Fräulein Honigohr frühstückt

Fräulein Honigohr saß wie jeden Morgen zusammen mit Herrn Brummeck beim Bäcker und aß ein Honigbrötchen (nomen est omen!) Herr Brummeck studierte den Sportteil der Zeitung, während sie sich die Rubrik Vermischtes geangelt hatte und die neuesten Informationen über surfbordfahrende Hunde und fehlgeleitete Ameisenkolonien überflog.
Als sie gerade mit dem Finger einen verlorengegangenen Tropfen Honig vom Teller tupfte, betrat ein weiterer Gast das Café. Neugierig betrachtete Fräulein Honigohr den Neuen über den Rand ihrer Zeitung hinweg, während er sich aus der Kühltheke eine Flasche Kakao nahm und an der Theke ein Käsebrötchen bestellte. Er bezahlte und setzte sich dann grußlos an den Tisch direkt neben ihnen. Fräulein Honigohr runzelte die Stirn. Trotzdem, nicht übel: Groß, gut gewachsen, dunkles Haar, Knubbelnase. Nicht schlecht, vermerkte sie in ihrem Kopfnotizbuch.
Dann fing der Fremde an zu essen und Fräulein Honigohr zuckte zusammen. Es krachte, knusperte und malmte, Schmatzen, Schlucken und Blubbern füllte den Raum, dann sog der Knubbelnasige schlürfend Kakao durch den Strohhalm, während Fräulein Honigohr ihre Kopfnotiz von „nicht übel“ in „Katastrophe!“ und „untragbar!“ änderte.
Sie verzog das Gesicht. Herr Brummeck warf ihr einen kurzen Blick zu. Der Fremde hatte zu hastig gegessen und stieß hörbar auf, dann rülpste er zart und biß erneut krachend in sein Brötchen. Die ältere Dame mit dem lila Blumenhütchen stand ruckartig auf und wechselte den Platz. Der Fremde blubberte unbeeindruckt in seinem Kakao herum.
Fräulein Honigohr seufzte. Noch einer! Herr Brummeck blickte mahnend in ihre Richtung, aber sie ignorierte ihn. Wenn sich hier sonst niemand kümmerte, musste sie es eben selber tun. Ein heftiger Rülpser wehte durch die Bäckereiluft und brachte leisen Käsegeruch mit sich. Sie runzelte die Stirn und schloss die Augen, schüttelte leicht den Kopf und öffnete die Augen wieder.
Der Fremde war mitsamt den Resten seines Brötchens und der halbleeren Flasche Kakao fort. Er saß nun am anderen Ende des Raumes an einem einzeln stehenden Tisch neben dem Ausgang und blickte mit offenem Mund verwirrt zwischen seinem neuen Tisch, der Theke und seinem alten Tisch hin und her.
Die übrigen Gäste warfen Fräulein Honigohr dankbare Blicke zu, während Herr Brummeck sanft den Kopf schüttelte, die Augenbrauen hochzog, ihr einen vielsagenden Blick zuwarf und dann zu seinem Bericht über die Abfahrtsrennen in St. Moritz zurückkehrte. Fräulein Honigohr lächelte entschuldigend. Es war nicht ihre Schuld, oder? Der Neue hatte es ja nicht anders gewollt. Sie warf einen Blick zu ihm hinüber. Er saß mit hängenden Schultern da, ein Bild der Verwirrung, sein Frühstück stand unbeobachtet vor ihm. Fräulein Honigohr bekam Mitleid. Er konnte ja eigentlich nichts dafür, er kannte die Regeln in dieser Bäckerei einfach noch nicht. Sie tippte mit dem Finger an Herrn Brummecks Zeitung, damit er Bescheid wusste, nahm ihre Tasse Tee und stand auf. Sie würde DAS GESPRÄCH mit ihm führen. Und dann konnte er entscheiden, ob er wiederkam oder nicht. Fräulein Honigohr hoffte auf ersteres, als sie sich mit einem Lächeln am Tisch des Neuen niederließ und das Gespräch eröffnete.

