Dein Schweinehund und die Fee

Du sitzt an deinem Schreibtisch und schreibst vor dich hin, dein Schweinehund liegt neben dir und schnarcht leise. Es ist still und friedlich. Plötzlich verstummt das Schnarchen, du hörst ein Schmatzen, dann ist es wieder still. Du wunderst dich. Normalerweise läuft das anders. Wenn dein Schweinehund wach wird, ist es vorbei mit der Ruhe. Du guckst nach unten. Dein Schweinehund sitzt da und starrt ein Loch in die Luft.
„Was ist los? Hast du schlecht geträumt?“ Er antwortet nicht. „Hallo? Jemand zu Hause?“ versuchst du es nochmal. Seltsam. Wenn du es nicht besser wüsstest, würdest du sagen, er sieht ein bisschen entrückt aus.
Dann schüttelt er den Kopf und guckt dich an. „Hör mal“, sagt er, immer noch mit diesem seltsamen Ausdruck im Gesicht, „glaubst du eigentlich an Feen?“ In der rechten Pfote dreht er ein rosa Pralinenpapier zu einer kleinen, glänzenden Plastikwurst zusammen.
„Äh… was?“
„Feen. Du weisst schon, diese kleinen Dinger mit Flügeln und so.“
Jetzt bist du besorgt. Vielleicht hat er die Grippe oder Fieber oder so etwas. „Äh… also… du meinst diese Wesen aus Kinderbüchern? Naja… im metaphorischen Sinn vielleicht schon…“
„Neinnein, nicht im metaphorischen Sinn, ganz real meine ich.“ Ungeduldig sieht er dich an.
„Wenn du mich so direkt fragst: Nein. Tue ich nicht.“ Entschlossen verschränkst du die Arme. Direkte Fragen erfordern direkte Antworten. Vielleicht hat er zuviele deiner etwas seltsameren Bücher gelesen? Du wolltest schon längst mal die Regale aussortieren.
„Dachte ich mir“, murmelt dein Schweinehund, „war ja nicht anders zu erwarten.“
„Wieso?“ fragst du spitz.
„Du bist einfach zu einfallslos, deswegen. Aber das ist jetzt auch egal, hör zu, ich muss dir von meinem Traum erzählen.“
Du rollst innerlich mit den Augen. Gibt es etwas langweiligeres als endlose Erzählungen über anderer Leute Träume? Vielleicht noch ein Puzzle mit eintausend Teilen in schneeweiß.
Dein Schweinehund guckt feierlich und legt los. „Ich habe geträumt, ich wäre in der Stadt auf dem Weg zum Dönerladen, und da höre ich in einer Seitenstraße etwas in den Mülltonnen rascheln. Das könnte ja alles mögliche sein, also bin ich hin und hab nachgeguckt…“
„Nachgeguckt!“ grätscht du dazwischen, „du wolltest Dönerreste jagen, gib´s zu!“
„… nachgeguckt, was das ist. Ich hebe den Deckel von der Mülltonne und da fliegt mir so ein kleines Ding mitten ins Gesicht.“
Du grinst. „Eine Fee, was?“
Dein Schweinehund guckt dich erstaunt an. „Woher weisst du das? Egal. Auf jeden Fall hab ich jetzt eine Fee auf der Nase sitzen, und soll ich dir was sagen? Anstelle von echten Flügeln hat sie so rosafarbenes Pralinenpapier an der Stelle klemmen.“ Er betrachtet die Pralinenpapierwurst in seiner Pfote. „Sie raunzt mich an, mit einer Stimme wie diese Schauspielerin aus diesem Krimi, den du immer guckst, diese Staatsanwältin aus Münster, wie heißt sie noch?“
„Wilhelmine Klemm?“
„Richtig. Genauso. Sie meckert mich also an, jaja, sie wäre eine Fee, ich bräuchte gar nicht so blöd zu gucken, und wenn ich auch nur ein Wort über ihre Flügel verlieren würde, könne sie für nichts garantieren, und, jaja, ich hätte ihr geholfen mit dem Mülltonnendeckel, und ich solle schnell machen mit den drei Wünschen, sie hätte heute noch anderes zu tun. Naja. Also hab ich mir halt was gewünscht.“ Er schielt zu dir hoch.
Du guckst misstrauisch. Diesen Ausdruck kennst du. „Und? Was hast du dir gewünscht?“
„Glänzendes Fell. Und guck: Es hat funktioniert!“ Er dreht sich hin und her, und du musst zugeben, er hat Recht – sein Fell glänzt wie frisch mit Ei gewaschen. Seltsam. Heute morgen beim Frühstück hast du noch gedacht, dass er ein Bad dringend notwendig hätte. Du guckst sein Fell an und dann die Pralinenpapierwurst in seiner Pfote. Ihr habt keine rosa Pralinen in der Wohnung. Langsam fragst du: „Und der zweite Wunsch?“
„Ein Dönerladen direkt an unserer Wohnung.“
Du siehst ihn an und er dich, dann rennt ihr beide zum nächsten Fenster. Du atmest tief ein. Auf der anderen Straßenseite steht „Achmed´s bester Döner“ über dem Laden, der seit Monaten leer steht. Genau genommen stand er bis gerade eben leer. Mit hohler Stimme fragst du: „Was war der letzte Wunsch?“
Dein Schweinehund senkt den Kopf und murmelt fast unverständlich: „Ich hab ihr neue Flügel gewünscht. Natürlich nur, wenn sie das will.“
„Du hast… neue Flügel?“ Dein Schweinehund nickt mit mikroskopisch kleinen Kopfbewegungen. Er sieht immer noch zu Boden, als ob es da ungeheuer interessante Dinge zu entdecken gäbe. Langsam breitet sich ein Grinsen in deinem Gesicht aus. „War sie hübsch?“
Dein Schweinehund blickt auf, sieht dich an und nickt. Seine Nase ist rot geworden. Seine Augen glänzen, seine Ohren zucken. Du bemühst dich, ernst zu bleiben. Verliebte soll man nicht auslachen.
„Hör mal“, fragt dein Schweinehund, „haben wir eigentlich was zu essen zuhause?“
„Hm, naja“, sagst du überrumpelt, „die Bratkartoffeln vom Mittagessen sind noch da, und Fischstäbchen haben wir auch noch. Wieso?“
„Och“, sagt dein Schweinehund und guckt schon wieder mit zuckenden Ohren zu Boden, „es könnte eventuell vielleicht sein, dass ich sie zum Abendessen eingeladen habe.“
„Zum Abendessen…“
„… und sie hat gesagt, wenn wir was Anständiges da haben, würde sie es sich überlegen.“ Dein Schweinehund blickt dich hoffnungsvoll an. „Fischstäbchen und Bratkartoffeln sind doch anständig, oder?“
Du nickst langsam. „Klar. Würde ich schon sagen. Wir können ja mal gucken, ob wir noch eine Tüte Karamellpudding haben.“
Dein Schweinehund strahlt. Du guckst an dir herunter. Vielleicht solltest du dich umziehen. Ihr habt ja schließlich nicht jeden Abend eine Fee mit einer Stimme wie Wilhelmine Klemm zu Besuch.