Urlaubsende

„He“, sagst du und stupst deinen Schweinehund von der Seite an. „Ist alles in Ordnung mit dir?“ Er war sehr ruhig in den letzten Tagen, aber jetzt liegt er geradezu komatös da. Du machst dir Sorgen. Nicht zuviele, es ist ja auch ganz schön, wenn er mal still ist, aber trotzdem.

„Hmpf“, macht er und klappt ein Auge halb auf. „Iss was?“

„Nö“, sagst du, „ich wollte nur sichergehen, dass du noch atmest.“ Das halbe Auge klappt wieder zu. Ok. Einen Versuch machst du noch. „Fandest du´s denn nett die letzten Tage?“

Dein Schweinehund grunzt und dreht sich auf den Rücken, den pelzigen Bauch zur Sonne gewandt. Du wartest, lange. Schließlich lässt er sich doch noch zu einer Antwort herab.

„Nett. Nett. Was sind denn das für Kriterien. Wenn du´s genau wissen willst, langweilig war´s. Extrem langweilig. Aber jetzt sind wir ja auf dem Weg nach Hause.“ Er wendet sich von dir ab und rudert mit den Pfoten in der Luft, bis er die perfekte Position gefunden hat. Ein paar Minuten später ertönen leise Schnarchgeräusche.

Du wendest dich ab, damit er auf keinen Fall dein Grinsen sieht. Es scheint, als ob dein Urlaub doch ganz in Ordnung gewesen wäre.

Die Wiese

Du denkst, es ist nur eine Wiese.

Ein bißchen Gras mit Mücken.

Ein Bach, zu klein, um drin zu baden.

Hier ist doch nichts!

Die Wiese stellt sich taub.

Grüngolden träumt sie neben klarem Wasser.

Die Sonnenbank am Bach verführt:

Nur kurz die Augen schließen…

In leichte, feine Netze wirst du eingewoben.

Hundert kleine Herzen schlagen neben dir,

Sanftes Rauschen trägt die leisen Stimmen weit empor.

Sieh! Trieb nicht gerad ein Walnußschalenboot vorbei?

Mit eichelfarbnem Segel?

Was ist das für ein Tor im Schilf dort vorn?

Hängt da nicht ein Ausguck in den Zweigen?

Sei wach. Und alle kleinen Wiesendinge werden groß.

Möglichkeiten

Aufstehen oder liegenbleiben?

Entdecken oder hierbleiben?

Café oder Holzbank?

Cappuccino oder Latte Macchiato?

Kirsch- oder Kaktuseis?

Promenade oder Wassersaum?

Schuhe aus oder Schuhe an?

Einkaufen oder Bootshafen?

Matjes oder Butterfisch?

Bon riskieren oder zurückgehen?

Direkt nach Haus oder am See entlang?

In der Sonne sitzen oder kochen?

Schlafen oder …

Entschieden!

 

Navifahrten

Mein Navi sagt mir, ich soll abbiegen, und zwar in exakt vierhundert Metern.

Ich habe aber keine Lust, da abzubiegen. Da sieht´s langweilig aus.

Das Navi weiß genau, wie resistent ich sein kann und wiederholt die Anweisung, jetzt in zweihundert Metern, abbiegen, pronto!

Nö. Will ich nicht. Und fahre geradeaus. Es kurvt gerade so schön. Und stand da vorhin auf der Karte nicht was von einem See? Wieso führt mich das Navi nicht zum See? Es sollte mich doch mittlerweile kennen.

Das Navi kämpft um die Oberhand. „Bitte wenden!“

Tja, Pech gehabt. Das Steuer gehört mir.

Das Navi schweigt. Stumm zeigt es den Weg, den ich gerade entlang fahre. Dann versucht es, mich in regelmässigen Abständen auf den geraden Pfad zurückzuführen. Ich lächle.

