für später

  • die unendlichen Vorbereitungen
  • unzählige Rückrufe und Erinnerungen
  • Maße. Hunderte.
  • ungezählte Rückfragen und Weiterleitungen
  • erstaunlich wenig Meetings
  • all die kleinen, unkomplizierten Dienstwege
  • die perfekt vorbereiteten Räume, ganz ohne mein Zutun
  • geniale Vorplanungen meines Kollegen
  • hunderte Wegweiser (in Farbe)
  • der Stau-Konvoi
  • das Lager bei 95 Prozent Luftfeuchtigkeit (gefühlt)
  • alles passt
  • die Umfunktionierung eines Raumes in ein Hochsicherheitsgefängnis
  • Packzeit
  • Männer, die ihr Handwerk können und das wissen
  • eine Woche ruhiger, konzentrierter Zusammenarbeit
  • wieder Vorplanungen
  • seltsame Träume von Dingen, die seltsame Wege gehen
  • insgesamt wenig Schlaf
  • eine ziemliche Menge Überstunden
  • experimentierfreudige, reiselustige Kollegen
  • Whatsapp
  • sehr viel Aufregung
  • Happy End
  • wie genial das alles war
  • was für ein Glückspilz ich bin

Wenn man nach Hause fährt

Wenn du nach Hause fährst, also richtig nach Hause, in das Kindheitszuhause, dann passiert etwas seltsames mit den Dingen. Je näher du kommst, desto mehr Licht bekommt alles, sogar die Rinnsteine der Bürgersteige haben plötzlich einen goldenen Glanz. Der uralte, verrostete Kaugummiapparat an der Außenwand des Gasthofs schimmert glänzend, vom Gasthof, in dem du deine erste Tanzstunde hattest, ganz zu schweigen. Alles, was schon immer da war, ist von diesem ganz besonderen, milden Schein umgeben, als ob der verkrümmte Baum an der Einfahrt oder das zerfallene Mäuerchen im Nachbarsgarten von innen heraus leuchten würden.

Manchmal meinst du sogar zu hören, dass die Dinge dir Sätze zuraunen, wie „schön, dich zu sehen“, oder „erinnerst du dich?“ Ja, du erinnerst dich. An wunderbare und weniger wunderbare Zeiten, und dann merkst du, wieviel Geschichte du selber schon in dir hast, und freust dich, denn selbstverständlich ist das nicht.

Und dann merkst du, dass es auch Menschen gibt, die diesen Glanz für dich haben. Sie tragen eine kleine, goldene Borte um sich herum, wann immer du sie siehst. Ob das immer so ist, wenn man das Glück hat, älter zu werden? Ob alles mit der Zeit mehr Tiefe, mehr Inhalt bekommt, vielschichtiger wird?

Natürlich kann es passieren, dass Dinge verschwinden und Menschen gehen. So ist das im Leben. Aber die Erinnerung daran, die kannst du im Herzen festhalten und bewahren. Du weißt, du solltest trotzdem immer mal wieder neue Dinge und neue Menschen in dein Herz lassen und ab und zu kräftig durchlüften. Sonst wird aus schöner Erinnerung irgendwann eine fest verschlossene, stickige Kassette, die niemandem nützt, auch dir nicht. Lass den Deckel der Kassette offen, damit der goldene Glanz hervordringen kann.

Das ist Lebenskunst.

Verlorene Orte

Der sinnlose, lustige Rundlauf um die stachelige Blautanne im alten Garten. Wenn man hinter der Tanne war, war man unsichtbar und auf allen Seiten von Tannengrün umgeben.

Der Weg zur Schule über den Trampelpfad quer durch die Wiese mit den langen, schlanken Halmen, die im vorübergehen ausgezupft und dem Wind übergeben wurden. Es war übrigens immer zu früh, egal, wann die Schule begann.

