Sehr geehrtes, altes 2020

Sehr geehrtes, altes 2020,

heute ist es also soweit: Du wirst die Bühne verlassen und Platz machen für deinen Nachfolger, und wahrscheinlich wird es im Gegensatz zu deinen Vorgängern ein erstaunlich leiser Abschied, denn Böllern ist dieses Jahr in vielen Gegenden verboten. Dabei liebst du doch den großen Auftritt! Das war wohl ein kleines Eigentor, was?
Wie ist es dir ergangen in deinen 365 Tagen? Gab es neben Corona auch andere Themen für dich? Natürlich. Aber alles andere wirkt neben dem lila Virus klein. Er war dein großes Thema, und du hast auf ihm gespielt wie Lang Lang am Klavier. Selten hatten wir ein Thema, das so lange und immer wieder aufs Neue alle betroffen hat und nicht nach spätestens einer Woche erledigt war. Auch hatten wir sehr lange nichts, was in der Lage war, unseren Alltag so nachhaltig zu verändern. Was weder der Papst, die Achtsamkeit oder der Zwang zur Jugendlichkeit geschafft haben, das Virus hat es mit leichter Hand durcheinander gewirbelt: Wie wir unsere Zeit verbringen, mit wem, wie wir arbeiten und lernen und wie wir plötzlich und unerwartet Rücksicht auf andere nehmen müssen, ob es uns gefällt oder nicht. Nun gibt es einen Impfstoff, und schon gehen sie wieder los, die Debatten darüber, wer hat mehr, wer darf mehr, warum hat der und ich nicht? Ein bisschen wie am Familientisch bei der Verteilung des Nachtischs. Hast du manchmal insgeheim den Kopf darüber geschüttelt, 2020? Ich schon.
Für mich warst du ein Augenöffner. Das ist nicht angenehm, aber ich bin dir dankbar dafür, jetzt, im Nachhinein. Ich weiß eine Menge mehr über mich als am Anfang deiner Zeit. Im März begann mein Lernprozeß, und ich habe jeden Tag dazugelernt. Ich weiß nun, wie wichtig Menschen sind, Freundschaften, Familie, und dass ein Telefon wertvoller ist als Gold. Das Netz ist für mich groß geworden in dieser Zeit. Und ich weiß, dass Klopapier scheinbar wichtiger ist als Brot. 🙂 Ängstliche Menschen sind eine unberechenbare Größe; vor dir, 2020, war mir das theoretisch klar, aber ich hatte keine Ahnung, was das praktisch bedeutet. Mir ist auch ein bisschen klarer geworden, warum so viele Menschen flüchten. Nur ein bisschen klarer, denn dem Himmel sei Dank ist es bei uns doch immer noch recht gemütlich. Es ist so: Man muss die Dinge selber erlebt haben, um zu wissen, wie es anderen Menschen geht. Ohne es erlebt zu haben, theoretisiert man herum, mehr nicht.
Angst hatte ich dieses Jahr auch, sehr viel Angst sogar, und Corona war nicht der Grund. Das war nicht schön. Aber auch eine Erfahrung, die ich so vorher noch nicht gemacht hatte. Gejubelt habe ich, als in einem weit entfernten Land (in jederlei Hinsicht) ein neuer Präsident gewählt wurde. Das brachte die Erkenntnis, dass wir auf der Erde nicht sehr weit voneinander entfernt leben im Zeitalter des Internets, der Liveübertragungen und der zoom-Chats. Unser Planet ist zugleich groß und klein, eigentlich ist er stabil und trotzdem haben wir ihn aus dem Gleichgewicht gebracht. Was mich dazu gebracht hat, dieses Jahr weniger zu heizen, weniger Auto zu fahren und zu versuchen, allgemein weniger zu verbrauchen. Gut bin ich noch nicht darin, aber bereit, Neues zu versuchen: Zu Weihnachten habe ich ein festes Haarshampoo geschenkt bekommen und bin willens, es auszuprobieren, komme, was wolle.
Heute ist dein letzter Tag, 2020. Du scheinst mir gleichmütig im Angesicht deines Vergehens. Aber du wusstest ja schon von Beginn an, dass deine Zeit begrenzt ist, also ist das vielleicht kein Wunder. Ich werde heute Abend nicht an deinem Bett sitzen und deine Hand halten, dafür warst du zu ungnädig mit uns, zu zornig, zu unbarmherzig, zu lang. Aber es gab auch schöne Tage in dir, mit sanftem Sommerregen, laue Nächte voller Mondschein, Begegnungen, Biden hat gewonnen und letztlich hast du uns zum Virus auch den Impfstoff gebracht. Spät zwar, aber immerhin.
Machs gut, 2020. Du warst voll gestopft mit neuem Wissen, viel Angst, du hast uns Masken aller Art vorgehalten. Nun ist dein Nachfolger dran. Er steht schon in den Startlöchern und scharrt mit den Füßen. Möge er uns gewogener sein als du.

Alles Gute,
deine Stachelbeermond

Pinnwandentschlackung 2019/2020

Heute ist die Zeit! Draußen regnet es ohne Unterlass, ich bin mit tropfender Kapuze und komplett nass aus diesem… diesem… Wetter da draußen wieder zurück und habe beschlossen, meine Pinnwand muss jetzt für 2020 vorbereitet werden! Sofort! Obwohl sie eigentlich gerade ganz hübsch aussah. Oder?

Aber es hilft ja nichts. Das neue Jahr kommt nicht nur, es ist schon da und will seinen Platz, also pflücke ich beherzt die ersten Karten ab, ohne vorher die aktuellen Bewohner von ihren Plätzen zu bitten. Und schon gibt es Verletzte!

Ein Armbruch! Sorry, Herr Schneemann. War keine Absicht. Sofort wurden Schwesterndienste geleistet und siehe da: Eine Spontanheilung!

Entweder seine Frau freut sich über den wieder vorhandenen Arm oder sie hat überhaupt nichts mitbekommen, ich bin mir da nicht sicher.

Jetzt sind sie auf jeden Fall wieder vereint, aber nicht mehr an meiner Pinnwand. Ach ja, es gab so viele schöne Dinge in 2019… Konzerte, Zirkusbesuche, Geburtstage, eine Goldene Hochzeit, eine grüne Hochzeit, Urlaube, Gottesdienste mit so viel schöner Musik, gefeierte Abschiede, die an sich nicht schön sind, aber wenn sie gut gestaltet werden von allen Seiten kann selbst sowas zum Fest werden. Und dann gab es auch einfach so Post, über die ich mich sehr gefreut habe! Bücherpäckchen von gleich mehreren Seiten, Überraschungsgeschenke und Einfach-So-Postkarten:

Einen kleinen (sehr unprofessionellen) Animationsfilm mit gezeichneten Strichmännchen habe ich gemacht, das daraus entstandene Wir-sitzen-alle-in-einem-Boot hing auch noch an meiner Pinnwand…

Ein paar Pinnwandanhänge wandern in meine Lesezeichensammlung, ein paar werden aufgehoben, ein paar gehen den Weg alles Vergänglichen. Ein paar werde ich verschenken, ein paar verschicken. Und nun ist sie bereit für 2020!

Obwohl ich sie jetzt etwas sehr leer finde. Fast schon kahl. Unwirtlich. Ungastlich. Unerfreulich. Unerträglich.

Schon sehr viel besser! So kann es losgehen, das neue Jahr!