Treue

Treue

Der Landvermesser sah sich um. Nur rote Erde, Kakteen und Staub in weitem Umkreis. Niemand war in Sichtweite. Die Schienenstränge vor ihm glänzten stählern in der Sonne. Das war sein Werk. Nicht seines allein, natürlich, viele waren beteiligt gewesen, aber ohne ihn hätte alles länger gedauert.
Es war Zeit. Er holte die kleine Lederhülle aus seiner Tasche, wog sie in den Händen und legte sie vor sich auf den staubigen Boden. Dann nahm er Zündhölzer und Stroh aus der Tasche, öffnete die Hülle und zog das brüchige Papier hervor. Behutsam breitete er es ein letztes Mal aus, betrachtete die Linien und Zeichen, die bunten Symbole und die unbekannten Schriftzeichen. Dann legte er das Stroh darauf, zündete mit hohler Hand ein Zündholz an und hielt es an das Papier. Es fing sofort Feuer und brannte mit leisem Zischen und heller Flamme. Das Feuer fraß zuerst das Stroh, dann verkohlte es das Papier. Der Landvermesser sah ruhig zu, wie die Linien und Symbole noch einmal aufleuchteten, bevor sie zu Asche zerfielen. Der leichte Wind spielte mit den weißen Flocken, verteilte sie im blauen Himmel.
Es war gut so. Er hatte es dem Indianer versprochen. Nur der Weg war ihm geschenkt worden, nicht der Rest. Er hatte keinen Grund, undankbar zu sein. Er würde auch die Lederhülle aussetzen, direkt unter der Schiene würde sie bleiben, bis sie zerfallen war. Wie sie es vereinbart hatten. Wer brauchte schon Schätze zum Leben? Er hatte alles gefunden, was er sich gewünscht hatte.
Und es war gut so.

Das war mein dritter Beitrag zu den abc-Etüden, die mit viel Aufwand dankenswerterweise von Christiane organisiert werden – vielen Dank! Die Regeln: Maximal 300 Wörter, im Text enthalten sein müssen drei Wörter. Dieses Mal waren es Landvermesser, undankbar und aussetzen. Die Wortspende kam von Werner und seinem Blog Mit Worten Gedanken horten. Landvermesser war wirklich sehr inspirierend. 🙂