Der kleine Elefant

Der kleine Elefant quetscht sich durch die viel zu schmale Tür des Porzellanladens. „Was sucht ein Elefant im Porzellanladen?“ fragt der Porzellanhändler und unterbricht das Abstauben eines Porzellanlammes und seiner Schäferin.
Mitten im Raum bleibt der kleine Elefant stehen, will sich umsehen, dreht den Kopf und stößt eine Tasse von der Untertasse. Das Scheppern lässt sie erstarren. So steht sie da. Bewegungslos mit weit aufgerissenen Augen. Nichts rührt sich mehr an ihr. Der Porzellanhändler zuckt mit den Schultern und wendet sich wieder seiner Arbeit zu.
Die kleine Elefantenkuh kann spüren, wie die Zeit vergeht. Der Raum wird kleiner und kleiner und sie fragt sich, ob der Laden schrumpft.
Manchmal kommen Kundinnen herein, selten kaufen sie etwas. Eines Tages stellt eine ältere Dame einen Teller auf sie, weil sie sich nicht mehr erinnert, wo sie ihn hergenommen hat. Nachdem das erste Stück auf ihr abgestellt ist, gesellen sich andere Porzellandinge dazu. Eine Vase mit Blumendekor, ein küssendes Paar, weitere Teller, Tassen und vieles mehr. Sogar ein kleiner Porzellanelefant findet seinen Platz auf ihren mittlerweile mächtigen Schultern.

Wenn die Sonne ihre Strahlen durch die Schaufenster schickt und mit dem tanzenden Staub in der Luft spielt, spürt sie wie die Stille sich in ihr ausbreitet. Sie vermisst die Weite und Wärme. Sie weiß, dass dieses Gefühl für immer bleibt. Dieses Vermissen ist so groß, dass sie dann fast in Bewegung gerät und ausbrechen will. Beim kleinsten Klirren aber erstarrt sie wieder und bleibt ruhig.

Die Türglocke läutet. Jemand betritt den Raum. Sie spürt eine unglaubliche Präsenz und hat mehr als jemals zuvor den Wunsch sich zu bewegen. Sie verdreht die Augen, um zu sehen, wer da kommt. Sehen kann sie nichts. Vielleicht diesmal? Aufbruch? Die Enge verlassen? Loslassen? Das Klirren ertragen und einfach losgehen? Diesmal der Energie einfach Raum geben?
Nah an ihrem Ohr flüstert eine goldene Stimme: „Was sucht ein Elefant im Porzellanladen?“ Die Stimme klingt nach Aufbruch und Mut. In ihr macht sich ein neues Gefühl breit. Sie fragt sich, warum sie so lange gewartet hat? Sie fragt sich, ob eigentlich alle Elefanten so leben? Und ob es nicht noch viel mehr geben sollte?

„Was sucht ein Elefant im Porzellanladen?“ fragt die Stimme noch einmal. Diesmal lauter und an den Porzellanverkäufer gerichtet. „Der Elefant war schon immer hier. Zumindest fühlt es sich so an. Er sieht ja auch schön aus und war immer brav. Bis auf ein paar Kleinigkeiten ist alles heil geblieben.“
Ein goldener Schimmer erscheint in ihren Augenwinkeln. Eine goldene Frau tritt vor sie und sie kann sie sehen. Sanft wärmt das goldene Licht ihr Gesicht und sie fühlt, wie ihre Muskeln zucken. Sie fühlt wie alles in ihr nach Freiheit schreit, nach Weite und Wärme.
Die goldene Frau legt ihre Arme um ihren Kopf.

Im Porzellanladen breitet sich tiefe Stille aus. Alles Porzellan, das auf ihr gelagert hatte, scheint einen Moment lang in der Luft zu schweben. Dann geht es zu Boden und in tausend Scherben. Nur der kleine Porzellanelefant überlebt. Der Porzellanhändler hebt ihn auf und hält ihn fassungslos in der Hand.

Sie stampft mit dem Fuß auf. Staub wirbelt. Die Abendsonne flirrt rot am Himmel und taucht die Savanne in ein mächtiges Orangerot. Sie spürt die Herde um sich und alle begrüßen sie mit einer Berührung. Sie ist nicht allein. Sie schaut sich um. Ihr Kopf schwingt von einer Seite zur anderen. Nichts passiert. Kein Klirren. Kein Scheppern. Hier ist Weite und die ganze Welt passt ihr wie ein bequemes wunderschönes Kleid.
Tiefe Erinnerungen tauchen in ihr auf: die alten Wege zum Wasser, die Art nicht mehr allein und doch frei zu sein, die Rituale des Lebens, Richtung zu haben und zu geben, selbst in unwegsamen Gelände.

