Dein Schweinehund kuschelt

Du bist auf der Suche nach deinem Schweinehund. Er ist nirgends zu finden, obwohl du schon überall gesucht hast, unter dem Tisch, im Korb mit den Schals, im Bett. Ratlos siehst du dich um. Eigentlich wolltest du spazierengehen, aber ohne ihn ist es nicht dasselbe. Moment. Seit wann atmet deine Sofadecke? Du guckst genauer hin. Eine Pfote vom Schweinehund ist zu sehen, der komplette Rest ist in die Decke eingewickelt wie eine Mumie. Du schleichst dich vorsichtig an und lässt dich mit einem Plumps neben ihn aufs Sofa fallen. Mit einem Quieken fährt er hoch, verheddert sich in der Decke und fällt wie ein Mehlsack auf die Polster zurück. „Na?“ sagst du.
„Was soll das?“ beschwert sich dein Schweinehund und sortiert Pfoten und Decke auseinander. „Ich hab gerade so schön geträumt!“
„Ich will spazierengehen. Kommst du mit?“
„Nö“, sagt dein Schweinehund, „ist mir zu kalt.“
„Aber wir haben uns heute überhaupt noch nicht bewegt!“
„Ist mir egal.“
„Das ist nicht gesund, und das weisst du.“
Dein Schweinehund nickt und wickelt sich wieder in die Decke. Sie sieht warm aus. Und kuschelig.
„Wenn du noch nicht draußen warst, weisst du doch gar nicht, ob es wirklich so kalt ist!“ sagst du und versuchst überzeugend zu klingen.
„Ich hab vorhin eine Pfote aus dem Fenster gehalten“, sagt dein Schweinehund, „es ist sogar noch kälter.“
„Echt?“
Es sieht aus, als ob dein Schweinehund nickt, aber du kannst schon nicht mehr viel von ihm sehen, nur ein Stück Schwanz guckt noch unter der Decke hervor. Du guckst aus dem Fenster. Es ist grau da draussen. Und windig.
„Du?“ fragst du, „kann ich mit unter die Decke?“
Ein langes Seufzen ist zu hören, dann fängt der Stoff an, sich zu bewegen. „Na los“, brummt dein Schweinehund.
Du ziehst einen Zipfel der Decke über dich. Das ist schön. Manchmal braucht man Deckenzeit.
Und dass dein Schweinehund dreiviertel der Decke in Anspruch nimmt, könnt ihr in fünf Minuten auch noch ausdiskutieren.

Ja, das ist die schönste Decke der Welt. Fakt.

Dein Schweinhund geht spazieren (oder auch nicht)

Dein Schweinhund geht spazieren (oder auch nicht)

Als du deine Strickjacke überstreifst, springt dein Schweinehund vom Sofa und rennt in den Flur. Er stemmt die Pfoten in die Seiten. „Nein! Neinneinnein! Wir werden nicht rausgehen!“
„Natürlich werden wir das“, sagst du und schnürst den ersten Stiefel zu.
„Nein! Auf keinen Fall!“ ruft er und funkelt dich an. „Was sollen wir denn da draußen schon wieder? Da ist alles genauso wie gestern! Und vorgestern!!!“
Du schnürst den zweiten Stiefel zu. „Wir können ja einen anderen Weg nehmen als gestern“, sagst du milde.
Dein Schweinehund heult auf. „Da waren wir doch ü-ber-all schon! Wir sind jeden verdammten Weg in dieser Stadt schon zweimal gegangen! Wieso tust du das? Wieso? Wieso??“ Er jault. Fast bekommst du Mitleid.
„Ach komm“, sagst du versöhnlich, „wir könnten ja was Neues entdecken. Vielleicht blühen heute mehr Krokusse als gestern.“
„Vielleicht, vielleicht… und wenn schon! Das ist doch trügerisch! Wir rennen stundenlang rum, meine Pfoten tun weh, es ist schweinekalt und so sinnlos!“ Bei den letzten zwei Worten piekst er mit seiner Pfote zwei Löcher in die Luft.
„Du kannst mitkommen oder hierbleiben“, sagst du, „es liegt bei dir.“
Dein Schweinehund rennt zur Haustür und stemmt sich in den Türrahmen. Keine Ahnung, wie er das macht, eigentlich ist er gar nicht so groß. „Ich will nicht mit!“, ruft er, „und ich will nicht allein hierbleiben!“
Du ziehst die Augenbrauen hoch. „Bisschen melodramatisch, was?“ fragst du und pflückst eine seiner Pfoten vom Türrahmen.
„Ich hasse Spazierengehen!“ knurrt er, dann lässt er plötzlich den Türrahmen los und umklammert dein linkes Bein.
Jetzt hast du einen Schweinehund am Bein hängen. „Echt jetzt?“ fragst du säuerlich. Dein Schweinehund knurrt und keucht. Er ist ganz schön schwer. Na dann. Entschlossen stapfst du los und fühlst dich unrund. Aber das ist ja nichts Neues. Wer hätte je behauptet, Spazierengehen sei einfach.

