Marktplatzeis

Marktplatzeis

Ich esse ein Eis auf dem Marktplatz. Der Eisverkäufer ist genervt, Corona verdirbt ihm das Geschäft, und dazu der ewige Regen! Ach, der Regen.
Im Halbdunkel der großen Schirme hockt eine zerknitterte Frau und wirft böse Blicke um sich. Sie äfft ein Kleinkind nach, das überrascht kurz verstummt. Die Frau grinst triumphierend. Ich esse mein Eis und versuche nicht aufzufallen. Vergeblich. Als ich zwei kleinen weißen Handtaschenhunden hinterherblicke, lacht die Frau einmal kurz auf, dann fragt sie spöttisch: „Mögen Sie die etwa? Zu meinen Lebzeiten hatte ich drei 160kg Hunde, das waren Hunde, sag ich Ihnen!“
Ich lächle höflich, aber sie lässt mich nicht vom Haken. „Immer hungrig, das waren sie, aber gut erzogen!“
Tapfer nehme ich die Konversation auf. „Da wäre so ein kleiner wohl ein netter Imbiß gewesen, was?“
Die Frau lacht meckernd wie eine Ziege. Ich zucke zusammen. Eine Frau mit Eis in der Hand sucht hastig das Weite, nachdem sie sich fast an einen der Tische gesetzt hätte.
„Gucken Sie mal dahinten, die alten Frauen da, keine Arbeit, keinen Mann, zuviel Zeit. Und was machen sie mit der Zeit? Blumentöpfe hin und her schieben!“ Sie zuckt abschätzig mit den Schultern.
Ich gucke auf den Marktplatz. Da stehen tatsächlich ein paar Frauen zwischen sehr vielen Blumentöpfen und gestikulieren aufgeregt. Eigentlich sieht es ganz nett aus.
„Zu meinen Lebzeiten gab´s sowas ja nicht. So ein unnützer Kram. Haben die nichts besseres zu tun?“ Die Frau schnauft abfällig.
Ok. Jetzt muss ich nachfragen. „Zu Ihren Lebzeiten?“
„Ja mei, Sie wollen´s aber genau wissen!“
Ich schwanke kurz zwischen Nicken und Kopfschütteln, aber bevor ich mich entschieden habe, spricht die Frau schon weiter.
„Ich bin ja eigentlich gar nicht mehr da, wissen Sie. Und ich wäre auch lieber nicht hier, das können Sie glauben! So ein Getue überall! Aber der da oben wollte es anders. Und so bin ich halt hier der Engel. Was soll´s.“
Ich gucke stumm.
„Doch, glauben Sie´s! Nicht so einer im Nachthemd und katzenfreundlich, nene, ich hab Spezialaufgaben!“ Das letzte Wort betont sie überdeutlich.
„Aha?“ Ich überlege, wie ich möglichst schnell hier wegkomme.
„Ich vergraule Gäste!“ Sie kichert und ich muss wieder an Ziegen denken. „Der Luigi hier zum Beispiel, der darf keine Gäste ohne Test hier sitzen haben, aber er hält sich nicht dran. Er soll seinen Laden aber behalten, verstehen Sie? Und da mache ich halt, was ich am besten kann.“ Sie lehnt sich zurück, schlägt zufrieden die Beine übereinander und wirft böse Blicke auf die Eistheke. Die Familie, die gerade Wundertüten gekauft hat, entschliesst sich spontan, sie doch lieber am Brunnen zu essen.
„Aha“, sage ich wieder.
„Der Luigi, der sieht mich nicht. Und Sie, Sie glauben mir auch nicht. Sie denken, ich bin verrückt.“ Sie gackert. „Ich bin wirklich gut, wissen Sie!“ Ein paar Spatzen fliegen aufgescheucht davon.
Ich nicke, lächle höflich und verabschiede mich. Im Gehen drehe ich mich um. Im Eiscafé sitzt niemand, nur die alte Frau sieht mir spöttisch hinterher.
Vielleicht ist sie wirklich gut in dem, was sie tut.

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Im Eiscafé

abendliches Stimmengewirr bei Aperol Spritz und Cappuccino

man grüßt sich

vor mir im Becher leuchtet es erdbeerrot und vanillegelb

freundlich flitzt die Bedienung zwischen Wünschen und Tischen hin und her

eine Gruppe hübscher Männer zieht gut gelaunt zur Domweih

an der Hand seiner barfüssigen Besitzerin schwebt ein glitzerndes Rieseneinhorn vorbei

lächeln bitte: Vorm Frisörladen gegenüber springen acht perfekt frisierte Frauen mit Kämmen, Haarspray und Föhn in der Hand auf Kommando in die Luft

Gelächter zwischen Eisbechern, darüber schrillt eine ältere Stimme am Nachbartisch

schüchtern guckt der kleine Pinscher unterm Stuhl hervor, seine riesige Halskrause kratzt auf dem Pflaster

das junge Paar sitzt schweigend bei Kaffee und Zigarette

langsam leeren sich die Stühle

Feierabend um neun