Ausgelesen: Lautlose Nacht. Von Rosamund Lupton.

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AUFREGUNG: Schmeckt wie bitzelndes Brausepulver, fühlt sich an wie das Hups-Rumms, wenn ein Flugzeug aufsetzt, und sieht aus wie die große, flauschige Kapuze von Dads Inupiaq-Parka.“

Es ist kalt in diesem Buch, sehr, sehr kalt. Yasmin ist mit ihrer zehnjährigen Tochter Ruby von London nach Alaska geflogen, um ihren Mann zu besuchen. Er ist Tierfilmer und will in der Schneewüste am Polarkreis das Leben in der ewigen Nacht filmen, die dort ein halbes Jahr dauert. In Alaska angekommen, erfährt Yasmin, dass Matt bei einem Brand in einem kleinem Dorf ums Leben gekommen sein soll. Sie kann das nicht glauben, und ohne ihrer Tochter davon zu erzählen, beschließt sie, trotz zweistelliger Minusgrade, Schneestürmen und Dunkelheit dorthin aufzubrechen, um ihn zu suchen. Ruby ist taub und kommuniziert mit Vorliebe über ihr Notebook, dass ihr Vater ihr geschenkt hat. Sie nutzt sämtliche Technikvorteile, die solch ein Gerät mit sich bringt und twittert ihre Sicht der Welt und ihre Definition von für sie nicht hörbaren Worten. Yasmin dagegen würde das Notebook am liebsten zerstören, denn sie möchte, dass ihre Tochter ihre Stimme nutzt und sich der Welt der Sprechenden anpasst.

Es ist reiner Irrsinn, was Yasmin sich und ihrer Tochter zumutet, denn nach Anaktue kommt man nicht mal eben mit dem Bus oder dem Flugzeug. Das Innuit-Dörfchen liegt abseits sämtlicher Straßen und der Wetterbericht sagt einen gigantischen Schneesturm voraus, aber Yasmin lässt sich nicht beirren. Unbeirrt bahnt sie sich ihren Weg, und als sie dafür einen Truck stehlen muss, den sie dann selber weiterfährt, tut sie das. Auch, als sie einen Verfolger hinter sich bemerkt, der nie näher kommt, aber auch nie verschwindet, kehrt sie nicht um, und ab einem bestimmten Punkt gibt es dann keine Möglichkeit zur Umkehr mehr.

Die klaustrophobische Enge des kleinen Führerhauses könnte erdrückend wirken, aber zum einen werden immer wieder kurze Rückblenden in das familiäre Leben vor der Alaska-Reise eingestreut, zum anderen wechselt die Erzählperspektive zwischen Ruby und Yasmin ständig hin und her. So entsteht ein eigener kleiner Kosmos, in dem der Vater und Ehemann trotz seiner Abwesenheit nie weit entfernt ist. Ruby vergöttert ihren Vater, der sie ermuntert hat, ihre eigene Stimme in der Welt der Sprache zu finden, abseits vom reinen gesprochenen Wort. Yasmin schwankt zwischen Liebe, Eifersucht, Wut und Sorge, und genauso extrem wie ihre Gefühle ist das Wetter. Es schneit, stürmt, hagelt und ist mit minus 40 Grad so kalt, dass die Luft aus Glassplittern zu bestehen scheint, wie Ruby gleich zu Beginn des Buches erzählt. Manchmal könnte man anfangen zu zweifeln an der Geschichte, zu abwegig erscheint es, dass eine Mutter ihre Tochter freiwillig in solch ein Szenario hineintreibt, aber Rosamund Lupton hält die Spannung aufrecht, bis die Geschichte sich zum Schluss hin öffnet in einen weit größeren Kontext als nur die Suche nach einem geliebten Menschen. Eisig sind die Konsequenzen und die Fragen, die sich hier auftun angesichts von unermesslichen Rohstoffvorräten im Boden des Polarkreises. Zum Schluss noch einmal Ruby:

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ANGST: Sieht aus wie ein Schachbrett mit hin und her springenden Feldern, fühlt sich zitternd und schweißig an, schmeckt wie Prickel-Eis.“