Die selbstgebaute Fußballtribüne auf der Wiese, erdacht und konstruiert von meinem damals spannendsten Spielgefährten. Acht Menschen hatten Platz auf ihr und konnten den fünf Spielern zujubeln, was wir bis spät in den Abend hinein getan haben.

Der blaue Swimmingpool meiner besten Freundin. Sensationell damals, so ein Teil im  Garten zu haben. Luxus pur. Mit Außendusche!!!

Der dunkle, duftende Kuhstall meiner Oma mit der fremdartigen Zuckerrübenhäckselmaschine (gutes Wort für das Galgenmännchenspiel), vor der immer ein Haufen sandiger, unförmiger Zuckerrüben lag. Ich durfte die Häcksel probieren, sie waren gar nicht übel. Die Kühe haben sie geliebt.

Das unheimliche, nicht mehr benutzte Plumpsklo im Stall hinten links. Ich habe mich nie getraut, mal hineinzugucken, meine Mutter hatte zuviele Schauergeschichten darüber erzählt.

Mit dem Fahrrad zum  Wasserrückhaltebecken und dem schön unheimlichen, dunkelgrünen Geisterweg, in dem es angeblich Skelette geben sollte, wo, wußte niemand, aber keine Frage, sie waren da! Die Erwachsenen behaupteten, das wäre alles Quatsch, aber ganz geheuer war der Weg ihnen auch nicht. Im Sommer hingen grüne, meterlange belaubte Luftwurzeln von den dichten Laubwänden herunter. Es war herrlich.

Die alte Schulbibliothek mit dem unebenen Steinfußboden. Die Ausleihen wurden auf Karten notiert, es gab Enid Blyton- und Perry Rhodan-Bücher, und zwar alle, die auf dem Markt waren. Außerdem gab es Frau P., deren freiwillige Aushilfe ich war, nachdem die Bücher mich gekidnappt hatten.

Der kleine Lebensmittelladen, der erst schloss, als die kleine, alte, gebeugte, sture Inhaberin starb. Bis zuletzt verkaufte sie Bananen und Mehl, Shampoo und Haferflocken.

Hinter der Mauer der geheimnisvolle, dichte, verwachsene Park, der nicht betreten werden durfte, dahinter der Fluß, auf dem viel früher echte Lastkähne gefahren sein sollten! Unvorstellbar für mich, aber spannend.

Unser sommerheißes Büro direkt unter Dach. Barfußlaufen auf Büroteppich von vor dreißig Jahren, schmelzender Teerbelag auf dem nicht begehbaren Balkon neben meinem Schreibtisch. Piepsende Modems und telefonierende Kolleginnen. Die minzgrüne Kantine mit dem cholerischen, aber sehr gut kochenden Koch.

Meine erste eigene Wohnung, zu klein, zu laut, zu warm, ohne Balkon, aber mit sonnengelbem Teppichboden, den ich nie bereut habe.

Die alten Wohnungen meiner Freundinnnen, in denen ich fast auch zuhause war. Küchen, in denen wir gemeinsam den Geburtstagsabwasch erledigt und endlose Gespräche geführt haben.

Alle Zeltlager. Die Zelte! Bundeswehrzelte mit Plane als Boden, täglich auf- und abgebaut. Die Lagerküche, die vor der Benutzung erstmal gründlich geputzt werden musste. Der durchdringende Duft nach warmem Gras, Sommer und Freiheit.

Der alte, jetzt abgerissene Gasthof, der erst rosa und dann so schön gelb gestrichen war, und in dem mein gruseliger Tanzkurz und die Silberhochzeit meiner Eltern stattfand. Der kühle, dunkle Flur mit dem Terrazzosteinfußboden und der verheißungsvollen Eistruhe darin. Der Kaugummiautomat an der Hauswand, an dem man auch karamellisierte Erdnüsse für dreissig Pfennig ziehen konnte.

Verlorene Orte, nur ein paar davon. Sehr geliebt. Die Erinnerung bleibt. Man muss sie nur wachhalten.

Wenn einer eine Reise tut…

… dann holt ihn manchmal die Vergangenheit ein.

