Man stelle sich vor

Man stelle sich vor
eines Tages im Gottesdienst
über den mit glänzendem Polyester bezogenen Stuhlreihen hängt träge Schwüle
schläfrige Denkzipfel sinken langsam zu Boden
die Stimme des Predigers schwebt dumpf dröhnend über ondulierten Köpfen
unter der Sitzfläche eines schwerbeladenen Stuhles
hinter den fleischigen Beinen der Frau Apotheker
liegt eine schwarzlederne Tasche
kurzhenklig und dickbäuchig mit metallenen Verschlüssen
plötzlich schnappen die silbernen Schnallen
gleich hungrigen Schnäbeln junger Vögel im Nest
auf und zu und auf und ab
schnuppernd schnüffelnd schwirren die Henkel nach links und rechts und oben und unten
und gleich einem aufgeregten dickplustrigen Huhn
setzt es sich in Bewegung
kurvt um die Beine des Herrn Apothekers
knabbert an den neuen Nylonstrümpfen von Fräulein Irene
schnappt nach den Schnürsenkeln eines –unschuldigen!- Kindes
saust dann mit großem Schwung durch drei Stuhlreihen nach vorn
direkt vor das Pult des Predigers
knallt mit Karacho gegen die hölzerne Front
überschlägt sich dreht sich kommt wieder auf die Füße
(pardon – auf den schwarzledernden Taschenboden)
und dreht sich mit kreiseligen Pirouetten in Richtung Chor
inmitten kreischender Frauensopräne
stoßen silbermetallene Stuhlbeinklänge in die aufgeregte Luft
Kinderjuchzer hüpfen zwischen ratlosen Männerngesichtern auf und nieder
erregte Debattierfetzen hängen zwischen vibrierenden Leibern
das Täschlein übermütig unbesonnen
nimmt Kurs auf den Büchertisch
bringt neue Ordnung in die sorgsam Kante-auf-Kante sortierten Bände
kurvt und kreist und schnappt und piekst
bis endlich ein Glückstreffer infam von hinten es trifft und niederstreckt
Stille sinkt nieder
im Gegenlicht steigen goldene Staubflöckchen auf über dampfenden Körpern
glühheiße Köpfe zögernd zusammengesteckt
heftig erschauernd und ungläubig blickend
auf das schwarzlederne Häufchen mit metallenen Schnallen
näher und enger
fast schließt sich der Kreis
DA! Springt das Häufchen mit silbernem Klappern auf
und entwischt sich windend und drehend dem Wald aus Beinen
hinaus zur Tür und auf in die Freiheit
an der Straßenecke entschwindet es den Blicken
in das laute Jammern der Frau Apotheker um Schlüssel und Spiegel und Stirntuch
dringt nur von ferne noch ein leises Schnappen
klick-klack! und vorbei ist die Zauberei…

Dieses Gedicht ist siebzehn Jahre alt und gestern morgen kam mir die plötzliche Idee, dass es heute genau dieses sein muss am gedichteten Dienstag. Ich kann mich noch erinnern, wie glücklich sich das angefühlt hat, als es fertig war. Ich glaube, es hat seitdem niemand gelesen, also wünsche ich viel Freude damit. 😊

Der Dienstag dichtet!  
Katha kritzelt hat diese Aktion ins Leben gerufen: Jeden Dienstag wird ein Gedicht aus eigener Herstellung veröffentlicht.
Auch Wortgeflumselkritzelkram
Mutigerleben
Werner Kastens
Nachtwandlerin
Gedankenweberei
Wortverdreher
Dein Poet
Geschichten mit Gott
Suses Buchtraum
und Wortmann
sind mit von der Partie.
Viel Freude bei allen Besuchen!

18 Gedanken zu „Man stelle sich vor

  1. Das war wohl nicht der Prediger, der Deine Gedanken so beflügelt hat!
    Irgendwelche Konstellationen lassen einen manchmal Flügel bekommen.
    Ach, mir gefällt Dein Gedicht!

    Aber sag, wie war es, als Du es wieder gelesen hast? Wenn ich in alten Aufzeichnungen von mir blättere, dann denke ich oft: das hast DU geschrieben?, und kann mir gar nicht vorstellen, so etwas je zu Papier gebracht zu haben.

    Gefällt 2 Personen

    • Nein, ich fürchte, es war nicht der Prediger. 🙂
      Ich finde es auch höchst erstaunlich, dass ich das geschrieben haben soll. Wie bin ich bloß darauf gekommen? Ich habe den Eindruck, es gibt Gelegenheiten, und wenn man die nicht ergreift, kommen sie nie wieder. Das war wohl so eine.

      Gefällt 2 Personen

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