Wandgespräche

Wandgespräche

Als die Haustür ins Schloss fällt, herrscht einen Moment lang Ruhe.
Dann poltert die Wohnzimmerwand los. „So geht das nicht weiter! Lagebesprechung!“
„Ach, ach, ach“, jammert die Küchenwand, „sie war wieder nur zehn Minuten in mir, ich weiß schon gar nicht mehr, wie sie aussieht!“
„Was soll ich denn sagen? Wie meine Balkonkästen aussehen, alles vertrocknet, es ist eine Schande!“ Die Balkonwand zittert vor Empörung und weil unten ein dicker LKW vorbeifährt.
„Naja, vielleicht hatte sie es eilig“, sagt die vernünftige Badezimmerwand. Sie ist noch feucht, weil sie gerade dort geduscht hat.
„Du hast leicht reden, bei dir ist sie ja jeden Tag mindestens zweimal, aber was ist mit mir?“ Die Esszimmer/Bürowand schwankt hin und her, sie hat es nicht leicht, sie ist auf Bewohnerentzug. Der vorige Mieter hat Stunden in ihr verbracht, und nun? Sie fühlt sich vereinsamt.
„Ruhe!“ Die Wohnzimmerwand lässt die Bücherschränke als Warnung klappern. „Jammern hilft nichts, soviel wissen wir schon. Was können wir tun, um sie länger hierzubehalten?“
Die Badezimmerwand trocknet vor sich hin. Die Schlafzimmerwand schnarcht leise. Die Balkonwand windet sich, dann schlägt sie vor: „Ich könnte mich ja vielleicht versuchen, nicht ganz so stark aufzuwärmen, wenn die Sonne scheint. Obwohl ich ja nun mal eine Südwand bin.“ Stolz sendet sie ein paar Hitzestrahlen nach innen.
„Lass das“, knurrt die Wohnzimmerwand. „Was hast du vorzuschlagen, Küchenwand?“
„Vielleicht… vielleicht absorbiere ich ein paar der schlimmeren Gerüche? Den Käse vielleicht?“
„Gut. Nicht schlecht“, brummt die Wohnzimmerwand. „Da hättest du auch schon früher drauf kommen können. Flurwand?“
Die Flurwand verzieht die Ecken. „Was ihr immer habt! Ich kann mich nicht beklagen! Gut, sie ist nicht stundenlang hier, aber ich sehe sie dauernd, an mir kann´s nicht liegen.“
„Das ist ja wieder typisch!“ Die Küchenwand ächzt anklagend. „Durch dich muss sie dauernd durch, ist kein Wunder, dass du sie am meisten siehst! Du könntest ruhig auch deinen Beitrag leisten!“
Die Flurwand macht ein abschätziges Geräusch. „Wenn es sein muss. War ja klar, dass ihr ohne mich nicht könnt. Dann mache ich mich eben ein bisschen breiter. Seid ihr jetzt glücklich?“
Die Wohnzimmerwand lacht grollend. „Meine Liebe! Ohne uns wärst du gar nichts! Sei froh, dass wir dich nicht einfach dichtmachen. Dann wäre es bei dir zappenduster.“
„Allerdings“, sagt die Schlafzimmerwand mit Reibeisenstimme. Sie ist gerade aufgewacht. „Und im Dunkeln ist es nicht immer schön, das kann ich dir sagen. Mein Beitrag wären noch bessere Träume. Seid ihr einverstanden?“
„Ach du liebe Güte!“ schreit die Esszimmer/Bürowand, „dann kommt sie überhaupt nicht mehr zu mir! Sie isst nichts, sie arbeitet nichts, sie hat kein Hobby – was TUT sie denn überhaupt?“
„Stell dich nicht so an“, sagt die Badezimmerwand. „Du weisst doch, dass man vorher nie wissen kann, wen man bekommt. Jetzt hast du eben mal Pech. Beim letzten hatte ich Pech.“
„Ich auch!“ ruft die Schlafzimmerwand. „Der Geruch war nicht auszuhalten!“
„Aber ich fand´s schön“, flüstert die Esszimmer/Bürowand, „so lange hat sich noch nie einer in mir aufgehalten. Und die Videospiele waren spannend…“
„Zurück zum Thema!“ poltert die Wohnzimmerwand. „Ich werde mich behaglich machen und versuchen, die Nachbarn von oben auszublenden.“
Ein verstopftes Geräusch lässt alle innehalten.
„Ach“, sagt die Flurwand, „die hab ich ja ganz vergessen.“ Sie schüttelt sich und die Tür zum Abstellraum springt auf. Hinter deckenhoch gestapelten Kartons und Sperrmüll kann man die Abstellraumwand kaum verstehen, aber es klingt, als ob sie sagt, dass sie sich so gut es geht verschlossen halten und nichts herauslassen wird.
„Gut“, sagt die Wohnzimmerwand. „Wir wissen also alle, was wir zu tun haben?“ Sie wartet einen Moment. Alle Wände murmeln zustimmend, auch wenn die Flurwand etwas lustlos dabei klingt. „Sehr gut. Was ich noch sagen wollte…“
In diesem Moment wird von außen ein Schlüssel ins Türschloss gesteckt.
Die Wände erstarren. „Alle auf mein Kommando!“ zischt die Wohnzimmerwand, „eins, zwei, drei!“

Sie tritt in ihre Wohnung. Irgendwas ist anders. Die Tür zum Abstellraum steht offen. Sie hat sie doch heute morgen zugemacht? Egal. Nur schnell die Sportschuhe holen, dann ist sie wieder raus. Obwohl… vielleicht könnte sie ja vorher noch einen Kaffee trinken.
Oder?

Das war ein Beitrag zum #writingfriday, an dem ich leider viel zu selten teilnehme und der von Elizzy mit ihrem Blog readbooksandfallinlove.com organisiert wird. Auf ihrem Blog gibt es die Links zu den anderen Teilnehmern mit einem ganzen Füllhorn schöner Texte!