Urlaub ist, was du daraus machst

Fräulein Honigohr seufzt zufrieden. Sie sieht sich um: Meer, Möwen, Strandkorb, Latte Macchiato.
„Ist das nicht ein herrlicher Tag heute?“ fragt sie die Dame im Strandkorb nebenan. Die guckt irritiert, erst zu Fräulein Honigohr, dann in den Nieselregen und den grauen Himmel, dann auf ihre Fleecejacke. „Naja“, sagt sie zögerlich, während eine kräftige Windböe an ihren Haaren zerrt.
Fräulein Honigohr sieht andere Dinge. Die Spatzen zwischen den Tischen. Kinder in Regenjacken, die das Wetter absolut nicht interessiert. Eine Gruppe Jugendliche, alle mit Eis in der Hand. Und vor allen anderen Dingen: Zeit.
Unverplante Zeit. Verfügbare Zeit. Zeit zum verschwenden, verschlendern, verschleudern. Die Luft riecht nach Freiheit.
Fischbrötchenzeit.
Ausschlafzeit.
Such- und Findezeit.
Fräulein Honigohr legt die Füße auf den nassen Stuhl gegenüber, verschränkt die Arme hinter dem Kopf und lächelt. Vor ihr liegt ein Meer aus Zeit, und ja, sie wird ein Boot mieten und auf ihm segeln gehen.

Ausgelesen: Ich hab Zeit, was hast du? Von Bianca Schäb.

Dieses Gefühl, dass die Zeit immer schneller vergeht, je älter man wird, kennen vermutlich die meisten Menschen, und Entschleunigung ist schon fast ein geflügeltes Wort geworden. Bianca Schäb hat sich mit ihrem Goggomobil auf die Suche nach dem entschleunigten Leben gemacht und darüber ein Buch geschrieben. Herausgekommen ist ein gut zu lesendes Reisetagebuch über die Suche nach Rezepten für ein langsamer verlaufendes Leben. Ob die immer so gut anwendbar sind, ist zweifelhaft, aber unterhaltsam ist es allemal.

Interessant fand ich dabei, dass die Autorin vermutlich eher zur Kategorie „ich lebe schnell, dicht und eng“ gehört und sich so anfangs ziemlich mühen muss, aus ihrem getakteten Lebensrhythmus herauszufinden, wenn Planungen nicht funktionieren, das Goggomobil wieder einmal liegen bleibt und alles langsamer geht als gedacht. Insgesamt bleibt die Suche nach Erfolgsrezepten ziemlich neblig und diffus, und es zeigt sich, dass man das Leben anderer nicht kopieren kann. Aber: Auf der Suche danach findet die Autorin für sich selbst heraus, was sie in ihrem Leben ändern könnte, um langsamer zu leben. Ob sie es tun wird? Ich bin mir nicht sicher, ob eine Reise von etwa einem Monat Länge ausreicht, um sich wirklich dazu zu entschließen, grundlegende Verhaltensmuster umzuwerfen. Aber wie gesagt, es ist sehr interessant, das zu lesen und dabei zu sein, wie jemand versucht, etwas zu begreifen, was so unfassbar und unstofflich wie Zeit ist.

Wem alles schon immer zu hektisch war oder wer gerne langsamer leben möchte: Hier wäre ein passendes Weihnachtsgeschenk! 🙂

… und überhaupt, das Auto ist der heimliche Star des Buchs!

Heute!

 

Heute werde ich die Wolken genießen und mich hinaufträumen.

Den Wind spüren und lachen.

Ich werde barfuß laufen und Erdbeeren essen und lesen.

Vielleicht werde ich eine Blume pflanzen und mich beim Gießen mit ihr freuen.

Ich werde ein langes Nickerchen machen und langsam aufwachen. Mir die Schwere meiner Lider gönnen.

Ich werde keine Nachrichten hören.

Wenn ein Marienkäfer vorbeikommt, werde ich Zeit für ihn haben.

Vielleicht schreibe ich ein kleines Gedicht.

Und dankbar werde ich sein.

Zeitmeer

Jede Zeit ist begrenzt,

die Ewigkeit schimmert unbarmherzig

am Rand aller Stunden.

Jedoch:

Tage voller Schokoladengedanken

schippern fröhlich übers Zeitmeer.