Wellenbrink und Gnorm


Teil III

Herr Wellenbrink hatte ein ganz schlechtes Gefühl. Sorgenvoll blickte er an seinem guten schwarzen Mantel, der schwarzen Cordhose und seinen besten schwarzen Tanzschuhen hinunter. Wie um Himmels willen hatte er sich nur zu dieser Aktion überreden lassen können? Aber nun war es zu spät, ihr Ziel befand sich bereits in Sichtweite, und Gnorm war einfach nicht aufzuhalten. Abgesehen davon war er auch ziemlich schlecht zu sehen in der Dunkelheit. Nicht nur, dass er wirklich winzig war, was Herr Wellenbrink schon fast vergessen hatte, solange sie sich in seiner Wohnung aufgehalten hatten, nein, zu allem anderen Übel war er genauso schwarz gekleidet wie Herr Wellenbrink selber und verschwand damit fast in der Nacht. Nur der schwach glimmende Leuchtstab in seiner Hand zeigte an, wo er sich gerade befand. Zumindest den Leuchtstab hatte Herr Wellenbrink ausgehandelt. Wenn es nach Gnorm gegangen wäre, hätten sie ihre Mission in schwärzester Dunkelheit ausgeführt.
Herr Wellenbrink blieb einen Moment stehen und wischte sich den Schweiß von der Stirn. Nicht zu glauben, dass jemand, der so klein war, so schnell sein konnte. Noch ein paar Jahre weiter, überlegte er grimmig, und er würde einen E-Rollstuhl brauchen, um nicht auf halber Strecke schlapp zu machen bei diesem Tempo. Glücklicherweise hatten sie ihr Ziel fast erreicht. Außerdem kannte er sich hier aus, auch in der Dunkelheit. Sein Stadtteil! Sein Marktplatz.
Jetzt allerdings sah der Marktplatz doch ein bisschen fremd aus, fast ohne Beleuchtung und ohne die hell strahlenden Fenster der zahlreichen Geschäfte, die in großem Bogen rund um das Rathaus standen. Die riesige Weihnachtstanne stand bereits, er konnte ihre schwarzen Umrisse schwach gegen den etwas weniger dunklen Himmel sehen.
Gnorm war ein paar Meter vor ihm, das Licht seines Leuchtstabs warf ein trübes Licht auf das nasse Kopfsteinpflaster. „Jetzt komm endlich!“ zischte er Herrn Wellenbrink zu, der innerlich aufstöhnte. Nasses Kopfsteinpflaster! In der Dunkelheit! In seinem Alter, in rutschigen Tanzschuhen! Und dann sollte er auch noch schnell machen! Trotzdem beeilte er sich. Je schneller sie fertig waren, desto schneller konnten sie wieder nach Hause. Der unregelmässig ausgebeulte Rucksack hing schwer auf seinen Schultern und puffte ihm immer wieder in die Rippen. Bestens. Noch mehr blaue Flecken. Herr Wellenbrink lachte tonlos. Niemand würde ihm diese Geschichte jemals glauben, soviel stand fest.
Jetzt waren sie an der großen Weihnachtstanne angekommen. Sie ragte endlos vor ihnen auf und er bekam Angst. „Bist du wirklich sicher?“ flüsterte er.
„Natürlich! Was glaubst du denn!“ fragte Gnorm entrüstet zurück. „Wollen wir jetzt Eindruck machen oder nicht?“
„Doch, doch. Klar. Ich frag ja nur. Ist ganz schön hoch, oder?“
„Ach, papperlapapp. Die ist doch ein Zwerg. Du solltest mal die Tannen bei uns sehen, DIE sind hoch! Hier, nimm mal den Leuchtstab und mach Licht!“ Gnorm drückte Herrn Wellenbrink das knorrige Stück Holz in die Hand und verschwand in den buschigen Tannenzweigen.
