Unentschlossenheits-Tag

Es gibt so Tage, an denen kriegt man einfach nichts gebacken. Morgens steht man auf, die Sonne scheint, tatendurstig guckt man aus dem Fenster und überlegt, was man heute alles machen will: Spazierengehen. Frühstücken, mit gekochtem Ei. Einkaufen. Bummeln. Die Wohnung putzen. Also zumindest Teile davon. Kleine Teile. Außerdem einen Blogtext schreiben. Das Buch zuende lesen. Neue Musik aufs Handy laden. Telefonieren. Endlich mails beantworten. Und so weiter.

Bis zum Frühstück läuft der Tag super. Danach – ein Sumpf. Womit anfangen? Rausgehen? Oder doch lieber erst den Text schreiben? Die Waschmaschine ausräumen? Ein kleines Weilchen lesen vielleicht?

Draußen verschwindet die Sonne, es wird neblig. Jetzt noch spazieren gehen? Hm. Vielleicht lieber Einkaufen. Oder doch erst die Musik aufs Handy packen? Eigentlich warten da auch noch alte CDs aufs aussortiert werden… und war da nicht was mit den mails? Der Nebel weicht der Abenddämmerung. Leicht planlose Hektik breitet sich aus. Immer noch nicht einkaufen gewesen. Etwas essen müsste man, aber was? Und wie war das mit dem staubsaugen?

Mit viel Müh und Not klappt immerhin das einkaufen, und am Abend ist tatsächlich eine CD auf dem Handy gelandet. Wenn man so drüber nachdenkt – eigentlich gar nicht so übel. Dafür, dass es ein Sumpf-Tag war, ist das sogar ein blendendes Ergebnis.

Freude

Heute morgen war ich nach längerer Abwesenheit wieder im Gottesdienst, und es war schön. Wie nach Hause kommen. Als ob mich jemand in den Arm nimmt und flüstert: Schön, dass du da bist!

Mittags dann diverseste Suppen zur Auswahl, ich hatte sehr gutes Chili con Carne und ebenso gute Rosenkohlsuppe, außerdem gute Gespräche mit einer Menge Neuigkeiten. Nachtisch brauchte es da gar nicht mehr. Draußen heute vier Grad plus, die Vögel waren sofort in Hab-Acht-Stellung, wer am lautesten singt, bekommt den besten Nistplatz. Die Straßen und Grünstreifen sind noch eisenhart gefroren, das Salz blüht überall aus und malt hübsche Muster auf die Steine und Fahrbahnbeläge. Auf dem Heimweg per Fahrrad heute trotzdem noch fieser, kalter Gegenwind, dazu immer ein bisschen bergauf, da freut sich die grippebedingte Schlappheit nicht unbedingt.

Nachmittags im Krankenhaus-Café ein vorbestelltes Bild für meine Schwester abgeholt und große Freude verbreitet. Ich glaube, sie hatten nicht damit gerechnet, dass wirklich jemand vorbeikommt und es tatsächlich bezahlt. Das erste Bild überhaupt, das die Künstlerin verkauft hat. Das hat mich wiederum gefreut. Jetzt steht es in meinem Wohnzimmer und ich freue mich dran, bis es weiterwandert an seinen Bestimmungsort.

Bis eben geschrieben, Erstaunen über das Ergebnis, dann noch dieser Text hier. Gleich noch Abendessen, ein bisschen fernsehen, schlafen gehen. Die neue Woche wartet schon.

Nebenschauplätze der Kälte

Es ist ja ziemlich kalt dort draußen im Moment. Man braucht lange Unterhosen, zusätzliche Jacken, Mützen, Schals, Handschuhe, Winterstiefel – also zumindest dann, wenn man mit dem Fahrrad zur Arbeit fährt. Ich tue das, und, Leute, es ist saukalt auf dem Rad, ehrlich. Aber trotzdem irgendwie schön. Die Sonne scheint schon morgens schräg von unten auf die zugefrorenen Stadtseen, die Parkwege sind frei, die kalte Luft knistert in der Nase und außerdem kann man endlich den etwas zu üppig geratenen Wollschal nutzen, ihn dreimal um Kinn und Nase wickeln und sich freuen, dass man vor Jahren definitiv zu ausdauernd gestrickt hat.

