Lärmschutz

Und dann fahre ich ja auch noch jeden Tag mit der Bahn. Ich bin eine chronische Pendlerin, könnte man sagen, und ich habe sehr wenig Katastrophengeschichten zu erzählen über meine tägliche Stunde in den Zügen der DB, ich erlebe geradezu außergewöhnlich gewöhnliche Fahrten ganz ohne spektakuläre Pannen, Verspätungen oder anstrengende Zugbegleiter. Ich bin eigentlich ganz zufrieden mit meiner Pendelei und die meisten Zugbegleiter sind nette Menschen. Aber nun ist etwas passiert, über das ich wirklich entsetzt bin, das mich stark beunruhigt, ja, man könnte fast sagen, ich bin in Trauer: Es werden Lärmschutzwände gebaut an meiner Strecke. Und zwar so ziemlich überall.

Hässliche, grüne Dinger sind das, die Bahn hat es gut gemeint mit den drei Grünabstufungen, vermutlich soll das irgendwie Landschaft darstellen, die im Vorbeirauschen des Zuges verschwimmt und dem schlafenden Reisenden beim Öffnen des rechten Augenlides suggeriert, ja, alles ok, der Zug fährt noch, und zwar nicht zu langsam, bald bin ich da, wo ich hin will, im Schlaf quasi. Aber bei mir, da funktioniert das nicht. Ich mag nämlich all die zugemüllten Hinterhöfe mit den kaputten Fahrrädern, die man nur vom Zug aus sehen kann, die hübschen Gärten mit den gestutzten Hecken, die kleinen Gehege mit Hühnern, Enten und sogar Rehen, die einspurigen Kopfsteinpflasterstraßen, die noch aus den fünfziger Jahren stammen und nur noch direkt neben den Gleisen existieren. Ich mag es, morgens die Leute am Busbahnhof zu beobachten, die Wartenden, die Rauchenden und die, die schon morgens um halb acht angeregte Gespräche führen. Ich mag auch die schmuddeligen Balkone, die zum Wäscheaufhängen genutzt werden, die Straßen mit morgendlichem Verkehr und die Ponys auf der kleinen Weide mit ihren Strohhaufen, die in der morgendlichen Kälte dampfend beieinander stehen und sich gegenseitig die Kruppe benagen.

Ja. Ich mag das alles sehr, es ist mein kleines, morgendliches Panoptikum, ein Bilderbuch für Erwachsene. Und nun? Nun wachsen die Lärmschutzwände empor, unaufhaltsam kommt eine Schicht nach der anderen, und die Bahn ist wirklich konsequent, sie macht das kilometerlang mit deutscher Gründlichkeit, auf beiden Seiten der Strecke. Ach. Ich bin in Trauer. Ich gönne es den Anwohnern, zu denen ich selbst ja auch zähle, die Stille, den Lärmschutz, ich weiß ja, es ist gut so, wie es gerade kommt, das muss sein, es geht nicht anders, das sage ich mir immer wieder. Aber, ach! All das kleine, schöne, alltägliche Leben, das nun nicht mehr an mir vorbeirauschen wird! Ich werde noch eine ganze Weile in Trauer sein.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s