Erbsensuppe

Erbsensuppe

„Ganz schön heiß heute, was?“ Der Kioskbesitzer zog seine alte Schirmmütze vom Kopf und wischte sich mit einem zerknitterten Stofftuch den Schweiß von der Stirn. „Soll ja heute noch Sturm geben. Vielleicht regnet´s mal. Wär ja schön. Meine Blumen könnten ´n bißchen Feuchtigkeit gut gebrauchen.“ Er nickte in Richtung zweier runder Betonkreise vor seinem Kiosk, die mit roten Geranien bepflanzt waren und ähnlich zerrupft aussahen wie er. Mit einem leisen ‚plopp‘ stülpte er die Schirmmütze zurück auf seine spärlichen Haare.
Jolanka nickte abwesend und nahm einen Löffel Erbsensuppe. Geranien konnte sie nicht ausstehen.
„Machense gerade Feierabend? Ganz schön spät, was?“
„Jeder so, wie er kann.“
„Ja, is schon klar. Ich frag ja auch nur. Is manchmal´n bißchen langweilig hier, wissense?“
„Langweilig? Hier kommen doch ständig Leute vorbei und kaufen was, oder?“
„Schon. Aber die reden nich. Keiner hat Zeit. Und die, die Zeit haben, sind meistens schon ziemlich besoffen, wennse hier auftauchen. Oder werden es dann ziemlich schnell.“ Er seufzte. „Manchmal komm ich mir vor wie so´n Dealer, wissense, ich sollte all das Zeug hier echt nich verkaufen. Aber ohne geht auch nich. Dann ist der Umsatz mies. Ißt ja nicht jeder ´ne Erbsensuppe wie Sie.“
„Die ist übrigens gut.“ Zu ihrer eigenen Überraschung musste Jolanka nicht mal lügen. Die Suppe war wirklich gut.
„Ist´n Rezept von meiner Mama, Gott hab sie selig. Koch ich jeden Morgen frisch. Eigentlich ja nur für meine Stammkunden, aber Sie haben so verhungert ausgesehen…“ Er blickte mißbilligend auf ihre dünnen Beine.
Jolanka lächelte widerstrebend. „Nur für Ihre Stammkunden? Wirklich?“
„Ach, wissense, die Jungs hab´n doch sonst nichts. Nur mich und den Kiosk. Das ist nich viel, selbst wenn man die Geranien dazurechnet. `N bißchen Bier in bezahlter Gesellschaft…“ Er verstummte kurz und betrachtete die Regale, in denen Dosen und Flaschen standen. „Und irgendwann dachte ich, dann können wir´s uns doch auch ´n bißchen nett machen. Erbsensuppe kann ich, meine Gäste haben ´n billiges Mittagessen und ich Gesellschaft.“ Er beugte sich nach vorn über den Tresen, sah nach links und rechts und flüsterte:“ Wissense, ich darf die ja eigentlich gar nicht verkaufen, hab keine Lizenz dafür und so, aber wenn´s keiner verrät, ist es doch gar nicht passiert, oder?“ Er lächelte ihr verschwörerisch zu.
Jolanka ließ den Löffel in die leere Plastikschale fallen. Der heiße Wind drückte die Geranien in die Betonkreise und wirbelte Staub auf. „Stimmt. Schönen Abend noch.“
„Gleichfalls! Machenses gut!“
Sie spürte seinen Blick im Rücken, als sie zum Auto ging. Ihr Entschluß stand. Ihr Auftraggeber würde sich einen anderen Privatdetektiv für seine Beweissuche gegen den Kioskbesitzer suchen müssen. Wenn es nach ihr ging, würde die Erbsensuppe bleiben. Sie war wirklich gut.

Ein britisches Frühstück

Sir Robert blätterte in seiner Zeitung und versuchte, sich auf die Cricketergebnisse zu konzentrieren. Das war nicht einfach, denn auf der anderen Seite des Frühstückstisches saß seine schlecht gelaunte Frau und hatte nicht die Absicht, ihn in Ruhe zu lassen. Die Sonne schien durch die hohen Bleiglasfenster des Wintergartens direkt auf sein Frühstücksei, das bereits geköpft in seinem silbernen Halter steckte. Während er die Net-Run-Rate seiner Lieblings-Cricketmannschaft studierte, streckte er geistesabwesend die Hand nach dem Salz aus, wurde aber jäh unterbrochen.
„Robert! Du weißt doch, dass du das jodhaltige Salz nehmen sollst! Dr. Smith hat extra gesagt, wenn du deinen Haarausfall noch irgendwie stoppen willst, sollst du Jod essen! Wann lernst du es endlich!“ Seine Frau starrte ihn gereizt an, ihre Hand drückte seine auf das gestärkte Tischtuch. Unangenehm berührt zog er seine Hand weg und griff nach dem anderen Salzbehälter.
„Siehst du! Es geht doch!“ Seine Frau schnaubte und griff nach einem Toast.
Sir Robert seufzte innerlich. Diese Heirat war der Fehler seines Lebens gewesen. Seine Frau hatte alle Bereiche seines Daseins unter ihre Kontrolle gebracht und sein Konto gleich mit. Es gab nichts, das sie nicht entschied: Was sie aßen, wohin sie in Urlaub fuhren, wie das Herrenhaus geführt wurde, das eigentlich sein Erbe gewesen war. Als letzten Rückzugsort hatte er nur noch sein Gewächshaus, das sich fast unsichtbar hinter einer Hecke verbarg. Seine Frau hatte eine einzige Schwäche: Sie war allergisch gegen Erdnüsse und hatte sie weiträumig aus ihrem Leben verbannt.
Sir Robert nahm einen Schluck Tee und warf einen vorsichtigen Blick über die Zeitung. Seine Frau bestrich ihren Toast mit der Haselnußcreme, die sie jeden Morgen aß. Sie bemerkte nicht, dass er sie gefälscht hatte, mit gemahlenen, selbst angepflanzten Erdnüssen aus seinem geliebten Gewächshaus.
Und so würde letztendlich doch noch alles zu einem guten Ende gelangen.

Das war ein Beitrag zu den Etüden mit dreihundert (hart umkämpften) Worten. Sie werden organisiert von Christiane (vielen Dank, das ist eine ganz schön aufwendige Sache, die du da für uns machst!), die Wortspende kam dieses Mal von fraggle und bestand aus den Wörtern Gewächshaus, jodhaltig, fälschen und hat eine Menge Leute zu höchst kriminellen Texten inspiriert! 🙂