Vorgestern ist mir das Fahrrad eingefroren. Ich hatte schon den Rucksack verstaut, das Schloss geöffnet, es in den Korb gepackt, alle Fahrradklamotten angezogen (siehe oben – das dauert!) und wollte es vom Ständer wegschieben und nichts ging. Beide Räder bewegten sich nicht mehr. Außerdem musste ich es erst vom Boden lösen, da war es nämlich angefroren. Also alles wieder zurück und zu Fuß zum Bahnhof gehen. Selbstverständlich habe ich den Zug verpasst. Dafür gabs dann im nächsten interessante Informationen – im IC waren alle Toiletten eingefroren bis auf zwei, und die Zugbegleiter waren am schwitzen, ob die letzten zwei es noch bis Hannover schaffen oder auch noch einfrieren. In Hannover nämlich würde dieser IC erstmal in die Halle zum Auftauen gebracht werden und es würde einen Ersatzzug geben – mit funktionierenden Toiletten! Man stelle sich das vor: Ein ganzer Zug mit Leuten, die mal müssen und es gibt keine Möglichkeit – was macht man dann? Anhalten? Im nächsten Bahnhof den Halt verlängern und Pinkelpausen einrichten? Bekanntermaßen sind die Örtlichkeiten an den kleineren Bahnhöfen meist entweder verschlossen oder defekt oder unbenutzbar weil gesundheitsgefährdend. Ich habe auf jeden Fall den Rest der Zugfahrt mit Überlegungen verbracht.

Ein anderes Detail ist mir in den letzten Tagen auch aufgefallen: Unfassbar, wieviel Spucke auf dem Boden landet. Sonst trocknet das ja immer weg, oder es regnet, dann sieht man es sowieso nicht, aber im Moment trocknet da nichts weg – es friert alles fest. Und dann sind sie da, kleine, blasige Häufchen, frostig festgehalten, bis ein gnädiges Tauwetter sie irgendwann wieder verschwinden lässt. Warum machen Menschen das? Und so oft? Sie sind überall, die Spuckehaufen, auf Gehwegen, Straßen, und wenn man erstmal darauf achtet, überwältigen sie einen glatt. Igitt.

Neulich morgens, draußen minus 11 Grad, Sonnenschein. Ein Vogel singt, bricht ab. Singt wieder. Verstummt. Schließlich ärgerliches Gezeter, dann Ruhe. Die Armen. Eigentlich ist es Zeit fürs erste Nest des Jahres, und nun das – der Winter pustet unters Federkleid, dass das Flirten selbst dem hartnäckigsten Vogel vergeht. Ein Hoch auf unsere warmen Wohnungen, jetzt draußen übernachten ist keine gute Option. Das denke ich auch immer, wenn ich die Obdachlosen am Bahnhof sehe, ich hoffe wirklich, sie haben alle mindestens ein Bett für die Nacht und gnädiges Aufsichtspersonal in den Bahnhöfen und Einkaufspassagen.

Morgen nochmal kalt mit Sonnenschein, dann soll es wärmer werden. Es ist fast schade drum.

Mehl

Kleine Vorerklärung: Das hier ist eine Schreibübung zum Thema Kurzkrimi. Ich wollte testen, wie man mit ganz einfachen Worten und Sätzen etwas komplexes ausdrücken kann. Keine Schachtelsätze, keine Fremdwörter, keine komplizierten Ausdrücke, nur das Notwendige. Hier ist das Ergebnis (es ist dann doch kein üblicher Kurzkrimi geworden):

