Wenn einer eine Reise tut…

… dann holt ihn manchmal die Vergangenheit ein.

Heute bin ich zum ersten Mal seit acht Jahren wieder mit einer Fähre gefahren, von Cuxhaven nach Brunsbüttel. Eigentlich ja ein Witz von Fährüberfahrt, eine Stunde und fünfzehn Minuten, das Land verschwindet niemals dramatisch am Horizont, nein, der grüne Saum begleitet das Schiff während der ganzen Fahrt.

Und trotzdem: Die Geräusche, das Alarmsignal, wenn der Bug der RoRo-Fähre sich nach unten senkt, das Schwappen der Wellen gegen die Bordwände und der Geruch nach verbranntem Diesel – genau wie damals. Sofort ist alles wieder da, das Gefühl von: „Das ist mein Schiff!“, und dieser kleine Stolz, wenn alles reibungslos klappt, die Abfahrt pünktlich, die PKW-Einweiser rauhbeinig, aber kompetent sind, wenn die Sonne kurz durch die Wolkendecke guckt – alles meins. Früher war noch die Gewissheit dabei, dass ich eine Vielzahl der Fahrzeuge und Kabinen an Bord für die Passagiere gebucht hatte und verantwortlich für jede Menge Urlaubsglück, aber auch Urlaubsweh war. An Bord landete ich wie heute irgendwann immer mit den Ellenbogen auf der Reeling, den Blick abwechselnd aufs Meer und die Passagiere gerichtet, immer auf der Suche nach Deutschen, die vermutlich über unser Büro gebucht wurden.

Vom Schiff aus ist es nur ein kleiner gedanklicher Schwimmzug und schon bin ich in meinem alten Büro, Großraum, alle Fenster auf die laute vierspurige Straße hinaus. Selbstverständlich ein Raucherbüro mit verdrecktem Teppichboden in dunkelgrau, alten Stahlschränken und einem Sammelsurium aus Schreibtischen und Büromöbeln, die in der übrigen Firma keiner mehr haben wollte. Aus diesen unmöglichen Räumen heraus haben wir für zigtausende Menschen Träume wahrgemacht, Norwegen, Schweden, Irland, Großbritannien und Tunesien, wir haben geplant, organisiert, Wartelisten geführt, doch noch den Platz mit Stromanschluss für den Kühlanhänger ergattert, die Kabine gefunden, ohne die die Überfahrt nicht möglich gewesen wäre. Wir haben bei den Reedereien um den Erlass von Stornogebühren gebettelt und hatten oft, aber nicht immer Erfolg. Es gab Stammkunden, die uns norwegische Schokolade schickten. Einmal fanden wir einen frisch geangelten und geräucherten Lachs in einem Paket.

Ein Wochenende im Sommer verbrachte ich mit einem norwegischen Programmiererteam im Büro, als das erste Buchungssystem am PC eingerichtet wurde. Wir gingen einmal am Tag online und übermittelten die gebuchten Daten, weil alles andere viel zu teuer gewesen wäre. Wir liefen barfuß oder auf Socken und bestellten Pizza, weil man das in Norwegen so macht.

Ich ließ mich von meinem Chef anbrüllen, brüllte zurück und musste mich entschuldigen. Unser Kühlschrank und die Mikrowelle standen zusammen mit den Servern und einem alten Telex im Faxraum, in dem wir über vier verschiedene Faxgeräte mit der Welt kommunizierten. Im Sommer war es stickig warm, im Winter verraucht und stickig warm.

Es war eine großartige Zeit. Alles war neu und noch ohne Routine, ich konnte mich ausprobieren, da noch niemand wusste, wie es lief. Später änderten sich die Dinge, aber so ist das: Alles ändert sich. Bis dahin aber war es meine glücklichste Zeit im Arbeitsleben, und alles das kam zurück, als die kleine Elbfähre sich an den Anleger schob und PKW und Wohnmobile ausspuckte.

