Mein Balkon im Juli

Die Stachelbeeren sind reif! Das ist doch ein Anlass, mal wieder ein kleines Balkonupdate in die Welt zu entlassen. Dieses Jahr hatte ich einen schon mit Erde aus dem letzten Jahr gefüllten Topf übrig (ich glaube, es war der Kartoffeltopf) und ein Samentütchen, das ich auf einem Sommerfest auch im letzten Jahr geschenkt bekommen hatte, Sommerwiese für Bienen, für ca. 6m². 6m²! Das Tütchen fühlte sich sehr leicht an, und 6m² sind doch komplett übertrieben, ein Topf mit 28cm Durchmesser passt da bestimmt auch, dachte ich, und so landete alles hübsch verteilt in der Erde.

Nun ja. Also, es wächst ziemlich gut, kann ich mittlerweile sagen, und vielleicht waren die 6m² doch nicht völlig übertrieben. Ab und zu habe ich Sorge, dass der Topf explodiert, aber bislang konnten wir dieses Drama erfolgreich vermeiden.

Dann habe ich versucht, aus Samen Tomaten zu ziehen. Es waren Qualitätssamen und ich habe alles minutiös befolgt, was auf der Tüte draufstand, inklusive ständigem Feuchthalten. Ich habe meine Eierpappe morgens in die Sonne gestellt und abends liebevoll nachgefeuchtet, und irgendwann, Wochen und Monate später, kamen klitzekleine grüne Dingelchen aus der Erde. Und das war´s dann. Weiter passierte nichts. Irgendwann färbte sich eins der Dingelchen dunkel, dann das zweite, dann brach die Pappe auseinander und mein Durchhaltewillen auch, und dann bin ich ins Gartencenter gefahren und habe eine Tomatenpflanze geholt, die schon im rotzigen Teeniealter war. Ich habe ihr einen Platz an der Sonne gegeben, nährstoffreich gefüttert (braucht man ja als Teenie) und siehe da! Ich werde Tomaten ernten, haha!

Als ich schon mal im Gartencenter war, habe ich gleich noch ein paar Teenies gekauft, obwohl ich mich eigentlich zurückhalten wollte, es gab ein paar Überlebende aus dem letzten Jahr, den Samenkartoffeltopf, aber egal: Sie haben mich angefleht, sie aus dem tristen Blumenwohnsilo herauszuholen, und da konnte ich nicht nein sagen. Sie danken es mit üppigem Blau und Lila (sehr klein im Hintergrund die farbenfrohen Mülltonnenblumen in hellblau, grün und schmeichelndem Grau).

Mitten im Blau hat sich wanderndes Volk niedergelassen, mal sehen, ob das Zusammenwohnen klappt.

Letztes Jahr habe ich irgendwann im Sommer eine hübsche pinkfarbene Nelke für das Küchenfenster gekauft. Sie hat bis in den November hinein durchgehalten, und als sie fast am Ende war, konnte ich sie einfach nicht in den Lauf aller Dinge zurückgeben – kein Kompostgrab für die Küchennelke! Ich habe sie Ende November einfach in eine leere Stelle des Balkonkastens gesetzt und das Beste gehofft. Voilà! Auferstehung! Und zwar schöner als vorher! Bin ich stolz? 🙂

Ich mag die stinkenden Studentenblumen, und fast jedes Jahr schafft es eine in meine Balkonkästen. Ich finde, sie macht sich neben dem Rosmarin (Überlebender des letzten Jahres) sehr gut, oder?

 

 

Der Balkon war damit eigentlich schon voll, aber dann kam der Kollege mit zwei experimentellen Tomatenpflänzchen (russischer Riese und Riesenfleischtomate – laut sicheren Quellen sollen sie fußballgroß werden! Naja, wir gucken dann mal, ich würde sie auch kartoffelgroß nehmen.) und es musste noch ein Platz her. Der sich dann fand. Jetzt wuchern sie munter vor sich hin, ab und zu muss ich hochbinden und stutzen, ich will ja durchaus auch noch mal den Balkon betreten, nur mit Tomatenblüten halten sie sich sehr zurück. Macht aber nix. Der tomatige Duft, wenn man zart über ihre Stengel streichelt, ist auch sehr schön.

Die Schnittlauchdiva vom letzten Jahr bleibt unübertroffen, aber ihre Nachfolgerin gibt sich alle Mühe. Daneben habe ich getestet, was mit Kresse im Topf passiert, wenn man sie nicht abschneidet und aufisst. Jo. Interessant. Irgendetwas kleines, lilanes hat sich untergemogelt. Vielleicht der Beginn einer wunderbaren Freundschaft?

