Herr Miesling geht spazieren

Herr Miesling geht spazieren. Vor einem Schaufenster bleibt er stehen und guckt auf die Tapete mit orangebraunem Blumenmuster. Davor steht weißes Porzellan.
„Ach ja…“ sagt er leise.
Sein Engel guckt neugierig.
„Orange war ihre Lieblingsfarbe. So´n Geschirr hattn wir auch. Unsers war hübscher als das da.“ Er versenkt die Hände in den Jackentaschen. „Das muss so 1965 gewesen sein. Unsere erste eigene Wohnung. Ich dachte, mich könnt nichts erschüttern, echt jetzt, ist das nich´n Witz? Ich wollte die Welt sehn, sie nich. Ich fand Sachen lustich, über die sie sich geärgert hat. Die Wohnung war mir zu klein, für sie war sie die Welt. Naja. Ich bin dann zur See gefahrn, und irgendwann hat sie mir geschriebn, dass sie´n andern hat. Ich hab die Wohnung nie wieder gesehn. Und sie auch nich.“ Herr Miesling starrt versonnen in das Schaufenster. „Aber es war nich alles schlecht. Als wir tapeziert haben, is uns eine Bahn auf´n Kopp gefalln, bis wir klebrig wie ´ne Honigwabe warn.“ Herr Miesling lächelt. „Und wie sie mir über Kurzwelle ein Lied geschickt hat… der Käpt´n hat es über Lautsprecher auf´m ganzen Schiff abgespielt.“
Sein Engel zupft ihn am Ärmel.
„Welches Lied? La Paloma natürlich, von Freddy Quinn. Er war der Beste!“
Sein Engel hebt skeptisch eine Augenbraue. Herr Miesling übersieht das gnädig. Er wirft noch einen Blick in das orangebraune Schaufenster, dann geht er weiter. „Tja. Es is, wie es is. Ich hab ´ne Menge fremde Städte gesehn, um mit Freddy zu sprechen. Wer weiß, ob ich mit ihr glücklicher gewordn wär. Vielleicht würdn wir jetzt in so´ner kleinen Bude hocken und uns angiften. Es is, wie es is.“ Herr Miesling atmet tief ein. „Wolln´wa zum Blumenmarkt gehn?“
Sein Engel nickt.
„Vielleicht kauf ich´n paar orangene Tulpen, wegen der alten Zeiten. Was hältste davon?“
Sein Engel lächelt.

Das war ein Beitrag zu den abc-Etüden! Die Wörter für die Textwochen 03/04 des Schreibjahres 2021 stiftete Ulrike mit ihrem Blog Blaupause7. Sie lauteten Lautsprecher, orange (NICHT die Frucht, die Farbe) und erschüttern, und organisiert wurde das ganze wieder von Christiane und ihrem Blog Irgendwas ist immer. Vielen Dank, liebe Christiane, für die ganze Organisation!

für später

  • die unendlichen Vorbereitungen
  • unzählige Rückrufe und Erinnerungen
  • Maße. Hunderte.
  • ungezählte Rückfragen und Weiterleitungen
  • erstaunlich wenig Meetings
  • all die kleinen, unkomplizierten Dienstwege
  • die perfekt vorbereiteten Räume, ganz ohne mein Zutun
  • geniale Vorplanungen meines Kollegen
  • hunderte Wegweiser (in Farbe)
  • der Stau-Konvoi
  • das Lager bei 95 Prozent Luftfeuchtigkeit (gefühlt)
  • alles passt
  • die Umfunktionierung eines Raumes in ein Hochsicherheitsgefängnis
  • Packzeit
  • Männer, die ihr Handwerk können und das wissen
  • eine Woche ruhiger, konzentrierter Zusammenarbeit
  • wieder Vorplanungen
  • seltsame Träume von Dingen, die seltsame Wege gehen
  • insgesamt wenig Schlaf
  • eine ziemliche Menge Überstunden
  • experimentierfreudige, reiselustige Kollegen
  • Whatsapp
  • sehr viel Aufregung
  • Happy End
  • wie genial das alles war
  • was für ein Glückspilz ich bin

