Oink spielt Carcassonne

„Was macht ihr da?“ fragt Oink neugierig.
„Wir spielen Carcassonne“, sage ich.
Oink marschiert aufs Spielfeld. „Wie geht das?“
„Man baut Städte und Wiesen und Straßen, dann setzt man Bewohner in die Städte und Bauern auf die Wiesen und Bauleute auf die Straßen, und wer die größten Städte und Wiesen und die längsten Straßen hat, gewinnt“, erkläre ich.
„Aha“, sagt Oink. Er guckt nachdenklich. „Kann ich mitspielen?“
„Klar. Wir sind aber schon mittendrin“, sage ich.
„Macht nichts“, sagt Oink. „Sag mal, die Bauern, das sind doch die, die ganz viele Schweine haben, oder?“
Ich wiege den Kopf. „Manche“, sage ich.
Oink nickt. „Bin ich dran?“ fragt er.
„Ja.“
Oink spaziert los und schiebt alle Bauern von allen Wiesen auf einen Haufen.
„He!“ rufe ich entrüstet, „was soll das?“ Meine Mitspielerinnen gucken verzweifelt. Ihre Bauern haben besser gelegen als meine.
Oink schnauft angestrengt, als er den letzten Bauern zum Haufen schiebt. „Guck!“ Er lacht begeistert. „Das Schwein -das bin ich- hat ziemlich viele Bauern!“
Ich lege den Kopf in die Hände. Meine Mitspielerinnen lachen. Oink grunzt fröhlich vor sich hin.
Soviel zu Carcassonne mit meinem Mitbewohner. Regeln? Pffff.

Fräulein Honigohr und die Regeln

„So.“ Fräulein Honigohr verschränkt die Arme. „Dreihundert Worte. Mehr bin ich dir nicht wert?“
Du fühlst dich gar nicht wohl. „Doch, doch“, versuchst du die Situation zu retten, „natürlich bist du mehr als dreihundert Worte wert, aber naja, so sind eben die Regeln.“
Fräulein Honigohr spitzt die Lippen. „Reeeegeln“, sagt sie, und bei ihr klingt das Wort irgendwie regellos. „Du meinst also, diese Regeln sind wichtiger als ich?“ So, wie sie Regeln betont, hättest du genausogut Ketten oder Streckbank sagen können.
„Neinnein“, ruderst du zurück, „du bist selbstverständlich viel wichtiger als die Regeln.“
Fräulein Honigohr hebt die Augenbrauen.
„Das ist wie beim Spielen, da gibt es auch Regeln, und an die muss sich jeder halten, sonst bricht alles in Chaos aus.“ Verdammt. Du hast es versiebt.
„Chaos. Aha. Du bist also der Ansicht, ich bin nicht mehr als dreihundert Worte wert, weil ich sonst die Regeln breche und Chaos verbreite.“ Fräulein Honigohr kneift die Augen zusammen. „Und was ist das mit diesen Worten? Wie waren die noch gleich? Landvermesser? Aussetzen? Undankbar? Nicht nur, dass ich in dreihundert Worte gequetscht werde, ich muss mich auch noch vorgebenen Worten unterwerfen? Ha!“ Sie wirft die Arme in die Luft. „Undankbar! Genau! Soll ich dir mal zeigen, was ausgesetzt bedeutet?“ Sie zeigt mit einem Finger auf dich und du befürchtest schon das schlimmste – die Mongolei, den Mittelstreifen der Autobahn von Kassel nach Hannover, ein frischgedüngtes Feld – als Herr Brummeck sich einschaltet.
„Hör mal“, sagt er, „mich würde ja schon interessieren, was ihr zu Landvermesser einfällt.“
Fräulein Honigohr lässt den Finger sinken und lächelt grimmig. „Doch. Mich auch. Was mache ich mit dem Landvermesser?“
Du versuchst dich zu enspannen. Dir wird schon was einfallen. Fräulein Honigohr als Westerngirl in den Armen des Landvermessers?
Fräulein Honigohr schnaubt verächtlich. Du ahnst: Das wird länger dauern.

Das war ein Beitrag zu den abc-Etüden, die mit viel Aufwand dankenswerterweise von Christiane organisiert werden – vielen Dank! Die Regeln: Maximal 300 Wörter, im Text enthalten sein müssen drei Wörter. Dieses Mal waren es Landvermesser, undankbar und aussetzen. Die Wortspende kam von Werner und seinem Blog Mit Worten Gedanken horten. Landvermesser – das war ein sehr inspirierendes Wort. 🙂