Zweifel für den Schweinehund

„Du“, sagt dein Schweinehund und betrachtet sein umgekehrtes Spiegelbild im saubergeleckten Löffel. „Bin ich eigentlich großspurig?“ Vorsichtig betupft er seine auf golfballgröße angeschwollene Nase. Sie schimmert lila.
„Du?“ Um Zeit zu gewinnen, nimmst du einen extralöffel Erdbeermarmelade und verstreichst sie sorgfältig auf deinem Toast. „Tja. Wo soll ich da anfangen? Bei deiner legendären Bescheidenheit? Deiner Uneitelkeit? Deinem einfühlsamen Wesen?“ Du nimmst einen Bissen Erdbeermarmeladetoast.
Dein Schweinehund nickt nachdrücklich. „Siehst du? Das habe ich ihr auch gesagt, und dann hat sie mir dieses Zeug zu trinken gegeben!“ Er dreht den Löffel um und studiert sein Gesicht. Über Nacht sind weitere lila Punkte dazugekommen. Zusammen mit der Nase bietet das einen beeindruckenden Anblick, wie eine Symphonie in lila.
„Ich habe dich gewarnt.“
„Quatsch! Wer konnte denn sowas ahnen?“
„Ich?“
„Pfff.“ Dein Schweinehund legt den Löffel weg und lehnt sich mit verschränkten Armen auf den Tisch. „Großspurig… ich bin nicht großspurig! Ich kann doch nichts dafür, dass ich vieles kann und gut aussehe und begabt bin!“
„Ach. Bist du?“
„Bin ich!“ Dein Schweinehund sieht dich an. Liegt da etwa eine Spur Unsicherheit in seinem Blick? Diese Fee ist unglaublich. Du solltest sie jeden Abend zum Essen einladen.
„Erinnerst du dich an Sardinien? An den Katamaran?“
„Oh.“ Ein Schatten gleitet über das Gesicht deines Schweinehunds.
„Genau. Oh.“ Du lehnst dich zurück. „Wegen dir mussten wir auf diesen Katamaran steigen und haben die schlimmste Stunde unseres Lebens durchlitten. Wieviele Fische wir gefüttert haben, wollen wir mal lieber totschweigen. Ich erinnere mich, dass du kurz davor warst, über Bord zu springen, um dem Elend ein Ende zu machen. Da hättest du zum Beispiel einfach mal deine Klappe halten können und uns wäre vieles erspart geblieben.“
Dein Schweinehund macht einen Schmollmund.
„Gestern abend hättest du vielleicht eine Kleinigkeit weniger über die Größe von Feen sagen sollen. Und über die immensen Vorteile von starker Fellbehaarung im Gegensatz zu unbehaarten Menschen und Feen hättest du eventuell auch noch mal nachdenken können, bevor du den Mund aufmachst.“
„Mmfffh.“ Dein Schweinehund schmollt jetzt mit allem, was er hat. Selbst seine lila Nase glänzt beleidigt.
Du nimmst einen Schluck Tee. „Mach dir nichts draus. Lila ist deine Farbe. Stell dir vor, es wäre gelb gewesen!“
Dein Schweinehund atmet tief aus. Du hast so eine Ahnung, dass das heute ein ausserordentlich interessanter Tag werden könnte.

(Und wer sich jetzt fragt, welche unglaubliche Fee so etwas beim Schweinehund bewirken kann: Bitteschön. Sie heißt Aethusa und taucht irgendwann in der Geschichte auf.)

Mit Schweinehund im Stau

Auf einmal blinken die Warnleuchten des Autos vor dir auf. Du trittst auf die Bremse. Innerhalb von Sekunden erstrecken sich drei endlose Schlangen aus roten Rückleuchten nach vorn in die Nacht. Nicht jetzt! In einer halben Stunde hast du einen wichtigen Termin, und den kannst du vergessen, wenn das hier ein echter Stau wird. Du schickst ein Stoßgebet nach oben.
Dein Schweinehund auf dem Beifahrersitz hebt träge ein Auge. „Sprechen wir wieder mit dem unsichtbaren Wesen, das keiner ausser dir sehen kann?“
„Ja, genau das tun wir“, sagst du und trommelst nervös mit den Fingern auf dem Lenkrad herum. Bitte kein Stau! Bitte nicht!
„Ich hab ja immer noch nicht begriffen, was das eigentlich bewirken soll“, sagt dein Schweinehund. „Ich meine, soll dein Unsichtbarer jetzt die Autos vor dir wegschieben? Wie Hulk?“
Du bist genervt. „Keine Ahnung, wie er das machen soll – Hauptsache, dieser Stau hier verschwindet! Wir müssen in einer halben Stunde im Büro sein!“
„Ach, das Büro, das Büro“, dein Schweinehund wedelt lässig mit einer Pfote durch die Luft, „das läuft schon nicht weg. Außerdem ist das gar nicht schlecht, da haben wir mal ein bißchen Zeit, uns zu unterhalten!“
Du atmest tief ein. Nur nicht aufregen.
Dein Schweinehund setzt sich auf. „Mal ernsthaft: Warum bist du dir so sicher, dass jemand deine Hilferufe hört? Ich kann hier außer uns beiden niemanden sehen!“
„Mann. Das haben wir doch schon hundertausendmal durchgekaut. Nur, weil du nichts siehst, heißt das nicht, dass da nichts ist!“
„Aber Beweise hast du nicht!“
„Du alter Zweifler! Nein, hab ich nicht. Aber ich glaube, da ist etwas. Tut mir leid, mehr kann ich dazu nicht sagen.“ Dir kommt eine Idee. „Übrigens – hast du schon mal drüber nachgedacht, dass du auch eine ziemlich zweifelhafte Existenz bist?“
„Ich? Wieso?“ Dein Schweinehund klingt erstaunt.
„Na-jaa“, sagst du gedehnt, „überleg mal: Für mich bist du real. Aber für alle anderen? Sehr zweifelhaft. Bedeutet das also, dass du nicht existierst?“
„Ach, schnickschnack“, winkt dein Schweinehund ab, „das sind Spitzfindigkeiten. Ich hab halt keine Lust, mich mit anderen Leuten zu unterhalten, die sind mir alle viel zu anstrengend.“ Er legt sich wieder hin und schliesst die Augen. „Ich merke schon, du bist schlecht drauf heute. Wir unterhalten uns ein andernmal.“
Du lehnst dich zurück. Das war fast zu einfach. Ohne den Kopf zu bewegen schielst du zu deinem Schweinehund hinüber. Aha! Seine Ohren zucken. Ein untrügliches Zeichen dafür, dass ihn irgendetwas intensiv beschäftigt. Dann hupt jemand hinter dir. Der Stau hat sich aufgelöst. Na bitte! Natürlich ist das kein Beweis für irgendetwas, soviel ist dir klar. Aber schlecht ist es auch nicht. Du murmelst leise „danke“, und dann gibst du Gas.