Adventsmarmelade

Frau Müller hat für sowas keine Zeit. Das ist ja nett gemeint, aber mal ernsthaft: Wer braucht denn dieses ganze Weihnachtsgedöns? Marmelade gibt es wie Sand am Meer, eine ganze Supermarktregalwand ist voll damit, sie kann sich jede nur denkbare Sorte dort kaufen, und wenn sie wollte, würde sie das auch tun.
Überhaupt, dieses Lamettagetue: Die Leute machen sich was vor. Wenn man es nüchtern betrachtet, ist der zwölfte Monat dazu da, Buchhandlungen und Spielwarengeschäfte über den Rest des Jahres zu bringen und Restaurantbesitzer jubeln und frohlocken zu lassen. Und am Ende steht der Weihnachtsbaum doch nur entnadelt im Wohnzimmer und nichts hat sich geändert, nur das Konto ist leichter als im Monat zuvor.
Frau Müller sieht das Marmeladenglas prüfend an. Vielleicht kann sie es weiter verschenken? Sie runzelt die Stirn. Lieber nicht. Wer weiß, wer noch alles so eins bekommen hat. Ganz hinten im Schrank ist noch eine Lücke, da schiebt sie es fürs erste hinein. Sie bleibt lieber bei ihrer Stammmarke, Erdbeer, wie schon seit zwanzig Jahren. Sie hat viel zu viel zu tun, um sich mit überflüssigem Kram zu befassen, so nett gemeint er auch sein mag. Nett sein bringt nichts voran, das hat sie schon vor langer Zeit gelernt, was zählt, sind abgeschlossene Geschäfte. Umsatz. Mit diesen Gedanken putzt Frau Müller sich energisch die Zähne, zieht die Bettsocken an und sinkt müde ins Bett.

Sie träumt einen Traum.

Morgens setzt sie sich auf, zieht sich an und will Kaffee kochen, aber die Dose mit dem Pulver ist leer, der Vorratsschrank ebenfalls. Ärgerlich reisst sie die Kühlschranktür auf, um sich wenigstens das tägliche Erdbeermarmeladenbrot zu machen und starrt verständnislos in die Fächer. Es gibt Erdbeermarmelade. Und sonst nichts. Keine Eier, keine Butter, keinen Käse. Nur Erdbeermarmelade.
Voller böser Vorahnungen wirft sie die Kühlschranktür wieder zu und durchsucht alle Schränke und Schubladen. Sie findet Erdbeermarmelade in Dosen, Schalen und Tupperbehältern. Sonst nichts.
Sehr verwirrt macht Frau Müller sich auf zum Supermarkt, um dort neue Lebensmittel einzukaufen. Dass sie das in Hausschuhen tut, ist an diesem Morgen schon fast nebensächlich. Als sie die ersten Menschen mit Einkaufswagen sieht, beginnt sie zu ahnen, dass etwas ganz und gar nicht stimmt. Und richtig: Alle Regale, die Tiefkühltruhen: Voll mit Erdbeermarmelade. Immerhin, es gibt mehr Sorten als bei ihr zuhause, püriert, mit Stückchen oder als Gelee, aber: Ausschließlich Erdbeeren. Sie läuft durch die Regale und kann es nicht fassen. Die übrigen Kunden sehen gelangweilt oder geschäftig aus, wie man eben aussieht, wenn man seinen Wocheneinkauf erledigt, selbst wenn der ausschließlich aus Erdbeermarmelade besteht.
Frau Müller traut sich nicht, jemanden auf die seltsame Einheitsnahrung anzusprechen, niemand hier sieht irritiert aus, und schlussendlich greift sie sich irgendein Glas aus den Regalen, es ist ja eh egal, es gibt nur ein Produkt, und rennt danach fast ins Büro, immer noch in Hausschuhen. Wenigstens ihren Kollegen müsste doch irgendetwas aufgefallen sein!
Aber als sie das Büro betritt, löffelt der Pförtner geistesabwesend Erdbeermarmelade, während er in der Zeitung blättert und sie durchwinkt, und ihr Kollege trinkt Erdbeerpüree anstatt des üblichen Kaffees.
Frau Müller beschließt zu schweigen. Irgendetwas muss sie essen, also zwingt sie mit Mühe ein paar Löffel der roten Masse hinunter und unterdrückt schaudernd ein Würgen. Das kann doch wohl alles nicht wahr sein!
Mittags versucht sie es voller Hoffnung beim Imbißwagen gegenüber. Anstatt mit Salat sind die flachen Bleche in der Auslage mit Marmelade gefüllt, und aus der Friteuse dampft es heiß und fruchtig süß. Frittierte Erdbeermarmeladenklümpchen sind im Angebot.