Mehl

Sie haben mir gesagt, ich soll alles aufschreiben. Was denn aufschreiben, habe ich gefragt. Alles, was mir wichtig ist, haben sie geantwortet. Was mir wichtig ist… ich finde, das ist eine dumme Frage. Aber gut – ich habe mir Gedanken gemacht. Wichtig ist mir, daß es mir gut geht. Ich meine jetzt nicht das Geld, das ist nicht so wichtig, nein, sondern einfach gut. Das ich glücklich bin. Und keine Angst habe. Aber ich finde das schwierig zu beschreiben – wann ist man schon glücklich? Das ist nicht so oft. Wenn wir auf dem Sofa sitzen und zusammen Fernsehen gucken, so ganz eng, dann, glaube ich, bin ich manchmal glücklich. Das ist schön, so mit den Menschen zusammen, die man liebt. Wir streiten uns auch, das ist ja klar, ich meine, wer schafft das schon ganz ohne Streit.

Aber eigentlich hasse ich Streit. Das war schon früher so, in der Schule und in der Ausbildung. Ich mag das nicht. Ich finde, alle sollten sich gut vertragen. Sich ein bißchen Mühe geben und auch mal zurückstecken, man muß doch nicht immer seinen Willen haben. Die Leute, die so aggressiv sind, die sollten sich das mal überlegen. Ob es nicht wichtiger ist, ein gutes Auskommen mit den Leuten zu haben als gleich loszubrüllen. Ich denke, es ist wichtig, gut mit den Leuten klar zu kommen. Ich grüße immer. Auch, wenn ich mal nicht so gut gelaunt bin. Ich meine, man weiß ja nie, wo man die Leute wiedersieht. Vielleicht braucht man sie nochmal, und wenn sie einen dann unfreundlich erlebt haben, ist das nicht so gut. An mir gehen viele Leute vorbei, ohne mich anzugucken. Ich finde das nicht schlimm. Ich bin gerne unauffällig, das gehört sich so, nicht wie diese jungen Mädchen, die sich so auffällig anziehen. Die haben doch selber Schuld, wenn sie in Schwierigkeiten geraten, mein Mann sagt das auch. Und es ist nicht gesund, in ein paar Jahren werden sie es alle an den Nieren haben.

Ich bin ganz gesund, das hat mir der Arzt hier gesagt. Ich bin nicht so eine, die immer jammert. Man muß auch schon was aushalten können, man kann nicht wegen jedem Wehwehchen gleich zum Arzt gehen. Meine Mutter hat mich früher mit Hausmitteln kuriert, wenn es gar nicht mehr ging, und es hat mir nicht geschadet. Manchmal nehme ich jetzt aber doch eine Tablette, meine Mutter ist ja nicht mehr da.

Ich weiß nicht, ob ich eine gute Mutter bin. Mein Sohn ist mir wichtig. Vier ist er jetzt. Manchmal geht er mir auf die Nerven, wenn er immer nur bei mir sein will. Ich muß noch viele andere Dinge tun, den Haushalt machen, einkaufen, meine Haare – mein Mann legt Wert darauf, daß ich gut aussehe. Da kann ich nicht immer mit ihm spielen, das muß er verstehen. Ich kann auch nicht immer so, wie ich möchte. Er geht nicht in den Kindergarten, wir wollten das nicht, dass er mit so vielen anderen Leuten zusammenkommt. Die ersten Jahre sind wichtig für ein Kind, und man kann nie genug tun, um ihm eine ordentliche Erziehung zu geben. Mein Mann sagt das auch. Er hat immer Angst, daß unser Sohn nicht klug genug ist. Ich bin ja auch nicht so klug. Manchmal ist er böse auf mich, wenn abends nicht alles aufgeräumt ist, wenn er kommt. Ich versuche wirklich mein Bestes, aber ich schaffe es nicht immer. Es ist mir wichtig, immer mein Bestes zu geben, ich sage ihm das auch, aber er hört nicht gerne zu.

Mein Haushalt ist mir wichtig. Ich mag es, wenn alles da steht, wo es hingehört. Kochen mag ich nicht, es ist dann alles immer so unordentlich und schwierig. Ich bin mir nie sicher, ob es so wird, wie es sein soll. Ich bin immer froh, wenn ich fertig bin und aufräumen kann. Wenn alles weggeräumt ist und ich mich abends in der sauberen Küche umsehe, bin ich stolz. Essen tue ich nicht so gerne, ich habe einen nervösen Magen, und manchmal kann ich das Essen einfach nicht hinunter bekommen.