„Äh… wie geht denn das?“ rief Herr Wellenbrink ihm hinterher und fuchtelte ratlos mit dem Stock in der Hand herum. Augenblicklich fiel scheinwerferartiges Licht aus seiner Hand auf die Tanne. Sie warf riesige, bedrohliche Schatten an die Häuserwände ringsum. Panisch schüttelte er den Stock, der nur noch heller strahlte und versteckte ihn dann mangels anderer Möglichkeiten unter seinem schwarzen Mantel, der nun unheimlich von innen heraus leuchtete. Er hörte Gnorm heiser grunzen. Lachte der Wichtel etwa? Vorsichtig bewegte er den Stock unter seinem Mantel hin und her, bis das Licht schwächer wurde, dann zog er den Stab wieder hervor. Bestens. So wollte er es haben. Zufrieden leuchtete er an der Tanne hinauf, die raschelte und wackelte. Gnorm war schon fast oben, wenn er sich nicht sehr irrte. Da! Ein winziger, kahler Schädel stach durch die letzten buschigen Zweige direkt unter der Spitze. Die Tanne schwankte und ächzte. Meine Güte. Wenn er verantwortlich gewesen wäre für das Aufstellen des Baumes, er hätte die Leute zur Rechenschaft gezogen! Nie im Leben war das vom TÜV abgenommen worden.
Gnorm pfiff und Herr Wellenbrink zuckte zusammen. Mit weit offenen Augen starrte er nach oben in die Dunkelheit. Gnorm nahm ein Seil aus seinem Rucksack, zog eine Schlinge, zielte und warf es nach unten in Herrn Wellenbrinks Richtung, der es beim ersten Versuch fing. Na also! Herr Wellenbrink fühlte eine Woge aus Stolz in sich aufwallen.
Er schlang das Seil um einen Arm und befreite den großen, goldenen Holzstern aus seiner Rucksackverpackung. Er glänzte im Licht des Leuchtstabs, die kleinen Kristalle im Goldbelag glitzerten um die Wette. Sein Meisterstück! Liebevoll befestigte Herr Wellenbrink den Stern am Seil. Nun kam der Teil, der ihm am meisten Kopfzerbrechen bereitet hatte. Wie sollte ein vierzig Zentimeter großer Wichtel einen schweren Holzstern bewältigen, der größer war als er? Aber Gnorm hatte gesagt, dass er das seine Sorge sein lassen sollte. Vorsichtig ließ Herr Wellenbrink den Stern los, bis dessen volles Gewicht am Seil hing. Überrascht sah er zu, wie der Stern in nullkommanichts nach oben schwebte, als sei er nicht schwerer als ein Butterbrot. Gnorm steckte voller Überraschungen.
Die Tanne wankte. Es knackte in ihren Zweigen. Gnorm schob sich den Stern auf den Rücken und kletterte die dünne Spitze hinauf, an der er den Stern befestigen wollte, als sie langsam nachgab und sich elastisch nach unten bog. Plötzlich hing Gnorm am Ende eines perfekten, umgedrehten U´s aus Tannenzweigen, der Stern baumelte von seinem Rücken herab. Er leuchtete wirklich wunderschön, wie Herr Wellenbrink noch bemerkte, dann gab die Tanne ein Ächzen von sich, es knackte, knirschte und knallte, dann rauschte sie langsam, aber unerbittlich auf ihn zu. Herr Wellenbrink stieß einen Schrei aus, blieb aber wie angewurzelt stehen, links und rechts, hinter und vor ihm prasselten nadelige Zweige auf den Boden, wippten auf und ab, und als die Tanne zur Ruhe kam, stand Herr Wellenbrink immer noch steif und aufrecht da, überall rund um ihn herum Tannengrün und stachelige Nadeln. Er öffnete den Mund, aber es kam nichts heraus, dann sah er sich hektisch um. In zwei Fenstern über ihm ging das Licht an. Wo war Gnorm? Links vor ihm raschelte es, ein paar Äste wippten, dann hievte Gnorm sich zwischen einigen Zweigen hervor.