Schweißgebadet schreckt Frau Müller hoch. Ihr Wecker klingelt. Schweratmend sinkt sie wieder zurück ins Kissen. Was für ein schrecklicher Traum!
In der Küche greift sie zögernd zur Kühlschranktür. Was, wenn… aber alles ist so, wie es sein soll: Eier, Butter und Käse sind da, und rechts in der Mitte steht wie immer die Erdbeermarmelade. Frau Müller sieht sie kritisch an. Ihr Magen zieht sich reflexartig zusammen beim Gedanken an Frühstück mit Erdbeeren. Nein. Heute nicht. Stattdessen angelt sie aus der hinteren Ecke des Schranks das geschenkte Glas und beäugt misstrauisch das Etikett. Apfel-Birne-Feige. Nun gut. Besser als Erdbeeren auf jeden Fall. Und dann ist sie gar nicht so übel, die Adventsmarmelade, Birnen- und Apfelaroma mischen sich mit Zimt und einem herben, nicht zu identifizierenden Duft, und ab und zu knirscht ein Feigenkorn zwischen den Zähnen.
Frau Müller ertappt sich dabei, wie sie mit dem Mund voller Adventsmarmelade darüber nachdenkt, wann sie das letzte Mal selber gekocht hat. Sie kann sich nicht erinnern.
Ihr letzter Urlaub ist auch schon sehr lange her.
Vielleicht sollte sie sich heute einfach mal frei nehmen.
Warum eigentlich nicht?

Fräulein Honigohr stellt sich vor

Wenn Fräulein Honigohr morgens aufwacht, steigt sie als erstes in ihre kuscheligen, rosa Plüschhasenschuhe, macht sich leicht schlaftrunken eine Tasse dampfend heißen Tee und sieht im Dunkeln aus dem Fenster. Sie beobachtet die Leute, die unter ihrem Fenster vorbeigehen und freut sich über die lebendige Straße, in der sie wohnt.

Danach zieht sie sich an und schlüpft zum Schluss in die weißgepunkteten roten Regenstiefel, weil es draußen nieselig und naß ist. Auf dem Weg zum Bäcker, bei dem sie sich jeden Morgen mit Herrn Brummeck die Zeitung teilt, geht sie konsequent durch jede Pfütze – wenn schon, denn schon.

Fräulein Honigohr träumt davon, eines Tages mit dem Schaufelraddampfer den Mississippi hinunterzufahren, von der Quelle bis zur Mündung, und dabei Tom Saywer und Huckleberry Finn zu lesen. Gemeinsam mit Herrn Brummeck, wenn es geht. Wenn es nicht geht, dann ohne ihn. Sie hat schon die Hälfte des notwendigen Reisegelds zusammen und arbeitet an der zweiten Hälfte (wenn auch nicht immer hundertprozentig konsequent, aber wer kann schon an einer englischen Komplettausgabe aller Calvin und Hobbes Bände vorbeigehen? Fräulein Honigohr jedenfalls nicht).

