Kreislauf

Wenn ich weniger allein wäre,
dann würde ich mir weniger Fragen stellen.

Wenn ich mir weniger Fragen stellen würde,
dann wäre ich unbeschwerter.

Wenn ich unbeschwerter wäre,
dann hätte ich mehr Lebensfreude.

Wenn ich mehr Lebensfreude hätte,
dann würde ich mehr unternehmen.

Wenn ich mehr unternehmen würde,
dann hätte ich mehr Kontakt mit anderen.

Wenn ich noch mehr Kontakt mit anderen hätte,
dann wäre ich vielleicht irgendwann genervt.

Wenn ich genervt wäre,
dann würde ich mehr Zeit für mich haben wollen.

Wenn ich mehr Zeit für mich hätte,
dann wäre ich öfter allein.

Wenn ich öfter allein wäre,
dann würde ich mich vielleicht einsam fühlen.

Wenn ich mich weniger einsam fühlen würde,
dann würde ich mir weniger Fragen stellen.

Wenn ich mir weniger Fragen stellen würde,
dann wäre ich unbeschwerter.

Wenn

(Der Konjunktiv ist selten die Lösung des Problems.)

Was wir alles nie erfahren werden

Was wir alles nie erfahren werden
oder: Das geheime Leben der Nachbarn

Als da wären:

  • die jährliche Anzahl der Schlafanzugtage
  • wie oft es kalte Pizza zum Frühstück gibt
  • wie viele „komm-gut-durch-den-Tag-Küsse“ verteilt werden
  • wer wen füttert und wie viel daneben geht
  • wo das geheime Schmuckversteck ist
  • wie viele belegte Brote gegessen werden, weil niemand Lust zum Kochen hat
  • wer wann die Nachbarn belauscht
  • wie schrecklich zäh das aus dem Fenster sehen und warten sein kann
  • wie laut das Vermissen in Räumen widerhallt
  • die Menge der geweinten nächtlichen Tränen
  • die Lautstärke der zugeschlagenen Türen
  • wie beängstigend dunkel Abhängigkeit sein kann
  • die Anzahl der Tage, die auf dem Sofa oder im Bett verbracht werden
  • wie viel Sport nicht gemacht wird
  • welche Menge an Schokolade spurlos verschwindet
  • wie oft die romantische Szene im Lieblingsfilm wiederholt wird
  • wie langsam stille Zeit vergeht, begleitet nur vom Ticken der alten Uhr
  • wie zärtlich das Foto des Ehemanns vorm Schlafengehen gestreichelt wird
  • dass die Katze doch ins Bett darf
  • wo es überall Platz für zwei gibt, wenn man frisch verliebt ist
  • wie viele Tagträume geträumt werden und was sie bewirken
  • wer wem die Socken anzieht
  • und wer wem beglückt alles andere auszieht

Alltagsauferstehungen

Alltagsauferstehungen

  • morgens aufwachen und feststellen, es war nur ein Traum
  • angetrocknete Blumen aus dem Supermarkt retten
  • etwas aussprechen, das bisher unaussprechlich war
  • Kresse aussäen
  • feiern mit verloren geglaubten Freunden
  • jemandem beim Schlafen zusehen und wissen, das ist ein Wunder
  • Gärtnereien besuchen und in Primeln und Hyazinthen baden
  • Ablegen von lange getragenen Lasten
  • blaue Blümchen unter der vertrockneten Buchenhecke
  • farblose Gewissheiten in Frage stellen
  • leere Handyakkus aufladen

 

Was schön ist am Gedichteschreiben

eine Idee haben
sich mit ihr vertraut machen
staksige Versuche
alles verwerfen
neu anfangen
viel zuviel Text haben
streichen
unzufrieden sein
anders beginnen
Aufregung, wenn die Richtung klar wird
umstellen
streichen
Glückseligkeit, wenn (fast) alles stimmt
ruhen lassen
frühmorgens als erstes nach dem Text gucken
sich freuen
noch etwas streichen
vielleicht von vorn beginnen

Frühlingsspecht

heute morgen klopft der Specht an die Tür:
der Frühling ist da!
dieses Jahr werde ich ihn nicht verpassen
jedes Schneeglöckchen wird geläutet
alle Narzissen geherzt
jeder Krokus geküsst
seid mir willkommen, sanfte Brise
Morgenfrische und Zitronenfalter:
ich bin bereit!

Nachts

nachts in New York
wachsen Eisblumen zwischen den Scheiben meines Fensters
kalte Winde jagen Sirenengeheul durch Häuserfluchten
der Hot Dog-Stand ist leer und dunkel
im zehnten Stock gegenüber
spielen Comicwesen auf dem Flachbildschirm
schwarze Katzen jagen hinter Panoramascheiben
ein Mann betrachtet sich lange im Spiegel
der 24-Stunden Supermarkt ist offen
ab und an ein gelbes Taxi vor der Ampel
am Central Park West
leuchten mittelgroße Wolkenkratzer
weiß, rot und blau

Rock on the top – Rockefeller Center

New York

über jedem himmelhohen Haus
schwebt Sehnsucht
der Wunsch
mitzuspielen
der Größte zu sein
etwas Besonderes
sich abzuheben von allen anderen
zu erschaffen
das Menschenmögliche zu tun
mitzuschwimmen
ganz vorn
ganz oben
alles ist möglich
wenn du fest daran glaubst