Ich bin ein vorsichtiger Mensch. Ich vertraue niemandem schnell. Man weiß nie, was dabei herauskommt. Freunde habe ich nicht, wir sind aus unserer alten Stadt weggezogen, meinem Mann wurde es zuviel dort, er hat gesagt, die Leute würden zuviel reden.

Meine Ausbildung habe ich abgebrochen, als das Kind unterwegs war. Aber ich bin zufrieden. Ich brauche keinen Beruf, ich habe eine Familie, eine Wohnung. Ich habe viele Blumen. Ich mag Blumen, die Blüten, die Farben und den Duft. Sie gedeihen gut bei mir, es ist immer grün.

Die Wohnung verlasse ich ungern, draußen ist es anstrengend. Manchmal, wenn ich in der Straßenbahn sitze, überlege ich, einfach weiterzufahren und nicht mehr auszusteigen. Aber das geht natürlich nicht. Die vielen Farben draußen tun mir in den Augen weh, auch der Himmel. Bei uns ist es dunkler, mein Mann mag am liebsten dunkle Farben. Er mag keine hellen Farben, er sagt, die sind unpraktisch, man sieht alles darauf, und die Möbel müssen lange halten. Das dunkle Holz ist auch viel einfacher sauber zu halten.

Ich war mal in einer Kirche, mir war so merkwürdig, und ich bin einfach reingegangen. Eigentlich mache ich sowas nicht, man weiß ja nicht, ob man willkommen ist. Aber außer einem Mann war niemand drin, und es war dunkel und kühl. Ich habe mich in eine Bank gesetzt und einfach nur so dagesessen, wie lange, weiß ich nicht mehr. Das war schön. Irgendwann habe ich bemerkt, daß der Mann mich so angeguckt hat, da bin ich lieber gegangen. Er ist mir nicht nachgekommen.

Ich gehe auch gerne ins Museum. Die Bilder beruhigen mich. Es ist schön, sich etwas anzusehen, was jemand vor langer Zeit gemacht hat. Ich frage mich oft, was die Personen wohl gedacht haben, als sie gemalt wurden. Ob sie sich mit dem Maler unterhalten haben, oder ob sie sich gelangweilt haben. Auch die Bilder mit den Landschaften mag ich. Ich stelle mir vor, dort spazierenzugehen. Manchmal ist es wie ein Sog, ich kann mich kaum von ihnen trennen. Ich könnte stundenlang da sitzen, aber das geht nicht, mein Sohn wird dann unruhig, und im Museum muß es leise sein.

Mein Sohn ist ein stilles Kind. Ich weiß nicht, wie das werden soll, wenn er in die Schule kommt. Dann muß er mehr reden. Mein Mann sagt das auch, und manchmal wird er wütend auf ihn und auf mich, weil ich ihn nicht richtig erziehe. Er schlägt uns wirklich nur im äußersten Notfall. Manchmal ist das notwendig, ich verstehe das. Er ist müde, wenn er nach Hause kommt, und hat ein Recht darauf, alles schön vorzufinden. Er bringt das Geld nach Hause, und ich bin für den Haushalt zuständig. Er will nur das Beste für uns.

Aber neulich ist etwas Merkwürdiges passiert. Da stand ich in der Küche und habe zugesehen, wie mein Mann das ganze Mehl verschüttet hat, über die Schränke und Türen, und über meinen gewischten Boden, und in den Ofen über das Essen. Vorher war es ganz sauber und ordentlich überall, weil er es nicht mag, wenn es unordentlich ist. Er hat gesagt, wenn ich zuviel Zeit hätte, könnte ich das ja morgen aufräumen, anstatt in die Stadt zu gehen. Und da hab ich so eine Wut gekriegt, ich habe richtig gezittert und danach wird alles undeutlich in meiner Erinnerung.

