Was ich in einer Woche Rom gelernt habe

  • man kann viel länger laufen als erwartet
  • schmerzende Füße sind noch lange kein Grund sich hinzusetzen
  • Straßen überquert man geschmeidig und elastisch wie der übrige Verkehr
  • es passen mehr Leute in einen Bus als die normale Norddeutsche je gedacht hätte
  • es passt auch viel mehr Kunst in einen hinein als vorher vermutet
  • ein Zuviel an Schönheit gibt es nicht
  • man muss nicht alles gesehen haben. Lücken beflügeln die Phantasie und erfordern ein Zurückkommen
  • zusammen reisen ist schöner als allein
  • ab und zu Pausen allein sind aber auch nett
  • probieren erweitert den Horizont, egal, was man probiert (bei cremegefüllten Blätterteigteilchen erweitert sich der Horizont eklatant!)
  • Quellwasser aus Bronzebrunnen schmeckt besser als Flaschenwasser
  • ein Garten in Rom ist ein kleines Stückchen gerettetes Paradies. Wirklich.
  • umsorgt zu werden ist schön (und gefährlich bequem)
  • man muss kein Wort verstehen in einer Morgenandacht. Segen und Amen reichen völlig aus
  • Rom ist… Rom.

Jetzt

  • halbrunder Mond vor rosa Abendwolken
  • schimpfende Vögel auf dem Weg ins Nachtquartier
  • erleuchtetes Fensterkino weit drüben
  • röhrende Vespas und kläffende Hunde im Viertel
  • durchdringendes Grillengezirp
  • erschöpfte Füße
  • müde Augen
  • hellwacher Kopf
  • auf dem Gang die Stimmen meiner Mitreisenden
  • randvoll mit Pantheon, Caravaggio, Bernini, Tiber und Gelato
  • unten bereiten die Nonnen das Abendessen für uns vor
  • ich darf frei entscheiden, ob ich heute Abend mitgehe oder nicht
  • unfassbar, wie gut es mir gerade geht

Am offenen Fenster, nachts

das Flugzeug im Landeanflug erinnert mich an Rom:
rote, grüne und weiße Lichter blinken,
es ist laut, unübersehbar, dramatisch und schön.

Fragen in der Vatikanstadt

Sixtinische Kapelle

Wieviele unachtsame Menschen verträgt ein heiliger Ort, bevor er seine Spiritualität verliert?

Petersdom

Wieviel Reichtum kann ein heiliger Ort aufnehmen, bevor er seine Würde verliert?

Vatikanische Museen

Wieviele Menschen dürfen auf einem Fleck sein, bevor die Liebe in Gereiztheit umschlägt?

Spuren

zwischen Grillenzirpen
dem Getöse der Vespas
Ciao!-Rufen von gegenüber
durch das Hupen der Smarts
den aufgeregten Straßengesprächen
ein dünner verwehter Halleluja-Gesang aus dem Kloster nebenan
ich lausche
dann donnert ein Airbus im Landeanflug über die Pinien
zu spät
ich habe die leisen Spuren gehört
und weiß: Er ist hier
ich kann mit ihm rechnen

(interessant: auch in der ewigen Stadt ist er nicht lauter als Zuhause)

Farbdiebe

Ob die sonnengelbe Ockertönung
des alten, ausgeblichenen Palazzo
zurückkehren würde
wenn alle einhunderttausend geknipsten Fotos von ihm
mit einem Schlag überall auf der Welt
gelöscht würden?

Sant’ Agnese fuori le mura oder Perspektivwechsel

nach den Katakomben
hinauf ins Licht
das Gras grüner
die Vögel lauter
der Himmel blauer
der Cappuccino heißer, süßer und stärker als jemals zuvor
nichts an mir ist perfekt
aber alles ist da
ich lebe
nie war die Hoffnung auf ein Danach präsenter
als jetzt

römische Vergleiche

mit jedem Schritt in Rom
schrumpft die Berliner Siegessäule ein Stückchen mehr
am Ende des Tages
ist sie ein Zahnstocher
ein hübscher, vergoldeter Zahnstocher der Geschichte

 

Forum Romanum

Rauschhaft laufen wir durch Geschichte
Zeit ist alles und nichts
Kopfsteinpflaster rumpelt unter den Füßen
zieht uns zurück zu Nero und Cäsar
und wieder nach vorn zu den Päpsten
schubst uns zum Kollosseum und in frühchristliche Basiliken
blendet mit Gold, Mosaiken und Marmorgesichtern
mit nur einem Schritt stolpern wir zurück
zwischen U-Bahn-Bau, Gelato und Straßenmusik
hier ist alles gleichzeitig:
Geschichte und Gegenwart
jeder Schritt überbrückt leichtfüßig Jahrtausende
wer hier lebt, weiß wo er herkommt
aus Rom, der Ewigen, Sonnenstadt
Zitronenbäume und Cappuccino inklusive
zwischen diesen Steinen und Pinien
ist Zeit alles und nichts
nur ein rauschender, wiegender Bogen
mittendrin wir, tanzend

Angekommen

am Morgen
vor dem Frühstück
grüne Papageien vor dem offenen Fenster
sie schreien sich an in den Baumwipfeln
während ich nach ihnen Ausschau halte
den Oberkörper nach draußen gelehnt
merke ich:
Angekommen

irgendwo sind sie da draußen, die Kleinen Alexandersittiche