Zehn Glücklichkeiten beim Frühstück

  1. Wach sein
  2. Gesellschaft
  3. Schokocreme
  4. Milchtee
  5. Wortballungen
  6. Sonnennebel
  7. warme Brötchen
  8. Johannisbeergelee
  9. Gelächter
  10. Vorfreude

Gartenfragmente

Gartenfragmente

  1. Es ist hochgradig erstaunlich, wie wenig Lust ich verspüre, etwas über den Garten zu schreiben.
  2. Noch erstaunlicher, dass ich es trotzdem tue.
  3. Es ist kühl und nass nach dem Regen am Morgen, und plötzlich wird mir bewusst, dass der Garten mich viel weniger braucht als ich ihn.
  4. Die Farbe Rosa ist lauwarm und unentschieden. Sie weiß nicht, was sie will: Rot sein oder weiß? Und so bleibt sie in der Mitte stecken. Trotzdem: Der rosa Oleander ist hübsch.
  5. Bei im Sommer abgefallenen Laub bin ich mir nie ganz sicher: Lebenszweck erfüllt oder verfehlt?
  6. Ich weiß die Wärme der Sonne immer erst dann zu schätzen, wenn mir vorher sehr kalt war.
  7. Wenn die Sonne auf geschlossene Augenlider scheint, kann ich die innere Farbe meiner Lider sehen: Ein sagenhaftes Rot-Orange.
  8. Ob die Ameise, die gerade das Innere meiner Hand und dann meinen Daumen auskundschaftet, auch nur die leiseste Ahnung hat, welches Risiko sie gerade eingeht? Eine Weile spiele ich mit ihr wie ein übermächtiger Gott (Göttin?), indem ich das Labyrinth meiner Finger immer wieder verändere, dann komme ich mir schäbig vor und puste sie in die Luft.
  9. Das Schweigen des Gartens ist endlos.
  10. Es gibt unendliche Formen des Lebens außerhalb des menschlichen, aber keines davon erscheint mir so erstrebenswert wie unseres.
  11. Gespräche sind wunderbar. Gartengeräusche sind sehr anders. Sehr beruhigend, aber sehr anders. Anders.
  12. Das Beobachten von Wolkenformationen im Flug ist das Netflix des Paradieses.
  13. Obwohl ich nicht die leiseste Ahnung von Gartenpflege habe, fühle ich mich im Grün immer zuhause. Sagt das etwas über mich aus?
  14. Manchmal muss man aufhören zu philosophieren und einfach nur dasein. Dankbar sein.

Das hier war der Vorläufer des Gedichtes/Rondells vom Dienstag. In der Regel tauchen die Vorläufer für Gedichte bei mir nie wieder irgendwo auf, aber dieses Mal gefielen mir die Vorläufer besser als das fertige Gedicht. Vielleicht, weil das Gefühl beim Schreiben so unglaublich war – alles hat gepasst. Als ob die Zeit kurz angehalten hätte. Eine goldene Stunde.

Das Schweigen des Gartens

das Schweigen des Gartens ist endlos
Rosa ist eine lauwarme Farbe
Wolkenformationen fliegen hoch
Gartengeräusche sind anders
das Schweigen des Gartens ist endlos
manchmal muss man einfach nur da sein
leise atmen
unter hochfliegenden Wolkenformationen
das Schweigen des Gartens ist endlos

Im Urlaub haben wir Rondelle geschrieben, und ich kann mich mit der Form einfach nicht anfreunden. Irgendetwas in mir mosert, wenn ich Sätze nach einem festen Muster wiederholen soll, und sofort suche ich nach einem kleinen, versteckten Ausweg. Seht selbst, das war das ursprüngliche Rondell:

das Schweigen des Gartens ist endlos
Rosa ist eine lauwarme Farbe
manchmal muss man einfach nur da sein
das Schweigen des Gartens ist endlos
Gartengeräusche sind beruhigend, aber anders
Wolkenformationen fliegen hoch
das Schweigen des Gartens ist endlos
manchmal muss man einfach nur da sein

Ist ja auch nicht verkehrt, aber irgendwas passt mir daran nicht. Egal, nun gibt es halt beide Varianten 🙂 .

Der Dienstag dichtet!  Katha kritzelt hat diese Aktion ins Leben gerufen: Jeden Dienstag wird ein Gedicht aus eigener Herstellung veröffentlicht. Auch Wortgeflumselkritzelkram und  Mutigerleben sind mit von der Partie. Wer den Dienstag also mit Gedichten beginnen will: Herzlich willkommen!

