Als die Phantasie die Weltherrschaft übernahm

Als die Phantasie für eine Stunde die Weltherrschaft übernahm, ließ sie als erstes die Farbe mausgrau verschwinden. Sie hatte immer schon eine natürliche Abneigung gegen Grau gehabt, was wohl in der Natur der Dinge liegt, aber bei Mausgrau hörte der Spaß bei ihr auf. Überall auf der Welt färbten Anzüge, Hausmäuse und U-Bahn-Unterführungen sich pink, sonnengelb oder himmelblau, was in einigen Vorstandssitzungen für erhebliche Irritationen sorgte und viele Katzen um ihr Mittagessen brachte. Die farbliche Neugestaltung der U-Bahn-Unterführungen blieb weitestgehend unbemerkt, da seit Jahrzehnten dort niemand mehr auf Wände oder Fußböden achtete.
Als nächstes beschloss die Phantasie, dass zukünftig an allen Gebäuden Außenrutschen vorhanden sein mussten, die alternativ zu den Treppenhäusern genutzt werden konnten. Sie schnippste mit dem Finger und schon wanden sich Rutschen in allen Farben und Materialien aus Fluren und Badezimmern hinunter auf Bürgersteige und Parkplätze. Überraschte Aufschreie und Juchzer waren zu hören, und wenige Minuten später wurden die ersten Rutschen von Kindern in Besitz genommen, die die panischen Rufe ihrer Mütter konsequent ignorierten. Als der erste Handwerker seine Werkzeugtasche vorschickte und dann selbst hinterherrutschte, nickte die Phantasie zufrieden. Das lief hervorragend! So konnte es weitergehen!
Mit einem Händeklatschen schickte sie Milliarden kleiner, goldener Tagträume auf die Reise, die mit einem leisen „Plopp!“ zerplatzten, wenn sie ihr Ziel erreicht hatten. Es regnete Sterne, Hängematten und rote Ferraris, glitzernde Vampire und Erdbeeren, Fußmassagen und marinierte Rippchen, und die Phantasie kicherte und pustete noch ein klein wenig mehr Farbe und Duft in die Tagträume. Und weil ihr gerade danach war, schickte sie ein paar Herden grüner Drachen und Schokoschmetterlinge hinterher.
Überall auf der Welt brach der Verkehr zusammen, die Arbeit in den Büros wurde unterbrochen und die Stahlproduktion kam vorübergehend zum Erliegen. Es wurde still in den Städten. Die Menschen stützten ihre Köpfe in die Hände, blickten aus den Fenstern und lächelten. Die Kinder jagten den Schokoschmetterlingen hinterher und überraschend viele Erwachsene standen Schlange an den Rutschen. Die Phantasie verschränkte die Arme und schaute zufrieden auf ihr Werk. So musste es sein! Und sie hatte ja gerade erst angefangen! Es waren noch sieben Minuten von ihrer Stunde übrig, und sie hatte nicht vor, der Vernunft auch nur eine davon zu überlassen.

Tomaten an die Macht

Seit einigen Tagen frage ich mich, ob meine Tomaten eventuell die Weltherrschaft anstreben. Wenn das so weiter geht, wird als allererstes passieren, dass ich meinen Balkon nicht mehr betreten kann, dann werden sie weiterwachsen bis auf den Nachbarbalkon, von dort auf den Boden und dann geht´s erst richtig los! Ich fürchte nur, sie haben nicht bedacht, dass ich die Herrscherin über den Wassernachschub bin: Winzig kleines Pflanzgefäß, riesiger Durst!

Deswegen müssen sie wohl doch vorerst bei mir bleiben. Aber vielleicht lasse ich später ein paar Tomatensamen auf den Rasen fallen und beobachte dann von oben aus, was passiert. Bisher passiert sind wundersame Verwandlungen.

Wie man sieht, arbeite ich bereits mit Schranken und Absperrbändern, bisher ohne Erfolg.

Die Stachelbeere links im Bild wird von ihm hier gegen allzu eifrige Tomatenranken verteidigt (eigentlich kann die Stachelbeere sich hervorragend selber verteidigen, wie ich schon mehrfach schmerzhaft feststellen musste, aber ich lasse ihm die Illusion. Leben und leben lassen).

Und dann gibt es in meinen Blumenkästen noch einen sehr speziellen Bewohner. Rechts hinten in der Ecke versteckt er sich.

Der Blumenfisch. Ruhig zieht er seine Bahnen durch Männertreu, Lavendel und Keineahnungwiehießsienochgleich. Er lebt von Luft und Liebe, allerdings hoffe ich immer noch, dass er vielleicht auch ab und an eine der Schnecken vertilgt, die sich regelmässig über die Blütenblätter hermachen.

Werden die Tomaten weiter versuchen, zu expandieren? Wird die Stachelbeere aggressiv werden? Was passiert mit dem Blumenfisch? Ich werde berichten.