Mai

Mai

der Schöne
Grün dehnt sich
Bäume explodieren
Fliederwolken rauschen
verlassene Innenräume
alle Türen offen
verschwunden die gläsernen Trennwände
wir suchen Liegestühle
seufzen leise
farbbetrunken
duftberauscht

Aus gegebenem Anlass eine kleine Wiederholung. Auch, wenn es bisher etwas kühl war beim berauscht sein. 😊

Der Dienstag dichtet!  
Katha kritzelt hat diese Aktion ins Leben gerufen: Jeden Dienstag wird ein Gedicht aus eigener Herstellung veröffentlicht.
Auch Wortgeflumselkritzelkram
Mutigerleben
WernerKastens
die Nachtwandlerin
Myriade
Gedankenweberei
Emma Escamilla
Wortverdreher
Lebensbetrunken
der BerlinAutor
Vienna BliaBlaBlub
Heidimarias kleine Welt
Red Skies over Paradies
Your mind is your only limit
Dein Poet
Geschichten mit Gott
Lindasxstories
Findevogel
und Traumspruch sind mit von der Partie.
Viel Freude bei allen Besuchen!

Fräulein Honigohr und die Musketiere

Fräulein Honigohr wirft eine Handvoll graue Steine in die Pfanne und dreht die Flamme höher. „Na los jetzt!“ ruft sie aufmunternd und schwenkt die Pfanne energisch hin und her. Die Steine kullern klackernd gegen den Rand. „Ihr könnt nicht ewig bei mir bleiben, so langsam wird´s Zeit!“
Die Steine weigern sich. Hitze strahlt von ihnen ab wie von Heizpilzen im Winter.
Fräulein Honigohr seufzt ungeduldig. „Was seid ihr bloß für Mimosen. Die Kirschbäume blühen, ihr wisst, was das heißt!“ Sie wartet einen Augenblick. Nichts rührt sich. „Na gut. Dann eben so.“ Sie legt einen Deckel auf die heiße Pfanne. Nach einer Minute hört sie ein lautes Gähnen. „Na also“, murmelt sie.
Geschimpfe wird laut, der Deckel scheppert zu Boden und zum Vorschein kommen fünf graue Gestalten, die sie vorwurfsvoll anstarren. „Du spinnst wohl!“ ruft der Größte, „uns so unsanft zu wecken!“ Er unterdrückt ein gewaltiges Gähnen, und wie auf Kommando gähnen alle fünf, bis ihre Kiefer knacken. „Und viel zu früh! Es ist saukalt bei dir!“
Fräulein Honigohr betrachtet die rotglühende Pfanne und zieht die Augenbrauen hoch. „Papperlapapp! Stellt euch nicht so an! Wir haben Mai und ihr müsst los!“ Sie nimmt die Pfanne am Stiel und geht zum offenen Fenster. „Seht ihr? Los, raus! Stellt Unsinn an, ärgert die Eichhörnchen, verteilt Frühlingsgefühle! Im Herbst sehen wir uns wieder.“
Die fünf Grauen schnuppern in die kühle Luft. „Sie hat Recht“, flüstert der Kleinste, „wir sind schon viel zu spät!“ „Birnenmoder und Maikäferkacke! So viel verpasst! Trennen wir uns?“ Sie legen ihre Hände kreisförmig aufeinander. „Alle für einen – einer für alle!“ Sie werfen die Hände in die Luft und stürzen sich aus der Pfanne. In Sekundenschnelle sind sie verschwunden.
Fräulein Honigohr stellt die Pfanne auf Boden und lehnt sich auf das Fensterbrett. „Hallo, Mai“, flüstert sie glücklich, „deine Musketiere kommen!“

Das war ein Beitrag zu den abc-Etüden. Die Regeln: Drei Begriffe, maximal 300 Wörter. Die Begriffe lauteten dieses Mal Baracke, widerfahren und lau und stammen von Bernd mit seinem Blog Red Skies Over Paradise. Und organisiert wird alles von Christiane mit ihrem Blog Irgendwas ist immer! Vielen Dank! Heute sende ich mörderische Grüße in die Blogwelt… 😎

