Karamellbad

Oink badet

„Das ist ganz schön braun hier, oder?“ fragt Oink.
Ich versuche, nirgendwohin zu gucken, während ich meine Zähne putze. „Stimmt“, nuschle ich.
„Sogar die Vorhänge“, stellt Oink fest.
Ich nicke.
„Und dunkel ist es auch. Bis auf die Lampen. Die sind SEHR hell“, sagt Oink und blinzelt in die Scheinwerferlampen.
Ich nicke und gucke in den Spiegel. Mist. Viel zuviel zu sehen.
„Vielleicht mögen die hier Karamell“, sagt Oink.
Ich schürze die Lippen.
„Und Schokolade. Darum ist es auch so warm hier. Das liegt gar nicht an der Heizung! Die mögen heiße Schokolade mit Karamell!“ Oink hopst auf der Spiegelablage herum. „Und das wollen sie schon vor dem Frühstück!“
Ich starre ihn an. Naja. Dann gucke ich auf die karamellfarbenen Fliesen, die hellbraune Dusche und die goldbraunen Vorhänge.
Warum nicht?
„Lass uns frühstücken gehen“, sage ich.
„Gibt es Kakao?“ fragt Oink.

Unter dem Cappuccinoschaum

Oink taucht ab

Ich streue Zucker auf den Cappuccinoschaum, rühre vorsichtig nur in der Mitte um und tauche mit dem Löffel in die Schaumschicht ein. Oink guckt mir interessiert zu. Zucker und Schaum vermischen sich köstlich knirschend mit mildbitterem Aroma im Mund.
„Was ist eigentlich unter dem Schaum?“ fragt Oink.
Ich schiebe noch mehr Knusperschaum auf den Löffel und überlege. „Was denkst du denn?“ frage ich zurück.
Oink reckt seine Nase über den Tassenrand und schnuppert. „Ich glaube, da drin lebt ein Cappuccinofrosch, der es gern heiß und dunkel mag, und dann kommt die Milch dazu, die er überhaupt nicht mag. Er strampelt und strampelt um die Milch loszuwerden, macht immer mehr Schaum und zum Schluß springt er empört aus der Tasse, wenn du gerade nicht hinsiehst. Und dann kommst du, machst Zucker drauf und trinkst das.“ Er sieht mich erwartungsvoll an.
Mir schwirren Wörter wie „Kaffeebohne“, „Wasser“ und „Koffein“ im Kopf herum, als ich in meinen Cappuccinofroschbecher gucke. Dann nehme ich noch einen Löffel Milchschaum und antworte: „Du hast absolut recht.“

Oink am Meer

„Ohhh…“, sagt Oink, als er das Meer zum ersten Mal sieht, dann noch einmal „oh…“ und dann sagt er nichts mehr.

