Der weiße Faden

Als ich morgens aufwache, liegt ein weißer Faden am Fuß des Bettes. Ich behalte ihn im Auge, während ich mich anziehe. Draußen ist es dunkel. Ich stecke zwei Mandarinen ein, nehme den Faden auf und folge ihm. Er führt in meine Schreibhefte und zieht mich hinter sich her. Ich werde zu Buchstaben, es piekst und kitzelt, dann bin ich hinter den Seiten.
Es ist dunkel, nur ein paar Fenster leuchten. Ich gucke in eins hinein und da schläft Herr Miesling. Er schnarcht leise, sein Engel liegt wach und unentspannt neben ihm. Als er mich sieht, winkt er und lächelt. Ich lächle zurück. Hinter dem nächsten Fenster läuft mein Schweinehund auf und ab und diskutiert mit mir. Oder ist es mein Spiegelbild? Ich klopfe ans Fenster. Mein zweites Ich sieht auf und lacht, mein Schweinehund wirft mir eine Kusshand zu.
Der Faden leuchtet weiß in der Dunkelheit, ich lasse ihn über meine Buchstabenfinger gleiten. Aus der Finsternis kommt der Goldfisch geschwommen und fragt, ob ich wüsste, wo der Weg sei? Er hätte sich verirrt. Ich deute vage mit einer Hand irgendwohin, der Goldfisch bedankt sich und schwimmt davon.
Der Faden führt mich durch ein Labyrinth von Gedichtzeilen, vorbei an der Halde der verworfenen und unvollendeten Geschichten. Sie leuchten grünblau und schweigen vorwurfsvoll. Ich komme an ein weiteres, erleuchtetes Fenster. Wellenbrink und Gnorm sitzen am Küchentisch, trinken schwarzen, süßen Kaffee und Likör. Sie sehen mich nicht.
Der Faden zieht mich weiter. Aus der Dunkelheit schält sich ein Cafétisch mit zwei zierlichen Eisenstühlen. Auf einem von ihnen sitzt Fräulein Honigohr. „Da bist du ja“, sagt sie, „ich warte schon endlos. Du hast zwei Mandarinen. Gibst du mir eine ab?“
Ich nicke, dann sitzen wir auf den Stühlen und schälen unsere Mandarinen.
„Und nun?“ fragt sie.
Ich zucke mit den Achseln.
„Herr Riebesiel ist da hinten auch noch irgendwo“, sagt sie. „Und Lucius. Janne auch. Du weißt doch wohl, was du zu tun hast, oder? Das Wasserschwein wartet seit letztem Jahr. Du kannst uns nicht im Stich lassen!“
Ich esse meine Mandarinenschnitze einen nach dem anderen. Fräulein Honigohr verschränkt die Arme. Sie guckt streng. Der Faden leuchtet weiß in der Dunkelheit und kringelt sich wie Seetang in der Strömung. Dann nicke ich langsam.
Fräulein Honigohr lehnt sich zurück. „Sehr schön“, sagt sie und schnippt mit den Fingern. Der Faden wickelt sich um meine Hand und zieht mich nach vorn, Neun stürzt an mir vorbei, ein paar Engel flattern aufgescheucht durch die Dunkelheit, dann finde ich mich in meinem Bett wieder.
Was für ein Traum! Ich reibe mir über die Augen. Oh! denke ich und schnuppere an meinen Fingern. Sie duften nach Mandarinen.

Der Blutweiderich und der Goldfisch

(Auf mehrfachen Wunsch hin. 🙂 )