Apropos Freundschaft: Der Rosmarin flirtet wieder mit der Stachelbeere, aber wie schon im letzten Jahr kapiert sie es einfach nicht und piekst vor sich hin, mosert ab und zu und produziert fleissig viele, viele dunkelrote Stachelbeeren.

Ich warte ja noch auf eine Rosmarinstachelbeere, aber ich glaube, das wird dieses Jahr nichts. Sehr fleißig, aber nicht die hellste, die Gute. Unten im Topf hat sich ein Blaumützenwicht einquartiert, was mich sehr freut. Ich habe es raunen hören, dass der böse Mehltau sich nicht ran traut, wenn ein Blaumützenwicht einzieht. Damit er nicht wieder auszieht, plaudere ich täglich kurz mit ihm und entferne sorgsam alle Spinnweben von seiner Mütze. Es scheint zu funktionieren.

Und zum Schluss noch eine Warnung für alle ehrgeizigen Hoch-hinaus-Woller: Das passiert, wenn man nicht weiß, wann man aufhören muss mit dem Wachsen:

Kurz vor dem Absturz über die bodenlose Balkonbrüstung konnte ich gerade noch rettend eingreifen! Nun müssen sie damit leben, angebunden zu sein. Und bei jeder heftigen Böe (von denen es hier gerade ziemlich viele gibt), höre ich erschreckte Rufe vom Balkon. Bislang ging es aber immer gut.

Soviel vom Balkon im Juli. Wird der Blaumützenwicht bleiben? Wird der russische Riese doch noch erscheinen? Und was passiert mit dem Kresseexperiment? Wir werden sehen. 🙂

 