„Geht´s dir gut?“ rief er Herrn Wellenbrink zu. Der nickte benommen. „Dann schnell! Wir müssen hier weg! Hast du deinen Rucksack?“
Der Rucksack! Wo war er? Herr Wellenbrink suchte leicht fahrig zwischen den Zweigen herum, aber er war nirgends zu finden. Gnorm zog mit hektischen Bewegungen sein Seil unter dem Baum hervor. „Hast du ihn?“
„Nein!“
„Dann lass ihn liegen! Komm!“
„Aber… der Stern?“
„Ist irgendwo unter der Tanne. Keine Zeit mehr. Komm, sonst fliegen wir auf! Guck doch!“
Herr Wellenbrink sah auf. Oh. In ziemlich vielen Fenstern brannte jetzt Licht. Es erhellte schemenhaft den Marktplatz, die ersten Menschen sahen aus den Fenstern und blickten zu ihnen hinunter. Glücklicherweise war der Leuchtstab in seiner Hand erloschen, als ob er die Gefahr spüren würde. Gut. Dann würde er Rucksack und Stern halt opfern. Eilig suchte er sich einen Weg aus der Tanne heraus und lief zu Gnorm.
„Ich sag´s nicht gern“, flüsterte der, „aber kannst du mich auf den Arm nehmen? Wir verlieren uns sonst vielleicht.“
Herr Wellenbrink beugte sich kommentarlos nach unten, nahm Gnorm hoch und setzte ihn sich in die Armbeuge. Dann machte er sich davon, so schnell es ihm möglich war, verließ den Marktplatz, bog um zahlreiche Ecken und wechselte die Straßenseiten, bis sie weit genug entfernt waren. Bei der nächsten Bushaltestelle ließ er sich auf einen der unbequemen Plastiksessel fallen und atmete tief durch. Herrje. Dann spürte er, dass Gnorm in seinem Arm zitterte und seltsam heisere Laute ausstieß. Weinte er etwa? Ohje. Natürlich. Sie hatten versagt. „Hör mal“, sagte er tröstend zu dem Wichtel, „so schlimm ist es doch nicht. Wir erzählen einfach keinem davon. Und um die Tanne ist es nicht schade, besser sie fällt jetzt um als später, wenn alles voller Menschen ist.“
Gnorm beruhigte sich nicht. Er holte keuchend Luft und stieß dann wieder diese seltsamen, heiseren Laute aus. Herr Wellenbrink sah ihn genauer an. Lachte der Wichtel etwa?
„Hast du… hast du… gesehen, wie ich geflogen bin?“ Gnorm quietschte. „Dieser Stern… wie eine Sternschnuppe mit Bruchlandung! Und du… du hast da gestanden wie Gevatter Frost persönlich! Steif wie ein Eiszapfen!“ Er schüttelte sich vor Lachen und presste die Hände auf die Augen.
Herr Wellenbrink spürte, wie sich ein Lächeln auf seinem Gesicht ausbreitete und immer größer wurde. Schließlich lachten sie zusammen, bis ihre Bäuche wehtaten und die Bushaltestellensessel wackelten.
Ihre Mission war gescheitert. Aber wen störte das? Wenn er sich nicht sehr irrte, hatte er einen Freund gefunden. Und das war viel besser als jeder Tannenschmuck.