Der heftige Regenguß hatte den lehmigen Uferrand des kleinen Tümpels gerade so weit aufgeweicht, wie der Blutweiderich es mochte. Zufrieden schmatzte er mit seinen Wurzeln im Morast und dehnte und streckte seine zahllosen Füße in alle Richtungen, schüttelte seine lange, lila Mähne und wollte gerade anfangen, die letzten Sonnenstrahlen zum Abendbrot zu trinken, als er ein leises Gejammere hörte.
„Huuuuu… huuu… !“
Der Blutweiderich drehte seine lila Blütenblätter in alle Richtungen.
„Huhuuuuu!“
Das kam von oben! Direkt aus dem Baum! Der Blutweiderich zögerte. Entweder, er sah nach, was das war oder er würde neugierig in die Nacht gehen, und wenn es eines gab, das er nicht ausstehen konnte, dann war das ungestillte Neugier. Wie gern hätte er jetzt das Stimmorgan der Weinbergschnecke gehabt, die so laut wie die Nachtigall singen konnte (nur drei Oktaven tiefer)! Aber da hatte der Große da oben ihn wohl irgendwie übersehen.
Vorsichtig, aber bestimmt zog er also seine zahllosen Füße aus dem schönen, kühlen Schlamm und machte sich an den Aufstieg. Er musste gar nicht weit am Stamm der Weide emporklettern, da sah er schon, wer da so jämmerlich schluchzte. Ein sehr kleiner Goldfisch war es, der in einem fast noch kleineren mit Wasser gefüllten Astloch festsaß.
„Huuuu!“, jammerte er und schlug ab und zu mit der Schwanzflosse, aber nur sehr vorsichtig, damit er ja kein Wasser aus dem Astloch verlor.
„Na, da hast du dir ja was schönes eingebrockt“, sagte der Blutweiderich und krallte all seine Zehen fester in die Baumrinde. Der Goldfisch erschrak, aber nur vorsichtig, damit ihm ja kein Wasser verloren ging.
„Du bist der Blutweiderich!“, rief er überrascht. „Kannst du mir helfen? Ich sitze hier fest!“
„Ja, du Schlaufisch, das sehe ich. Wie hast du das angestellt? So hoch hinauf kann doch kein Fisch springen!“
„Doch, ich schon!“, rief der Goldfisch und warf sich in die Brust, dass seine goldenen Schuppen in der Abendsonne glänzten. „Aber jetzt traue ich mich nicht mehr runter…“ Seine Stimme näherte sich wieder verdächtig dem „Huhuu“-Tonfall an. „Was, wenn ich daneben springe? Was, wenn ich es nicht schaffe??“
„Tja, das wäre wohl ziemlich, äh, trocken“, sagte der Blutweiderich und kicherte. Dann wurde er ernst. „Lass mich kurz überlegen“, sagte er zum Goldfisch und überlegte kurz. „Ich hab´s!“ rief er dann. „Warte, ich komme gleich zurück.“
„Oh-keee…“, schluchzte der Goldfisch und schlug mit der Schwanzflosse, aber ganz vorsichtig, damit er ja kein Wasser verspritzte.
Der Blutweiderich machte sich an den Abstieg. Unten angekommen grub er sofort einige seiner zahllosen Füße ins Erdreich und gab das vereinbarte Klopfzeichen. Nichts. Ungeduldig wiederholte er das Klopfen und wartete. Nichts. Wo trieb er sich denn um Himmelswillen herum, wenn man ihn brauchte? Ärgerlich stampfte er mit allen Füßen gleichzeitig auf, dass die Erdklümpchen in alle Richtungen flogen. Unter ihm grollte der Boden, warf ihn mit einem gewaltigen Schwung zur Seite und formte einen mächtigen Hügel aus dunkler Erde, aus dessen Spitze der Maulwurf sein sandiges, pelziges Haupt in die Luft reckte.
„Was denn?“ grollte er, „du weißt doch, dass ich es hasse, beim Essen gehetzt zu werden!“ Und anklagend hielt er den Rest eines fetten Regenwurms hoch.
„Ja, ich weiß, aber wir haben hier einen Notfall, und wir brauchen dich! Da oben, im Baum, da sitzt ein Goldfisch fest und ihm geht das Wasser aus!“ Erwartungsvoll sah der Blutweiderich den Maulwurf an.
„Tja, das ist bedauerlich“, antwortete der und biß schmatzend ein großes Stück vom Regenwurm ab. „Und was soll ich da tun? Den Baum hochklettern?“ Er lachte schallend mit vollem Mund, was kein schöner Anblick war.
Der Blutweiderich rollte mit allen Blütenblättern, die er hatte. „Das ist doch sonnenklar! Du gräbst einen Tunnel bis zum Tümpel, durchbrichst die Tunnelwand, der Tunnel füllt sich mit Wasser, du springst raus, der Goldfisch springt in den Tunnel und schwimmt zum Tümpel. Fertig!“
Dem Maulwurf blieb das letzte Stück Regenwurm im Rachen stecken, er hustete heftig, schlug sich mit seinen Schaufeln auf die Brust und als er wieder atmen konnte, blickte er den Blutweiderich anklagend an. „Woher hast du bloß immer solche Ideen! Du weißt doch genau, wie ich es hasse, Wasser auf meinen Pelz zu bekommen!“ Er blinzelte und schüttelte den Kopf. „Aber da ist wohl nichts zu machen, oder?“
Und natürlich hatte er Recht, da war nichts zu machen, und es wurde alles genau so erledigt, wie der Blutweiderich es anordnete. Nach vielem guten Zureden wagte der Goldfisch schließlich zitternd den Sprung, landete in der weichen Erde des Maulwurfshügels, bekam vom Maulwurf einen Schubs, der ihn ins Wasser beförderte, wühlte sich dann jammernd und hustend durch den modrigen Schlammtunnel und tauchte spuckend und würgend, aber glücklich im Tümpel wieder auf.
Der Blutweiderich war zufrieden, und nach vielerlei gegenseitigem Dank, Schulterklopfen und den Jubelrufen des Goldfischs machte der Maulwurf sich mit nassem Fell davon, um sein so jäh unterbrochenes Abendessen fortzusetzen, nicht ohne vom Blutweiderich auf einige besonders ertragreiche Regenwurmansiedlungen hingewiesen worden zu sein. Schließlich hatte er seine zahllosen Füße nicht umsonst überall.
Der Blutweiderich sah dem Maulwurf hinterher, bewunderte die heute besonders regelmässige Form seiner Hügel und grub schließlich mit einem zufriedenen Ächzen all seine Zehen zurück in den morastigen Uferschlamm. Was für ein Abenteuer! Und wie grandios er dieses Problem gelöst hatte! Er versank in tiefe Bewunderung für sich, aus der ihn ein kleines Stimmchen riss. Es war der Goldfisch.
„Du, Blutweiderich?“ flüsterte er vorsichtig aus dem Tümpel.
„Was ist denn noch?“, antwortete der ein wenig gereizt.
„Ja, ähm, weißt du… hier im Wasser, da liegt ein großes Stück Draht…“
„Ja, und?“
„Ich hänge fest“, schluchzte der Goldfisch.
Der Blutweiderich seufzte.