Sie liebt französische Macarons, am liebsten sind ihr die grünen, die rosafarbenen schenkt sie meist ihren Kollegen, denen die Farbe rätselhafterweise völlig egal ist – Männer! Ihre Arbeit liebt sie auch, meistens jedenfalls. Vormittags plant sie Spielplätze für Schulen und Kindergärten, nachmittags verleiht sie Bücher in der Stadtbibliothek. Und wenn der Jahrmarkt in der Stadt ist, findet man sie entweder im Kettenkarussell oder im Mäusepanoptikum, obwohl sie auf den Geruch dort eher verzichten könnte – aber die Mäuse machen das wett. Diese zwei Leidenschaften teilt sie mit ihren Nichten, und sie teilt sie gerne und oft mit ihnen.

Und das soll fürs erste reichen.

Navifahrten

Mein Navi sagt mir, ich soll abbiegen, und zwar in exakt vierhundert Metern.

Ich habe aber keine Lust, da abzubiegen. Da sieht´s langweilig aus.

Das Navi weiß genau, wie resistent ich sein kann und wiederholt die Anweisung, jetzt in zweihundert Metern, abbiegen, pronto!

Nö. Will ich nicht. Und fahre geradeaus. Es kurvt gerade so schön. Und stand da vorhin auf der Karte nicht was von einem See? Wieso führt mich das Navi nicht zum See? Es sollte mich doch mittlerweile kennen.

Das Navi kämpft um die Oberhand. „Bitte wenden!“

Tja, Pech gehabt. Das Steuer gehört mir.

Das Navi schweigt. Stumm zeigt es den Weg, den ich gerade entlang fahre. Dann versucht es, mich in regelmässigen Abständen auf den geraden Pfad zurückzuführen. Ich lächle.

Nach ein paar Kilometern lenke ich ein. Na gut. Langsam bekomme ich Hunger, und der See taucht nur in weiter Entfernung kurz mal auf. Ich überlasse meinem Navi das Kommando. „Links abbiegen! Im Kreisel die dritte! Der Straße folgen! Rechts, dann schräg rechts halten, dann links…“

Woooaa! Und schon bin ich falsch. Diese Straße hier sieht eng aus. Wo bin ich? Das Navi schweigt. Es muss überlegen. Dann, mit frischer Kraft: „Rechts. Geradeaus. Folgen!“ Die Straße wird immer enger. Es gibt keine Verkehrszeichen. Der Mittelstrich ist verlorengegangen. Wald auf der einen, hohe Büsche auf der anderen Seite. Das Sträßchen schlängelt sich wie eine Kreuzotter. Was, wenn mir jetzt jemand entgegenkommt? Schwitzend umkurve ich Schlaglöcher und riesige Pfützen. Das hier wird doch wohl nicht zum Feldweg? Eine einsame, uralte Stromleitung an Holzpfählen begleitet mich noch ein Stück, dann hört auch das auf. Der Asphalt weicht Schotter. Mit Tempo fünfundzwanzig fahre ich über die knirschenden Steine. Keine Wendemöglichkeit. Mein Navi schweigt. Noch anderthalb Kilometer diese Straße entlang, lese ich.

Dann, endlich: Eine Asphaltstraße! Mit Mittelstreifen! Ich atme auf. Fünfhundert Meter weiter spricht das Navi plötzlich wieder: „Sie haben Ihr Ziel erreicht.“

Misstrauisch starre ich auf den kleinen Bildschirm. Hat es etwa gerade… Nein. Unbewegt blinkt es auf dem Zielpunkt. Trotzdem. Wenn ich mich nicht sehr irre, klang da tiefe Befriedigung aus seinem Schlusssatz.

Wenn einer eine Reise tut…

… dann holt ihn manchmal die Vergangenheit ein.

Heute bin ich zum ersten Mal seit acht Jahren wieder mit einer Fähre gefahren, von Cuxhaven nach Brunsbüttel. Eigentlich ja ein Witz von Fährüberfahrt, eine Stunde und fünfzehn Minuten, das Land verschwindet niemals dramatisch am Horizont, nein, der grüne Saum begleitet das Schiff während der ganzen Fahrt.