Straßen werden überbewertet. Man sollte viel öfter die Fähre nehmen.

Experimentelles Kochen

Und dann war da noch die Rote-Beete-Tomaten-Suppe.

Wenn man auf einem Jugend-Zeltlager für fünfundachtzig Teenager und vierundzwanzig Mitarbeiter kocht, geht man eher weniger Risiken ein. Nudeln mit Bolognese-Sauce, Currygeschnetzeltes, dazu eine vegetarische Variante und Früchtequark, das geht immer, und es gucken dann höchstens fünfzehn Teenies kritisch, der Rest isst es klaglos, vermutlich auch, weil die Tage anstrengend, wundervoll und lang sind und nur Schokoriegel und Coca-Cola irgendwann doch langweilig werden. Unser Küchenteam gibt sich da keinen Illusionen hin, aber wir kochen gern und auch gut, wenn ich die verputzten Mengen hochrechne.

Aber ich gebe zu, es juckt mich jedes Mal, wenn ein neues Camp ansteht, und so gibt es in den morgendlichen heißen Kakao nicht nur Kakao, sondern auch eine Prise Salz und Zimt. Der Quark wird mit Sahne und Vanillesauce gemischt und das Obst darin ist frisch geschnitten. Zu den Kartoffeln gibt es einen Dip aus Sauerrahm, Kräutern und frischer Paprika und in den Lagerfeuer-Tee kommt weißer Pfeffer, damit er wärmt. Mittlerweile habe ich gelernt, diese kleinen Sonderzutaten nie zu erwähnen und einfach die Reaktionen abzuwarten. In der Regel sind sie positiv, die meisten merken nicht einmal etwas, sie freuen sich nur, dass es gut schmeckt.

Dieses Mal aber hatten wir einige Liter Gemüsesaft von einem Programmpunkt übrig. Was macht man auf so einem Zeltlager mit Tomaten-, Rote-Beete-, Karotten- und Sauerkrautsaft? Wir boten die Säfte zum Frühstück an und ernteten angeekelte Blicke. Wir versuchten es ein weiteres Mal zum Abendessen und die Teilnehmer machten einen weiten Bogen um den Tomatensaft. Vom Sauerkrautsaft ganz zu schweigen. Also wegwerfen? Oder zu den am Ende übrig gebliebenen Lebensmitteln geben und auf leiderprobte Abnehmer hoffen, die nichts wegwerfen können? Nein. Ich wollte darauf vertrauen, dass es ein paar mutige Menschen in dieser hundertköpfigen Schar gäbe, die ein ungewöhnliches Essen zumindest ausprobieren würden. Und kochte eine tief pinkrotfarbene Tomaten-Rote-Beete-Karotten-Sauerkaut-Kartoffelsuppe mit Sahne, Frischkäse, Pfeffer und Salz. Sie war wirklich lecker, fruchtig und würzig und scharf, aber eben auch so ungeeignet für ein Jugendcamp, wie man es sich nur vorstellen kann. Nichts an dieser Suppe war dafür gemacht, Teenagern zu gefallen – zu suppig, zu pink, zu rot gefärbte Kartoffelstücke, viel zu exotisch, ein Fremdkörper zwischen gebratenen Nudeln, Brot mit Käse oder Wurst und Apfelspalten.

