Forum Romanum

Rauschhaft laufen wir durch Geschichte
Zeit ist alles und nichts
Kopfsteinpflaster rumpelt unter den Füßen
zieht uns zurück zu Nero und Cäsar
und wieder nach vorn zu den Päpsten
schubst uns zum Kollosseum und in frühchristliche Basiliken
blendet mit Gold, Mosaiken und Marmorgesichtern
mit nur einem Schritt stolpern wir zurück
zwischen U-Bahn-Bau, Gelato und Straßenmusik
hier ist alles gleichzeitig:
Geschichte und Gegenwart
jeder Schritt überbrückt leichtfüßig Jahrtausende
wer hier lebt, weiß wo er herkommt
aus Rom, der Ewigen, Sonnenstadt
Zitronenbäume und Cappuccino inklusive
zwischen diesen Steinen und Pinien
ist Zeit alles und nichts
nur ein rauschender, wiegender Bogen
mittendrin wir, tanzend

Ausgelesen: Blätterrauschen. Von Holly-Jane Rahlens.

Dieses Buch war mir schon vor Monaten im Netz aufgefallen: So ein interessantes Cover! Dann lief ich ihm in der Bibliothek geradezu in die Arme, es lag mit dem Gesicht nach vorne im Regal und ich bin direkt darauf zugegangen. Schon interessant, wie man sich begegnen kann, normalerweise bin ich eher selten in der Kinderbuchabteilung zu finden, aber an diesem Tag schon. Dann lasen sich die ersten Seiten sehr vielversprechend, und schon war es ausgeliehen.

Das Buch beschreibt die Geschichte von Oliver, Rosa und Iris, die alle im selben Buchclub sind, sich ansonsten aber nicht besonders gut kennen und sich auch nicht besonders mögen. Dann erschüttert ein mächtiges Gewitter den Buchladen, das Licht fällt aus und es erscheint Colin, ein seltsamer Junge, der felsenfest davon überzeugt ist, sich in einer besonders realistischen virtuellen Welt zu befinden. Tatsächlich stammt er aus der Zukunft und ist durch undurchsichtige Art und Weise in die Vergangenheit geraten, was nicht lange unbemerkt bleibt – auf beiden Seiten der Zeit.

Bis hierhin hat es mir sehr gut gefallen. Die Sprache ist klar und einfach gehalten, ideal für die Zielgruppe von 10 bis 12 Jahren. Die Geschichte nimmt schön Fahrt auf, seltsame Gestalten treten ins Rampenlicht, Menschen entpuppen sich als viel interessanter als anfangs gedacht, es gibt Verfolgungsjagden – und dann kommt das Buch merkwürdigerweise zum Stillstand. Es wird nicht direkt langweilig, aber es verliert enorm an Tempo und wechselt von einer Zeitreisegeschichte in eine Art Sachbuch über das 23. Jahrhundert und darüber, was im 21. alles schief gegangen ist. Dabei entsteht eine seltsame Distanz zu den Figuren, sie werden blass, obwohl eine Menge Potential in ihnen steckt. Die Welt im 23. Jahrhundert blieb mir fremd, aber das könnte auch daran liegen, dass ich nicht die Zielgruppe bin. Schön war die Entwicklung zwischen den drei Kindern, die immer mehr zu Freunden wurden, und das Ende fand ich dann wieder sehr gelungen.

Insgesamt ist es ein nettes Buch, kein Hauptgewinn, aber ein schöner zweiter Preis. Die Effekte der Zeitparadoxa sind gut beschrieben, davon hätten es gern noch ein paar mehr sein können. Trotz aller Zeitmaschinen ist es eine höchst realistische Geschichte über Freundschaft und Verantwortung, die durchaus wirklich so passiert sein könnte (oder noch passieren könnte!). Kinder, die nicht unbedingt begeistert von rosa Einhörnern oder blauglänzenden, furchtbar mächtigen Drachen sind, aber trotzdem gern eine Prise Außergewöhnliches in ihren Geschichten vorfinden möchten, sind eine gute Zielgruppe für Blätterrauschen.

Zeitreise

Neulich habe ich einen Ausflug in eine andere Zeit gemacht. Zusammen mit Freunden war ich bei einem Rudelsingen in einem Dorf hier in der Nachbarschaft. Das Dorf hat ein paar hübsche Lädchen, einen Edeka, eine Ampel und das alte Gasthaus, dessen großer Saal gut restauriert ist, mit mächtigen alten Holzbalken, Stäbchenparkett und weißen Wänden. Dort findet in regelmässigen Abständen das Rudelsingen statt, und weil ich Singen liebe, dachte ich, das könnte man doch mal ausprobieren.

Es kamen gut siebzig Leute, überwiegend grau- und weißhaarig, teils geübte Sänger aus einem untergegangenen Chor, teils ungeübte aber eifrige Gernsinger. Siebzig Leute in einem Dorf am Montagabend – das ist wirklich nicht schlecht. Es gab fotokopierte Liedblättchen für 50 Cent, dazu selbstgebackenen Marmorkuchen, weil sie beim letzten Mal „Marmor, Stein und Eisen bricht“ gesungen hatten. Als es losging, warf ich vorsichtige Blicke auf meine Begleiterinnen, denn das Programm im 50 Cent Heftchen sah etwas andere Lieder vor, als ich gehofft hatte, eine Mischung aus populären Liedern aus den fünfziger und sechziger Jahren und Volksliedern, dazu einige neuere Stücke im selben Stil. Die Texte – eieiei. Sag Dankeschön mit roten Rosen, ja, durchaus, aber das Frauenbild in dem Lied ist dann doch ein klein wenig gestrig. Aber: Es herrschte durchweg gute Laune im Saal, niemand störte sich an Liedauswahl oder Texten, und so nach und nach wurde mir klar, dass wir gerade eine Zeitreisemaschine betreten hatten. Die Anwesenden bewegten sich in einer Parallelwelt, in der es völlig normal war, dass die Frauen zuhause blieben und sich um die Kinder kümmerten, in der man selbstverständlich textsicher deutsches Liedgut sang, in der die Mundorgel jedem ein Begriff war. In dieser Zeit ist es auch normal, dass es keinen Beamer oder PC gibt, sondern kopierte Textblätter und das der Abend weit von Perfektion und Fernsehwirklichkeit entfernt ist. Man kennt sich, kauft Schuhe und Kleidung im selben Laden, die Frisuren ähneln sich. Zusammen ist man alt geworden, hat die Vorlieben aus der Jugendzeit bewahrt und macht mit Begeisterung das, was man schon seit Jahren tut: Singen. Und moderieren, Soli singen und noch einmal in der Menge baden und Applaus bekommen, und zumindest das scheint dann in beiden Welten gleich gut zu funktionieren.

Trotz allem Unperfekten kann ich nichts finden, was an dem Abend verkehrt war. Wir haben die Lieder mitgesungen, soweit wir sie kannten, das Gehirn ausgeschaltet, und so war es ein besonderer Abend. Es fehlten nur die hübschen Kleider aus den Fünfzigern, und eine Milchbar wäre auch nicht übel gewesen. Aber dafür gab es Marmorkuchen und Einblicke in eine Parallelwelt. Ich frage mich, wie wir wohl in dreißig Jahren auf Jüngere wirken werden – und was werden wir singen? Adele? Roger Cicero? Udo Jürgens? Ich für meinen Teil hätte nichts dagegen, wenn „Sah ein Knab ein Röslein stehen“ dann auch wieder mit dabei wäre.