Sommerloch

Sommerloch

Die Wasserläufer zogen stur ihre Bahnen über die Wellen, hin und her, her und hin. Das Konzert direkt an der Wasserkante schien sie nicht im Mindesten zu interessieren, dabei war das Sommerloch dieses Jahr so tief und breit wie selten, und die Tatsache, dass das Konzertgelände sich direkt über dem Loch befand, war schon für sich allein eine Sensation. Wann hatte es das zuletzt gegeben? Die Sommerlöcher der vorherigen Jahre waren entweder mühevoll zugeschüttet worden, wurden einfach ignoriert oder mit einer Abdeckung und Dachbegrünung versehen und alle hofften, nie wieder daran erinnert werden zu müssen.
Dieses Jahr dagegen hatten die Lebensgeister beschlossen, das Loch zu nutzen. Unter der Konzertbühne befand sich ein Kletterpark, der weit hinab ging, und ganz unten auf der Lochsohle befand sich ein Sommerlochrestaurant, in dem Burger und Lochkäsevariationen serviert wurden. Weil die Lebensgeister immer ein wenig willkürlich handelten, wusste niemand, wie lange die Konzertbühne dort stehen würde, und so befand sich die halbe Stadtbevölkerung an diesem schönen Spätsommerabend vor der Bühne und feierte die Fliegenklatschen, die das Konzert ihres Lebens gaben. „He-ho, sowieso!“ gröhlte der Leadsänger, der seine langen Haare im Takt vor und zurück warf, und „HE-HO, SOWIESO!!!“ schrie das Publikum zurück. Über der brüllenden Menge flogen Möwen, die nach unvorsichtig hochgereckten Popcorntüten Ausschau hielten und sich dabei hin und wieder erleichterten, was entrüstete Schreie von unten nach sich zog. Die Möwen ignorierten die Schreie hochmütig, was sein musste, musste eben sein.
Langsam zogen Wolken auf, graublau und schwarzblau. Es wetterleuchtete, Blitze zuckten über die Wasserläufer, die immer noch ihre Bahnen zogen, dann setzte der Regen ein. Die Menge zog sich Regenponchos über, nicht umsonst war man hier an der Küste, die Bewohner waren schlimmeres gewohnt. Der Leadsänger gab alles, beim Schlusslied fing er an, auf und ab zu hüpfen und sein Publikum feuerte ihn begeistert an. Dann begann der erste Zuschauer mitzuhüpfen, sein Nachbar machte es ihm nach und innerhalb kürzester Zeit hüpfte das gesamte Publikum im Takt des Liedes, ihre Regenponchos knisterten dazu eine seltsame zweite Melodie.
Die Konzertbühne bebte und schwang, erste Erdbrocken fielen vom Rand abwärts, die Lebensgeister wandten schamhaft die Köpfe ab. Die Menge brüllte enthusiastisch auf und hüpfte stärker, der Leadsänger sang lauter, seine Band stampfte mit den Füßen und dann zerbrach die Bühne in zwei Teile und öffnete sich wie ein geheimer Tunnel in einem alten James Bond Film. Alles, alles sank leise und sanft ins Sommerloch hinab. Teile des Publikums sprangen hinterher und segelten wie Vögel an den Rändern des Lochs zu Boden.
Der Restaurantbetreiber seufzte schicksalsergeben, als er die vielen neuen Gäste auf sich zu fliegen sah, soviele Portionen Burger und Lochkäsevariationen hatte er nicht vorrätig, das würde eine Schlacht ums Essen geben, aber er war Küstenbewohner, er war schlimmeres gewohnt.
Die Möwen dagegen schrien enttäuscht auf, all ihre Popcornhoffnungen zerstoben, wie ein gutes Sommerloch es eben immer tut. Da war nichts zu machen. Zornig drehten sie ab und flogen über die Wasserläufer hinweg auf das offene Meer hinaus. Wenigstens das war verlässlich.
Genau wie die Wasserläufer, die immer noch stur ihre Bahnen über die Wellen zogen, hin und her und her und hin, und ihre Wanderstöcke platschten bei jedem ihrer Schritte leise auf.

Das war ein ausgeflippter Beitrag zum Etüdensommerpausenintermezzo 2021! Ich weiß auch nicht, was da in mich gefahren ist, ich habe einfach immer weiter aufgeschrieben, was mir einfiel, und das waren, äh, interessante Dinge. 😁
Vielen Dank an Christiane, die das alles organisiert und so schöne Worte aus dem Lostopf hat ziehen lassen. Hier gibt es Links zu mehr Texten von anderen Bloggern. Viel Freude daran!