Kleine Wartekritzelei

Noch eine in rund und bunt:

Am nettesten zu malen fand ich die kleinen sinnlosen Kleckse am Rand. 🙂

Wenn …

Wenn…

… ich morgens um zehn schon wieder müde bin
… meine Lieblingsband nervt
… der verschwundene Autoschlüssel mich in Tränen ausbrechen lässt
… ich gereizt bin weil der Wind falsch weht
… Autofahrten mich melancholisch an verschwundene Kindheitsstätten erinnern
… Freunde all ihre schlechten Seiten zeigen
… der Alltag ein langes, graues Band ist
… niemand mich mehr mag
… es nur noch regnet
… dann weiß mein Herz, die Welt ist eine trostlose Einöde mit gelegentlichem Stechmückenbefall. Und das wird sich nie, nie wieder ändern.

 

Aber zum Glück gibt es auch meinen Kopf. Und der weiß, mein letzter richtiger Urlaub war vor dreizehn Monaten.

Es wird Zeit. Noch fünf Wochen.

 

Wenn…
… fünf Wochen länger als die Ewigkeit dauern
… alle, alle schon vor mir Urlaub haben
… der letzte Keks an jemand anderes ging
… seufz

Bahnfahrer-Meditation

Ich bin stolz auf mich. Heute Abend bin ich auf meiner persönlichen Selbstoptimierungsliste mindestens drei Level nach vorne gerückt. Und das ging so: Um 18.00 Uhr nahm ich den Zug nach Hause, mein Fahrrad hatte ich dabei. An der dritten Station fing es an, sintflutartig zu regnen, aber egal, ich saß ja im Zug, also alles ok. Dann wurde der Zug langsamer. Und langsamer. Gleichzeitig fuhren auf beiden Seiten Güterzüge an uns vorbei. Der Zugführer kommentierte lakonisch: „Sie sehen, heute ist Rushhour auf den Gleisen.“ Mit zwanzig Minuten Verspätung kamen wir an der siebten Station an, die letzte vor meiner Aussteigestation. Es passierte eine Zeitlang nichts mehr, dann kam die Durchsage: „Es tut uns leid, aber heute endet dieser Zug hier. Bitte alle aussteigen.“ Empörtes Stimmengewirr meiner Mitreisenden. Es regnete noch immer.

Zenmässig gelassen ging ich meine Möglichkeiten durch: Aussteigen und warten? Der nächste Zug käme erst in einer Dreiviertelstunde, und an dieser Station ist es auch nicht wirklich gemütlich, wenn die Sonne scheint. Oder mit dem Fahrrad nach Hause? Hm. Zehn Kilometer im Regen ohne Regenjacke? Und dann kam mir ein Daniel-Düsentrieb´scher-Geistesblitz: Ich könnte einfach im Zug bleiben, drei Stationen zurückfahren an einen Bahnhof mit Wetterdach, aussteigen und dort auf den nächsten Zug warten, der wieder bis zum Ende durchfährt!

Gesagt, getan. Entspannt blieb ich sitzen, der Regen rauschte an den Fensterschreiben entlang, während ich dieselbe Strecke wieder zurückfuhr, auf der ich gekommen war. Am Bahnhof mit Wetterdach stieg ich aus, nahm nicht den Aufzug, vor dem die Feuerwehr gerade gewarnt hatte, weil er in einer Woche dreimal steckengeblieben war, trug mein Fahrrad mit Muskelkraft die Treppen hinauf und hinunter und setzte mich dann für weitere zwanzig Minuten auf den Bahnsteig, um auf den nächsten Zug zu warten. Der Regen fiel schwallartig. Ich blieb gelassen.

Beweisfoto: Gelassene Füße auf Fahrrad. Es regnet.

Beweisfoto 2: Füße auf Fahrrad bei durchrasendem Zug. Es regnet.

Güterzüge fuhren durch. Autozüge fuhren durch. Kleinbahnen fuhren durch. Eine Bahn mit anderem Ziel fuhr durch. Dann kam mein Zug. Es regnete wie aus Eimern, als ich einstieg. Dann fuhr ich zum dritten Mal dieselbe Strecke. Kurz vor der vorletzten Station war ich fast ein bisschen aufgeregt: Würden wir es dieses Mal schaffen, die Station zu passieren? Oder gab es hier eine unsichtbare Grenze, die heute niemand passieren konnte? Vor lauter Nachdenken darüber verpasste ich die Station komplett und dann fuhren wir tatsächlich in meinen Heimatbahnhof ein. Selbstverständlich regnete es immer noch, als ich ausstieg, mich aufs Fahrrad schwang und mit nur einer Stunde Verspätung nach Hause fuhr.

Gar nicht so übel für eine üble Ausgangssituation, fand ich – und Zack! – schon wieder ein Level weiter 🙂 .

 

Warten

Haben Sie schon mal den ganzen Tag lang sehnsüchtig auf ein Paket gewartet? Nein? Ha! Dann haben Sie keine Ahnung, was alles tagsüber in Ihrer Straße passiert. Ich schon, und zwar seit heute. Vor zehn Tagen habe ich eine Tapete bestellt, gedacht für eine Renovierung. Da dachte ich noch, ich wäre super in der Zeit, Lieferzeit sieben Tage ab Annahme der Bestellung, aber das war wohl nichts: Angenommen wurde die Bestellung erst drei Tage später, und dann habe ich auch noch das Kleingedruckte übersehen: Sieben WERKtage. Und so habe ich dann zwangsweise einfach schon mal angefangen mit dem Renovieren, Schränke ausräumen, Möbel von der Wand rücken, Folie auslegen, abkleben, abkleben, abkleben, und streichen. Und jetzt sitze ich hier und warte.

Es sind zwölf Grad draußen, aber ich habe permanent das Fenster auf Kipp, um ja nicht zu überhören, ob sich eventuell ein Lieferwagen nähert. Eigentlich ist meine Straße keine Durchgangsstraße, und mir war bisher nicht bewusst, wieviele Autos hier trotzdem lang fahren. Und bremsen. Und anhalten. Und wieviele Leute aussteigen, mit den Türen klappern, die Kofferraumtür öffnen und wieder zufallen lassen. Anfangs dachte ich noch jedes Mal: Jetzt! Aber dann war es doch wieder nur ein Handwerker oder eine Einkäuferin oder jemand, der einfach so irgendwohin fährt und dabei jede Menge Gepäck im Kofferaum verstaut. Ich weiß jetzt außerdem, dass meine Nachbarn von gegenüber gern auf dem Bürgersteig stehen, rauchen und ein Schwätzchen halten, jede Stunde einmal. Und mir war nicht klar, wie viele Menschen mit Hunden es gibt, die zu jeder beliebigen Tageszeit Gassi gehen. Gestern dann der Gipfel der Gemeinheit: Da hielt der gelbe Lieferwagen vor meinem Haus, ich dachte, ja! Juchu! Und dann fuhr er wieder an und hielt zwei Häuser weiter.

Selten habe ich so sehnsüchtig auf jemanden gewartet wie auf diesen Paketmann. Vermutlich werde ich eine Fanfare hören und Feuerwerk sehen, wenn er dann tatsächlich endlich vor meinem Haus stehenbleibt und auch noch aussteigt.