Was ich am Teencamp nicht mochte

sintflutartiger Regen beim Ankommen

undichte Zeltdächer

Ohrenkneifer im nassen Handtuch

feuchte Jacken

sich morgens unelegant von der Luftmatratze hochquälen

müde Knochen am Abend

müde Knochen am Morgen

klebrige Nudelreste, die problemlos Tesa Powerstrips ersetzen könnten

Kartoffelschrabben

danach Muskelkater im Daumen

beim Zeltabbau zermatschte Nacktschnecken unterm Zeltboden finden

und trotzdem: Abreisen müssen

(kleine Erklärung: Ich war Köchin in einem Zeltlager für Teenager. Und es gab eine ganze Menge Regen in den ersten Tagen)

 

Wenn …

Wenn…

… ich morgens um zehn schon wieder müde bin
… meine Lieblingsband nervt
… der verschwundene Autoschlüssel mich in Tränen ausbrechen lässt
… ich gereizt bin weil der Wind falsch weht
… Autofahrten mich melancholisch an verschwundene Kindheitsstätten erinnern
… Freunde all ihre schlechten Seiten zeigen
… der Alltag ein langes, graues Band ist
… niemand mich mehr mag
… es nur noch regnet
… dann weiß mein Herz, die Welt ist eine trostlose Einöde mit gelegentlichem Stechmückenbefall. Und das wird sich nie, nie wieder ändern.

 

Aber zum Glück gibt es auch meinen Kopf. Und der weiß, mein letzter richtiger Urlaub war vor dreizehn Monaten.

Es wird Zeit. Noch fünf Wochen.

 

Wenn…
… fünf Wochen länger als die Ewigkeit dauern
… alle, alle schon vor mir Urlaub haben
… der letzte Keks an jemand anderes ging
… seufz

Unterwegs mit der Freiheit

Hamburg, 13. Mai 2017, Reeperbahn, Große Freiheit

Was ist denn, Schatz? Du siehst nicht glücklich aus. Geht´s dir nicht gut?

Ach… du denkst, ICH wäre nicht glücklich, weil wir hier sind, auf der Reeperbahn? Aber warum sollte ich hier unglücklich sein? Es gibt hier nicht mehr und nicht weniger von mir als – ach, sagen wir in Blankenese oder Harburg. Glaub mir, du wüsstest das, wenn du hinter die Fenster sehen könntest.

Die Leute, die hier zum Feiern herkommen, sind freiwillig da. Gut, der ein oder andere wurde vielleicht von seinen Freunden gezwungen, aber die große Masse kommt, weil sie das so will. Beste Bedingungen für mich! Und die, die hier in normalen Geschäften arbeiten, sind auch überwiegend freiwillig da. Niemand zwingt sie zum Bleiben, für viele ist das hier Heimat, und sie lieben ihren Kiez.

Du hast allerdings Recht, hier gibt es auch Fälle, da bin ich wütend und möchte alle Ketten sprengen! Sofort! Da frisst mich die Ungerechtigkeit auf, aber trotzdem: Auf der Reeperbahn ist längst nicht alles unfrei.

Hm. Du siehst immer noch nicht glücklich aus. Habe ich etwas gesagt, das dir nicht gefallen hat? Weißt du, du sprichst hier nicht mit der Gerechtigkeit, oder der Gleichheit, und auch nicht mit der Moral, nein, mit der absolut nicht. Ich bin die Freiheit, mir geht es darum, dass Menschen ihre Entscheidungen, wofür auch immer, selber treffen dürfen.

Manche Menschen sagen, wenn es zu viel von mir gibt, endet alles im Chaos, aber du kannst dir denken, dass ich das anders sehe, oder? Und außerdem: Dafür gibt es ja die anderen, die Gleichheit und die Moral und die Gerechtigkeit und wie sie alle heißen.

Und jetzt komm, lass uns einen Kaffee zusammen trinken gehen, wer weiß, wie lange ich noch bei dir bin! Nimm dir die Freiheit!