Die ersten fünfundzwanzig Teenies schlichen an meinem Topf vorbei, guckten misstrauisch und gingen schnell weiter, bevor ich sie auffordern konnte zu probieren. Dann stockte die Schlange vor dem Frischkäse und der Butter und die nächsten zehn Teenies mussten zwangsweise vor mir stehenbleiben. Die Gelegenheit, um Werbung zu machen! Ich pries die Suppe an wie himmlisches Manna und ein paar Teenies guckten interessiert in den Topf, gingen dann aber doch lieber weiter zu Brot und Bananen. Entmutigt rührte ich in meiner schönen, dampfenden Suppe, als ich plötzlich auffordernd einen Teller unter die Nase gehalten bekam. Überrascht sah ich auf und fragte sicherheitshalber nach, und ja, sie wollte! Klar würde sie probieren! So schlimm würde es schon nicht werden! Und dann zog sie mit ihrem Teller davon. Die nächsten in der Schlange sahen verwirrt von mir zu dem Mädchen mit dem Teller und dann zum Topf und wussten nicht, was sie nun tun sollten: Probieren? Weitergehen? Vielleicht etwas verpassen? Risiko? Ein Junge hielt mir reflexartig seine Schale hin und ich nutzte die Chance: Bevor er ihn zurückziehen konnte, hatte er eine Kelle voll pinkfarbener Suppe darin. Und damit war der Bann gebrochen. Insgesamt teilte ich etwa sechs Liter Tomaten-Rote-Beete-Suppe aus, ein Liter blieb übrig, ein paar Abnehmer kamen zweimal, ein Mädchen hat sie tapfer aufgegessen, obwohl sie sie schrecklich fand, aber alle waren fasziniert von der ungewöhnlichen Farbe.

Letztendlich hat es einen Menschen in dieser Gruppe gebraucht, der bereit war, ein Risiko einzugehen, und dann sind ihm andere nachgefolgt. Ich bin nicht sicher, ob irgendjemand trotz all meiner gut gemeinten Werbeworte probiert hätte, wenn dieses eine Mädchen nicht gewesen wäre. Ein kleines bißchen Mut an der richtigen Stelle kann etwas auslösen, doch, das geht. Die Rote-Beete-Tomaten-Suppe hat es mir live vorgeführt. Ich werde sie in guter Erinnerung behalten.

Bahnfahrer-Meditation

Ich bin stolz auf mich. Heute Abend bin ich auf meiner persönlichen Selbstoptimierungsliste mindestens drei Level nach vorne gerückt. Und das ging so: Um 18.00 Uhr nahm ich den Zug nach Hause, mein Fahrrad hatte ich dabei. An der dritten Station fing es an, sintflutartig zu regnen, aber egal, ich saß ja im Zug, also alles ok. Dann wurde der Zug langsamer. Und langsamer. Gleichzeitig fuhren auf beiden Seiten Güterzüge an uns vorbei. Der Zugführer kommentierte lakonisch: „Sie sehen, heute ist Rushhour auf den Gleisen.“ Mit zwanzig Minuten Verspätung kamen wir an der siebten Station an, die letzte vor meiner Aussteigestation. Es passierte eine Zeitlang nichts mehr, dann kam die Durchsage: „Es tut uns leid, aber heute endet dieser Zug hier. Bitte alle aussteigen.“ Empörtes Stimmengewirr meiner Mitreisenden. Es regnete noch immer.

Zenmässig gelassen ging ich meine Möglichkeiten durch: Aussteigen und warten? Der nächste Zug käme erst in einer Dreiviertelstunde, und an dieser Station ist es auch nicht wirklich gemütlich, wenn die Sonne scheint. Oder mit dem Fahrrad nach Hause? Hm. Zehn Kilometer im Regen ohne Regenjacke? Und dann kam mir ein Daniel-Düsentrieb´scher-Geistesblitz: Ich könnte einfach im Zug bleiben, drei Stationen zurückfahren an einen Bahnhof mit Wetterdach, aussteigen und dort auf den nächsten Zug warten, der wieder bis zum Ende durchfährt!

Gesagt, getan. Entspannt blieb ich sitzen, der Regen rauschte an den Fensterschreiben entlang, während ich dieselbe Strecke wieder zurückfuhr, auf der ich gekommen war. Am Bahnhof mit Wetterdach stieg ich aus, nahm nicht den Aufzug, vor dem die Feuerwehr gerade gewarnt hatte, weil er in einer Woche dreimal steckengeblieben war, trug mein Fahrrad mit Muskelkraft die Treppen hinauf und hinunter und setzte mich dann für weitere zwanzig Minuten auf den Bahnsteig, um auf den nächsten Zug zu warten. Der Regen fiel schwallartig. Ich blieb gelassen.

