Ausgelesen: Spirou in Berlin. Von Flix.

Ich liebe Comics. Frankobelgische Comics gehören zu den Besten, und Spirou ist eine Legende. Wer die Ehre bekommt, eine solch legendäre Serie fortzusetzen, dem sollten also die Knie flattern, vor allem, weil viele solcher Fortsetzungen mit anderen Autoren schon legendär gescheitert sind.
Hier kommt also Flix, erhält den Auftrag und zeichnet um sein Leben, und was soll ich sagen? Absolut gelungen! Eine perfekte Fortsetzung! Eigene neue Ideen dazu beigesteuert, die das ganze beleben und bunter machen! Trotzdem den Geist der Vorlage getroffen und viele Fans sehr glücklich gemacht. Chapeaux! Mir hat wirklich alles gefallen, die Zeichnungen, die eigenständig und trotzdem nah am Original sind, die Farben, die zur jeweiligen Szenerie passen und auch die Geschichte, die 1989 in der DDR spielt und jede Menge Capriolen schlägt und auch ernste Töne hat.
Wer seinen Kindern eine Freude machen will und auch selber gern in Comics blättert, hat hier eine wunderbare Möglichkeit, beides auszuleben.

Ausgelesen: Die Stadt der träumenden Bücher. Teil 1: Buchhaim. Von Walter Moers und Florian Biege.

So ein wunderschönes Buch. Wirklich. Walter Moers hat sich mit dem Illustrator und Maler Florian Biege zusammengetan und seinen exorbitant großartigen Roman in ein Graphic Novel verwandelt, und das Ergebnis ist traumhaft. Selten habe ich so schöne Illustrationen gesehen, sie lassen mich das Buch noch einmal ganz neu erleben. Jeder sieht ja beim Lesen eines Buches etwas anderes, und so ist eine fertige Illustration eine Neuinterpretation dessen, was man bereits kennt und liebt.

Ich liebe illustrierte Bücher, ach, überhaupt Bücher mit Zeichnungen, ob es jetzt Bilderbücher, Kinderbücher, Comics, Graphic Novels oder „ernsthafte“ illustrierte Bücher sind. Insofern konnte das hier nur ein Volltreffer werden, und richtig. Wenn es etwas zu bemängeln gibt, dann, dass so wenig Text enthalten ist, aber das ist ja nun mal der Sinn eines Graphic Novels… da kann man also nichts machen. Macht auch nichts. Die Bilder sprechen für sich und ich hatte großes Vergnügen beim Lesen und Ansehen dieses Bandes.

Ausgelesen: Der Araber von morgen, Band 3. Von Riad Sattouf.

Ein Comic über eine Kindheit zwischen Syrien und Frankreich, ausschließlich in schwarz-weiß-rot gedruckt, mit geradezu abgründigem Realismus versehen und trotzdem humorvoll – so präsentierte sich mir dieses Buch. Natürlich wurde es mir von einem Freund ausgeliehen, denn von selbst wäre ich nie im Leben darauf gekommen, auch nur ins Buch hineinzusehen. Was wirklich sehr, sehr schade gewesen wäre!

Der Autor beschreibt in mehreren Comicbänden seine Kindheit mit einem syrischen, patriotischen, konservativen Vater und einer westlich geprägten, französischen Mutter, und beide werden realistisch beschrieben: Der Vater, der eigentlich gerne ein modernes Syrien vertreten würde und als Wissenschaftler und Lehrbeauftrager dort arbeitet, und doch nicht aus seiner familiär geprägten Sichtweise heraustreten kann und in der Folge hin und her schwankt zwischen Traditionalismus und Verzweiflung über seine Unfähigkeit, diese Traditionen wirklich zu akzeptieren. Die Mutter, die mit ihrer Rolle als Frau in arabisch geprägten Nationen hadert, deren Position in der Familie ihres Mannes schwierig ist und die gezwungen ist, in der tiefsten Provinz zu leben, ohne die Sprache dort zu verstehen. Dazu die Kinder, vor allem der siebenjährige Riad, aus dessen Sicht erzählt wird: Seltsam kommt manches für westliche Augen daher, die unangefochtene Stellung der Lehrer, die Kinder schlagen dürfen und doch selber vor menschlichen Fehlern nur so strotzen, die Brutalität der Kinder untereinander, die merkwürdigen, archaischen Ansichten über religiöse Rituale und das plötzliche Eindringen von Conan dem Barbaren in diese Welt. Nach sehr kurzer Zeit jedoch fühlte ich mich plötzlich sehr an meine eigene Kindheit erinnert. Meine Großmutter war auch manchmal seltsam, ähnlich wie Riads Großmutter, und bäuerliche kleine Grausamkeiten gab es auf ihrem deutschen Hof ebenso wie im dörflichen Leben in Syrien. Jedem war schließlich klar, dass man nicht unbegrenzt viele Katzenbabys auf dem Hof haben konnte – oder? Die Kinderspiele von Riads „Freunden“, bei denen einem das Lachen im Hals stecken bleibt – haben die nicht fatale Ähnlichkeit mit Rivalitäten früher in meiner Grundschule? Da gab es auch immer einen Anführer, der ohne großes Wissen große Worte schwang. Und die unrealistischen Träume der Erwachsenen, die in meiner Kindheit mehr sein wollten als sie jemals waren oder sein würden, auch das hat verblüffende Ähnlichkeit mit den Erwachsenen in Riads Kindheit.