Wellenbrink & Gnorm Teil I
Wellenbrink & Gnorm Teil II
Wellenbrink & Gnorm Teil IV
Wellenbrink & Gnorm Teil V

Der Wirt

Ich bin Akim.
Ich bin Wirt.
Und Berater und Seelsorger und strenger Vater. Ich mag meinen Job. Wenn man ein Wirtshaus hat, muss man Menschen mögen, sonst wird man irgendwann verrückt. Ich mag Menschen, meine Frau ist da eher zurückhaltend. Deswegen steht sie in der Küche und ich hinterm Tresen. Es ist eine gute Arbeitsteilung. Sie kocht und kümmert sich um die Finanzen, ich rede und schenke aus.
Unser Wirtshaus läuft gut. Wir haben viele Stammgäste, die Zimmer und Schlafsääle sind oft voll, gerade jetzt während dieser irrsinnigen Schätzung, die die Leute zu langen Wanderungen zwingt. Der Kaiser muss verrückt geworden sein, eine solche Unruhe unter die Menschen zu bringen!
Für uns ist das natürlich gut, viele zusätzliche Gäste bringen viel gutes Geld ein.
Ja, es läuft gut. Und trotzdem…
Manchmal ertappe ich mich dabei, wie ich Löcher in die Luft starre und auf etwas warte, das nicht kommt. Etwas Besonderes. Auf eine Änderung im täglichen Einerlei, das ich ja eigentlich mag.
Ich weiß auch nicht. Es fehlt etwas. Etwas, das alles rund macht und dem Leben Sinn gibt.
Wenn ich solche Gedanken habe, sagt meine Frau immer, ich sei als Kind wohl zu oft ins Weinfass gefallen, ich solle mich doch freuen, dass es uns gut geht! Sie meint es gut, ich weiß, aber trotzdem. Irgendetwas fehlt.
Gestern kam ein Paar, er schon älter, sie schwanger, und sie fragten nach einer Unterkunft. Wir waren schon voll, aber sie sahen so müde und hungrig und verzweifelt aus, da habe ich ihnen unseren Stall angeboten. Meine Tiere werden schon zur Seite rücken, und in weitem Umkreis ist nirgendwo mehr etwas Besseres zu finden. Ich konnte sie doch nicht in dem Zustand auf der Straße stehen lassen.
Nachher werde ich nochmal nach ihnen sehen und fragen, ob sie etwas brauchen. Wirklich, diese Schätzung! Und dann auch noch jeder dort, wo er geboren wurde. Vermutlich geht es wieder um die Steuern und wie die Römer uns am besten ausnehmen können.
Entweder das, oder der Kaiser ist wirklich verrückt geworden…

Adventsmarmelade

Frau Müller hat für sowas keine Zeit. Das ist ja nett gemeint, aber mal ernsthaft: Wer braucht denn dieses ganze Weihnachtsgedöns? Marmelade gibt es wie Sand am Meer, eine ganze Supermarktregalwand ist voll damit, sie kann sich jede nur denkbare Sorte dort kaufen, und wenn sie wollte, würde sie das auch tun.
Überhaupt, dieses Lamettagetue: Die Leute machen sich was vor. Wenn man es nüchtern betrachtet, ist der zwölfte Monat dazu da, Buchhandlungen und Spielwarengeschäfte über den Rest des Jahres zu bringen und Restaurantbesitzer jubeln und frohlocken zu lassen. Und am Ende steht der Weihnachtsbaum doch nur entnadelt im Wohnzimmer und nichts hat sich geändert, nur das Konto ist leichter als im Monat zuvor.
Frau Müller sieht das Marmeladenglas prüfend an. Vielleicht kann sie es weiter verschenken? Sie runzelt die Stirn. Lieber nicht. Wer weiß, wer noch alles so eins bekommen hat. Ganz hinten im Schrank ist noch eine Lücke, da schiebt sie es fürs erste hinein. Sie bleibt lieber bei ihrer Stammmarke, Erdbeer, wie schon seit zwanzig Jahren. Sie hat viel zu viel zu tun, um sich mit überflüssigem Kram zu befassen, so nett gemeint er auch sein mag. Nett sein bringt nichts voran, das hat sie schon vor langer Zeit gelernt, was zählt, sind abgeschlossene Geschäfte. Umsatz. Mit diesen Gedanken putzt Frau Müller sich energisch die Zähne, zieht die Bettsocken an und sinkt müde ins Bett.

Sie träumt einen Traum.

