Bahnfahren – Lust und Leid

Es folgt eine extrem subjektive Aufzählung, entstanden nach einer sehr speziellen Bahnfahrt, die mich an Grenzen gebracht hat, von denen ich vorher nicht wusste, dass ich sie habe:

Was das Bahnfahren weniger schön macht

  • überwältigender Haarpomadenduft vor mir
  • sehr interessante Handygespräche, die man leider nur zur Hälfte hört
  • mürrische Reisende, die widerwillig einen der vier von ihnen belegten Plätze freiräumen
  • ruckelnde und schubsende Züge mit Eigenleben
  • brutal ausgeleuchtete IC-Waggons – man sieht mehr, als man jemals wollte
  • seltsame Musik (oder schlimmer: Nur die Bässe der seltsamen Musik)
  • überreife Bananen hinter mir
  • WC-Nutzer ohne Zielgenauigkeit

Was das Bahnfahren schön macht

  • vorüberziehende Kulissen drinnen und draußen
  • freie Hände
  • die Auszeit
  • eigene Musik
  • nette Zugbegleiter
  • nette Mitreisende
  • zufriedene Stille, wenn alle ruhig vor sich hin fahren
  • die Abwesenheit von Autos
  • Schnelligkeit
  • Bücher trocken und sicher aussetzen zu können

Füße auf Fahrrad bei durchrasendem Zug. Es regnet.

Bahnfahrer-Meditation

Ich bin stolz auf mich. Heute Abend bin ich auf meiner persönlichen Selbstoptimierungsliste mindestens drei Level nach vorne gerückt. Und das ging so: Um 18.00 Uhr nahm ich den Zug nach Hause, mein Fahrrad hatte ich dabei. An der dritten Station fing es an, sintflutartig zu regnen, aber egal, ich saß ja im Zug, also alles ok. Dann wurde der Zug langsamer. Und langsamer. Gleichzeitig fuhren auf beiden Seiten Güterzüge an uns vorbei. Der Zugführer kommentierte lakonisch: „Sie sehen, heute ist Rushhour auf den Gleisen.“ Mit zwanzig Minuten Verspätung kamen wir an der siebten Station an, die letzte vor meiner Aussteigestation. Es passierte eine Zeitlang nichts mehr, dann kam die Durchsage: „Es tut uns leid, aber heute endet dieser Zug hier. Bitte alle aussteigen.“ Empörtes Stimmengewirr meiner Mitreisenden. Es regnete noch immer.

Zenmässig gelassen ging ich meine Möglichkeiten durch: Aussteigen und warten? Der nächste Zug käme erst in einer Dreiviertelstunde, und an dieser Station ist es auch nicht wirklich gemütlich, wenn die Sonne scheint. Oder mit dem Fahrrad nach Hause? Hm. Zehn Kilometer im Regen ohne Regenjacke? Und dann kam mir ein Daniel-Düsentrieb´scher-Geistesblitz: Ich könnte einfach im Zug bleiben, drei Stationen zurückfahren an einen Bahnhof mit Wetterdach, aussteigen und dort auf den nächsten Zug warten, der wieder bis zum Ende durchfährt!

Gesagt, getan. Entspannt blieb ich sitzen, der Regen rauschte an den Fensterschreiben entlang, während ich dieselbe Strecke wieder zurückfuhr, auf der ich gekommen war. Am Bahnhof mit Wetterdach stieg ich aus, nahm nicht den Aufzug, vor dem die Feuerwehr gerade gewarnt hatte, weil er in einer Woche dreimal steckengeblieben war, trug mein Fahrrad mit Muskelkraft die Treppen hinauf und hinunter und setzte mich dann für weitere zwanzig Minuten auf den Bahnsteig, um auf den nächsten Zug zu warten. Der Regen fiel schwallartig. Ich blieb gelassen.

Beweisfoto: Gelassene Füße auf Fahrrad. Es regnet.

Beweisfoto 2: Füße auf Fahrrad bei durchrasendem Zug. Es regnet.