Auf jeden Fall tut es mir leid, ich weiß gar nicht, was da über mich gekommen ist, ich meine, ich bin doch ein ruhiger Mensch, ich liebe meinen Mann, unsere Familie. Was die Nachbarn wohl sagen. Und wer gießt jetzt meine Blumen?

Ich würde gerne nochmal in die Kirche gehen. Es war so ruhig und friedlich dort.

Hier kann ich meinen Sohn nicht sehen. Ich finde das schade. Wer kümmert sich jetzt um ihn? Mein Mann kann das nicht tun. Er ist ja jetzt tot.

Adventsmarmelade

Frau Müller hat für sowas keine Zeit. Das ist ja nett gemeint, aber mal ernsthaft: Wer braucht denn dieses ganze Weihnachtsgedöns? Marmelade gibt es wie Sand am Meer, eine ganze Supermarktregalwand ist voll damit, sie kann sich jede nur denkbare Sorte dort kaufen, und wenn sie wollte, würde sie das auch tun.
Überhaupt, dieses Lamettagetue: Die Leute machen sich was vor. Wenn man es nüchtern betrachtet, ist der zwölfte Monat dazu da, Buchhandlungen und Spielwarengeschäfte über den Rest des Jahres zu bringen und Restaurantbesitzer jubeln und frohlocken zu lassen. Und am Ende steht der Weihnachtsbaum doch nur entnadelt im Wohnzimmer und nichts hat sich geändert, nur das Konto ist leichter als im Monat zuvor.
Frau Müller sieht das Marmeladenglas prüfend an. Vielleicht kann sie es weiter verschenken? Sie runzelt die Stirn. Lieber nicht. Wer weiß, wer noch alles so eins bekommen hat. Ganz hinten im Schrank ist noch eine Lücke, da schiebt sie es fürs erste hinein. Sie bleibt lieber bei ihrer Stammmarke, Erdbeer, wie schon seit zwanzig Jahren. Sie hat viel zu viel zu tun, um sich mit überflüssigem Kram zu befassen, so nett gemeint er auch sein mag. Nett sein bringt nichts voran, das hat sie schon vor langer Zeit gelernt, was zählt, sind abgeschlossene Geschäfte. Umsatz. Mit diesen Gedanken putzt Frau Müller sich energisch die Zähne, zieht die Bettsocken an und sinkt müde ins Bett.

Sie träumt einen Traum.

Morgens setzt sie sich auf, zieht sich an und will Kaffee kochen, aber die Dose mit dem Pulver ist leer, der Vorratsschrank ebenfalls. Ärgerlich reisst sie die Kühlschranktür auf, um sich wenigstens das tägliche Erdbeermarmeladenbrot zu machen und starrt verständnislos in die Fächer. Es gibt Erdbeermarmelade. Und sonst nichts. Keine Eier, keine Butter, keinen Käse. Nur Erdbeermarmelade.
Voller böser Vorahnungen wirft sie die Kühlschranktür wieder zu und durchsucht alle Schränke und Schubladen. Sie findet Erdbeermarmelade in Dosen, Schalen und Tupperbehältern. Sonst nichts.
Sehr verwirrt macht Frau Müller sich auf zum Supermarkt, um dort neue Lebensmittel einzukaufen. Dass sie das in Hausschuhen tut, ist an diesem Morgen schon fast nebensächlich. Als sie die ersten Menschen mit Einkaufswagen sieht, beginnt sie zu ahnen, dass etwas ganz und gar nicht stimmt. Und richtig: Alle Regale, die Tiefkühltruhen: Voll mit Erdbeermarmelade. Immerhin, es gibt mehr Sorten als bei ihr zuhause, püriert, mit Stückchen oder als Gelee, aber: Ausschließlich Erdbeeren. Sie läuft durch die Regale und kann es nicht fassen. Die übrigen Kunden sehen gelangweilt oder geschäftig aus, wie man eben aussieht, wenn man seinen Wocheneinkauf erledigt, selbst wenn der ausschließlich aus Erdbeermarmelade besteht.
Frau Müller traut sich nicht, jemanden auf die seltsame Einheitsnahrung anzusprechen, niemand hier sieht irritiert aus, und schlussendlich greift sie sich irgendein Glas aus den Regalen, es ist ja eh egal, es gibt nur ein Produkt, und rennt danach fast ins Büro, immer noch in Hausschuhen. Wenigstens ihren Kollegen müsste doch irgendetwas aufgefallen sein!
Aber als sie das Büro betritt, löffelt der Pförtner geistesabwesend Erdbeermarmelade, während er in der Zeitung blättert und sie durchwinkt, und ihr Kollege trinkt Erdbeerpüree anstatt des üblichen Kaffees.
Frau Müller beschließt zu schweigen. Irgendetwas muss sie essen, also zwingt sie mit Mühe ein paar Löffel der roten Masse hinunter und unterdrückt schaudernd ein Würgen. Das kann doch wohl alles nicht wahr sein!
Mittags versucht sie es voller Hoffnung beim Imbißwagen gegenüber. Anstatt mit Salat sind die flachen Bleche in der Auslage mit Marmelade gefüllt, und aus der Friteuse dampft es heiß und fruchtig süß. Frittierte Erdbeermarmeladenklümpchen sind im Angebot.