Mein Balkon Ende März

Heute besuche ich meinen Balkon. Er war schon den ganzen Winter über allein, ich weiß das, denn ich war auch oft allein. Manchmal auch einsam, aber meistens nur allein.
Meine Socken werden ein bisschen feucht, als ich ihn betrete. Mein Balkon entschuldigt sich, er könne nichts dafür, es hätte in den letzten Tagen viel geregnet, er würde sein Bestes tun, die Nässe loszuwerden, aber mit diesen alten Steinfliesen, es sei nicht einfach…
Ich beruhige ihn. Es ist interessant, die Nässe an den Füßen zu spüren. Ich strenge mich an und lasse ein paar Wurzeln aus meinen Zehen sprießen. Sie graben sich zwischen den Steinplatten ein. Es kitzelt an den Zehen. Oh, sagt mein Balkon überrascht, dann sagt er nichts mehr.
Wir betrachten gemeinsam den Himmel, der heute grauweißblau dahinfliegt, jederzeit bereit, noch mehr Regen fallen zu lassen. Der Rosmarin blüht. Vielleicht hat der Lavendel überlebt. Ich könnte nachsehen, aber ich lasse es. Manche Überraschungen muss man sich für später aufheben.
Der Wind fährt über meine bloßen Unterarme und ich fröstle und betrachte das Moos am Rand der Steinplatten. Hübsch, nicht? fragt mein Balkon stolz und ich nicke. Der grüne Glasfisch schwimmt unverdrossen seine Runden, ihm ist es egal, welches Wetter gerade ist. Er ist unabhängig.
Schön ist es bei dir, sage ich und atme die Luft tief ein. Mein Balkon dehnt sich auf das Doppelte seiner normalen Größe. Alte Schmeichlerin, flüstert der Zwerg mit der blauen Mütze, aber er grinst dabei. Er wohnt immer noch unter der Stachelbeere, die im Moment ziemlich kahl aussieht. Das habe ich gehört! zischt sie, um dann beleidigt weiter zu dösen. Ohje. Das wird ein Gemetzel im Sommer beim Pflücken geben. Selbst schuld, murmelt mein Balkon, du weisst doch, wie empfindlich sie ist. Und immer noch nicht die Hellste, murmele ich fast unhörbar zurück. Dann schweigen wir wieder. Der Himmel rast über uns hinweg. Das Leben könnte schlechter sein.

Oink fährt in Urlaub

Wir fahren, schon ziemlich lange. Oink betrachtet die Landschaft. „Du“, sagt er, „es gibt aber ziemlich viel Welt, oder?“

Ich nicke.

„Warum machen wir soweit weg Urlaub?“ fragt er.

„Weil es das Seminar nur soweit weg gibt“, sage ich.

„Aha“, sagt Oink. Er guckt aus dem Fenster. „Diese Straße ist ganz schön gerade.“

Ich nicke.

„Warum fahren wir auf so einer langweiligen Straße?“

„Weil wir eine ganze Menge Weg zu fahren haben. Die Autobahn ist die schnellste aller Straßen.“

Oink sagt nichts. Ich spüre seine ungestellten Fragen wie Schneeflocken um mich herum fliegen. „Aber…“, sagt er, „man sieht ja gar nichts hier! Ich mag Häuser und Tiere und Kurven und Schaufenster, aber hier ist nur Straße!“

„Naja, Landschaft hast du hier auch, oder?“ Ich fasse es nicht. Ich verteidige die Autobahn.

Oink schüttelt die Ohren. „Das ist nicht dasselbe.“

„Ohne Autobahn würden wir aber Tage brauchen, um anzukommen“, sage ich.

Oink sieht wieder aus dem Fenster. „Ich glaube, ich würde lieber nicht Autobahn fahren und dafür Urlaub in der Nähe machen und an Pferden und Schaufenstern vorbeifahren. Guck mal, wie viele Autos da sind! Wo kommen die alle her?“ Er starrt fasziniert auf die vierspurige Blechlawine, die vor uns her fährt. „Machen die auch alle Urlaub weit weg?“

„Vermutlich“, sage ich und bremse. Vor uns stockt es. „Vielleicht hast du Recht. Beim nächsten Mal überlege ich, ob wir nicht doch näher dran in Urlaub fahren.“