Beweisfoto: Gelassene Füße auf Fahrrad. Es regnet.
Beweisfoto 2: Füße auf Fahrrad bei durchrasendem Zug. Es regnet.

Güterzüge fuhren durch. Autozüge fuhren durch. Kleinbahnen fuhren durch. Eine Bahn mit anderem Ziel fuhr durch. Dann kam mein Zug. Es regnete wie aus Eimern, als ich einstieg. Dann fuhr ich zum dritten Mal dieselbe Strecke. Kurz vor der vorletzten Station war ich fast ein bisschen aufgeregt: Würden wir es dieses Mal schaffen, die Station zu passieren? Oder gab es hier eine unsichtbare Grenze, die heute niemand passieren konnte? Vor lauter Nachdenken darüber verpasste ich die Station komplett und dann fuhren wir tatsächlich in meinen Heimatbahnhof ein. Selbstverständlich regnete es immer noch, als ich ausstieg, mich aufs Fahrrad schwang und mit nur einer Stunde Verspätung nach Hause fuhr.

Gar nicht so übel für eine üble Ausgangssituation, fand ich – und Zack! – schon wieder ein Level weiter 🙂 .

 

Unterwegs mit der Freiheit

Hamburg, 13. Mai 2017, Reeperbahn, Große Freiheit

Was ist denn, Schatz? Du siehst nicht glücklich aus. Geht´s dir nicht gut?

Ach… du denkst, ICH wäre nicht glücklich, weil wir hier sind, auf der Reeperbahn? Aber warum sollte ich hier unglücklich sein? Es gibt hier nicht mehr und nicht weniger von mir als – ach, sagen wir in Blankenese oder Harburg. Glaub mir, du wüsstest das, wenn du hinter die Fenster sehen könntest.

Die Leute, die hier zum Feiern herkommen, sind freiwillig da. Gut, der ein oder andere wurde vielleicht von seinen Freunden gezwungen, aber die große Masse kommt, weil sie das so will. Beste Bedingungen für mich! Und die, die hier in normalen Geschäften arbeiten, sind auch überwiegend freiwillig da. Niemand zwingt sie zum Bleiben, für viele ist das hier Heimat, und sie lieben ihren Kiez.

Du hast allerdings Recht, hier gibt es auch Fälle, da bin ich wütend und möchte alle Ketten sprengen! Sofort! Da frisst mich die Ungerechtigkeit auf, aber trotzdem: Auf der Reeperbahn ist längst nicht alles unfrei.

Hm. Du siehst immer noch nicht glücklich aus. Habe ich etwas gesagt, das dir nicht gefallen hat? Weißt du, du sprichst hier nicht mit der Gerechtigkeit, oder der Gleichheit, und auch nicht mit der Moral, nein, mit der absolut nicht. Ich bin die Freiheit, mir geht es darum, dass Menschen ihre Entscheidungen, wofür auch immer, selber treffen dürfen.

Manche Menschen sagen, wenn es zu viel von mir gibt, endet alles im Chaos, aber du kannst dir denken, dass ich das anders sehe, oder? Und außerdem: Dafür gibt es ja die anderen, die Gleichheit und die Moral und die Gerechtigkeit und wie sie alle heißen.

Und jetzt komm, lass uns einen Kaffee zusammen trinken gehen, wer weiß, wie lange ich noch bei dir bin! Nimm dir die Freiheit!