Und trotzdem: Die Geräusche, das Alarmsignal, wenn der Bug der RoRo-Fähre sich nach unten senkt, das Schwappen der Wellen gegen die Bordwände und der Geruch nach verbranntem Diesel – genau wie damals. Sofort ist alles wieder da, das Gefühl von: „Das ist mein Schiff!“, und dieser kleine Stolz, wenn alles reibungslos klappt, die Abfahrt pünktlich, die PKW-Einweiser rauhbeinig, aber kompetent sind, wenn die Sonne kurz durch die Wolkendecke guckt – alles meins. Früher war noch die Gewissheit dabei, dass ich eine Vielzahl der Fahrzeuge und Kabinen an Bord für die Passagiere gebucht hatte und verantwortlich für jede Menge Urlaubsglück, aber auch Urlaubsweh war. An Bord landete ich wie heute irgendwann immer mit den Ellenbogen auf der Reeling, den Blick abwechselnd aufs Meer und die Passagiere gerichtet, immer auf der Suche nach Deutschen, die vermutlich über unser Büro gebucht wurden.

Vom Schiff aus ist es nur ein kleiner gedanklicher Schwimmzug und schon bin ich in meinem alten Büro, Großraum, alle Fenster auf die laute vierspurige Straße hinaus. Selbstverständlich ein Raucherbüro mit verdrecktem Teppichboden in dunkelgrau, alten Stahlschränken und einem Sammelsurium aus Schreibtischen und Büromöbeln, die in der übrigen Firma keiner mehr haben wollte. Aus diesen unmöglichen Räumen heraus haben wir für zigtausende Menschen Träume wahrgemacht, Norwegen, Schweden, Irland, Großbritannien und Tunesien, wir haben geplant, organisiert, Wartelisten geführt, doch noch den Platz mit Stromanschluss für den Kühlanhänger ergattert, die Kabine gefunden, ohne die die Überfahrt nicht möglich gewesen wäre. Wir haben bei den Reedereien um den Erlass von Stornogebühren gebettelt und hatten oft, aber nicht immer Erfolg. Es gab Stammkunden, die uns norwegische Schokolade schickten. Einmal fanden wir einen frisch geangelten und geräucherten Lachs in einem Paket.

Ein Wochenende im Sommer verbrachte ich mit einem norwegischen Programmiererteam im Büro, als das erste Buchungssystem am PC eingerichtet wurde. Wir gingen einmal am Tag online und übermittelten die gebuchten Daten, weil alles andere viel zu teuer gewesen wäre. Wir liefen barfuß oder auf Socken und bestellten Pizza, weil man das in Norwegen so macht.

Ich ließ mich von meinem Chef anbrüllen, brüllte zurück und musste mich entschuldigen. Unser Kühlschrank und die Mikrowelle standen zusammen mit den Servern und einem alten Telex im Faxraum, in dem wir über vier verschiedene Faxgeräte mit der Welt kommunizierten. Im Sommer war es stickig warm, im Winter verraucht und stickig warm.

Es war eine großartige Zeit. Alles war neu und noch ohne Routine, ich konnte mich ausprobieren, da noch niemand wusste, wie es lief. Später änderten sich die Dinge, aber so ist das: Alles ändert sich. Bis dahin aber war es meine glücklichste Zeit im Arbeitsleben, und alles das kam zurück, als die kleine Elbfähre sich an den Anleger schob und PKW und Wohnmobile ausspuckte.

Straßen werden überbewertet. Man sollte viel öfter die Fähre nehmen.