 

Was ich mag

Was ich mag:

  • ungemähte Rasenstücke mit gelben Butterblumen und Gänseblümchen
  • in einem stillen Zugabteil sitzen und nur das leise Zischen der Fahrt ist zu hören
  • abfahren
  • ankommen
  • das Gewicht von drei neuen Büchern in der Einkaufstasche
  • freundliche Verkäuferinnen und Verkäufer aller Art
  • das Einsortieren meines unglaublichen Krimskrams in ein neues Portemonnaie
  • das Gefühl, wenn nasse Haare nach dem Duschen anfangen zu trocknen
  • vertraute Gespräche zu dritt bei einem Glas Wein
  • schöne Hände
  • und Füße

Was ich nicht mag:

  • Gespräche aller Art vor acht Uhr morgens
  • totgeschlagene Fliegen aufsammeln
  • gebratene Auberginen
  • schwitzen
  • zu enge Schuhe (auch, wenn sie schön sind)
  • pürierte Auberginen
  • schwarze, große Spinnen, wenn sie auf meinem Teppich sitzen und auf mich warten
  • Pläne, die nicht funktionieren
  • eingelegte Auberginen

Der Blutweiderich und der Goldfisch

(Auf mehrfachen Wunsch hin. 🙂 )

Der heftige Regenguß hatte den lehmigen Uferrand des kleinen Tümpels gerade so weit aufgeweicht, wie der Blutweiderich es mochte. Zufrieden schmatzte er mit seinen Wurzeln im Morast und dehnte und streckte seine zahllosen Füße in alle Richtungen, schüttelte seine lange, lila Mähne und wollte gerade anfangen, die letzten Sonnenstrahlen zum Abendbrot zu trinken, als er ein leises Gejammere hörte.
„Huuuuu… huuu… !“
Der Blutweiderich drehte seine lila Blütenblätter in alle Richtungen.
„Huhuuuuu!“
Das kam von oben! Direkt aus dem Baum! Der Blutweiderich zögerte. Entweder, er sah nach, was das war oder er würde neugierig in die Nacht gehen, und wenn es eines gab, das er nicht ausstehen konnte, dann war das ungestillte Neugier. Wie gern hätte er jetzt das Stimmorgan der Weinbergschnecke gehabt, die so laut wie die Nachtigall singen konnte (nur drei Oktaven tiefer)! Aber da hatte der Große da oben ihn wohl irgendwie übersehen.
Vorsichtig, aber bestimmt zog er also seine zahllosen Füße aus dem schönen, kühlen Schlamm und machte sich an den Aufstieg. Er musste gar nicht weit am Stamm der Weide emporklettern, da sah er schon, wer da so jämmerlich schluchzte. Ein sehr kleiner Goldfisch war es, der in einem fast noch kleineren mit Wasser gefüllten Astloch festsaß.
„Huuuu!“, jammerte er und schlug ab und zu mit der Schwanzflosse, aber nur sehr vorsichtig, damit er ja kein Wasser aus dem Astloch verlor.
„Na, da hast du dir ja was schönes eingebrockt“, sagte der Blutweiderich und krallte all seine Zehen fester in die Baumrinde. Der Goldfisch erschrak, aber nur vorsichtig, damit ihm ja kein Wasser verloren ging.
„Du bist der Blutweiderich!“, rief er überrascht. „Kannst du mir helfen? Ich sitze hier fest!“
„Ja, du Schlaufisch, das sehe ich. Wie hast du das angestellt? So hoch hinauf kann doch kein Fisch springen!“
„Doch, ich schon!“, rief der Goldfisch und warf sich in die Brust, dass seine goldenen Schuppen in der Abendsonne glänzten. „Aber jetzt traue ich mich nicht mehr runter…“ Seine Stimme näherte sich wieder verdächtig dem „Huhuu“-Tonfall an. „Was, wenn ich daneben springe? Was, wenn ich es nicht schaffe??“
„Tja, das wäre wohl ziemlich, äh, trocken“, sagte der Blutweiderich und kicherte. Dann wurde er ernst. „Lass mich kurz überlegen“, sagte er zum Goldfisch und überlegte kurz. „Ich hab´s!“ rief er dann. „Warte, ich komme gleich zurück.“
„Oh-keee…“, schluchzte der Goldfisch und schlug mit der Schwanzflosse, aber ganz vorsichtig, damit er ja kein Wasser verspritzte.