Die goldene Stimme erklingt in ihrem Herzen: „Du dachtest: „Nur nichts kaputt machen. Immer schön vorsichtig. Keinen ärgern. Keinen kränken. Keinen Lärm und keine Anstalten machen. Sich hüten. Ja, sich nur hüten, vor falschen Bewegungen. Steif geworden bist du darüber. Und fast verdurstet und so allein. Fast bist du selbst Porzellan geworden.
Auf geht´s. Heut ist Polterabend.“

Sie atmet auf.

Ein Beitrag von Dagmar Wegener (Teilnehmerin der Schreibreise 2018) – vielen Dank!

Unkraut

Der alte Gärtner kratzte weiter mit seinem Rechen hart über den trockenen Boden. Der Junge folgte ihm stumm.
„Merk´s dir: Wenn du mit deiner Arbeit hier angelangt bist, ist noch keine Zeit für´s Nichtstun. Das Unkraut am Zaun wird entfernt, dann gießt du den Gemüsegarten. Verstanden?“ Der Junge nickte.
„Gut. Zum Schluß rechst du den Boden, siehst du? So.“ Zur Bekräftigung fuhr er mit den eisernen Stäben noch ein paarmal durch den Staub. Wieder nickte der Junge gehorsam. Der Gärtner richtete sich auf, nahm den Hut ab und wischte mit seiner rauen Hand den Schweiß von der Stirn.
„Nun gut. Wir werden sehen, wie du dich anstellst. Ich hab schon viele kommen und gehen sehen. Der Garten ist groß, hier ist viel Arbeit für zwei. Deine Mutter hat gesagt, du könntest arbeiten. Stimmt das?“ Der Junge nickte schnell, sah den Alten aber nicht an. Sein Blick verhakte sich in einem kleinen, gelben Unkraut, das im Rechen hängengeblieben war. Der Alte folgt seinem Blick.
„Tut´s dir leid um das Unkraut? Gewöhn dir das ab. Hier bestimmen nicht wir, was in das große Haus kommt und was entfernt wird. Alles, was hier wächst, ist Unkraut, alles was hinter dem Zaun wächst, ist Garten. Komm jetzt. Es ist Essenszeit.“ Er lehnte den staubigen Rechen an den Zaun und ging mit langen Schritten auf ein kleines Häuschen zu. Der Junge warf noch einen Blick auf das gelbe Unkraut, zog die Schultern hoch und folgte dem Alten.
In der spärlich eingerichteten Küche glomm ein kleines Kohlenfeuer im Herd. Auf der Platte stand eine metallene Kaffeekanne. Vorsichtig sah der Junge sich im Halbdunkel um.
„Setz dich. Da ist Brot und Käse. Tassen stehen auf dem Bord.“
Der Junge blickte auf den Tisch. Ein Korb mit dunklem Brot stand da, ein kleiner Laib Käse auf einem Holzbrett und in der Mitte glänzte eine alte Konservendose, prall gefüllt mit den gelben Blumen, von denen er eine gerade noch im Rechen gesehen hatte. Unbewegt betrachtete der Alte ihn.
Der Junge nahm zwei Tassen und die Kaffeekanne vom Herd, blickte den Alten fragend an und füllte ihm die Tasse. Dann goß er sich ein. Zusammen aßen sie schweigend ihr erstes gemeinsames Mahl.

Zweckfreiheit – Vorgeplänkel

Dann kam der Morgen, an dem wir eine Collage machen sollten.
Eine Collage.
Ich.
Ok. Dazu muss man wissen, Collagen und ich sind inkompatibel. Sie wissen, dass ich sie nicht leiden kann, und ich weiß, dass sie es wissen. Und so halten wir uns in der Regel hübsch weit entfernt voneinander.
An diesem Morgen konnte ich aber ja leider nicht wegrennen, und außerdem soll man doch auch ab und zu mal Dinge ausprobieren, die man nicht mag, um zu testen, ob das immer noch so ist oder ob man plötzlich eine neue Liebe entdeckt. Ich habe also tapfer nach Bildschnipseln, Farbe und Stempeln gegriffen, und, he!, nachdem ich akzeptiert hatte, dass das bei mir wirklich nirgendwohin führt, hatten wir viel Spaß miteinander, meine Collage und ich! Zweckfreiheit wird unterschätzt, und das sagt hier eine, die normalerweise berufsbedingt durchgängig in hohem Optimierungsmodus läuft. Hier also meine Collage (ich bitte um Beifall und Zuneigungsbekundungen!):

Wer mir sagen kann, was das auf dem Bild da bedeutet, gewinnt drei goldene Sternchen!

