Was wartet im Garten?

Im Garten wartet die Schönheit. Immer. Egal, was es für ein Garten ist. Manchmal besteht sie aus kitschigen Wassertropfen auf weißen Rosenblättern, manchmal aus den zerrupften Wühlmäusen in den Brennnesseln. Oder sie webt im Wind ihr Netz. Manchmal wirft sie dir grüne Eicheln vor die Füße.
Sie ist eng mit der Versuchung befreundet. Eigentlich ist die Versuchung rot, aber du siehst sie nie, kurz bevor du hinsiehst, ist sie weg, und du hörst nur noch die rauschende Schleppe, die sich von dir weg bewegt. Trotzdem ist sie rot, du bist dir so gut wie sicher.
Die Schönheit bringt Schönes hervor: Viel Gelächter an Küchentischen. Wolken. Nasses Gras an nackten Füßen. Seerosen. Soviel Obst in leuchtenden Farben, dass die Vögel und Wespen mitessen dürfen. Einen Garten. Zwiebeln.
Überhaupt. So viele Farben überall, und zwischendrin meine Gedanken von ganz hell und durchsichtig bis dunkelgrau und stürmisch. Es gibt Momente, da fliegen sie wie Drachen am Himmel, aber manchmal verstecken sie sich auch im Tümpel unter den Seerosen.
Das Paradies ist ein Garten. Ich gehe meine Wege und alle führen darauf zu. Und wenn ich mich verirre oder vom Weg abkomme (das passiert von Zeit zu Zeit), dann habe ich es ganz klein in der Tasche, denn man kann es zusammenfalten und mitnehmen: In einem Buch, einer Tasse Tee oder in einem Gesicht. Ich weiß nicht viel. Aber das habe ich gelernt: Das Paradies ist ein Garten.

Gartenfragmente

Gartenfragmente

  1. Es ist hochgradig erstaunlich, wie wenig Lust ich verspüre, etwas über den Garten zu schreiben.
  2. Noch erstaunlicher, dass ich es trotzdem tue.
  3. Es ist kühl und nass nach dem Regen am Morgen, und plötzlich wird mir bewusst, dass der Garten mich viel weniger braucht als ich ihn.
  4. Die Farbe Rosa ist lauwarm und unentschieden. Sie weiß nicht, was sie will: Rot sein oder weiß? Und so bleibt sie in der Mitte stecken. Trotzdem: Der rosa Oleander ist hübsch.
  5. Bei im Sommer abgefallenen Laub bin ich mir nie ganz sicher: Lebenszweck erfüllt oder verfehlt?
  6. Ich weiß die Wärme der Sonne immer erst dann zu schätzen, wenn mir vorher sehr kalt war.
  7. Wenn die Sonne auf geschlossene Augenlider scheint, kann ich die innere Farbe meiner Lider sehen: Ein sagenhaftes Rot-Orange.
  8. Ob die Ameise, die gerade das Innere meiner Hand und dann meinen Daumen auskundschaftet, auch nur die leiseste Ahnung hat, welches Risiko sie gerade eingeht? Eine Weile spiele ich mit ihr wie ein übermächtiger Gott (Göttin?), indem ich das Labyrinth meiner Finger immer wieder verändere, dann komme ich mir schäbig vor und puste sie in die Luft.
  9. Das Schweigen des Gartens ist endlos.
  10. Es gibt unendliche Formen des Lebens außerhalb des menschlichen, aber keines davon erscheint mir so erstrebenswert wie unseres.
  11. Gespräche sind wunderbar. Gartengeräusche sind sehr anders. Sehr beruhigend, aber sehr anders. Anders.
  12. Das Beobachten von Wolkenformationen im Flug ist das Netflix des Paradieses.
  13. Obwohl ich nicht die leiseste Ahnung von Gartenpflege habe, fühle ich mich im Grün immer zuhause. Sagt das etwas über mich aus?
  14. Manchmal muss man aufhören zu philosophieren und einfach nur dasein. Dankbar sein.

Das hier war der Vorläufer des Gedichtes/Rondells vom Dienstag. In der Regel tauchen die Vorläufer für Gedichte bei mir nie wieder irgendwo auf, aber dieses Mal gefielen mir die Vorläufer besser als das fertige Gedicht. Vielleicht, weil das Gefühl beim Schreiben so unglaublich war – alles hat gepasst. Als ob die Zeit kurz angehalten hätte. Eine goldene Stunde.