Zeitstrandmaschine

Zeitstrandmaschine

Zögernd taucht die Frau einen Fuß ins Wasser. Es ist warm. Sie zieht den zweiten Fuß hinterher und bleibt stehen, als ob man sie bei etwas Verbotenem ertappt hätte. Darf sich etwas so kindisches so gut anfühlen? Mit den Füßen im Wasser plantschen wie ein fünfjähriges Kind?
Probeweise geht sie einen Schritt. Der Sand unter den Fußsohlen ist weich. Das Wasser umspielt lockend ihre Knöchel. Sie macht noch einen Schritt. Und noch einen. Es fühlt sich verboten gut an. Schnell schaut sie nach links und rechts. Niemand da, der sie kennen könnte. Wagemutig läuft sie tiefer ins Wasser, gräbt die Zehen in den Sand, spritzt mit dem Wasser, bis es gegen ihre Oberschenkel platscht.
Mit jedem Schritt wird sie jünger, die Jahre fallen von ihr ab wie Blätterteigkrümel von einem Croissant, sie lacht laut auf, bis ihr bewusst wird, dass sie gerade fünf Jahre alt ist, mit dem Wissen einer fünfzig Jahre älteren Frau im Rücken.
Erschrocken schlägt sie die Hand vor den Mund, um ihr Lachen einzufangen. Sie dreht sich um und watet so schnell zurück, wie es ihr einigermaßen würdevoll möglich ist. Mit jedem Meter zurück wird sie wieder älter. Im Strandkorb schlägt sie keuchend die Augen zu und schüttelt sich.
Aber es ist zu spät. Ihr Körper erinnert sich, wie gut die Erde sich früher angefühlt hat, die Sonne, das Gras, der Schlamm, und wie sie miteinander gesprochen haben.
Ihr Körper will zurück. Und er wird keine Ruhe geben.

 

Was lockt dich?

Es ist genug, wenn alles Lachen aus mir herausgehüpft ist. Wenn die Sympathiewellen ruhig über den Sand laufen. Wenn alles Essen probiert und für gut befunden wurde. Wenn die Geselligkeitsspeicher aufgefüllt sind. Aber vor allem ist es genug, wenn jedes „noch mehr“ nichts mehr füllt, sondern überfüllt, und Menschen, Erlebnisse und Dinge beginnen, an mir abzuperlen wie Wasser auf einer von Hand polierten Motorhaube. Manchmal ist es nicht leicht, das richtige „genug“ zu erkennen.
Die Farbe meines Lebens wechselt dann von gerade noch bunt in ein gefährliches, von-allem-zuviel-fahlbraun, und diese Farbüberschrift möchte ja nun wirklich niemand über sein Leben schreiben. Oder? Das Bunte zu bewahren ist eine lebenslange Aufgabe, die niemand für mich erledigen kann. Das ist beunruhigend und beruhigend zugleich.
Heute weiß ich das. Früher nicht. Manchmal würde ich gern mit meinem jüngeren Ich an einem ruhigen Fluss im Gras sitzen und picknicken und bei Käsekuchen mit Heidelbeermarmelade ein paar Gespräche mit mir führen. Vielleicht sollte ich auch noch die Liebe, den Mut und das Vertrauen dazu einladen und eine kleine Party feiern. Das könnten interessante Stunden werden.
Vielleicht würden wir dann auch über das Schreiben sprechen, und dass ich viel früher damit anfangen sollte, weil es ein Gefühl vermittelt, auf das ich auf gar keinen Fall mehr verzichten möchte: Eine Mischung aus Frieden, Freude, Glück und ganz und gar komplett zu sein. Zu einhundert Prozent in einer Sache versunken zu sein. Die Gewissheit zu haben, dass auf dem Papier alles wahr werden kann.
Das Leben lockt mich mit seinen Aufgaben und Herausforderungen, selbst dann, wenn sie furchteinflössend sind. Ich weiß immer noch nichts, obwohl ich nicht mehr jung bin – wie wunderbar ist das? Jeden Tag öffnen sich neue Fenster, und ich linse durch sie hindurch und bewundere die Aussicht auf völlig unbekanntes Terrain. Wenn man nicht aufpasst, könnte man dem Irrtum verfallen, dass man umso klüger wird, je älter man wird, aber das stimmt nur zu einem Teil. In meinem eigenen, kleinen, begrenzten Leben werde ich vielleicht klüger, aber in allem, was außerhalb meiner Selbst liegt, bin ich so ahnungslos wie ein neugeborenes Kind. Da draußen leben Milliarden Welten nebeneinander, und ich weiß gar nichts.
Und das ich nichts weiß, das ist das Verlockendste, was ich je gehört habe.

