Ausgelesen: Der Club. Von Takis Würger.

Es gibt Bücher, bei denen bin ich skeptisch. Manchmal wegen des Covers, öfter, weil ich sie nicht einordnen kann. Was ist das für ein Genre? Krimi? Roman? Etwa Literatur? Um Himmels willen! Aber wenn das Buch es schon geschafft hat, in mein Regal der noch zu lesenden Bücher zu gelangen, lese ich es in der Regel auch. Und bei diesem Buch wandelte sich meine anfängliche Skepsis nach den ersten Seiten ziemlich schnell in Faszination und dann in ziemlich große Begeisterung.

Hans (was für ein Name für die Hauptfigur eines Buches! Ist das jetzt mutig oder ziemlich übermütig?) ist ein stiller Held. Er ist ein Einzelgänger, nicht, weil er das so will, sondern weil er anders ist als die anderen Kinder. Er schweigt viel, lacht wenig und beobachtet die Welt um sich herum. Und er liebt das Boxen. Als seine Eltern beide kurz nacheinander sterben, gibt er sich die Schuld an ihrem Tod, was seine innere Leichtigkeit nicht fördert. Er ist einsam, und so stimmt er zu, als seine Tante ihm ein Stipendium in Cambridge verschafft, allerdings unter der Voraussetzung, dort ein Verbrechen aufklären zu müssen. Dazu muss er es schaffen, in den legendären Pitt Club aufgenommen zu werden.

Das Buch ist so geschrieben wie die Charaktereigenschaften der Romanfigur: Knapp, sachlich, ehrlich, geradlinig, dabei mit sehr viel mehr Tiefgang als anfangs erwartet. Hans ist auch im elitären Cambridge ein Fremdkörper, aber genau deswegen sind die luxusverwöhnten Sprößlinge der reichen Oberschicht fasziniert von ihm. Er hat etwas, was sie nicht haben, eine Stärke des Charakters, Zielstrebigkeit ohne Ellenbogen, Sanftmütigkeit ohne Unterwerfungsbereitschaft. Dazu genügend innere Härte sich selbst gegenüber, um anstrengendes Training über lange Zeit durchzuhalten und Integrität. Große Worte, gefühlt vielleicht zu viele davon, aber sie treffen hier alle zu.

Boxen ist ein großes Thema im Club. Ich persönlich mag diesen Sport überhaupt nicht, ich würde mir nie freiwillig einen Boxkampf ansehen, aber in diesem Buch habe ich zum ersten Mal ein klein wenig davon verstanden, was Menschen daran faszinieren kann. Mir scheint, es ist ein permanenter Kampf gegen sich selbst, ein sich-Beweisen. Im Ring ist der Boxer auf sich gestellt, es zählen nur er und der Gegner und die Frage, wo liegt die Schwäche des anderen und wie kann ich sie nutzen. Auch nach diesem Buch werde ich mir keine Boxkämpfe ansehen, aber sie sind im Buch notwendige Brüche, in denen die andere Seite von Hans und von Cambridge gezeigt wird – Unerbittlichkeit und Härte. Die scheinbare Leichtigkeit und Ruhe, der schimmernde Luxus, der meist über dem Text liegt, wird immer wieder durchbrochen von Gewalt, schrecklichen Ansichten und üblen Gewohnheitsrechten, und manchmal liest man ein paar Absätze und hat plötzlich Abgründe unter sich. Dann kehrt der Leser sehr gern zu Hans und seiner inneren Ruhe zurück. Ein paar Mal verlässt ihn diese Ruhe und er schwankt ein wenig hin und her, vor allem, wenn er endlich eine Zugehörigkeit zu etwas gefunden hat und diese schnell wieder auf dem Prüfstand steht. Als Leser schwankt man mit und hofft auf die richtige Entscheidung. Ob er sie treffen wird?

Ein sehr, sehr gutes Buch hatte ich da in meinem Noch-zu-Lesen-Regal stehen. Es hat mich ein wenig an die Romane von Dick Francis erinnert, von denen ich großer Fan bin. Gerne mehr von Takis Würger!