Wandgespräche

Wandgespräche

Als die Haustür ins Schloss fällt, herrscht einen Moment lang Ruhe.
Dann poltert die Wohnzimmerwand los. „So geht das nicht weiter! Lagebesprechung!“
„Ach, ach, ach“, jammert die Küchenwand, „sie war wieder nur zehn Minuten in mir, ich weiß schon gar nicht mehr, wie sie aussieht!“
„Was soll ich denn sagen? Wie meine Balkonkästen aussehen, alles vertrocknet, es ist eine Schande!“ Die Balkonwand zittert vor Empörung und weil unten ein dicker LKW vorbeifährt.
„Naja, vielleicht hatte sie es eilig“, sagt die vernünftige Badezimmerwand. Sie ist noch feucht, weil sie gerade dort geduscht hat.
„Du hast leicht reden, bei dir ist sie ja jeden Tag mindestens zweimal, aber was ist mit mir?“ Die Esszimmer/Bürowand schwankt hin und her, sie hat es nicht leicht, sie ist auf Bewohnerentzug. Der vorige Mieter hat Stunden in ihr verbracht, und nun? Sie fühlt sich vereinsamt.
„Ruhe!“ Die Wohnzimmerwand lässt die Bücherschränke als Warnung klappern. „Jammern hilft nichts, soviel wissen wir schon. Was können wir tun, um sie länger hierzubehalten?“
Die Badezimmerwand trocknet vor sich hin. Die Schlafzimmerwand schnarcht leise. Die Balkonwand windet sich, dann schlägt sie vor: „Ich könnte mich ja vielleicht versuchen, nicht ganz so stark aufzuwärmen, wenn die Sonne scheint. Obwohl ich ja nun mal eine Südwand bin.“ Stolz sendet sie ein paar Hitzestrahlen nach innen.
„Lass das“, knurrt die Wohnzimmerwand. „Was hast du vorzuschlagen, Küchenwand?“
„Vielleicht… vielleicht absorbiere ich ein paar der schlimmeren Gerüche? Den Käse vielleicht?“
„Gut. Nicht schlecht“, brummt die Wohnzimmerwand. „Da hättest du auch schon früher drauf kommen können. Flurwand?“
Die Flurwand verzieht die Ecken. „Was ihr immer habt! Ich kann mich nicht beklagen! Gut, sie ist nicht stundenlang hier, aber ich sehe sie dauernd, an mir kann´s nicht liegen.“
„Das ist ja wieder typisch!“ Die Küchenwand ächzt anklagend. „Durch dich muss sie dauernd durch, ist kein Wunder, dass du sie am meisten siehst! Du könntest ruhig auch deinen Beitrag leisten!“
Die Flurwand macht ein abschätziges Geräusch. „Wenn es sein muss. War ja klar, dass ihr ohne mich nicht könnt. Dann mache ich mich eben ein bisschen breiter. Seid ihr jetzt glücklich?“
Die Wohnzimmerwand lacht grollend. „Meine Liebe! Ohne uns wärst du gar nichts! Sei froh, dass wir dich nicht einfach dichtmachen. Dann wäre es bei dir zappenduster.“
„Allerdings“, sagt die Schlafzimmerwand mit Reibeisenstimme. Sie ist gerade aufgewacht. „Und im Dunkeln ist es nicht immer schön, das kann ich dir sagen. Mein Beitrag wären noch bessere Träume. Seid ihr einverstanden?“
„Ach du liebe Güte!“ schreit die Esszimmer/Bürowand, „dann kommt sie überhaupt nicht mehr zu mir! Sie isst nichts, sie arbeitet nichts, sie hat kein Hobby – was TUT sie denn überhaupt?“
„Stell dich nicht so an“, sagt die Badezimmerwand. „Du weisst doch, dass man vorher nie wissen kann, wen man bekommt. Jetzt hast du eben mal Pech. Beim letzten hatte ich Pech.“
„Ich auch!“ ruft die Schlafzimmerwand. „Der Geruch war nicht auszuhalten!“
„Aber ich fand´s schön“, flüstert die Esszimmer/Bürowand, „so lange hat sich noch nie einer in mir aufgehalten. Und die Videospiele waren spannend…“
„Zurück zum Thema!“ poltert die Wohnzimmerwand. „Ich werde mich behaglich machen und versuchen, die Nachbarn von oben auszublenden.“
Ein verstopftes Geräusch lässt alle innehalten.
„Ach“, sagt die Flurwand, „die hab ich ja ganz vergessen.“ Sie schüttelt sich und die Tür zum Abstellraum springt auf. Hinter deckenhoch gestapelten Kartons und Sperrmüll kann man die Abstellraumwand kaum verstehen, aber es klingt, als ob sie sagt, dass sie sich so gut es geht verschlossen halten und nichts herauslassen wird.
„Gut“, sagt die Wohnzimmerwand. „Wir wissen also alle, was wir zu tun haben?“ Sie wartet einen Moment. Alle Wände murmeln zustimmend, auch wenn die Flurwand etwas lustlos dabei klingt. „Sehr gut. Was ich noch sagen wollte…“
In diesem Moment wird von außen ein Schlüssel ins Türschloss gesteckt.
Die Wände erstarren. „Alle auf mein Kommando!“ zischt die Wohnzimmerwand, „eins, zwei, drei!“

Sie tritt in ihre Wohnung. Irgendwas ist anders. Die Tür zum Abstellraum steht offen. Sie hat sie doch heute morgen zugemacht? Egal. Nur schnell die Sportschuhe holen, dann ist sie wieder raus. Obwohl… vielleicht könnte sie ja vorher noch einen Kaffee trinken.
Oder?

Das war ein Beitrag zum #writingfriday, an dem ich leider viel zu selten teilnehme und der von Elizzy mit ihrem Blog readbooksandfallinlove.com organisiert wird. Auf ihrem Blog gibt es die Links zu den anderen Teilnehmern mit einem ganzen Füllhorn schöner Texte!

