Beobachtungen

Im vollen Bewusstsein ihrer natürlichen Überlegenheit blickt die Burgruine vom gegenüberliegenden Berg herablassend auf mich keuchende Wanderin herunter.

Beobachtungen

Vor der Bank liegt ein großer, runder Stein, der zu flüstern scheint: Komm Wanderin, stell deine Füße auf mir ab, lass uns kurz plaudern. Ich widerstand.

Anderswelten

Ich mag es, die Welt ein ganz klein wenig nach links oder rechts zu verrücken. Sie wird dann ein bisschen lauter, bunter oder anders. Wer hat festgelegt, dass man als Erwachsene ausschließlich rational sein darf? Wenn die rationalen Eckpfeiler ein wenig schräg stehen, wird das Leben interessant. Muss eine Schwalbe immer nur eine Schwalbe sein, oder darf sie auch aus dem Flug heraus brüllen: „Ey, du Landei, verschwinde da unten, sonst kack ich dir auf den Kopf!“? Ich finde, sie darf das. 😁

Beobachtungen

Die Schnellstraße unten im Tal lärmt so gewaltig, als wollte sie ihr Platzrecht bis zum letzten Gummirad verteidigen.

Beobachtungen

Der Mann, der immer in meinem Zugabteil sitzt und braune Lederschuhe trägt, die so zerfleddert sind, dass sie ihm fast vom Fuß fallen, hat neue Schuhe. Es sind einfache, grauweiße Sportschuhe aus Stoff. Ich frage mich, ob sie ihm gefallen oder ob er die erstbesten genommen hat, die ihm über den Weg liefen.

Beobachtungen

Der Morgen glänzt wie ein perfekt gebratenes Spiegelei und ich bin das Eidotter darin.

Beobachtungen

Der kaugummikauende Junge mit dem Irokesen-Afrohaarschnitt verliert im letzten Moment seine coole Haltung und grüßt vernuschelt vom Fahrrad herab.

Beobachtungen

Der zweite Bauarbeiter guckt dem ersten so sorgfältig beim Planieren der Sandoberfläche zu, als ob er Schulnoten für die Ebenheit der geplätteten Fläche vergeben müsste.

beim Spazierengehen

beim Spazierengehen

Die beiden Plastikbagger stehen unternehmungslustig blaugelbrot im Nordseestrand, vor sich das größte Bauprojekt ihres Lebens.

Im Watt und am Strand lösen sich die Kleidervorschriften schneller auf als fadenscheinige Jeans.

Der nackte Bauch des Mannes bläht sich rund wie ein Walfisch. Allerdings ist er nicht grau, sondern glänzend rosarot.

Zwei kleine Mädchen spielen Pferd und Longenführerin im niedrigen Wasser und alles ist schön: Das Laufen. Das Stehenbleiben. Das Wiehern. Das außer-Atem-sein. Das Hinfallen und nass werden.

Eine lebendige Krabbe mit allen sechs Beinen löst eine Energieexplosion bei drei Jungs aus.

Die Beine des karierten Shortsträgers sind bis unter die Knie gebräunt. Der Abschnitt zwischen Knie und Shortsbeginn hat die Farbe von Honigmilch.

Die Insel Neuwerk schwimmt zwischen Himmel und Wasser. Der weiße Leuchtturm in der Mitte pinnt sie wie eine Riesenstecknadel am Meeresgrund fest, damit sie nicht davonfliegt.

Das auflaufende Wasser pirscht sich an wie ein Stachelschwein mit aufgestellten, raschelnden Stacheln. Die letzten Senken nimmt es in einem Sprung.

Mit jedem Schritt im Wasser schüttelt die mittelalte Frau mehr Jahre ab. Bevor sie zu jung wird, flüchtet sie zum Strandkorb zurück.

Mit konzentriertem Ernst sammelt der Mann mit Spaten und winzig kleinem Eimerchen Muscheln im Wassergraben.

Die leuchtensten Farben trägt eine Familie mit strahlend dunkelbrauner Haut. Sie schillern im Wasser wie Orchideen.

Die Entfernung des Filme fürs Familienalbum drehenden Vaters zu Frau und Tochter ist größer als die höchste Zoomstufe seiner Kamera.

Weit draußen schwimmen Möwen wie weiße Augen auf dem Wasser. Sie behalten uns im Blick.