Oink hört nicht zu. „Guck mal!“ ruft er und lacht. „Ein Zebra-Anhänger!“

Oink und die Stiefmütterchen

„Das sind aber viele“, sagt Oink. Dann ist er still und guckt.
„Hab ich dir doch gesagt“, sage ich und bin ein kleines bisschen stolz, obwohl ich absolut nichts dazu beigetragen habe.
„Und die wachsen einfach so?“ fragt er.
„Naja“, sage ich, „man muss sie giessen und düngen und pikieren, glaube ich, und umtopfen und irgendwann ins Freie pflanzen.“
„Aha“, sagt Oink und guckt überall hin, zu den Stiefmütterchen und Tulpen und Margariten, zum Lavendel und einer Menge anderer Blumen, deren Namen ich nicht kenne. „Und warum macht ihr das? Esst ihr sie?“
„Nein! Die sind nicht zum Essen“, sage ich leicht kratzig. Wir essen schon eine ganze Menge und auch Dinge, die wir wohl eher nicht essen sollten, aber Blumen sind für etwas anderes da.
„Aha“, sagt Oink, „warum macht ihr euch dann soviel Arbeit mit ihnen?“
„Ähm…“, sage ich und überlege, „ich glaube, weil sie schön sind. Ein paar andere Gründe gibt es auch noch, aber vor allem, weil sie schön sind.“
Oink starrt ein Stiefmütterchen an, das zurückstarrt. „Das ist ein guter Grund, finde ich. Guck mal, die hier hat ein Gesicht.“
Ich bin ein kleines bisschen stolz auf uns Menschen. Das kommt nicht allzu oft vor.
„Ich nehme ein Blumenbad!“ ruft Oink, dann stürzt er sich in ein Beet voller lila und gelber Blütenblätter.
„Oink!“ rufe ich und gucke mich um, ob uns jemand beobachtet. Dann halte ich meinen Mund. Wer wird schon ein kleines rosa Schwein in einem Meer voller Schönheit erkennen?

Oink und der Sommer

Oink starrt hypnotisiert auf die Erdbeeren. „Wie können die denn nur so rot sein und so riechen?“ fragt er fasziniert.
„Pfoten weg!“ sage ich streng, „die sind für nachher.“
Oink schnuppert Erdbeerduft. „Nachher, nachher… was, wenn es kein Nachher mehr gibt?“
Ich versuche, weiter streng zu gucken, aber es ist schwierig.
„Und die gibt es nur im Sommer?“ fragt Oink und versucht, sich in einer Erdbeere zu spiegeln.
„Ja. Und im Frühling, wenn die Beete mit schwarzer Folie abgedeckt werden“, erläutere ich, aber Oink hört schon nicht mehr zu.
„Sommer… was ist das?“ fragt er.
„Oh!“ sage ich und überlege. „Sommer… das sind Erdbeeren und Wassermelonen, morgens vor dem Wecker von der Sonne geweckt werden, abends jede Menge fiese Mücken, vor allem, wenn man noch auf dem Balkon sitzen will, morgens mit kalten Füßen in Sandalen zur Arbeit gehen, den Bäumen beim Rauschen zuhören, im Regen schwimmen gehen, Sonnenbrand kriegen, obwohl das mittlerweile bei Todesstrafe verboten ist, in der Mittagspause auf Bänken sitzen und viel Fahrrad fahren.“ Ich mache eine Pause. „Mehr fällt mir gerade nicht ein.“
„Machen wir das auch alles?“ fragt Oink mit schiefgelegtem Kopf.
„Klar“, sage ich.
Oink strahlt, dann schielt er auf die Erdbeeren.
„Jaja“, sage ich, „nimm dir ruhig eine.“
„Eine ist keine!“ ruft Oink und angelt nach der dicksten Erdbeere, die er fassen kann.
Ich seufze. Mit meinen eigenen Waffen geschlagen. Ich sollte wirklich mehr darauf achten, was ich vor mich hin rede, wenn angeblich keiner zuhört.

Oink sieht in die Ferne

Oink starrt nach vorn in die Wolken. „Das ist also der Horizont?“ fragt er andächtig.
Ich nicke.
„Das ist aber… groß“, sagt er. „So viel leere Luft! Wo sind denn all die Häuser?“
„Hier gibt´s keine. Zum Glück“, sage ich.
„Warum zum Glück? Magst du keine Häuser? Du wohnst doch in einem?“
„Schon“, sage ich, „aber manchmal werden sie mir zu eng.“
Oink starrt auf die Wolken, die sich ineinanderschieben. „Wie meinst du das?“
Ich atme tief ein. „Dann sind da zuviele Mauern, zuviele Autos, zuviele Fenster, es ist alles vielzuviel und vielzueng. Dann brauche ich viel Himmel und viel Platz, damit das Gefühl wieder verschwindet.“
„Aha“, sagt Oink. Er guckt sich um. „Aber ein bisschen einsam ist es hier schon, oder? So ganz ohne andere?“
„Ich bleibe ja nicht lange“, sage ich, „und du bist doch da.“
„Das stimmt!“ sagt Oink. Dann guckt er nach vorn auf den drohenden, grauen Wolkenstreifen am Horizont. „Wollen wir noch ein bisschen bleiben und zugucken? Das sieht so lebendig aus da hinten!“
Ich nicke. Es ist lebendig und wild da hinten. Wunderschön.


