn zurückziehen konnte, hatte er eine Kelle voll pinkfarbener Suppe darin. Und damit war der Bann gebrochen. Insgesamt teilte ich etwa sechs Liter Tomaten-Rote-Beete-Suppe aus, ein Liter blieb übrig, ein paar Abnehmer kamen zweimal, ein Mädchen hat sie tapfer aufgegessen, obwohl sie sie schrecklich fand, aber alle waren fasziniert von der ungewöhnlichen Farbe.

Letztendlich hat es einen Menschen in dieser Gruppe gebraucht, der bereit war, ein Risiko einzugehen, und dann sind ihm andere nachgefolgt. Ich bin nicht sicher, ob irgendjemand trotz all meiner gut gemeinten Werbeworte probiert hätte, wenn dieses eine Mädchen nicht gewesen wäre. Ein kleines bißchen Mut an der richtigen Stelle kann etwas auslösen, doch, das geht. Die Rote-Beete-Tomaten-Suppe hat es mir live vorgeführt. Ich werde sie in guter Erinnerung behalten.