Bahnfahrer-Meditation

Ich bin stolz auf mich. Heute Abend bin ich auf meiner persönlichen Selbstoptimierungsliste mindestens drei Level nach vorne gerückt. Und das ging so: Um 18.00 Uhr nahm ich den Zug nach Hause, mein Fahrrad hatte ich dabei. An der dritten Station fing es an, sintflutartig zu regnen, aber egal, ich saß ja im Zug, also alles ok. Dann wurde der Zug langsamer. Und langsamer. Gleichzeitig fuhren auf beiden Seiten Güterzüge an uns vorbei. Der Zugführer kommentierte lakonisch: „Sie sehen, heute ist Rushhour auf den Gleisen.“ Mit zwanzig Minuten Verspätung kamen wir an der siebten Station an, die letzte vor meiner Aussteigestation. Es passierte eine Zeitlang nichts mehr, dann kam die Durchsage: „Es tut uns leid, aber heute endet dieser Zug hier. Bitte alle aussteigen.“ Empörtes Stimmengewirr meiner Mitreisenden. Es regnete noch immer.

Zenmässig gelassen ging ich meine Möglichkeiten durch: Aussteigen und warten? Der nächste Zug käme erst in einer Dreiviertelstunde, und an dieser Station ist es auch nicht wirklich gemütlich, wenn die Sonne scheint. Oder mit dem Fahrrad nach Hause? Hm. Zehn Kilometer im Regen ohne Regenjacke? Und dann kam mir ein Daniel-Düsentrieb´scher-Geistesblitz: Ich könnte einfach im Zug bleiben, drei Stationen zurückfahren an einen Bahnhof mit Wetterdach, aussteigen und dort auf den nächsten Zug warten, der wieder bis zum Ende durchfährt!

Gesagt, getan. Entspannt blieb ich sitzen, der Regen rauschte an den Fensterschreiben entlang, während ich dieselbe Strecke wieder zurückfuhr, auf der ich gekommen war. Am Bahnhof mit Wetterdach stieg ich aus, nahm nicht den Aufzug, vor dem die Feuerwehr gerade gewarnt hatte, weil er in einer Woche dreimal steckengeblieben war, trug mein Fahrrad mit Muskelkraft die Treppen hinauf und hinunter und setzte mich dann für weitere zwanzig Minuten auf den Bahnsteig, um auf den nächsten Zug zu warten. Der Regen fiel schwallartig. Ich blieb gelassen.

Beweisfoto: Gelassene Füße auf Fahrrad. Es regnet.

Beweisfoto 2: Füße auf Fahrrad bei durchrasendem Zug. Es regnet.

Güterzüge fuhren durch. Autozüge fuhren durch. Kleinbahnen fuhren durch. Eine Bahn mit anderem Ziel fuhr durch. Dann kam mein Zug. Es regnete wie aus Eimern, als ich einstieg. Dann fuhr ich zum dritten Mal dieselbe Strecke. Kurz vor der vorletzten Station war ich fast ein bisschen aufgeregt: Würden wir es dieses Mal schaffen, die Station zu passieren? Oder gab es hier eine unsichtbare Grenze, die heute niemand passieren konnte? Vor lauter Nachdenken darüber verpasste ich die Station komplett und dann fuhren wir tatsächlich in meinen Heimatbahnhof ein. Selbstverständlich regnete es immer noch, als ich ausstieg, mich aufs Fahrrad schwang und mit nur einer Stunde Verspätung nach Hause fuhr.

Gar nicht so übel für eine üble Ausgangssituation, fand ich – und Zack! – schon wieder ein Level weiter 🙂 .

 

Druckerprobleme

Es ist 11.35 Uhr, und ich habe viel zu tun. Aktuell muss ich nur noch ein paar Dokumente ausdrucken und fertig machen, bis 12.00 Uhr will ich fertig sein und das nächste Projekt angehen.

Forschen Schrittes eile ich zum Drucker. Der hat gerade ein paar Probleme, und so kann ich nicht alle Dokumente auf einmal ausdrucken, sondern immer nur eins auf einmal – Briefpapier einlegen, Datei auswählen, zwei Seiten drucken, und so weiter. Mit den fertigen Papieren eile ich zum Schreibtisch zurück, will die Briefe falten und – nanu! Es fehlt das Logo auf Seite 1! Wo ist es hin? Argh. Es ist auf Seite 2, über dem ausgedruckten Text. Hektisch blättere ich durch die Seiten – alles falsch, der Drucker hat jede Seite 1 als Seite 2 gedruckt, dafür die Seite 2 als Seite 1 – ich muss alles nochmal machen.