Oink spielt Carcassonne

„Was macht ihr da?“ fragt Oink neugierig.
„Wir spielen Carcassonne“, sage ich.
Oink marschiert aufs Spielfeld. „Wie geht das?“
„Man baut Städte und Wiesen und Straßen, dann setzt man Bewohner in die Städte und Bauern auf die Wiesen und Bauleute auf die Straßen, und wer die größten Städte und Wiesen und die längsten Straßen hat, gewinnt“, erkläre ich.
„Aha“, sagt Oink. Er guckt nachdenklich. „Kann ich mitspielen?“
„Klar. Wir sind aber schon mittendrin“, sage ich.
„Macht nichts“, sagt Oink. „Sag mal, die Bauern, das sind doch die, die ganz viele Schweine haben, oder?“
Ich wiege den Kopf. „Manche“, sage ich.
Oink nickt. „Bin ich dran?“ fragt er.
„Ja.“
Oink spaziert los und schiebt alle Bauern von allen Wiesen auf einen Haufen.
„He!“ rufe ich entrüstet, „was soll das?“ Meine Mitspielerinnen gucken verzweifelt. Ihre Bauern haben besser gelegen als meine.
Oink schnauft angestrengt, als er den letzten Bauern zum Haufen schiebt. „Guck!“ Er lacht begeistert. „Das Schwein -das bin ich- hat ziemlich viele Bauern!“
Ich lege den Kopf in die Hände. Meine Mitspielerinnen lachen. Oink grunzt fröhlich vor sich hin.
Soviel zu Carcassonne mit meinem Mitbewohner. Regeln? Pffff.

25. Februar

„Warum sagt er nichts? Ist er stumm?“ fragt Oink besorgt.
„Er kann nichts sagen. Er lebt nicht“, sage ich.
„Aber… warum nicht? Er sieht doch lebendig aus!“
„Tja“, sage ich, „das heißt noch lange nichts.“
Oink sieht dem Schneemann ins Gesicht. „Komisch… er ist ein bisschen wie ich, aber dann wieder überhaupt nicht wie ich. Bist du sicher, das ich lebe?“
„Du? Du kamst aus dem Briefumschlag und das erste, was du gesagt hast, war ‚Oink!‘ und ‚wo bin ich?‘ Du bist sehr lebendig.“
„Ich kam aus einem Briefumschlag?“ fragt Oink zweifelnd.
„Ja“, sage ich, „und es gibt Gerüchte, dass du von noch sehr viel weiter weg bist.“
„Echt?“ Von wo denn?“
„Nepal“, sage ich.
Oink wackelt mit den Ohren. „Daran kann ich mich nicht erinnern. Das allererste, an das ich mich erinnere, ist mein erstes Frühstücksei bei dir.“
„Tja“, sage ich, „trotzdem, stell dir vor, deine Ohren haben vielleicht schon in nepalesischem Wind geflattert! So weit weg war ich noch nie.“
„Hm“, sagt Oink. Er sieht nicht überzeugt aus. „Und der Schneemann? Warum lebt der nicht?“
„Ich habe keine Ahnung“, sage ich.
Oink stupst den Schneemann ein letztes Mal an, dann seufzt er. „Das Lebendigsein ist manchmal komisch verteilt, findest du nicht?“