(sie fasst mich am Arm und zieht mich kichernd mit sich fort)

Ich sehe was, was du nicht siehst

Hamburg, 13. Mai 2017, Altonaer Balkon

Dunstig hängt das Licht über dem Hafen, eine Ahnung von Blau zwischen den Wolken. Schafgarbenwellen duften, und tief unten schieben sich zwei Holzmasten an der Mole vorbei. Ein Brummen liegt über allem, ein leises Tosen; Hamburgs Hafen atmet. Dutzende Kranarme ragen wie ein erstarrtes Ballett in die weiche Luft, ab und zu glänzt ein Stück Stahl im Licht und sendet ein kleines Signal: Hier wird gearbeitet.

Über die Köhlbrandbrücke fahren winzige LKW, dahinter schieben drei Schornsteine Wasserdampf in den Himmel. Barkassen, ein Raddampfer und Segelschiffe ziehen vorbei, ab und zu wird ein Containerschiff behutsam geleitet. Das Wasser bewegt sich unablässig.

Hinter meiner Bank wird gejoggt, gegrillt und diskutiert, der Sandboden knirscht, wenn jemand vorbeigeht.

Es ist schön hier.

Hängematte

Stell dir vor, dein Leben wäre ein großer Baum, und deine Komfortzone, das ist die gemütliche Hängematte am Ast unten rechts, gleich neben dem Eichhörnchenbau. Da liegst du am Abend und manchmal auch am Mittag und schaukelst gemächlich vor dich hin, während der Wind leise durch die Äste weht. Es ist nett da in der Hängematte, ein kühles Getränk steht bereit und die Sonne wärmt dich von oben.

Das einzige, was dich stört, ist diese Hängebrücke. Wie ein Mahnmal hängt sie am Baum, die Bodenplanken sehen verdammt morsch aus, die Halteseile sind ausgefranst und vom Alter gebleicht. Außerdem schwankt sie beim leisesten Schritt, du hast es ausprobiert, am anderen Ende der Hängebrücke wartet nämlich dein Traum. Ja! Dein Traum! Du kannst ihn sehen, er ist ganz klein und bunt und steht schon ewig auf der anderen Seite.

Du findest, es wäre wirklich nett, deinen Traum mal zu treffen, aber: Da ist diese Hängebrücke, die alles andere als einladend aussieht. Dieses Geknarze, wenn du an den Seilen rüttelst! Und jedesmal rieselt Staub von den Holzplanken in den Abgrund (dein Baum ist hoch), wenn du probeweise einen Fuß auf die Brücke setzt. Herrje! Du müsstest wirklich deine Hängematte, deine Komfortzone verlassen und dieses Risiko eingehen! Du bist nicht bereit dafür.

Und so verbringst du einen weiteren Tag in der Hängematte, nippst an deinem Drink und schließt die Augen, um den kleinen, bunten Traum nicht sehen zu müssen, der auf der anderen Seite aufgeregt winkt.

Was könnte dich in Bewegung setzen? Wie groß müsste der Anreiz sein?

Was wirst du tun?

Spaziergänge

Am Ostermontag habe ich gegammelt. Nachdem der Ostersonntag voll mit Familie war, hatte ich am Montag das Kontrastprogramm mit überhaupt gar keiner Familie und habe das schamlos ausgenutzt, um eine schrecklich romantische Serie zu gucken und dann einen schrecklich romantischen Film, und als der vorüber war, hatte ich ein ziemliches Völlegefühl. Mir war nach frischer Luft, und, das kann ich mit Bestimmtheit sagen, das kommt nicht so häufig vor. Ich persönlich finde, frische Luft wird überschätzt, drinnen ist es auch ganz schön, und überhaupt, gefühlt war da draußen an diesem Ostern sowieso Winter.