Schweißgebadet schreckt Frau Müller hoch. Ihr Wecker klingelt. Schweratmend sinkt sie wieder zurück ins Kissen. Was für ein schrecklicher Traum!
In der Küche greift sie zögernd zur Kühlschranktür. Was, wenn… aber alles ist so, wie es sein soll: Eier, Butter und Käse sind da, und rechts in der Mitte steht wie immer die Erdbeermarmelade. Frau Müller sieht sie kritisch an. Ihr Magen zieht sich reflexartig zusammen beim Gedanken an Frühstück mit Erdbeeren. Nein. Heute nicht. Stattdessen angelt sie aus der hinteren Ecke des Schranks das geschenkte Glas und beäugt misstrauisch das Etikett. Apfel-Birne-Feige. Nun gut. Besser als Erdbeeren auf jeden Fall. Und dann ist sie gar nicht so übel, die Adventsmarmelade, Birnen- und Apfelaroma mischen sich mit Zimt und einem herben, nicht zu identifizierenden Duft, und ab und zu knirscht ein Feigenkorn zwischen den Zähnen.
Frau Müller ertappt sich dabei, wie sie mit dem Mund voller Adventsmarmelade darüber nachdenkt, wann sie das letzte Mal selber gekocht hat. Sie kann sich nicht erinnern.
Ihr letzter Urlaub ist auch schon sehr lange her.
Vielleicht sollte sie sich heute einfach mal frei nehmen.
Warum eigentlich nicht?

Wenn einer eine Reise tut…

… dann holt ihn manchmal die Vergangenheit ein.

Heute bin ich zum ersten Mal seit acht Jahren wieder mit einer Fähre gefahren, von Cuxhaven nach Brunsbüttel. Eigentlich ja ein Witz von Fährüberfahrt, eine Stunde und fünfzehn Minuten, das Land verschwindet niemals dramatisch am Horizont, nein, der grüne Saum begleitet das Schiff während der ganzen Fahrt.

Und trotzdem: Die Geräusche, das Alarmsignal, wenn der Bug der RoRo-Fähre sich nach unten senkt, das Schwappen der Wellen gegen die Bordwände und der Geruch nach verbranntem Diesel – genau wie damals. Sofort ist alles wieder da, das Gefühl von: „Das ist mein Schiff!“, und dieser kleine Stolz, wenn alles reibungslos klappt, die Abfahrt pünktlich, die PKW-Einweiser rauhbeinig, aber kompetent sind, wenn die Sonne kurz durch die Wolkendecke guckt – alles meins. Früher war noch die Gewissheit dabei, dass ich eine Vielzahl der Fahrzeuge und Kabinen an Bord für die Passagiere gebucht hatte und verantwortlich für jede Menge Urlaubsglück, aber auch Urlaubsweh war. An Bord landete ich wie heute irgendwann immer mit den Ellenbogen auf der Reeling, den Blick abwechselnd aufs Meer und die Passagiere gerichtet, immer auf der Suche nach Deutschen, die vermutlich über unser Büro gebucht wurden.