Maikäfer

Bot einem erkälteten Maikäfer
den kleinen Finger als Wärmflasche
er nahm die ganze Hand
wir werden uns nie wieder trennen
😊

Mai-Fürchtezeit

Jedes Jahr Mitte April beginnt meine Mai-Fürchtezeit. Jetzt sagen Sie sich bestimmt, nanu, der Mai ist der schönste aller Monate, was soll es da zu fürchten geben? Nun ja. Ich bin ein Maikind, und ich fürchte mich vor meinem Geburtstag. So, jetzt ist es raus. Eigentlich liebe ich Geburtstage und trotzdem: So sicher wie das Amen in der Kirche habe ich bereits Anfang April erste düstere Vorahnungen. Dieses Jahr fällt mein Tag auf einen Werktag? Niemand wird kommen. Alle werden sehr beschäftigt sein. Mein Tag fällt auf das Wochenende? Alle werden woanders eingeladen sein. Niemand wird kommen. Es wird regnen. Und kalt sein. Heroisch schiebe ich diese Gedanken beiseite und freue mich über Flieder und Bienengesumm, aber unter all dem frischen Grün lauert unablässig die Frage: Was wird an meinem Geburtstag passieren?
Je näher der Tag kommt, desto tiefer versinke ich in trüben Gedanken. Vielleicht sollte ich ihn einfach ausfallen lassen. Wenn ich tief einatme und erst einen Tag später aus, ob er dann vorbei ist? Irgendwann sitze ich als Häufchen Trübsal da und frage den Chef, ob er den Geburtstagskelch nicht wenigstens dieses eine Mal an mir vorüberziehen lassen könnte?
Der Chef verdreht dann die Augen, stellt seine Kaffeetasse ab und schaltet die anderen Gebetsanforderungen auf stumm. Du wieder, sagt er, haben wir das nicht letztes Jahr schon besprochen? Und vorletztes? Und das Jahr davor auch?
Ja, schon, jammere ich, aber dieses Jahr, da ist es ganz anders, viel, viel schlimmer!
Ach. Noch schlimmer als in den Jahren davor?
Ja!
Tiefes Durchatmen. Nun. Du machst es wie jedes Jahr, du machst einen Plan. Überleg dir was. Und dann setz ihn um. Lade Freunde ein. Nimm dir frei. Mach einen Ausflug. Oder feiere auf der Arbeit, das hast du auch schon gemacht, du erinnerst dich?
Ach, die Arbeit… da ist doch gar keiner in diesen Zeiten… und zuhause? Wen kann ich schon einladen… die haben bestimmt alle schon was anderes vor…
Wenn du sie nicht fragst, wirst du es nie erfahren. Los jetzt, jammere nicht, schreib ein paar mails. Oder whatsapps oder wie ihr das gerade nennt… (und halblaut zu sich selbst: Und davon hab ich aktuell acht Milliarden, meine Probleme solltest du mal haben…)
Der Chef wendet sich ab, trinkt einen Schluck Kaffee (extra schwarz, ohne Zucker) und schaltet die anderen Gebetsanforderungen wieder auf laut.
Und ich? Ich bin immer noch jammerig. Andererseits, ein bisschen Planung kann ja nicht schaden. Vielleicht fange ich einfach mal mit einem Freund an und dann gucke ich, ob er zusagt, und wenn er zusagt, könnte ich ja noch einen zweiten einladen, und wenn der auch zusagt, ist alles schon gar nicht mehr so schlimm, und plötzlich ist der Tag viel heller.
Am Ende waren fast alle meine Geburtstage schön. Manchmal auch seltsam, aber nie so schrecklich, wie ich es jedes Jahr spätestens Mitte April befürchte. Beim nächsten Jahr allerdings bin ich mir da gar nicht so sicher, wer weiß, wie das werden wird…
Der Chef seufzt. Ich kann es bis hierher hören.

Mai

Mai

der Schöne
Grün dehnt sich
Bäume explodieren
Fliederwolken rauschen
verlassene Innenräume
alle Türen offen
verschwunden die gläsernen Trennwände
wir suchen Liegestühle
seufzen leise
farbbetrunken
duftberauscht