Fräulein Honigohr steht gerade neben mir und liest die letzten Sätze. Sie sieht mich an, schüttelt leicht den Kopf und sagt: „Meine Liebe, das ist ja alles schön und gut, aber für mich ist jetzt aktuell ein Eis mit Erdbeeren, Schlagsahne und Schokostreuseln das Verlockendste, das es auf der Welt gibt, also komm jetzt, wir müssen dein Gefrierfach leerräumen! Über den Rest reden wir später.“
Und zack! zieht sie mich vom Schreibtisch weg, und jetzt kann ich leider nicht mehr weiterschreiben…

Veränderungen

Aus weihnachtlichem Anlass: Ein Text, den ich vor zwei Jahren geschrieben habe, immer noch gültig.

Jedes Jahr kommt Weihnachten, egal, ob du das möchtest oder nicht. Es ist unausweichlich, du kannst ihm nicht aus dem Weg gehen. Selbst, wenn du beschließt, das Fest zu ignorieren und so zu tun, als ob du es gar nicht wahrnimmst, triffst du doch eine Entscheidung, die mit Weihnachten zu tun hat – und schon hast du dich mit ihm beschäftigt.
Im Laufe der Jahre verändert sich das Fest für alle, nicht nur für dich. Vom behüteten Kinderfest, an dem du nichts anderes zu tun hattest als dich auf die Geschenke zu freuen und als Schaf beim Krippenspiel möglichst wollig auszusehen, wechselst du nach und nach die Rollen. Du wirst zum Teenie und willst deine Freunde an Weihnachten sehen, dann bist du plötzlich Teil eines Paares, du wirst vielleicht Mama oder Papa, dann durchlebst du eine Trennung und gehst neue Wege. Die eigenen Eltern werden älter und eines Tages bist du selber alt und wirst wegen eines weißen Bartes von Kindern argwöhnisch beäugt (ist das der Weihnachtsmann, Mama?).
Während all dieser Veränderungen kann es passieren, dass dir der Weihnachtszauber abhanden kommt. Die Dinge, die du an Weihnachten früher geliebt hast, sind nicht mehr da. Das ist ok. Du darfst um diese wichtigen Dinge trauern. Es nützt auch gar nichts, wenn du sie unter einer dicken Schale versteckst und so tust, als ob alles in bester Ordnung sei. Dann könnten sie nämlich anfangen, unter der dicken Schale zu gären und im unpassensten Moment explodieren, über der gefüllten Gans und dem Rotkohl zum Beispiel.
Aber wenn es möglich ist, solltest du die Trauer nicht endlos andauern lassen. Veränderungen passieren. Jeder von uns wechselt die Rollen. In jeder neuen Rolle gibt es nicht nur Verluste, sondern immer auch neue Möglichkeiten. Du magst dieses Jahr keinen Baum? Dann lass ihn. Aber hol dir vom Markt Tannenzweige, schöne, weiche, biegsame, und häng ein paar von den alten Weihnachtskugeln daran auf. Du hast keine? Dann nimm Ausstechförmchen und Schokoladenschmuck – erinnere dich an Petterson und Findus. Stell Kerzen auf. Es müssen keine roten sein. Lies Gedichte. Oder etwas anderes. Maria und Josef hatten auch keine Adventskerzen oder Lebkuchen, es erklang kein „Driving Home for Christmas“ auf ihrem Weg, die Leute waren nicht freundlich zu ihnen und trotzdem wurde es Weihnachten. Wie bei dir. Das Kind im Stall hat dafür gesorgt. Und vielleicht ist es gar nicht das Schlechteste, wenn du anfängst, dir Fragen zu stellen, denen du sonst immer ausgewichen bist. Wer weiß – vielleicht ist das ja sogar ein Sinn von Weihnachten, neben all den anderen.
Und wenn du trotzdem mit Weihnachten absolut nichts zu tun haben willst dieses Jahr, hast du immerhin diesen Text bis fast zu Ende gelesen. Deswegen hier ein ganz spezieller Gruß, nur für dich: Frohe, nachdenkliche Weihnachten, vielleicht nur mit einer Kerze und einem Glas Wein. Der Weihnachtsfriede gilt – ganz besonders für dich.

schneemannekstase