Der Blutweiderich machte sich an den Abstieg. Unten angekommen grub er sofort einige seiner zahllosen Füße ins Erdreich und gab das vereinbarte Klopfzeichen. Nichts. Ungeduldig wiederholte er das Klopfen und wartete. Nichts. Wo trieb er sich denn um Himmelswillen herum, wenn man ihn brauchte? Ärgerlich stampfte er mit allen Füßen gleichzeitig auf, dass die Erdklümpchen in alle Richtungen flogen. Unter ihm grollte der Boden, warf ihn mit einem gewaltigen Schwung zur Seite und formte einen mächtigen Hügel aus dunkler Erde, aus dessen Spitze der Maulwurf sein sandiges, pelziges Haupt in die Luft reckte.
„Was denn?“ grollte er, „du weißt doch, dass ich es hasse, beim Essen gehetzt zu werden!“ Und anklagend hielt er den Rest eines fetten Regenwurms hoch.
„Ja, ich weiß, aber wir haben hier einen Notfall, und wir brauchen dich! Da oben, im Baum, da sitzt ein Goldfisch fest und ihm geht das Wasser aus!“ Erwartungsvoll sah der Blutweiderich den Maulwurf an.
„Tja, das ist bedauerlich“, antwortete der und biß schmatzend ein großes Stück vom Regenwurm ab. „Und was soll ich da tun? Den Baum hochklettern?“ Er lachte schallend mit vollem Mund, was kein schöner Anblick war.
Der Blutweiderich rollte mit allen Blütenblättern, die er hatte. „Das ist doch sonnenklar! Du gräbst einen Tunnel bis zum Tümpel, durchbrichst die Tunnelwand, der Tunnel füllt sich mit Wasser, du springst raus, der Goldfisch springt in den Tunnel und schwimmt zum Tümpel. Fertig!“
Dem Maulwurf blieb das letzte Stück Regenwurm im Rachen stecken, er hustete heftig, schlug sich mit seinen Schaufeln auf die Brust und als er wieder atmen konnte, blickte er den Blutweiderich anklagend an. „Woher hast du bloß immer solche Ideen! Du weißt doch genau, wie ich es hasse, Wasser auf meinen Pelz zu bekommen!“ Er blinzelte und schüttelte den Kopf. „Aber da ist wohl nichts zu machen, oder?“
Und natürlich hatte er Recht, da war nichts zu machen, und es wurde alles genau so erledigt, wie der Blutweiderich es anordnete. Nach vielem guten Zureden wagte der Goldfisch schließlich zitternd den Sprung, landete in der weichen Erde des Maulwurfshügels, bekam vom Maulwurf einen Schubs, der ihn ins Wasser beförderte, wühlte sich dann jammernd und hustend durch den modrigen Schlammtunnel und tauchte spuckend und würgend, aber glücklich im Tümpel wieder auf.
Der Blutweiderich war zufrieden, und nach vielerlei gegenseitigem Dank, Schulterklopfen und den Jubelrufen des Goldfischs machte der Maulwurf sich mit nassem Fell davon, um sein so jäh unterbrochenes Abendessen fortzusetzen, nicht ohne vom Blutweiderich auf einige besonders ertragreiche Regenwurmansiedlungen hingewiesen worden zu sein. Schließlich hatte er seine zahllosen Füße nicht umsonst überall.
Der Blutweiderich sah dem Maulwurf hinterher, bewunderte die heute besonders regelmässige Form seiner Hügel und grub schließlich mit einem zufriedenen Ächzen all seine Zehen zurück in den morastigen Uferschlamm. Was für ein Abenteuer! Und wie grandios er dieses Problem gelöst hatte! Er versank in tiefe Bewunderung für sich, aus der ihn ein kleines Stimmchen riss. Es war der Goldfisch.
„Du, Blutweiderich?“ flüsterte er vorsichtig aus dem Tümpel.
„Was ist denn noch?“, antwortete der ein wenig gereizt.
„Ja, ähm, weißt du… hier im Wasser, da liegt ein großes Stück Draht…“
„Ja, und?“
„Ich hänge fest“, schluchzte der Goldfisch.
Der Blutweiderich seufzte.