(sie fasst mich am Arm und zieht mich kichernd mit sich fort)

Meine Freiheit

Hamburg, 13. Mai 2017, Altonaer Strand, Sand zwischen den Zehen

Meine persönliche, kleine Freiheit setzt sich aus vielen Einzelteilen zusammen. Aufstehen und den Platz wechseln dürfen, weil es zu warm ist, ist so ein Teilchen. Den Arbeitstag selber gestalten – wann mache ich was? Allgemeine Vorschriften sind wichtig, klar, aber innerhalb dieser Regeln möchte ich mich frei bewegen dürfen. Ich mag es nicht, wenn mir jemand unbedingt seine Sicht der Dinge aufdrücken will. Ein Beispiel: Warum darf ausschließlich nach einem System abgelegt werden? Wer sagt das? Gab es da einen Volksentscheid, den ich verpasst habe? Wenn aus einem Papierstapel zweimal im Jahr etwas gebraucht wird und dann nie wieder, warum soll ich dann auch noch innerhalb der einzelnen Buchstaben nach Alphabet ablegen? Eine Kleinigkeit, ja, aber solche Dinge möchte ich selbst entscheiden dürfen.

Freiheit setzt sich zusammen aus der Summe der einzelnen Entscheidungen, die ich selber treffen darf. Je weniger, desto weniger Freiheit. Kompromisse sind nötig, ja. Zusammenleben funktioniert sonst nicht. Aber Kompromisse um jeden Preis? Ich weiß nicht. Den Preis möchte ich eigentlich selbst bestimmen dürfen.

tut mir leid

tut mir leid
da war etwas in deinen Augen
ein helles Licht
ein Funkeln und Strahlen
es erschien mir merkwürdig
ich sah die Schatten
die es warf
und die wirren Muster
an der Wand
es machte mir Angst
da erschlug ich es
jetzt ist es dämmrig
und sehr still
tut mir leid

Gesamtkunstwerk

sie kommt mir entgegen
dass es nur so glitzert
die Farbe auf ihr
wie spitze Schreie am Morgen
ein Gesamtkunstwerk

ein wenig Spott steigt in mir auf
muß das sein?
am Morgen?

als ich bemerke
dass ich sie bemerkt habe
und überlege, wieviel Mühe sie sich
heute mit dem Tag gegeben hat
und wieviel Mühe ich
erstirbt mein Spott

sollte nicht jeder Tag ein Gesamtkunstwerk sein
und ich ein bunter Teil davon?

Abbild

Was
wenn Gott nicht in uns ist
sondern außerhalb
was
wenn der Gott
den wir lieben
ein zurechtgestutztes Abbild ist
verkleinert
angemalt
ausgeschmückt
um in unsere innere Welt zu passen
was
wenn der große Gott
von außerhalb
durch die Ritzen in unserer Mauer schimmert
was dann

mauerriss

träge bin ich geh zur ruh

träge bin ich geh zur ruh

mach die müden augen zu

matt und schlaff hängt meine hand

drei fliegen sitzen an der wand

einfach hier nur sitzen

drei staubflocken liegen in den ritzen

trübe balln sich zähe gedanken

weisen mein faulsein leise in schranken

was könnte man tun?

vielleicht noch ein wenig ruhn

dann denk ich ans essen

fühl mich vermessen

all diese dinge bereiten

so viele möglichkeiten

die schwierigkeiten des kauens

und dann die des verdauens

besser ist es hier zu treiben

sanft die wange am kissen zu reiben

all diese unruh und hast

würden aufscheuchen auch den verständigsten gast

ich glaube es reicht noch bis morgen

nein ich mach mir keine sorgen

mir geht’s gut

was willst du nur

alles was ich brauche habe ich hier

meinen sessel mein fernsehn mein bier

was mir sorgen macht

ist der anbruch der nacht

denn dann ich kanns nicht verhindern

muß ich meine leibeslast mindern

wenn du verstehst was ich meine

freude am dasein? ach kleine

das ist lange her

erinnern fällt schwer

irgendwann ging die lebenslust

und ließ mir nur den überdruß

nimms mir bitte nicht übel

das ist zuviel gegrübel

es bekommt meinem magen nicht

er schmerzt dann ganz widerlich

laß mich in ruh

ich mache meine augen zu

fühle mich breiter und schwerer werden

es ist wie leichtes seeliges sterben

träge bin ich geh zur ruh

mache meine seele zu.