Vom Schiff aus ist es nur ein kleiner gedanklicher Schwimmzug und schon bin ich in meinem alten Büro, Großraum, alle Fenster auf die laute vierspurige Straße hinaus. Selbstverständlich ein Raucherbüro mit verdrecktem Teppichboden in dunkelgrau, alten Stahlschränken und einem Sammelsurium aus Schreibtischen und Büromöbeln, die in der übrigen Firma keiner mehr haben wollte. Aus diesen unmöglichen Räumen heraus haben wir für zigtausende Menschen Träume wahrgemacht, Norwegen, Schweden, Irland, Großbritannien und Tunesien, wir haben geplant, organisiert, Wartelisten geführt, doch noch den Platz mit Stromanschluss für den Kühlanhänger ergattert, die Kabine gefunden, ohne die die Überfahrt nicht möglich gewesen wäre. Wir haben bei den Reedereien um den Erlass von Stornogebühren gebettelt und hatten oft, aber nicht immer Erfolg. Es gab Stammkunden, die uns norwegische Schokolade schickten. Einmal fanden wir einen frisch geangelten und geräucherten Lachs in einem Paket.

Ein Wochenende im Sommer verbrachte ich mit einem norwegischen Programmiererteam im Büro, als das erste Buchungssystem am PC eingerichtet wurde. Wir gingen einmal am Tag online und übermittelten die gebuchten Daten, weil alles andere viel zu teuer gewesen wäre. Wir liefen barfuß oder auf Socken und bestellten Pizza, weil man das in Norwegen so macht.

Ich ließ mich von meinem Chef anbrüllen, brüllte zurück und musste mich entschuldigen. Unser Kühlschrank und die Mikrowelle standen zusammen mit den Servern und einem alten Telex im Faxraum, in dem wir über vier verschiedene Faxgeräte mit der Welt kommunizierten. Im Sommer war es stickig warm, im Winter verraucht und stickig warm.

Es war eine großartige Zeit. Alles war neu und noch ohne Routine, ich konnte mich ausprobieren, da noch niemand wusste, wie es lief. Später änderten sich die Dinge, aber so ist das: Alles ändert sich. Bis dahin aber war es meine glücklichste Zeit im Arbeitsleben, und alles das kam zurück, als die kleine Elbfähre sich an den Anleger schob und PKW und Wohnmobile ausspuckte.

Straßen werden überbewertet. Man sollte viel öfter die Fähre nehmen.

Experimentelles Kochen

Und dann war da noch die Rote-Beete-Tomaten-Suppe.

Wenn man auf einem Jugend-Zeltlager für fünfundachtzig Teenager und vierundzwanzig Mitarbeiter kocht, geht man eher weniger Risiken ein. Nudeln mit Bolognese-Sauce, Currygeschnetzeltes, dazu eine vegetarische Variante und Früchtequark, das geht immer, und es gucken dann höchstens fünfzehn Teenies kritisch, der Rest isst es klaglos, vermutlich auch, weil die Tage anstrengend, wundervoll und lang sind und nur Schokoriegel und Coca-Cola irgendwann doch langweilig werden. Unser Küchenteam gibt sich da keinen Illusionen hin, aber wir kochen gern und auch gut, wenn ich die verputzten Mengen hochrechne.

Aber ich gebe zu, es juckt mich jedes Mal, wenn ein neues Camp ansteht, und so gibt es in den morgendlichen heißen Kakao nicht nur Kakao, sondern auch eine Prise Salz und Zimt. Der Quark wird mit Sahne und Vanillesauce gemischt und das Obst darin ist frisch geschnitten. Zu den Kartoffeln gibt es einen Dip aus Sauerrahm, Kräutern und frischer Paprika und in den Lagerfeuer-Tee kommt weißer Pfeffer, damit er wärmt. Mittlerweile habe ich gelernt, diese kleinen Sonderzutaten nie zu erwähnen und einfach die Reaktionen abzuwarten. In der Regel sind sie positiv, die meisten merken nicht einmal etwas, sie freuen sich nur, dass es gut schmeckt.