Das war ein Beitrag zu den abc-Etüden, und ich hab kurz vor Schluß gerade noch die Kurve gekriegt… und hatte viel Spaß beim Schreiben dieser Etüde. 😁 Organisiert wird das Ganze von Christiane (vielen Dank!) und die Wortspende kam von Sabine mit ihrem Blog wortgeflumselkritzelkram (den ich sehr empfehlen kann UND sie hat gerade ein Buch veröffentlicht!). Die Worte waren Strickjacke, trügerisch und entdecken, und es dürfen maximal 300 Worte sein. Ta-da! Punktlandung. 😀

beim Spazierengehen

beim Spazierengehen

Die beiden Plastikbagger stehen unternehmungslustig blaugelbrot im Nordseestrand, vor sich das größte Bauprojekt ihres Lebens.

Im Watt und am Strand lösen sich die Kleidervorschriften schneller auf als fadenscheinige Jeans.

Der nackte Bauch des Mannes bläht sich rund wie ein Walfisch. Allerdings ist er nicht grau, sondern glänzend rosarot.

Zwei kleine Mädchen spielen Pferd und Longenführerin im niedrigen Wasser und alles ist schön: Das Laufen. Das Stehenbleiben. Das Wiehern. Das außer-Atem-sein. Das Hinfallen und nass werden.

Eine lebendige Krabbe mit allen sechs Beinen löst eine Energieexplosion bei drei Jungs aus.

Die Beine des karierten Shortsträgers sind bis unter die Knie gebräunt. Der Abschnitt zwischen Knie und Shortsbeginn hat die Farbe von Honigmilch.

Die Insel Neuwerk schwimmt zwischen Himmel und Wasser. Der weiße Leuchtturm in der Mitte pinnt sie wie eine Riesenstecknadel am Meeresgrund fest, damit sie nicht davonfliegt.

Das auflaufende Wasser pirscht sich an wie ein Stachelschwein mit aufgestellten, raschelnden Stacheln. Die letzten Senken nimmt es in einem Sprung.

Mit jedem Schritt im Wasser schüttelt die mittelalte Frau mehr Jahre ab. Bevor sie zu jung wird, flüchtet sie zum Strandkorb zurück.

Mit konzentriertem Ernst sammelt der Mann mit Spaten und winzig kleinem Eimerchen Muscheln im Wassergraben.

Die leuchtensten Farben trägt eine Familie mit strahlend dunkelbrauner Haut. Sie schillern im Wasser wie Orchideen.

Die Entfernung des Filme fürs Familienalbum drehenden Vaters zu Frau und Tochter ist größer als die höchste Zoomstufe seiner Kamera.

Weit draußen schwimmen Möwen wie weiße Augen auf dem Wasser. Sie behalten uns im Blick.

Draußen im März

Draußen im März

Vielstimmiges Zwitschern der Vögel
Vibrierender Nachhall eines pochernden Spechts
Gelbe Forsythiensträucher und kleine Narzissen
Grüngelbblühende Korkenzieherhaselsträucher
Blasses Licht, das durch Wolken bricht und die Sonne erahnen lässt
Aufgeweichter Boden
Pfützen
Matsch
Abgebrochenes Gezweig
Altes blassbraunes Laub
Hier und da Knospen – kurz vorm Aufbrechen
Hängende Krokusköpfchen und verblühende Schneeglöckchen
Ein plätschernder Bach
Entferntes Hundegebell
Rauschender Wind an meinen Ohren, nicht mehr ganz kalt
Ponys im Winterfell auf zertretener Weide
an manchen Sträuchern frisches helles Grün
Rosa blühende Zierkirschen und purpurne Azaleen
In der Luft ein Hauch von Frühling

Das ist ein Gastbeitrag von Himmelgraublau, mit sehr viel Frühlingsspaziergangsstimmung – vielen Dank dafür! 🙂

Ich sehe was, was du nicht siehst

Hamburg, 13. Mai 2017, Altonaer Balkon

Dunstig hängt das Licht über dem Hafen, eine Ahnung von Blau zwischen den Wolken. Schafgarbenwellen duften, und tief unten schieben sich zwei Holzmasten an der Mole vorbei. Ein Brummen liegt über allem, ein leises Tosen; Hamburgs Hafen atmet. Dutzende Kranarme ragen wie ein erstarrtes Ballett in die weiche Luft, ab und zu glänzt ein Stück Stahl im Licht und sendet ein kleines Signal: Hier wird gearbeitet.