Darjeeling

Darjeeling

Am liebsten hätte er alles vergessen. Alles hinter sich gelassen. Die mitleidigen Blicke, wenn er wieder den Freitagabend verpasst und sich vom Sog seiner Arbeit hatte mitreißen lassen. Das Verlangen, eine Lösung zu finden, war übermächtig, er konnte ihm nicht widerstehen.
Niedergeschlagen fuhr er sich mit der Hand über die Stirn und starrte die dampfenden Kupferkessel an. Warum gelang es ihm nicht? Es musste einen Weg geben! Grübelnd schloss er die Augen und ging erneut alles durch. Vom verknöcherten Tentakel eine geriebene Messerspitze. Oder war es eine gehackte gewesen? Verzweifelt drückte er die Handballen auf die Augen, als ein scharfes Knacken durch das Labor schoss.
Er riss die Augen auf. Nicht jetzt! Er würde von vorn anfangen müssen! Panisch suchte er Glaskolben und Rohre ab, und da war es: Ein Reagenzglas war unter dem Druck des heißen Honigs gesprungen. In verzweifelter Hast suchte er etwas zum Abdichten, irgendetwas, riß schließlich den feuchten Teebeutel aus der Tasse und drückte ihn in das Reagenzglas, bis die Versuchslösung darüber hinweg in den nächsten Kolben floss. Allerdings hatte er nicht bedacht, dass der Darjeeling seinen eigenen Willen hatte. Farb- und Bitterstoffe drangen in die Versuchslösung und färbten sie goldbraun. Er schluckte. Er würde wieder von vorn anfangen müssen. Alles umsonst, wie jedes Mal.
Eine kleine Weile lang bemitleidete er sich, dann riss er sich zusammen und bereitete den Abbau vor, als ein leises Klicken ihn aufblicken ließ. Erneut klickte es. Und wieder. Was war das? Ungläubig blickte er auf die Petrischale, die unter dem letzten Abkühlrohr stand. Es glitzerte darin. Wie Gold. Gold? Er nahm einen der kleinen Krümel zwischen Daumen und Zeigefinger, rollte ihn hin und her und biss vorsichtig hinein. Er war schwer. Und weich.
Ungläubig ließ er sich auf einen Stuhl sinken und betrachtete den Teebeutel im Reagenzglas. Darjeeling?
Echt jetzt?

Das war ein Beitrag zu den abc-Etüden, wie immer organisiert von Christiane und ihrem Blog Irgendwas ist immer. Die Regeln: Maximal 300 Worte, und im Text unterzubringen waren dieses Mal die Wörter Reagenzglas, übermächtig und vergessen. Wortspender ist der Herr Stepnwolf mit seinem Blog Weltall. Erde. Mensch…und Ich  – vielen Dank fürs Organisieren und spenden! Und übrigens ist das ein Text für alle, die morgens erst nach der ersten Tasse Tee sicher sind, wer sie sind. 🙂

Mein Regenschirm

Mein Regenschirm ist ein echter Regenschirm.
Nicht wie all die anderen, die nur so tun als ob. Wenn ich meinen Regenschirm aufspanne, tut er das, was ein echter Regenschirm tun soll: Er beginnt zu regnen. Er lässt sanften, gleichmäßigen Sommerregen auf mich heruntertropfen, so, wie es sein soll.
Keine Ahnung, wie all die anderen es im Sommer mit diesen unechten Regenschirmen aushalten. Was tun sie nur, wenn es richtig warm wird? Wenn ich mit meinem Regenschirm lange genug auf einer Stelle stehe, wachsen dort ein paar Tage später Löwenzähne oder Tomaten. Manchmal auch Disteln, aber so ist das eben.
Ich liebe meinen Regenschirm. Um nichts in der Welt würde ich ihn hergeben.

Ausweglose Fragen

Als die Ente durch die Tür watschelte, wusste ich, dass die Dinge sich ändern würden. Sie zog unter ihrem linken Flügel eine Schachtel Zigaretten hervor, steckte sich eine in den Schnabel und fragte mit heiserer Stimme: „He, Mensch, haste mal Feuer?“
Eilig erhob ich mich und ließ mein Feuerzeug aufflammen. In diesen Zeiten sollte man immer gerüstet sein. Die Ente inhalierte gierig, ohne mich aus den Augen zu lassen, dann ließ sie sich auf dem Boden nieder.
„So, Mensch“, sagte sie, die Stimme nun noch heiserer als zuvor, „dann sag mal: Wo sind die Eier?“
Ich zuckte zusammen. Diese Frage hatte ich befürchtet. Was sollte ich tun? Was konnte ich tun? Gab es überhaupt noch einen Ausweg?

🙂

 