Und so entdeckt der verblüffte Leser bei aller Unterschiedlichkeit in Kultur und Tradition doch sehr große Ähnlichkeiten im Leben und Verhalten der Menschen. Wir sind überall gleich unentschlossen, schwankend, manchmal grausam und irrational und lieben unsere Familien, Freunde und Kinder, obwohl wir wissen, wie sie und wir sind und vermutlich auch immer bleiben werden – menschlich und voller Fehler. Die kleinen Banalitäten des Lebens machen den Unterschied zwischen den Kulturen aus, aber auf eine seltsame Art heben sie gleichzeitig unsere Gemeinsamkeiten hervor. Besonders aufgefallen ist mir das, als Riads Vater einen Obstgarten anlegt und mit dem Erlös seine Familie mit Geld überschütten will. Das Unternehmen ist von Anfang an zum Scheitern verurteilt, die Bäume wachsen nicht so, wie sie sollen, die wenigen Früchte bleiben klein und hart und werden von Riads Cousins entweder gegessen oder zum Spielen genutzt. Und selbstverständlich wird Riad seinem Vater das niemals erzählen, denn man ist ja schließlich solidarisch mit seiner Familie, so, wie die Familie es ihm beigebracht hat. Tatsächlich hat Riad eine Heidenangst vor seinen Cousins, und da legt er die notwendige Familiensolidarität eben passend aus. All das ist sehr von der arabischen Kultur geprägt, aber ich erkenne da jede Menge Dinge aus meiner Kindheit wieder. Sehr viele Unterschiede – sehr viele Ähnlichkeiten.

Der Autor Riad Sattouf hat bis kurz vor dem Terroranschlag bei Charlie Hebdo fast zehn Jahre lang für das Magazin gezeichnet und sich dann dem Erzählen längerer Handlungen gewidmet. Besonders mit der Serie „Der Araber von morgen“ feiert er große Erfolge, die Bücher wurden in viele verschiedene Sprachen übersetzt, und das zu Recht: Selten habe ich so humorvoll, respektvoll und unterhaltsam neue Dinge über andere Länder und andere Sitten gelernt, und ganz nebenbei auch einiges über mich und mein Land. Letzten Endes sind wir uns wirklich alle sehr ähnlich: Menschlich eben.

Ausgelesen: Ab in den Süden! Aus der Reihe „Wundervolle Sommer“. Von Zidrou und Lafebre.

Es ist 1973 und die Familie  Faldèrault fährt wie jedes Jahr mit ihrem roten R2 in den Urlaub. Alles scheint wie immer, doch dieses Mal ist etwas anders: Mado, die Mutter, glaubt nicht mehr daran, dass ihrem Mann Pierre als Comiczeichner der Durchbruch gelingt. Sie ist müde von all den Kompromissen, die ein solcher Beruf mit sich bringt und plant, ihren Mann zu verlassen. Ob der Urlaub daran noch etwas ändern kann?

Das Buch ist wunderbar gezeichnet, die Figuren sind gut getroffen, nicht zu idyllisch, aber auch nicht zu realistisch, die Farben passen zum Sommer und man liest die kleine, überschaubare Geschichte mit einem Lächeln im Gesicht. Damals, als es noch möglich war, einfach wild zu campen, als es noch keine Handys gab und man wirklich weg war für ein paar Wochen – ja, das war schön. Aber auch ein klein wenig Wehmut kommt auf, denn vorbei ist vorbei, und auch ernste Töne gibt es in einer guten Mischung im Buch.

Eine schöne Beschäftigung für einen Abend, in Vorfreude auf einen eigenen geplanten Urlaub sicherlich besonders gut geeignet. Ich habe das Gefühl, viele Familien würden sich mit einem Lächeln wiederfinden in dieser warmherzigen, gut gemachten, überraschend realistischen Familiengeschichte.