Nach ein paar Kilometern lenke ich ein. Na gut. Langsam bekomme ich Hunger, und der See taucht nur in weiter Entfernung kurz mal auf. Ich überlasse meinem Navi das Kommando. „Links abbiegen! Im Kreisel die dritte! Der Straße folgen! Rechts, dann schräg rechts halten, dann links…“

Woooaa! Und schon bin ich falsch. Diese Straße hier sieht eng aus. Wo bin ich? Das Navi schweigt. Es muss überlegen. Dann, mit frischer Kraft: „Rechts. Geradeaus. Folgen!“ Die Straße wird immer enger. Es gibt keine Verkehrszeichen. Der Mittelstrich ist verlorengegangen. Wald auf der einen, hohe Büsche auf der anderen Seite. Das Sträßchen schlängelt sich wie eine Kreuzotter. Was, wenn mir jetzt jemand entgegenkommt? Schwitzend umkurve ich Schlaglöcher und riesige Pfützen. Das hier wird doch wohl nicht zum Feldweg? Eine einsame, uralte Stromleitung an Holzpfählen begleitet mich noch ein Stück, dann hört auch das auf. Der Asphalt weicht Schotter. Mit Tempo fünfundzwanzig fahre ich über die knirschenden Steine. Keine Wendemöglichkeit. Mein Navi schweigt. Noch anderthalb Kilometer diese Straße entlang, lese ich.

Dann, endlich: Eine Asphaltstraße! Mit Mittelstreifen! Ich atme auf. Fünfhundert Meter weiter spricht das Navi plötzlich wieder: „Sie haben Ihr Ziel erreicht.“

Misstrauisch starre ich auf den kleinen Bildschirm. Hat es etwa gerade… Nein. Unbewegt blinkt es auf dem Zielpunkt. Trotzdem. Wenn ich mich nicht sehr irre, klang da tiefe Befriedigung aus seinem Schlusssatz.

Herr Wirt! Frau Wirtin!

Betten, Bad und Luft sind hier vorzüglich.

Ganz grandios das Spiegelei zum Frühstück!

Aber eins muss ich bemängeln:

(Und ich will hier niemand gängeln)

Eure Mücken lasst ihr hungern,

ich seh sie ganztags lungern

mit großem Appetit,

und ich fürchte, es gibt mich

im Frühstücks-, Mittags-, Abendlicht!

Wenn einer eine Reise tut…

… dann holt ihn manchmal die Vergangenheit ein.

Heute bin ich zum ersten Mal seit acht Jahren wieder mit einer Fähre gefahren, von Cuxhaven nach Brunsbüttel. Eigentlich ja ein Witz von Fährüberfahrt, eine Stunde und fünfzehn Minuten, das Land verschwindet niemals dramatisch am Horizont, nein, der grüne Saum begleitet das Schiff während der ganzen Fahrt.

Und trotzdem: Die Geräusche, das Alarmsignal, wenn der Bug der RoRo-Fähre sich nach unten senkt, das Schwappen der Wellen gegen die Bordwände und der Geruch nach verbranntem Diesel – genau wie damals. Sofort ist alles wieder da, das Gefühl von: „Das ist mein Schiff!“, und dieser kleine Stolz, wenn alles reibungslos klappt, die Abfahrt pünktlich, die PKW-Einweiser rauhbeinig, aber kompetent sind, wenn die Sonne kurz durch die Wolkendecke guckt – alles meins. Früher war noch die Gewissheit dabei, dass ich eine Vielzahl der Fahrzeuge und Kabinen an Bord für die Passagiere gebucht hatte und verantwortlich für jede Menge Urlaubsglück, aber auch Urlaubsweh war. An Bord landete ich wie heute irgendwann immer mit den Ellenbogen auf der Reeling, den Blick abwechselnd aufs Meer und die Passagiere gerichtet, immer auf der Suche nach Deutschen, die vermutlich über unser Büro gebucht wurden.