Güterzüge fuhren durch. Autozüge fuhren durch. Kleinbahnen fuhren durch. Eine Bahn mit anderem Ziel fuhr durch. Dann kam mein Zug. Es regnete wie aus Eimern, als ich einstieg. Dann fuhr ich zum dritten Mal dieselbe Strecke. Kurz vor der vorletzten Station war ich fast ein bisschen aufgeregt: Würden wir es dieses Mal schaffen, die Station zu passieren? Oder gab es hier eine unsichtbare Grenze, die heute niemand passieren konnte? Vor lauter Nachdenken darüber verpasste ich die Station komplett und dann fuhren wir tatsächlich in meinen Heimatbahnhof ein. Selbstverständlich regnete es immer noch, als ich ausstieg, mich aufs Fahrrad schwang und mit nur einer Stunde Verspätung nach Hause fuhr.

Gar nicht so übel für eine üble Ausgangssituation, fand ich – und Zack! – schon wieder ein Level weiter 🙂 .

 

Lärmschutz

Und dann fahre ich ja auch noch jeden Tag mit der Bahn. Ich bin eine chronische Pendlerin, könnte man sagen, und ich habe sehr wenig Katastrophengeschichten zu erzählen über meine tägliche Stunde in den Zügen der DB, ich erlebe geradezu außergewöhnlich gewöhnliche Fahrten ganz ohne spektakuläre Pannen, Verspätungen oder anstrengende Zugbegleiter. Ich bin eigentlich ganz zufrieden mit meiner Pendelei und die meisten Zugbegleiter sind nette Menschen. Aber nun ist etwas passiert, über das ich wirklich entsetzt bin, das mich stark beunruhigt, ja, man könnte fast sagen, ich bin in Trauer: Es werden Lärmschutzwände gebaut an meiner Strecke. Und zwar so ziemlich überall.

Hässliche, grüne Dinger sind das, die Bahn hat es gut gemeint mit den drei Grünabstufungen, vermutlich soll das irgendwie Landschaft darstellen, die im Vorbeirauschen des Zuges verschwimmt und dem schlafenden Reisenden beim Öffnen des rechten Augenlides suggeriert, ja, alles ok, der Zug fährt noch, und zwar nicht zu langsam, bald bin ich da, wo ich hin will, im Schlaf quasi. Aber bei mir, da funktioniert das nicht. Ich mag nämlich all die zugemüllten Hinterhöfe mit den kaputten Fahrrädern, die man nur vom Zug aus sehen kann, die hübschen Gärten mit den gestutzten Hecken, die kleinen Gehege mit Hühnern, Enten und sogar Rehen, die einspurigen Kopfsteinpflasterstraßen, die noch aus den fünfziger Jahren stammen und nur noch direkt neben den Gleisen existieren. Ich mag es, morgens die Leute am Busbahnhof zu beobachten, die Wartenden, die Rauchenden und die, die schon morgens um halb acht angeregte Gespräche führen. Ich mag auch die schmuddeligen Balkone, die zum Wäscheaufhängen genutzt werden, die Straßen mit morgendlichem Verkehr und die Ponys auf der kleinen Weide mit ihren Strohhaufen, die in der morgendlichen Kälte dampfend beieinander stehen und sich gegenseitig die Kruppe benagen.

Ja. Ich mag das alles sehr, es ist mein kleines, morgendliches Panoptikum, ein Bilderbuch für Erwachsene. Und nun? Nun wachsen die Lärmschutzwände empor, unaufhaltsam kommt eine Schicht nach der anderen, und die Bahn ist wirklich konsequent, sie macht das kilometerlang mit deutscher Gründlichkeit, auf beiden Seiten der Strecke. Ach. Ich bin in Trauer. Ich gönne es den Anwohnern, zu denen ich selbst ja auch zähle, die Stille, den Lärmschutz, ich weiß ja, es ist gut so, wie es gerade kommt, das muss sein, es geht nicht anders, das sage ich mir immer wieder. Aber, ach! All das kleine, schöne, alltägliche Leben, das nun nicht mehr an mir vorbeirauschen wird! Ich werde noch eine ganze Weile in Trauer sein.