Entsorgungen

Als du deinen Biomüll zum Kompost bringst, hörst du ein Rumpeln aus der großen Tonne nebenan. Ein Waschbär? Eine Katze? denkst du und öffnest vorsichtig den Deckel der grauen Tonne. Bis zur Nasenspitze eingegraben pflügt dein Schweinehund durch deinen Müll. Als das Licht auf ihn fällt, guckt er kurz hoch, sagt: „Da bist du ja“, und pflügt weiter.
„Was machst du da?“ fragst du ihn.
„Ich bade in Erinnerungen. Guck mal hier“, er hebt einen grauen Fetzen hoch, „das war damals, als uns an diesem geselligen Abend niemand beachtet hat.“ Er wirft den Fetzen hinter sich und greift nach etwas hartem, schwarzen. „Herrje. Da hat uns keiner geglaubt. Weisst du noch? Wir wussten, dass es nicht gut gehen würde, aber niemand hat auf uns gehört.“ Vorsichtig legt er das harte, schwarze in die Ecke und taucht wieder ab. Mit einer Pfote piekst er einen spitzen Stab durch allerlei seltsame Dinge nach oben. Du hörst seine Stimme gedämpft von unten: „Hier! Daran hab ich schon lange nicht mehr gedacht! Da hast du erfahren, dass deine Freunde sich ohne uns getroffen haben! Das war echt hart, damals. Und hier“, er wühlt sich wieder nach oben und hält dir eine braune Schale entgegen, „das ist noch gar nicht so lange her, wir hatten keine Lust auszugehen, und hinterher haben die anderen erzählt, dass es ein schöner Abend war.“ Er wirft die leere Schale zwischen den anderen Müll und beginnt, ein braunes Netz aufzuknibbeln, das voller Buchstaben ist. „Meine Güte, soviele Erinnerungen…“ Er seufzt selig.
Du lehnst dich auf den Rand der Tonne. Die Sonne scheint dir ins Gesicht. „Willst du da noch lange drinbleiben?“
„Wieso?“ Er guckt hoch, etwas Graues zwischen seinen Ohren. Es sieht aus wie ein alter, zerknautschter Hut. „Stört´s dich? Mir war gerade so sentimental zumute, da dachte ich, ich krame ein bißchen in alten Erinnerungen.“
„Neinnein. Mach nur. Aber du hast nur noch eine Stunde Zeit, dann stelle ich die Tonne an die Straße. Morgen ist Müllabfuhr.“
„Was?“ Dein Schweinehund ist entsetzt. „Du willst das alles wegwerfen?“
Du nickst. „Was hast du denn gedacht? Du sitzt in einer Mülltonne.“
„Ja, aber, ja, aber“, stottert er, „das sind doch alles unsere Erinnerungen! Die kannst du doch nicht wegwerfen!“
„Ach, ich hab so viele Erinnerungen, da kommt´s auf eine mehr oder weniger nicht an. Pass ein bisschen auf, wenn du weiter sentimental schwelgst: Du sitzt in den ganzen scharfen, spitzen, ansteckenden Erinnerungen, nicht, dass du dir noch was einfängst.“
Dein Schweinehund betrachtet voller Wehmut das Netz mit den Buchstaben. „Kann ich nicht wenigstens ein paar wieder mit reinnehmen? Ich hänge so an ihnen. Guck mal, hier, das ist ein ganz altes Diktat, da hatten wir keine Lust zum Üben, und du hast „daine Füse sint groz“ geschrieben. Das war schön damals…“ Versonnen blickt er in die Ferne.
Du winkst ab. „Auf keinen Fall. Bleib gern noch drin. Aber nachher kommt die Tonne raus. Komplett.“
Und, mal ehrlich: Das wird auch Zeit.