Vom Schiff aus ist es nur ein kleiner gedanklicher Schwimmzug und schon bin ich in meinem alten Büro, Großraum, alle Fenster auf die laute vierspurige Straße hinaus. Selbstverständlich ein Raucherbüro mit verdrecktem Teppichboden in dunkelgrau, alten Stahlschränken und einem Sammelsurium aus Schreibtischen und Büromöbeln, die in der übrigen Firma keiner mehr haben wollte. Aus diesen unmöglichen Räumen heraus haben wir für zigtausende Menschen Träume wahrgemacht, Norwegen, Schweden, Irland, Großbritannien und Tunesien, wir haben geplant, organisiert, Wartelisten geführt, doch noch den Platz mit Stromanschluss für den Kühlanhänger ergattert, die Kabine gefunden, ohne die die Überfahrt nicht möglich gewesen wäre. Wir haben bei den Reedereien um den Erlass von Stornogebühren gebettelt und hatten oft, aber nicht immer Erfolg. Es gab Stammkunden, die uns norwegische Schokolade schickten. Einmal fanden wir einen frisch geangelten und geräucherten Lachs in einem Paket.

Ein Wochenende im Sommer verbrachte ich mit einem norwegischen Programmiererteam im Büro, als das erste Buchungssystem am PC eingerichtet wurde. Wir gingen einmal am Tag online und übermittelten die gebuchten Daten, weil alles andere viel zu teuer gewesen wäre. Wir liefen barfuß oder auf Socken und bestellten Pizza, weil man das in Norwegen so macht.

Ich ließ mich von meinem Chef anbrüllen, brüllte zurück und musste mich entschuldigen. Unser Kühlschrank und die Mikrowelle standen zusammen mit den Servern und einem alten Telex im Faxraum, in dem wir über vier verschiedene Faxgeräte mit der Welt kommunizierten. Im Sommer war es stickig warm, im Winter verraucht und stickig warm.

Es war eine großartige Zeit. Alles war neu und noch ohne Routine, ich konnte mich ausprobieren, da noch niemand wusste, wie es lief. Später änderten sich die Dinge, aber so ist das: Alles ändert sich. Bis dahin aber war es meine glücklichste Zeit im Arbeitsleben, und alles das kam zurück, als die kleine Elbfähre sich an den Anleger schob und PKW und Wohnmobile ausspuckte.

Straßen werden überbewertet. Man sollte viel öfter die Fähre nehmen.

Los!

Du fährst los.

Dein Schweinehund jammert und ächzt. „Was soll denn das? Wozu denn diese ganze Mühe? Hätten wir nicht einfach zu Hause bleiben können? All das Planen und Packen und Schleppen! Und jetzt regnet es auch noch! Fehlt nur noch, dass wir diese blöde Fähre verpassen, auf die du ja so unbedingt wolltest! Wenn wir schon all diese Unbequemlichkeiten auf uns nehmen müssen, hättest du doch wenigstens die normale Strecke fahren können, aber nein, es muss ja die Fähre sein! Und wozu? Guck doch! Hier sieht´s aus wie zuhause, auch nur Felder, Bäume und dieselben Regenwolken wie immer. Hab ich´s dir nicht gesagt?“

„Halt die Klappe“, antwortest du. „Es sind andere Felder, Bäume und Wolken als zuhause.“

Und dann freust du dich, weil der Wind über Silberpappeln weht, du die Straße nicht kennst, dich verfährst und dann doch noch rechtzeitig am Meer ankommst.

Dein Schweinehund schmollt. Aber du könntest schwören, dass er interessiert in der salzigen Luft herum schnuppert, wenn du gerade nicht hinguckst.

Wenn …

Wenn…

… ich morgens um zehn schon wieder müde bin
… meine Lieblingsband nervt
… der verschwundene Autoschlüssel mich in Tränen ausbrechen lässt
… ich gereizt bin weil der Wind falsch weht
… Autofahrten mich melancholisch an verschwundene Kindheitsstätten erinnern
… Freunde all ihre schlechten Seiten zeigen
… der Alltag ein langes, graues Band ist
… niemand mich mehr mag
… es nur noch regnet
… dann weiß mein Herz, die Welt ist eine trostlose Einöde mit gelegentlichem Stechmückenbefall. Und das wird sich nie, nie wieder ändern.

 

Aber zum Glück gibt es auch meinen Kopf. Und der weiß, mein letzter richtiger Urlaub war vor dreizehn Monaten.

Es wird Zeit. Noch fünf Wochen.

 

Wenn…
… fünf Wochen länger als die Ewigkeit dauern
… alle, alle schon vor mir Urlaub haben
… der letzte Keks an jemand anderes ging
… seufz