Ausgelesen: Die Rechenkünstlerin. Von Helga Glaesener.

Helga Glaesener hat in allem, was Emotionen betrifft, einen kühlen Schreibstil, ist aber in der Beschreibung historischer Details extrem farbenfroh und einfallsreich. Eine interessante Mischung, die ich sehr mag. Ihre historischen Romane sind eine Erholung nach allzuviel Liebe und Triebe in anderen Büchern, und ich habe immer noch den Verdacht, dass ihr ihre mittelalterlichen Städte und Kleingesellschaften mehr am Herz liegen als ihre Figuren. Aber das ist nur eine unbedeutende Theorie einer Leserin. 😊
Hier also geht es um Carlotta, die im Jahr 1389 in Heidelberg lebt, die Tochter des leicht verwirrten Pedells der Universität ist und viel lieber Rechnen würde anstatt für ihren Vater und seine Scholaren zu kochen und zu putzen. Und schon ist sie mir sympathisch! Als ihre Freundin Zölestine sich frisch verheiratet umgebracht haben soll, reist sie mit ihren Brüdern zur aufgebahrten Leiche. Dort kommen ihr Zweifel am angeblichen Selbstmord und sie beginnt nachzuforschen. Zu Hilfe kommt ihr ein gerade neu zugereister tschechischer Magister für Römisches Recht.
Wir erfahren in Folge einiges über Universitätsstädte im Mittelalter, über Ehen, Judenverfolgung, seltsame Mahlzeiten und Gerichtsbarkeiten von damals, und wie immer nach einer solchen Lektüre bin ich froh, heute zu leben und nicht vor knapp siebenhundert Jahren.
Wer historische Romane mag, nicht ständig von melodramatischen Liebesschwüren umgeben sein will und einen Schreibstil mag, der leicht nach frischen Brezeln duftet (trocken, warm, würzig), sollte ein Buch von Helga Glaesener versuchen – wie wär´s mit der Rechenkünstlerin?