Über die Köhlbrandbrücke fahren winzige LKW, dahinter schieben drei Schornsteine Wasserdampf in den Himmel. Barkassen, ein Raddampfer und Segelschiffe ziehen vorbei, ab und zu wird ein Containerschiff behutsam geleitet. Das Wasser bewegt sich unablässig.

Hinter meiner Bank wird gejoggt, gegrillt und diskutiert, der Sandboden knirscht, wenn jemand vorbeigeht.

Es ist schön hier.

Spaziergänge

Am Ostermontag habe ich gegammelt. Nachdem der Ostersonntag voll mit Familie war, hatte ich am Montag das Kontrastprogramm mit überhaupt gar keiner Familie und habe das schamlos ausgenutzt, um eine schrecklich romantische Serie zu gucken und dann einen schrecklich romantischen Film, und als der vorüber war, hatte ich ein ziemliches Völlegefühl. Mir war nach frischer Luft, und, das kann ich mit Bestimmtheit sagen, das kommt nicht so häufig vor. Ich persönlich finde, frische Luft wird überschätzt, drinnen ist es auch ganz schön, und überhaupt, gefühlt war da draußen an diesem Ostern sowieso Winter.

Und trotzdem: Seltsamerweise war mir an diesem Tag also nach Frischluft. Und so bin ich losmarschiert, hab noch versucht, eine Freundin anzuklingeln, die dann aber nicht da war (vermutlich hatte sie Familie an diesem Tag) und bin dann alleine durch die Gegend gelaufen. Und wie schön war das! Kennen Sie das, wenn einfach alles stimmt? Die Sonne, die Menge und Häufigkeit der Wolken, die Art und Weise, wie der Wind weht, selbst die dreiundzwanzig Regentropfen haben gepasst an diesem Tag. Die Vögel haben genau an den richtigen Stellen des Weges gesungen, es war die perfekte Menge an unbekannten und vertrauten Wegen, die Vorgärten sahen hinreichend nach Bilderbuch aus (aber nicht zu sehr), die Steigungen hatten den idealen Winkel und die Bänke standen da, als hätte sie jemand für mich aufgestellt. Kennen Sie den Film „Die Truman Show“? Wo immer alle vor Truman herlaufen und alles für ihn vorbereiten und wenn er vorbei ist, hinter ihm aufräumen? So fühlte ich mich an diesem Tag.

Und so bin ich anderthalb Stunden voller guter Laune durch Feld und Wald und Vorstadt spaziert und hätte mir nichts schöneres vorstellen können. Es ist doch schön, wenn man sich selbst tatsächlich noch überraschen kann, obwohl man sich mittlerweile doch schon recht lange kennt.

Der Tag danach

Der Tag danach
Es gibt ihn
den Tag danach
wo das Erstarrte
langsam auftaut
die Sonne hinter den Wolken hervorlugt
ganz vorsichtig zwar
aber nicht ohne Wirkung
gewiss, noch sind die Pfade
mehr Pfütze und mehr Modder
als gangbarer Weg
aber es geht
noch unsicher zwar
und mit Wegrutschen
aber ich fange mich
halte mich
und Schritt für Schritt
vorsichtig tastend
geht es voran
gewiss, noch kein Grün an den Bäumen
nur schwarz-braun-graues
scheinbar totes Geäst
gewiss, noch ist Eis und Kälte
nicht gebannt
gewiss, noch ist das Gras mehr gelb-grau-braun
als grün
gewiss, die nächsten Wolken
ziehn herauf
und ich weiß nicht, was sie bringen
Regen? Schnee? Eisregen?
Oder werden sie vom Wind weggepustet?
Oder setzt die Sonne sich durch
trotz der dunklen Jahreszeit?
was sie auch bringen
die Starre löst sich
langsam, ganz langsam nur
aber es gibt ihn:
den Tag,
den Frühling danach

herbst_08