Morgens setzt sie sich auf, zieht sich an und will Kaffee kochen, aber die Dose mit dem Pulver ist leer, der Vorratsschrank ebenfalls. Ärgerlich reisst sie die Kühlschranktür auf, um sich wenigstens das tägliche Erdbeermarmeladenbrot zu machen und starrt verständnislos in die Fächer. Es gibt Erdbeermarmelade. Und sonst nichts. Keine Eier, keine Butter, keinen Käse. Nur Erdbeermarmelade.
Voll böser Vorahnungen wirft sie die Kühlschranktür wieder zu und durchsucht alle Schränke und Schubladen. Sie findet Erdbeermarmelade in Dosen, Schalen und Tupperbehältern. Sonst nichts.
Verwirrt macht Frau Müller sich auf zum Supermarkt, um dort neue Lebensmittel einzukaufen. Dass sie vergessen hat, Straßenschuhe anzuziehen und in Hausschuhen los läuft, ist an diesem Morgen schon fast nebensächlich. Als sie die ersten Menschen mit Einkaufswagen sieht, beginnt sie zu ahnen, dass etwas ganz und gar nicht stimmt. Und richtig: Alle Regale, die Tiefkühltruhen: Voll mit Erdbeermarmelade. Immerhin, es gibt mehr Sorten als bei ihr zuhause, püriert, mit Stückchen oder als Gelee, aber: Ausschließlich Erdbeeren. Sie läuft durch die Regale und kann es nicht fassen. Die übrigen Kunden sehen gelangweilt oder geschäftig aus, wie man eben aussieht, wenn man seinen Wocheneinkauf erledigt, selbst wenn der ausschließlich aus Erdbeermarmelade besteht.
Frau Müller traut sich nicht, jemanden auf die seltsame Einheitsnahrung anzusprechen, niemand hier sieht irritiert aus, und schlussendlich greift sie sich irgendein Glas aus den Regalen, es ist ja eh egal, es gibt nur ein Produkt, und rennt danach fast ins Büro, immer noch in Hausschuhen. Wenigstens ihren Kollegen müsste doch irgendetwas aufgefallen sein!
Als sie das Büro betritt, löffelt der Pförtner geistesabwesend Erdbeermarmelade, während er in der Zeitung blättert und sie durchwinkt, und ihr Kollege trinkt Erdbeerpüree anstatt des üblichen Kaffees.
Frau Müller beschließt zu schweigen. Irgendetwas muss sie essen, also zwingt sie mit Mühe ein paar Löffel der roten Masse hinunter und unterdrückt schaudernd ein Würgen. Das kann doch wohl alles nicht wahr sein!
Mittags versucht sie es voller Hoffnung beim Imbisswagen gegenüber. Anstatt mit Salat sind die flachen Bleche in der Auslage mit Marmelade gefüllt, und aus der Friteuse dampft es heiß und fruchtig süß. Frittierte Erdbeermarmeladenklümpchen sind im Angebot.

Schweißgebadet schreckt Frau Müller hoch. Ihr Wecker klingelt. Schwer atmend sinkt sie wieder zurück ins Kissen. Was für ein schrecklicher Traum!
In der Küche greift sie zögernd zur Kühlschranktür. Was, wenn… aber alles ist so, wie es sein soll: Eier, Butter und Käse sind da, und rechts in der Mitte steht wie immer die Erdbeermarmelade. Frau Müller sieht sie kritisch an. Ihr Magen zieht sich reflexartig zusammen beim Gedanken an Frühstück mit Erdbeeren. Nein. Heute nicht. Stattdessen angelt sie aus der hinteren Ecke des Schranks das geschenkte Glas und beäugt misstrauisch das Etikett. Apfel-Birne-Feige. Nun gut. Besser als Erdbeeren auf jeden Fall. Und dann ist sie gar nicht so übel, die Adventsmarmelade, Birnen- und Apfelaroma mischen sich mit Zimt und einem herben, nicht zu identifizierenden Duft, und ab und zu knirscht ein Feigenkorn zwischen den Zähnen.
Frau Müller ertappt sich dabei, wie sie mit dem Mund voller Adventsmarmelade darüber nachdenkt, wann sie das letzte Mal selber gekocht hat. Sie kann sich nicht erinnern.
Ihr letzter Urlaub ist auch schon sehr lange her.
Vielleicht sollte sie sich heute einfach mal frei nehmen.
Warum eigentlich nicht?

Aus adventlichen Gründen erneut gebloggt. Erstveröffentlichung im Dezember 2017 🙂 .