Miss Liberty II

Da ist es, das Staten Island Ferry Terminal. Und wenn Amerikaner etwas Großes bauen, machen sie es richtig. Eine riesige Eingangsfront mit zahllosen Türen, die in ein mächtiges Foyer führen, in dem es nicht viel mehr als ein paar Ess- und Fressläden gibt. Vom Foyer aus führen eine Treppe und zwei sehr lange Rolltreppen die Menschenmassen hinauf in die noch sehr viel größere Abfertigungshalle. Dort, wo das nächste Schiff ablegt, stellt man sich einfach an und geht aufs Schiff, wenn es da ist. Überall stehen Sicherheitsleute und Wachmänner, Pendler mischen sich mit Touristen, eine Pendlerin muss bei Wendy´s länger warten und ihr fährt ein Schiff vor der Nase davon. Sie beschwert sich bei mir darüber, während wir gemeinsam auf das nächste Schiff warten, und ich habe Schwierigkeiten, ihren Dialekt zu verstehen, aber fürs Gröbste reicht es aus. Außerdem kommen auch noch ein Vater mit erwachsenem Sohn aus San Diego, Kalifornien, ein New Yorker und ich ins Gespräch über die recht radikalen Anwerber für die kostenpflichtigen Fahrüberfahrten nach Liberty Island. Ins Gespräch kommen ist hier leicht, man muss nichts großartiges tun, nur im richtigen Moment etwas fragen und schon redet man miteinander. Nie lange, aber immer freundlich und sehr hilfsbereit, und niemanden stören meine zahllosen nicht vorhandenen Wörter im englischen Wortschatz. Das werde ich mit nach Hause nehmen: Wie glücklich man ist, wenn einem geholfen wird trotz mangelhafter Grammatik und endlosen Umschreibungen des einen Wortes, das einem gerade nicht einfällt.

Die Fähre ist schnell, die Hochhäuser werden rasch kleiner und Miss Liberty wird größer. Das Deck ist voll mit einer wilden Mischung aus Pendlern, Ausflüglern, Familien, Spaziergängern und (unverkennbar) Touristen. Es ist laut und man hört alle möglichen Sprachen, Spanisch, Japanisch, Englisch, amerikanischen Slang, bei dem ich nur jedes fünfte (oder zehnte, das weiß man nicht so genau) Wort verstehe. Zu meinem größten Bedauern gibt es kein Außendeck, man muss also immer durch eine Scheibe gucken. Als wir ankommen, ertönt die Durchsage, dass das Schiff jetzt außer Dienst genommen wird, wir es also alle verlassen und ein anderes zurück nehmen müssen. Naja, dann tun wir das halt. Und auf der Rückfahrt, da haben wir ein Schiff mit Außendeck! Hah! Das ist meins! Und dieses Mal fahren wir auch sehr viel näher an Miss Liberty vorbei, ich kann die Menschen unten am Hafen sehen und oben auf der Krone, sie ist sehr grün und sehr hübsch und von sehr viel Wasser umgeben, von viel mehr Wasser, als ich gedacht hätte.

Der Hafen, ach, alle Häfen sind von hier aus sehr weit weg. Die Stadtsilhouette zieht sich in die Länge und ist immer noch beeindruckend, jetzt sieht man erst, wie groß das alles ist, wie viel Platz New York einnimmt, und das ist nur eine Wasserseite von vielen. Möwen fliegen an mir vorbei, und ich frage mich, wie die das eigentlich aushalten, es ist nämlich geradezu unfassbar kalt auf dem Wasser, mit dem Fahrtwind und den Böen, die von allen Seiten kommen. Es ist so kalt, dass mir die Fingerspitzen taub werden und ich spüre, wie ich unter dem Anorak auskühle. Zusammen mit drei anderen Frauen bleibe ich solange draußen wie es geht, inklusive auf der Stelle hüpfen, zittern und fluchen, aber auf der Hälfte des Weges kapitulieren wir eine nach der anderen und flüchten nach drinnen. Hier braucht es definitiv andere Kleidung als normale Winterkleidung. Aber schön war es. Sehr, sehr schön. Wasser, Sonne, Panorama, Möwen, Himmel und Miss Liberty. Ein perfekter Tag.