Und trotzdem: Seltsamerweise war mir an diesem Tag also nach Frischluft. Und so bin ich losmarschiert, hab noch versucht, eine Freundin anzuklingeln, die dann aber nicht da war (vermutlich hatte sie Familie an diesem Tag) und bin dann alleine durch die Gegend gelaufen. Und wie schön war das! Kennen Sie das, wenn einfach alles stimmt? Die Sonne, die Menge und Häufigkeit der Wolken, die Art und Weise, wie der Wind weht, selbst die dreiundzwanzig Regentropfen haben gepasst an diesem Tag. Die Vögel haben genau an den richtigen Stellen des Weges gesungen, es war die perfekte Menge an unbekannten und vertrauten Wegen, die Vorgärten sahen hinreichend nach Bilderbuch aus (aber nicht zu sehr), die Steigungen hatten den idealen Winkel und die Bänke standen da, als hätte sie jemand für mich aufgestellt. Kennen Sie den Film „Die Truman Show“? Wo immer alle vor Truman herlaufen und alles für ihn vorbereiten und wenn er vorbei ist, hinter ihm aufräumen? So fühlte ich mich an diesem Tag.

Und so bin ich anderthalb Stunden voller guter Laune durch Feld und Wald und Vorstadt spaziert und hätte mir nichts schöneres vorstellen können. Es ist doch schön, wenn man sich selbst tatsächlich noch überraschen kann, obwohl man sich mittlerweile doch schon recht lange kennt.

Warten

Haben Sie schon mal den ganzen Tag lang sehnsüchtig auf ein Paket gewartet? Nein? Ha! Dann haben Sie keine Ahnung, was alles tagsüber in Ihrer Straße passiert. Ich schon, und zwar seit heute. Vor zehn Tagen habe ich eine Tapete bestellt, gedacht für eine Renovierung. Da dachte ich noch, ich wäre super in der Zeit, Lieferzeit sieben Tage ab Annahme der Bestellung, aber das war wohl nichts: Angenommen wurde die Bestellung erst drei Tage später, und dann habe ich auch noch das Kleingedruckte übersehen: Sieben WERKtage. Und so habe ich dann zwangsweise einfach schon mal angefangen mit dem Renovieren, Schränke ausräumen, Möbel von der Wand rücken, Folie auslegen, abkleben, abkleben, abkleben, und streichen. Und jetzt sitze ich hier und warte.

Es sind zwölf Grad draußen, aber ich habe permanent das Fenster auf Kipp, um ja nicht zu überhören, ob sich eventuell ein Lieferwagen nähert. Eigentlich ist meine Straße keine Durchgangsstraße, und mir war bisher nicht bewusst, wieviele Autos hier trotzdem lang fahren. Und bremsen. Und anhalten. Und wieviele Leute aussteigen, mit den Türen klappern, die Kofferraumtür öffnen und wieder zufallen lassen. Anfangs dachte ich noch jedes Mal: Jetzt! Aber dann war es doch wieder nur ein Handwerker oder eine Einkäuferin oder jemand, der einfach so irgendwohin fährt und dabei jede Menge Gepäck im Kofferaum verstaut. Ich weiß jetzt außerdem, dass meine Nachbarn von gegenüber gern auf dem Bürgersteig stehen, rauchen und ein Schwätzchen halten, jede Stunde einmal. Und mir war nicht klar, wie viele Menschen mit Hunden es gibt, die zu jeder beliebigen Tageszeit Gassi gehen. Gestern dann der Gipfel der Gemeinheit: Da hielt der gelbe Lieferwagen vor meinem Haus, ich dachte, ja! Juchu! Und dann fuhr er wieder an und hielt zwei Häuser weiter.

Selten habe ich so sehnsüchtig auf jemanden gewartet wie auf diesen Paketmann. Vermutlich werde ich eine Fanfare hören und Feuerwerk sehen, wenn er dann tatsächlich endlich vor meinem Haus stehenbleibt und auch noch aussteigt.

