Spuren

zwischen Grillenzirpen
dem Getöse der Vespas
Ciao!-Rufen von gegenüber
durch das Hupen der Smarts
den aufgeregten Straßengesprächen
ein dünner verwehter Halleluja-Gesang aus dem Kloster nebenan
ich lausche
dann donnert ein Airbus im Landeanflug über die Pinien
zu spät
ich habe die leisen Spuren gehört
und weiß: Er ist hier
ich kann mit ihm rechnen

(interessant: auch in der ewigen Stadt ist er nicht lauter als Zuhause)

Farbdiebe

Ob die sonnengelbe Ockertönung
des alten, ausgeblichenen Palazzo
zurückkehren würde
wenn alle einhunderttausend geknipsten Fotos von ihm
mit einem Schlag überall auf der Welt
gelöscht würden?

Sant’ Agnese fuori le mura oder Perspektivwechsel

nach den Katakomben
hinauf ins Licht
das Gras grüner
die Vögel lauter
der Himmel blauer
der Cappuccino heißer, süßer und stärker als jemals zuvor
nichts an mir ist perfekt
aber alles ist da
ich lebe
nie war die Hoffnung auf ein Danach präsenter
als jetzt

römische Vergleiche

mit jedem Schritt in Rom
schrumpft die Berliner Siegessäule ein Stückchen mehr
am Ende des Tages
ist sie ein Zahnstocher
ein hübscher, vergoldeter Zahnstocher der Geschichte

 

Forum Romanum

Rauschhaft laufen wir durch Geschichte
Zeit ist alles und nichts
Kopfsteinpflaster rumpelt unter den Füßen
zieht uns zurück zu Nero und Cäsar
und wieder nach vorn zu den Päpsten
schubst uns zum Kollosseum und in frühchristliche Basiliken
blendet mit Gold, Mosaiken und Marmorgesichtern
mit nur einem Schritt stolpern wir zurück
zwischen U-Bahn-Bau, Gelato und Straßenmusik
hier ist alles gleichzeitig:
Geschichte und Gegenwart
jeder Schritt überbrückt leichtfüßig Jahrtausende
wer hier lebt, weiß wo er herkommt
aus Rom, der Ewigen, Sonnenstadt
Zitronenbäume und Cappuccino inklusive
zwischen diesen Steinen und Pinien
ist Zeit alles und nichts
nur ein rauschender, wiegender Bogen
mittendrin wir, tanzend

Hinterher

Bremen-Frankfurt-Rom
zack-zack!
zwei große Luftsprünge
schon atmet meine Lunge italienische Luft
mein Ich allerdings
hängt tief verwirrt über Münster
während das Taxi durch Roms chaotische Straßen rast
zerre ich mich an langen Schnüren hinterher
heute Nacht fliege ich über die Alpen
hoffentlich finde ich den Weg
zum Café con Leche  wäre ich gern wieder komplett

Reisekribbeln

der Igel in meinem Bauch
fährt die Stacheln ein und aus
dehnt sich
boxt mit seinen Beinchen
gegen meine Kehle
drückt sich lässig in den Bauchnabel
er piekst
und prickelt
schiebt meinen Magen in seltsame Richtungen
tritt sich ein Nest in mein Zwerchfell
bringt mich zum Lächeln
während ich bebe
bei Ankunft schläft er ein
schnarcht leise und selig
reiseberauscht