Josef

Ich bin Josef.
Ich bin Zimmermann.
Holz ist ein wunderbares Material, es ist lebendig und atmet, und wenn man sich auskennt, kann man es in jede nur mögliche Form bringen.
Meine Hände sind rauh und hart vom Hobeln und Schmirgeln, und auf meinen Haaren liegt oft eine Schicht Holzstaub.
Maria scheint das nicht zu stören. Auch nicht, dass ich älter bin als sie.
Maria.
Ich mag ihre Augen und ihr Haar, und die Art, wie sie mit ihren jüngeren Geschwistern spricht. Wir sind uns schon lange versprochen, und ich hatte immer Angst, ich wäre zu alt für sie.
Ich habe ein Kästchen aus Holz für sie gebaut, mit Scharnieren, damit sie den Deckel gut schließen kann. Feines Olivenholz habe ich dafür genommen und mir vorgestellt, wie ich es ihr überreiche.
Aber als sie mir von dem Kind erzählt hat, ängstlich, ja, aber auch so sicher, als ob es keine Zweifel an ihrer Geschichte geben könne, bin ich ohne ein Wort gegangen. Zuhause habe ich das Holzkästchen an die Wand geworfern, mit aller Kraft. Es ist zerbrochen. Ich habe die Teile zusammengefegt und bin schlafen gegangen.
Ich habe lange wach gelegen.
Dann kam der Traum.
Danach war alles anders.
Ich bin Zimmermann. Ich baue Häuser und Truhen. Ich bin kein Schriftgelehrter. Aber dieser Traum war klar und deutlich, und ich sehe ihn immer noch vor mir, sobald ich die Augen schließe.
Noch gestern hätte ich gesagt, so etwas passiert doch nicht, und schon gar nicht mir! Aber es ist passiert.
Morgen werde ich das Kästchen reparieren und es ihr bringen.
Und dann werden wir reden.

 

Maria

Ich bin Maria.
Viele Menschen kennen mich.
Sie haben schon hunderte Male von mir gehört. Oder gelesen. Sie haben sich ein Bild von mir gemacht. Vielleicht sehen sie die Frau im wundervollen blauen Mantel. Oder sie sind ehrfürchtig. Oft bin ich ihnen fremd, obwohl ich doch jedes Jahr zumindest einmal wieder auftauche, in der Krippe.
Das ist in Ordnung. Der Text über mich im Buch ist kurz, es gibt viel Raum für Spekulationen und Überlegungen.
Ich wünsche mir manchmal trotzdem, ich könnte meine Version der Geschichte erzählen. Davon, dass ich wie alle anderen war, bevor der Engel kam. Ein ganz normales Mädchen.
Ich hatte Vorlieben, Feigen in Honig mochte ich. Die klebrige Süße der Feigen an einem heißen Nachmittag, dazu Tee. Wunderbar. Auf dem Markt gefiel es mir am besten, wenn es laut und voll war und die Händler feilschten, als ginge es um ihr Leben.
Den Esel unserer Nachbarn liebte ich, grauhaarig und struppig war er, und ich streichelte jedes Mal seine langen, weichen Ohren, wenn ich eingelegte Fische zur Nachbarin brachte.
Nach dem Essen war es meine Aufgabe, die Schüsseln zu spülen. Keine Tätigkeit, die ich gern tat. Ich versuchte oft, diese Aufgabe an meine jüngeren Geschwister weiterzugeben. Manchmal mit Erfolg, manchmal ohne.
Auf meine Haare war ich stolz und kämmte sie gern und lange. Ich freute mich darauf, zu heiraten, Mutter zu werden und meinen eigenen Haushalt zu führen. Josef war ein guter Mann, wir waren uns schon lange versprochen und ich war einverstanden mit ihm.
Dann kam der Engel.
Und alles änderte sich.
Ich war ein normales Mädchen, als meine Geschichte von Grund auf neu geschrieben wurde. Ich wurde nicht gefragt, ob ich einverstanden bin, mir wurde erzählt, was passieren würde und dann passierte es.
Manchmal frage ich mich, ob ich es anders hätte haben wollen.
Ich denke nicht.
Es war schwer, zu manchen Zeiten, aber ich bekam soviel anderes geschenkt, Geschenke, die mir lieb und teuer sind, bis heute.
Wichtig ist mir, dass die Menschen im Gedächtnis behalten, dass ich nicht anders war als sie. Daran sollen sie sich erinnern, wenn ich wieder im wundervollen blauen Mantel im Stall sitze, vor der Krippe, und meinen Sohn ansehe.
Gott schreibt Geschichte mit Menschen.
Alles ist möglich.
Jederzeit.