Ich atme tief durch. Die Dokumente sind geänderte Serienbriefelemente, die kann ich nicht einfach nochmal drucken, die muss ich alle neu machen. Vielleicht ist ja noch was zu retten, wie rasend hämmere ich auf die Tasten meines PC. Kontrollblick auf die Uhr: 11.50 Uhr. Wäre noch zu schaffen bis 12.00 Uhr.

Zweiter Versuch am Drucker. Das erste Dokument: Richtig. Alle anderen: Falsch. Atmen, Fäuste entkrampfen, bis auf das erste alles nochmal drucken. Dieses Mal hatte ich klugerweise schon jedes Dokument einzeln gespeichert. 11.55 Uhr.

Dritter Versuch: Seite 1: Richtig. Seite 2: Fehlermeldung, der Text ist verschwunden, dafür habe ich kryptische Zeichenfolgen auf dem Papier. Ich knülle den Stapel Papier ruckartig zusammen und pfeffere ihn in den Papierkorb. Die Fehlermeldung verschwindet, ich werde automatisch abgemeldet, weil ich zu lange nichts gemacht habe. Ich melde mich wieder an, drucke das letzte Dokument nochmals und versuche, die Fehlermeldung zu identifizieren, bevor sie verschwindet. Keine Chance. Ich brauche einen Fotoapparat. Mit stampfenden Schritten pflüge ich durch den Flur,  eine Ader pocht auf meiner Stirn, Schweißtröpfchen sammeln sich auf meiner Stirn.

Mit dem Fotoapparat gehe ich zurück zum Drucker, drucke erneut die letzte Seite, versuche, den Auslöseknopf zu drücken – der Akku der Kamera ist leer. Ganz kurz zuckt der Gedanke in mir auf, die Kamera in den Papierkorb zu schmeißen und sie vorher noch auf das Display des Druckers zu knallen. Mit Mühe beherrsche ich mich. Es ist 12.15 Uhr. Eine Kollegin kommt herein, wirft einen Blick auf mein Gesicht und nimmt schnell den schwarz-weiß Drucker, bevor sie eilig den Raum wieder verlässt. Ich bringe die Kamera zurück, nicht ohne vorwurfsvoll die Kollegen über den leeren Akkustand zu informieren. Keine andere Kamera einsatzbereit. Jetzt muss es mein Handy tun. Ha! Dieses Mal kann ich die Fehlermeldung fotografieren, bevor ich wieder aus dem Programm geworfen werde.

Erneuter Versuch, die Dokumente zu drucken. Es ist 12.20 Uhr. Jetzt habe ich es – ich überliste den Drucker und lege die Vordrucke verkehrt in die Papierfächer. Es funktioniert!!! Ich muss jedes Dokument zwar dreimal drucken, damit die Fehlermeldung verschwindet, aber egal. Der Stapel der Fehldrucke ist jetzt zwei Zentimeter hoch.

Es ist 12.30 Uhr. Ich falte gerade die Papiere, da überkommt es mich: Dieses klitzekleine Teil des Hirns, das einen dauernd beobachtet und dafür sorgt, dass man morgens trotz fehlenden Schlafs nicht in Hausschuhen aus der Wohnung marschiert, setzt mich darüber in Kenntnis, dass ich gerade  ausgesehen haben muss wie ein Gremlin, kurz nachdem ihn das Wasser getroffen hat. Ich bin über den Flur gestampft wie ein wütendes Nashorn, immer mit dem Horn voran, schnaubend und rasend. Erst muss ich nur grinsen, aber als dann eine Kollegin ins Büro kommt und mich erstaunt ansieht, reisst es mich um – ein ausgewachsener Lachanfall wirft mich fast vom Stuhl.

12.40 Uhr. Da hat sich die eingesetzte Zeit doch noch gelohnt. 🙂