Falls es wirklich jemand wissen möchte, hier noch einmal zum vergrössern:

Als sie dann fertig war (sind Collagen eigentlich jemals fertig? Eigentlich nicht, oder?), kam der Teil, der mir wirklich Spaß gemacht hat. Selten habe ich soviel gelächelt beim Schreiben eines Gedichtes. Das kommt dann im nächsten Blogpost. 🙂

Sommerabende

Den Abend im Garten ausklingen lassen, einen sanften Engel schlürfend, sternenbestrahlt und von lieben Menschen umgeben.

Oder allein, mit einem Buch in der Hand, eingehülllt ins sanfte Licht der Windlichter, als Musik das Zirpen der Grillen. Es gibt Momente, die überstrahlen den Tag.

Ort schöner lauer Sommerabende mit netten Menschen

Ein Beitrag von himmelgraublau – dankeschön!

 

Lebensfrage

Wenn du wüsstest, du hättest noch ein halbes Jahr zu leben – was würdest du dann unbedingt noch machen wollen?

Ich möchte jeden Tag so leben, als könnte es mein letzter sein. Denn das einzige, was ich wirklich zu gestalten habe, ist die Gegenwart, der jetzige Augenblick.

Und was ich unbedingt machen möchte – egal, ob ich das halbe Leben, nur noch ein halbes Jahr oder gar nur den heutigen Tag vor mir habe:

gnädig, liebevoll, barmherzig, gewürzt mit einer guten Prise Humor zuallererst auf mich selbst, dann aber auch auf meine Mitmenschen zu schauen, zu segnen statt zu verachten oder zu verurteilen, zu ermutigen statt niederzumachen.

Ob mir das gelingt? Ich wünsche es mir von Herzen – ahnend, dass auch das letztendlich nur bruchstückhaft gelingen wird, wie so vieles in diesem Leben. Der Versuch zählt – und dann: hinfallen – aufstehen – Krone richten – weitergehen… egal, ob nur noch heute, ein halbes Jahr – oder das halbe Leben.

(kleine Erklärung: In der Schreibwerkstatt erhielten wir eine zu beantwortende Frage vom Nachbarn. himmelgraublau hat dies hier getan).

Ein Beitrag von himmelgraublau – vielen Dank!

 

Experimentelles Gedichteschreiben

Und dann bekamen wir den Schellenengel von Paul Klee vorgelegt und ich war entzückt.

So einfach! So klar! So wenige Linien, aber alles da, was man braucht! Und gleichzeitig trotz der Einfachheit komplex und vieldeutig. Der Mann hat es wirklich drauf gehabt, keine Frage. Wir wurden also aufgefordert, einen kleinen Text dazu zu schreiben und danach die Figur mit Farbe und Mut zu unserer Figur zu machen. Hier mein Endergebnis.

Pilger-Begegnung

„Ähem. Hallo?“

„Oh. Hallo.“

„Darf ich mich vorstellen?“

„Ja?“

„Ich bin Ihr Engel für die heutige Pilgerreise.“

„Aha. Schön. Kann ich etwas für Sie tun?“

„Neinnein, umgekehrt, ich kann etwas für Sie tun!“

„Also, eigentlich fühle ich mich gerade ganz wohl. Ist aber nett von Ihnen, zu fragen.“

„Ah, ich sehe, ich störe. Tue ich auch ungern. Aber ich muss. Order von oben, verstehen Sie?“

„Wenn´s denn unbedingt sein muss… was gibt´s denn?“

„Ich soll Sie daran erinnern, nicht nur auf´s Papier zu gucken.“

„Aber der Auftrag lautete, geh pilgern und schreiben!“

„Schon richtig, aber nicht nur schreiben. Bitte beachten Sie, dass gerade eine kleine Raupe über Ihr linkes Bein kriecht.“

„Oh…“

„Genau vor Ihnen blüht eine rosa Blume. Und wenn Sie den Blick bitte einmal nach oben richten würden? Danke. Sehen Sie die Libellen? Und den heute besonders himmelblauen Himmel?“

“ … “

„Schön. Wenn Sie bitte genau jetzt nach vorn ans Ufer blicken würden? Dankeschön. Da fischt ein Eisvogel. Und dahinten steht ein Graureiher.“

“ … “

„Nicht wahr? Und nachdem ich Sie auf den heute extra intensiven Duft nach Erde, Wasser, Gras und Heu hingewiesen habe, ist mein Auftrag erfüllt. Ach ja, Entengeschnatter von rechts, und die Ameise auf Ihrem Fuß – haben Sie die bemerkt?“

„Ja… danke…“

„Nichts zu danken! Ist ja schließlich mein Job!“ (geht leise pfeifend ab und verschmilzt mit dem Wind. Der Eisvogel ist verschwunden.)