Dieses Mal aber hatten wir einige Liter Gemüsesaft von einem Programmpunkt übrig. Was macht man auf so einem Zeltlager mit Tomaten-, Rote-Beete-, Karotten- und Sauerkrautsaft? Wir boten die Säfte zum Frühstück an und ernteten angeekelte Blicke. Wir versuchten es ein weiteres Mal zum Abendessen und die Teilnehmer machten einen weiten Bogen um den Tomatensaft. Vom Sauerkrautsaft ganz zu schweigen. Also wegwerfen? Oder zu den am Ende übrig gebliebenen Lebensmitteln geben und auf leiderprobte Abnehmer hoffen, die nichts wegwerfen können? Nein. Ich wollte darauf vertrauen, dass es ein paar mutige Menschen in dieser hundertköpfigen Schar gäbe, die ein ungewöhnliches Essen zumindest ausprobieren würden. Und kochte eine tief pinkrotfarbene Tomaten-Rote-Beete-Karotten-Sauerkaut-Kartoffelsuppe mit Sahne, Frischkäse, Pfeffer und Salz. Sie war wirklich lecker, fruchtig und würzig und scharf, aber eben auch so ungeeignet für ein Jugendcamp, wie man es sich nur vorstellen kann. Nichts an dieser Suppe war dafür gemacht, Teenagern zu gefallen – zu suppig, zu pink, zu rot gefärbte Kartoffelstücke, viel zu exotisch, ein Fremdkörper zwischen gebratenen Nudeln, Brot mit Käse oder Wurst und Apfelspalten.

Die ersten fünfundzwanzig Teenies schlichen an meinem Topf vorbei, guckten misstrauisch und gingen schnell weiter, bevor ich sie auffordern konnte zu probieren. Dann stockte die Schlange vor dem Frischkäse und der Butter und die nächsten zehn Teenies mussten zwangsweise vor mir stehenbleiben. Die Gelegenheit, um Werbung zu machen! Ich pries die Suppe an wie himmlisches Manna und ein paar Teenies guckten interessiert in den Topf, gingen dann aber doch lieber weiter zu Brot und Bananen. Entmutigt rührte ich in meiner schönen, dampfenden Suppe, als ich plötzlich auffordernd einen Teller unter die Nase gehalten bekam. Überrascht sah ich auf und fragte sicherheitshalber nach, und ja, sie wollte! Klar würde sie probieren! So schlimm würde es schon nicht werden! Und dann zog sie mit ihrem Teller davon. Die nächsten in der Schlange sahen verwirrt von mir zu dem Mädchen mit dem Teller und dann zum Topf und wussten nicht, was sie nun tun sollten: Probieren? Weitergehen? Vielleicht etwas verpassen? Risiko? Ein Junge hielt mir reflexartig seine Schale hin und ich nutzte die Chance: Bevor er ihn zurückziehen konnte, hatte er eine Kelle voll pinkfarbener Suppe darin. Und damit war der Bann gebrochen. Insgesamt teilte ich etwa sechs Liter Tomaten-Rote-Beete-Suppe aus, ein Liter blieb übrig, ein paar Abnehmer kamen zweimal, ein Mädchen hat sie tapfer aufgegessen, obwohl sie sie schrecklich fand, aber alle waren fasziniert von der ungewöhnlichen Farbe.

Letztendlich hat es einen Menschen in dieser Gruppe gebraucht, der bereit war, ein Risiko einzugehen, und dann sind ihm andere nachgefolgt. Ich bin nicht sicher, ob irgendjemand trotz all meiner gut gemeinten Werbeworte probiert hätte, wenn dieses eine Mädchen nicht gewesen wäre. Ein kleines bißchen Mut an der richtigen Stelle kann etwas auslösen, doch, das geht. Die Rote-Beete-Tomaten-Suppe hat es mir live vorgeführt. Ich werde sie in guter Erinnerung behalten.