Lärmschutz

Und dann fahre ich ja auch noch jeden Tag mit der Bahn. Ich bin eine chronische Pendlerin, könnte man sagen, und ich habe sehr wenig Katastrophengeschichten zu erzählen über meine tägliche Stunde in den Zügen der DB, ich erlebe geradezu außergewöhnlich gewöhnliche Fahrten ganz ohne spektakuläre Pannen, Verspätungen oder anstrengende Zugbegleiter. Ich bin eigentlich ganz zufrieden mit meiner Pendelei und die meisten Zugbegleiter sind nette Menschen. Aber nun ist etwas passiert, über das ich wirklich entsetzt bin, das mich stark beunruhigt, ja, man könnte fast sagen, ich bin in Trauer: Es werden Lärmschutzwände gebaut an meiner Strecke. Und zwar so ziemlich überall.

Hässliche, grüne Dinger sind das, die Bahn hat es gut gemeint mit den drei Grünabstufungen, vermutlich soll das irgendwie Landschaft darstellen, die im Vorbeirauschen des Zuges verschwimmt und dem schlafenden Reisenden beim Öffnen des rechten Augenlides suggeriert, ja, alles ok, der Zug fährt noch, und zwar nicht zu langsam, bald bin ich da, wo ich hin will, im Schlaf quasi. Aber bei mir, da funktioniert das nicht. Ich mag nämlich all die zugemüllten Hinterhöfe mit den kaputten Fahrrädern, die man nur vom Zug aus sehen kann, die hübschen Gärten mit den gestutzten Hecken, die kleinen Gehege mit Hühnern, Enten und sogar Rehen, die einspurigen Kopfsteinpflasterstraßen, die noch aus den fünfziger Jahren stammen und nur noch direkt neben den Gleisen existieren. Ich mag es, morgens die Leute am Busbahnhof zu beobachten, die Wartenden, die Rauchenden und die, die schon morgens um halb acht angeregte Gespräche führen. Ich mag auch die schmuddeligen Balkone, die zum Wäscheaufhängen genutzt werden, die Straßen mit morgendlichem Verkehr und die Ponys auf der kleinen Weide mit ihren Strohhaufen, die in der morgendlichen Kälte dampfend beieinander stehen und sich gegenseitig die Kruppe benagen.

Ja. Ich mag das alles sehr, es ist mein kleines, morgendliches Panoptikum, ein Bilderbuch für Erwachsene. Und nun? Nun wachsen die Lärmschutzwände empor, unaufhaltsam kommt eine Schicht nach der anderen, und die Bahn ist wirklich konsequent, sie macht das kilometerlang mit deutscher Gründlichkeit, auf beiden Seiten der Strecke. Ach. Ich bin in Trauer. Ich gönne es den Anwohnern, zu denen ich selbst ja auch zähle, die Stille, den Lärmschutz, ich weiß ja, es ist gut so, wie es gerade kommt, das muss sein, es geht nicht anders, das sage ich mir immer wieder. Aber, ach! All das kleine, schöne, alltägliche Leben, das nun nicht mehr an mir vorbeirauschen wird! Ich werde noch eine ganze Weile in Trauer sein.

Am Sonntag war ich im Zoo

Am Sonntag war ich im Zoo.
Meine Schwester hatte Geburtstag und keinerlei Lust, für jede Menge Leute zu putzen, aufzuräumen und Kuchen zu backen (obwohl sie wirklich leckeren Kuchen kann – Schoko, sehr fluffig, ein Träumchen auf dem Teller quasi). Und da hat sie Recht, finde ich – ich meine, mal ehrlich, Geburtstag ist doch das, was man als Kind heiß und innig herbeigesehnt hat, der Tag konnte gar nicht schnell genug kommen, und wenn er dann da war, der größte Tag aller nur möglichen Tage, dann fing er schon vor dem Aufstehen mit allen möglichen Verheißungen an: Man hat Geburtstag! ICH habe Geburtstag! Heute bin ich die wichtigste Person weit und breit! Und bekomme Kerzen! Und ein Ständchen! Und natürlich Geschenke! Und so war das dann auch, man bekam tatsächlich Kerzen und ein Ständchen und Geschenke, außerdem noch Besuch und noch mehr Geschenke, man musste fast nichts selber tun an diesem Tag, die Luftschlangen flogen einem geradezu in den Mund – nein, das ist aus einem anderen Kindertraum.