Heute bin ich zum ersten Mal seit acht Jahren wieder mit einer Fähre gefahren, von Cuxhaven nach Brunsbüttel. Eigentlich ja ein Witz von Fährüberfahrt, eine Stunde und fünfzehn Minuten, das Land verschwindet niemals dramatisch am Horizont, nein, der grüne Saum begleitet das Schiff während der ganzen Fahrt.

Und trotzdem: Die Geräusche, das Alarmsignal, wenn der Bug der RoRo-Fähre sich nach unten senkt, das Schwappen der Wellen gegen die Bordwände und der Geruch nach verbranntem Diesel – genau wie damals. Sofort ist alles wieder da, das Gefühl von: „Das ist mein Schiff!“, und dieser kleine Stolz, wenn alles reibungslos klappt, die Abfahrt pünktlich, die PKW-Einweiser rauhbeinig, aber kompetent sind, wenn die Sonne kurz durch die Wolkendecke guckt – alles meins. Früher war noch die Gewissheit dabei, dass ich eine Vielzahl der Fahrzeuge und Kabinen an Bord für die Passagiere gebucht hatte und verantwortlich für jede Menge Urlaubsglück, aber auch Urlaubsweh war. An Bord landete ich wie heute irgendwann immer mit den Ellenbogen auf der Reeling, den Blick abwechselnd aufs Meer und die Passagiere gerichtet, immer auf der Suche nach Deutschen, die vermutlich über unser Büro gebucht wurden.

Vom Schiff aus ist es nur ein kleiner gedanklicher Schwimmzug und schon bin ich in meinem alten Büro, Großraum, alle Fenster auf die laute vierspurige Straße hinaus. Selbstverständlich ein Raucherbüro mit verdrecktem Teppichboden in dunkelgrau, alten Stahlschränken und einem Sammelsurium aus Schreibtischen und Büromöbeln, die in der übrigen Firma keiner mehr haben wollte. Aus diesen unmöglichen Räumen heraus haben wir für zigtausende Menschen Träume wahrgemacht, Norwegen, Schweden, Irland, Großbritannien und Tunesien, wir haben geplant, organisiert, Wartelisten geführt, doch noch den Platz mit Stromanschluss für den Kühlanhänger ergattert, die Kabine gefunden, ohne die die Überfahrt nicht möglich gewesen wäre. Wir haben bei den Reedereien um den Erlass von Stornogebühren gebettelt und hatten oft, aber nicht immer Erfolg. Es gab Stammkunden, die uns norwegische Schokolade schickten. Einmal fanden wir einen frisch geangelten und geräucherten Lachs in einem Paket.

Ein Wochenende im Sommer verbrachte ich mit einem norwegischen Programmiererteam im Büro, als das erste Buchungssystem am PC eingerichtet wurde. Wir gingen einmal am Tag online und übermittelten die gebuchten Daten, weil alles andere viel zu teuer gewesen wäre. Wir liefen barfuß oder auf Socken und bestellten Pizza, weil man das in Norwegen so macht.

Ich ließ mich von meinem Chef anbrüllen, brüllte zurück und musste mich entschuldigen. Unser Kühlschrank und die Mikrowelle standen zusammen mit den Servern und einem alten Telex im Faxraum, in dem wir über vier verschiedene Faxgeräte mit der Welt kommunizierten. Im Sommer war es stickig warm, im Winter verraucht und stickig warm.

Es war eine großartige Zeit. Alles war neu und noch ohne Routine, ich konnte mich ausprobieren, da noch niemand wusste, wie es lief. Später änderten sich die Dinge, aber so ist das: Alles ändert sich. Bis dahin aber war es meine glücklichste Zeit im Arbeitsleben, und alles das kam zurück, als die kleine Elbfähre sich an den Anleger schob und PKW und Wohnmobile ausspuckte.

Straßen werden überbewertet. Man sollte viel öfter die Fähre nehmen.