Dialog-Engel

Dialog-Engel

„Entschuldigung, darf ich mich Ihnen vorstellen?“
„Äh… was?“
„Ich bin Nr. 723 und Ihnen heute als Dialog-Engel zugeteilt. Sagen Sie nichts – ich weiß, Ihnen kommt das sicherlich genauso seltsam und überflüssig vor wie mir.“
„Ein… Dialog-Engel?“
„Richtig. Ich weiß nicht, wer da oben gerade die Aufträge verteilt, aber glauben Sie mir, ich falle momentan von einem schwarzen Loch ins andere.“
„Oh. Tut mir leid.“
„Ach, muss es nicht. Obwohl, wenn ich mir meine letzten Aufträge ansehe, sollte ich mir doch leid tun… Ich meine, ein Hühneraugen-Engel? Ernsthaft? Oder ein Autokorrektur-Vermeidungs-Engel? Ich bitte Sie! Und das bei meinen Qualifikationen!“
„Hühneraugen…?“
„So ist es. Sie haben richtig gehört. Und nun also Sie. Gut. Ich bin hier, ich bin Profi, legen wir los. Sie haben Probleme beim Dialog-Schreiben, habe ich gehört?“
„Äh… ja, richtig. Aber Sie müssen mir nicht helfen, Sie haben doch bestimmt wichtigeres zu tun, so als Engel, oder?“
„Nein! Das ist es ja! Ich bin nur für Sie da, auch wenn Ihnen das völlig sinnlos erscheinen mag! Und mir auch. Trotzdem. Dialog also. Wo liegt denn Ihr Problem?“
„Naja, also… mir fällt nichts ein.“
„Ihnen fällt nichts ein. Das ist ja weltbewegend. Herzzerreissend. Und warum fällt Ihnen nichts ein?“
„Wir haben als Hausaufgabe auf, einen Dialog zu schreiben, ohne große Erklärungen im Nebentext, am besten wäre es, gar keinen Nebentext zu schreiben, und mir fällt einfach keine Situation ein! Ich schwimme hier schon seit Ewigkeiten in der Runde, es ist zum Haareraufen!“
„Richtig. Schwimmen. Das hätte ich sowieso noch angesprochen. Wie kommen Sie bloß auf die absurde Idee, dass Ihnen ausgerechnet hier etwas sinnvolles einfallen würde? Warum geht man mit so einem Problem ins Schwimmbad? Dieser Ort hier ist doch nun wirklich das genaue Gegenteil von Würde, Anstand, Zurückhaltung!“
„Äh… echt?“
„Natürlich! Sehen Sie sich doch um! Badehosen und Badeanzüge und drumherum und drunter die raue Wirklichkeit, wie soll einem da überhaupt noch ein kreativer Gedanke kommen! Was haben Sie sich dabei gedacht!“
„Ich find´s eigentlich ganz schön hier…“
„Ach, papperlapapp! Wenn man etwas schreiben will, geht man in die Bibliothek! Aber doch nicht ins Schwimmbad, also wirklich… mein Gott, womit habe ich das verdient!“
„Dürfen Sie das?“
„Was?“
„‚Mein Gott‘ sagen?“
„Oh! Habe ich?“
„Jepp.“
„Ach du liebe Güte… sind Sie sicher? Sowas rutscht mir sonst nie raus, das müssen die Umstände sein, Dialog-Engel, Hühneraugen, Autokorrektur, da kann man schon mal danebengreifen…“
„Naja…“
„Mal ehrlich, sehen Sie mich doch an! Sehe ich aus wie ein einfacher Unterengel? Wissen Sie, wievielen armen Seelen ich schon geholfen habe? Ich bin die personifizierte Erfahrung! Licht, Liebe, Leben! Nichts, was mir nicht gelingt! Gebt mir Überschwemmungen, Ehekrisen oder Blogger mit Identitätskrise, ich werde mit allem fertig, aber das hier? Mein Gott!“
„Sie haben es schon wieder…“
„Jaja, ich weiß. Tut mir leid. Geben Sie mir einen Moment, ich muss mich kurz beruhigen… wo waren wir… Dialog. Gut. Dialog. Also. Sie wollen einen Dialog im Schwimmbad schreiben, warum auch immer, egal. Haben Sie schon mal darüber nachgedacht, reale Personen aus Ihrem Umfeld zu verwenden?“
„Hmm… “
„Was, hmm? Was kritzeln Sie da eigentlich die ganze Zeit in Ihr Heft?“
„Ach, nichts, ganz unwichtig.“
„Wieso schreiben Sie irgendwas unwichtiges, wenn ich hier all meine Kapazitäten ausschöpfe, um Ihnen zu helfen? Respekt ist doch wohl das mindeste, was ich erwarten kann, oder?“
„Wissen Sie, Sie haben mir schon geholfen. Vielen Dank! Sie waren super, wirklich!“
„Ehrlich?“
„Absolut.“
„Einfach so? Wir haben doch noch gar nicht richtig angefangen!“
„Sehen Sie, das ist eben Ihr Genie!“
„Ach… ja… dann, äh, dann gehe ich wohl mal wieder. Ein schönes Leben noch…“
„Wünsche ich Ihnen auch.“
„Ein seltsamer Mensch, sehr seltsam… aber gut. Was haben wir als nächstes… nein! Tintenklecks-Verhinderungs-Engel? Nein! Womit habe ich das verdient!“