Miss Liberty I

Ich bin aufgeregt. Gleich werde ich sie sehen, von Angesicht zu Angesicht. Miss Liberty, die grüne Schönheit, das Symbol für Freiheit, Neuanfang, Chancengleichheit und Offenheit. Bisher konnte nicht mal Mr. Trump an ihr kratzen, und ich hoffe, das bleibt so. In unzähligen Filmen habe ich sie schon gesehen, von vorn, von oben, von ganz nah, während auf ihrer Krone Menschen spektakuläre Stunts vollbrachten, eigentlich kenne ich sie jetzt schon sehr gut. Aber in echt ist das doch noch mal ein gewaltiger Unterschied. Glaube ich zumindest. Ich habe schon beschlossen, Miss Liberty nicht direkt zu besuchen, dafür hätte ich laut Internet Karten vorbestellen müssen (hätte ich nicht müssen, im Januar ist es touristentechnisch sehr entspannt hier, aber das wusste ich vorher nicht), mein Zeitbudget ist knapp bemessen und mein Reisebudget auch, und da die Eintritte hier für meine Verhältnisse überall astronomisch hoch sind, fällt das also aus. Es gibt aber eine Fährverbindung von Lower Manhattan nach Staten Island, und die ist komplett umsonst! Ich trabe also von der Subway Station Battery Park mit einem klitzekleinen Umweg über Starbucks (das musste einfach sein – warmer Bananen-Nuß-Kuchen!) durch den Battery Park zur Südspitze von Manhattan, weiche den zahllosen, sehr überzeugenden Anwerbern für die (kostenpflichtigen) Fährüberfahrten nach Liberty Island und Ellis Island aus und laufe ans Wasser.

Chai Latte und warmer Bananennußkuchen… lagen hier vor etwa fünf Minuten noch…

Auf dem Weg dorthin fällt mir ein runder Pavillon im Park auf, recht klein, rundherum verglast und drinnen bewegen sich merkwürdige Gestalten in Bonbonfarben auf und ab. Was ist das? Neugierig gehe ich näher heran und dann hinein. Ein Karussell! Mit großen, abstrakten Tiefseefischen, in denen man sitzen kann. Die Fische sind alle unterschiedlich gestaltet und aus einem undefinierbaren, durchsichtigen Plastikmaterial in hellgrün, rosa und hellblau, sie drehen sich einzeln, zu viert und alle zusammen zu Walzermelodien vom Band, eine Fahrt kostet fünf Dollar, es sitzen mehr Erwachsene als Kinder in den Fischen und alle sehen sehr, sehr glücklich aus. Niemand, der nicht lächelt, als die Fische sich anfangen zu bewegen, die Musik sanft startet, die Fische von innen zu leuchten beginnen und grünes, wellenförmiges Licht von oben herunter strahlt. Es ist  sehr amerikanisch, unfassbar kitschig und ganz wunderbar. Ich stehe da, gucke zu und lächle. Nach einer Runde verlasse ich das Karussell und gehe weiter, besser kann meine Laune jetzt eigentlich nicht mehr werden.

Lächelnde Gesichter in den Fischen…

Nach ein paar weiteren Metern bin ich am Wasser und da ist sie, Miss Liberty. Das hatte ich mir jetzt anders vorgestellt. Sie ist sehr weit weg. Sehr, sehr klein. Winzig klein. Geradezu mikroskopisch klein. Das sieht in Filmen aber immer ganz anders aus! Da hat man das Gefühl, gleich links von ihr beginnt die Skyline, mit einer unwichtigen kleinen Hafenlinie und vielleicht ein, zwei Kubikmetern Wasser dazwischen. Meine gelernte Lektion für heute: Traue keinem Hollywoodfilm! Die machen sich die Realität so, wie sie gebraucht wird und nicht so, wie sie ist. Aber egal, da ist sie also, zwar klein, aber vorhanden. Und rechts davon, das ist Ellis Island, dort sind zahllose Verwandte von mir in den fünfziger und sechziger Jahren an Land gegangen, um ein neues Leben in Amerika zu beginnen. Meine Babydecke in quietschgrün und pastellgelb habe ich aus New Jersey geschickt bekommen. Es nützt nichts, ich muss näher da ran, also suche ich das Fährterminal der Staten Island Fähre, um an Miss Liberty vorbeizufahren, wenn ich sie schon nicht direkt besuche. Auf geht´s!

Das war schon mit einer Menge Zoom fotografiert – in Wirklichkeit ist sie noch viel, viel weiter weg…