Aber trotzdem: Der Tag wurde einem bereitet. Und heute? Tja, da heißt es das Haus putzen und aufräumen und backen und kochen und Streit schlichten und den Abwasch selber machen. Obwohl man doch Geburtstag hat. Irgendwas ist da doch gründlich schief gelaufen, oder? Irgendwie sollte das doch eigentlich anders gehen – sollte man den Kuchen nicht geschenkt bekommen? Und eingeladen werden?

Nun ja, wir werden das heute nicht lösen, auf jeden Fall hatte meine Schwester keinerlei Lust auf Abwasch und ist mit ihrer Familie und mir in den Zoo gefahren. Das Wetter war perfekt, kalt und sonnig und gerade richtig, um in dicker Winterjacke und Mütze zügig von einem Schauplatz zum anderen zu galoppieren, um dann dort in der Sonne stehenzubleiben, sich aufs Gehegegeländer zu stützen und die Bewohner dort anzustarren, die im Prinzip genau dasselbe tun, nur von der anderen Seite her. Wenn man das mit Kindern macht, ist es nochmal schöner als ohne, denn Kinder haben so eine Art, kompromisslos zu gucken, nur zu schauen, zu blicken, sie saugen die Zoobewohner geradezu in sich auf, dass man fast Angst hat, wenn sie jetzt noch ein kleines bißchen mehr starren, ist das Tier weggeguckt.

Das ist dann aber doch nie passiert, und so sind wir durch den Zoo vagabundiert, mehr oder minder ohne Pausen, denn wer braucht schon Pausen bei Erdmännchen, Affen, Nashörnern und Elefanten? Niemand, außer einigen fußlahmen Erwachsenen vielleicht.

Einmal gab es Käsebrötchen und Holundersekt für alle aus richtigen Gläsern, denn am Geburtstag Plastikbecher, das geht einfach nicht, da waren wir uns auch alle sofort einig. Und dann sind wir zu den Eisbären, die eigentlich immer nur schlafend in der Ecke liegen, aber an diesem Tag, am Geburtstagstag, da gab es eine neue Bewohnerin in Yukon Bay, und die hatte bei dem schönen Eisbärenwetter auch keine Lust, Pausen zu machen. Sie trabte über das Gelände, witterte all die Fischbrötchen und Menschen in der Luft, rannte ins Wasser, tauchte und schwamm, als ob sie für einen Marathonlauf trainieren würde. Und es ist ja so: Ein schlafender Eisbär weit entfernt ist eher weniger aufregend. Aber ein schwimmender Eisbär, der mit einem mächtigen Schwung und tausenden Luftbläschen vor einem an der Scheibe entlangtaucht, elegant und riesengroß, rasend schnell und völlig mühelos direkt vor der eigenen Nase vorbeifegt – das ist nicht langweilig, oh nein. Da bekommen auch Erwachsene große Augen und vergessen vorübergehend das Atmen und plötzlich ist es völlig legitim, ganz uncool im Unterwasserbereich herumzurennen, mit den Kindern an der Hand, um noch einmal dieses fremde Wesen so nah an sich vorbeirauschen zu fühlen und eine Ahnung davon zu bekommen, was Wildnis eigentlich ist. Und wenn dann der Neffe mit glänzenden Augen nickt, wenn man ihn fragt, ob das toll gewesen sei, kann man gar nicht anders, als das auch toll zu finden und für einen Moment ist man auf gleicher Höhe und hat wieder dieses Geburtstagsgefühl, obwohl man selber ja gar keinen Geburtstag hat.

Für mich steht seitdem auf jeden Fall fest: Geburtstag und Zoo, das passt ganz wunderbar zusammen, im Grunde gehört das sogar zusammen, und man soll ja nicht trennen, was zusammengehört, oder?
Im Mai habe ich Geburtstag. Wir werden sehen.