Krabben II

Er

Das erste, was ihm an ihr aufgefallen war, waren ihre Hände. Sie konnte zupacken, war sich auch nicht zu schade, direkt ins volle Netz zu greifen, als sie es an Bord hoben, voller zappelnder kleiner Fische, die sie nur für ihre Kamera gefangen hatten und später wieder über Bord werfen würden. Lange, schlanke Finger hatte sie, strich mit ihnen immer wieder einzelne Haarsträhnen zurück hinter die Ohren. Er hatte sofort weggesehen, hatte sich auf das Schiff konzentriert und auf seine Netze, die eigentlich Krabben fangen sollten, aber jetzt im Frühjahr keine fanden. Unbedingt hatte sie an Bord gewollt, um mit ihm über die schlechte letzte Saison zu sprechen und darüber, was das für seine Familie bedeutete, und er, er war genervt gewesen. Diese ewigen Berichte, die sowieso nichts brachten, die seinem Vater Hoffnung machten, die sich nie erfüllte und ihn jedes Mal kleiner und grauer zurück ließ. Sein Bruder hatte so lange auf ihn eingeredet, bis er nachgegeben hatte, und jetzt standen sie hier, an einem kühlen Märzmorgen bei gnädiger See, das Deck voller kleiner Fische, und er konnte nicht aufhören, sie anzustarren. Sie sprach mit seinem Bruder, lachte, wandte das Gesicht zur aufgehenden Sonne, die einen rötlichen Schein über ihre Haut warf. Alida. Wer hieß denn so? Niemand, den er kannte. Sie hatte die Kamera weggelegt, alle Bilder waren geschossen, und er ärgerte sich, weil er vorhin kein Wort herausgebracht und das Reden wie immer seinem Bruder überlassen hatte. Andererseits, wo sollte das schon hinführen, ein Krabbenfischer kurz vor der Pleite und eine Journalistin, das hatte keine Zukunft. Er wandte den Blick ab, trat an die Reeling und blickte ins Wasser. In den Wellen spiegelte sich ihre Silhouette.
Sein Bruder lachte, entließ die Fische aus dem Netz, wandte sich um und ging in die Kabine. „Wir fahren zurück, Mathes, ok?“ rief er ihm zu und warf den Motor an. Der Schiffsdiesel ließ das Deck zittern, dann fuhr das Boot eine lange, gemächliche Kurve und nahm Kurs auf ihren Heimathafen.
Die Journalistin hielt sich immer noch an einem der Seile fest und blickte zurück ins Kielwasser, über dem die Möwen gierig Ausschau nach Fischen hielten und sich dabei die Seele aus dem Leib kreischten. Er machte einen Schritt auf sie zu, rutschte aus, ging zu Boden und riß die Journalistin mit sich. Sie landete auf ihm, ihre Haare fielen auf sein Gesicht und ihr Ellenbogen landete in seinem Magen. Zischend stieß er die Luft aus, dann blickte er in ihr Gesicht, das direkt über seinem hing. Sie sah ihn aus grauen Augen an. „Hej“, sagte sie und lachte.
Er holte tief Luft. „Hej“, sagte er.