Zelten

Mit verschränkten Armen stand sie auf der Terrasse und sah zu, wie er das kleine Zelt aufbaute. Es war lächerlich. Er würde erfrieren. Nachts war es kalt, heute morgen hatten sie minus -2,1 Grad gehabt und Raureif auf dem Rasen. Selbst die Forsythien sahen aus, als ob sie Schnupfen hätten, und ihr Mann wollte zelten. Im Garten. Und dabei hatten sie sich nicht mal gestritten.
Sie ging kurz hinein, holte die graue Strickjacke und ihren Kaffee, dann ging sie wieder hinaus und sah ihm weiter zu. Sie machte sich Sorgen. Was ging in ihm vor? Seit vierzehn Jahren kannte sie ihren Mann und er hatte in dieser ganzen Zeit nie gezeltet. Nicht einmal. Und auch davor hatte er nicht zu den Outdoor-Liebhabern gehört, die mit einer dünnen Plane zwischen sich und der Welt zufrieden waren. Zumindest hatte sie das bis jetzt gedacht. Vielleicht hatte er ihr nicht alles erzählt? Kannte sie ihn überhaupt?
Das Außenzelt stand. Ihr Mann kam stolz lächelnd zu ihr auf die Terrasse und ihr Herz schlug eine Kleinigkeit schneller.
„Na, was sagst du? Jetzt nur noch den Innenteil einhängen und fertig!“
„Mh-mh. Möchtest du noch einen Kaffee? Und sag mir doch nochmal, warum genau du heute Nacht zelten willst.“
„Naja, wann, wenn nicht jetzt? Ich werde nie wieder soviel Zeit haben. Ich nehme an, du hast keine große Lust, im Urlaub zu zelten, oder? Und wenn ich wieder arbeite, mache ich es auch nicht. Du, den Kaffee würde ich nehmen.“ Er sah auf seine schmutzigen Schuhe und dann auf sie, also ging sie in die Küche und holte ihm einen Becher.
Als sie zurückkam, stand er versonnen da und blickte auf das halb aufgebaute Zelt. „Weisst du, ich war nie ein Zelter. Meine Eltern hatten immer Ferienwohnungen, und als Jugendlicher bin ich mit Rainbow Tours gefahren. Wir zwei fliegen irgendwohin und wohnen im Hotel. Also hab ich es nie ausprobiert. Vielleicht gefällt es mir, und ich weiß das gar nicht. Ich kann doch nicht sechsunddreissig Jahre alt sein und nicht wissen, ob mir Camping gefällt!“
Sie stellte sich neben ihn und nahm einen Schluck Kaffee. „Es ist seltsam. Gerade habe ich gedacht, vielleicht kenne ich noch gar nicht alle Seiten von dir. Ich meine: Zelten! Du! Aber weisst du was? Es gefällt mir. Dich nicht ganz zu kennen, meine ich.“ Sie stieß ihn leicht an.
Er legte seinen Arm um sie und zog sie an sich. „Du hast nicht zufällig Lust, heute nacht mit mir draussen zu schlafen? Wir könnten den Sonnenuntergang beobachten. Und ich verspreche, ich halte dich warm.“ Er grinste, und ihr Herz schlug wieder eine Kleinigkeit schneller. Gott. Sie konnte diesem Mann einfach nichts abschlagen.

Das war ein Beitrag zu den Extraetüden, die von Christiane organisiert werden – vielen Dank dafür! Die Regeln lauten maximal 500 Wörter, darin unterzubringen sind fünf von sechs vorgegebenen (siehe Bild). Ihr dürft gerne nach meinen Worten suchen 🙂 .

Das Huhn, der Dieb und die Frau (Stadtmusikanten alternativ)

Das Huhn, der Dieb und die Frau (Stadtmusikanten alternativ)

Es war einmal ein Huhn, das nur jeden zweiten Tag ein Ei legte, nicht in die Norm passte und ein böses Ende als Suppenhuhn nehmen sollte. Da beschloss es, fortzulaufen, denn etwas besseres als den Tod würde es überall finden. Es nahm Anlauf, flog über den Zaun und machte sich auf den Weg.
Tief im Wald traf es einen Dieb. Der Dieb hatte Brot gestohlen, denn er war hungrig gewesen. Er versteckte sich vor den Dorfbewohnern, die mit spitzen Forken und scharfen Sensen nach ihm suchten. Da sagte das Huhn: „Komm mit mir, etwas besseres als den Tod findest du überall, und gemeinsam sind wir stark!“ Der Dieb willigte ein, schnürte sein Bündel mit dem Brot und sie machten sich auf den Weg.
Hinter dem Wald blieben sie an einer Kreuzung stehen und sahen auf den Wegweiser. Links ging es nach Bremen, rechts zur Räuberhütte und geradeaus schlängelte sich der Weg zur Farm des Osterhasen. Unter dem Wegweiser saß eine Frau. Sie sah traurig aus, denn ihre gesamte Karottenernte war von den Arbeitern des Osterhasen gefressen worden. Da sagte das Huhn: „Komm mit uns, etwas besseres als Schuldnerberatung und Gelächter der Arbeitshasen findest du überall, und gemeinsam sind wir stark!“ Die Frau willigte ein, nahm den Sack mit den letzten Karotten und sie machten sich auf den Weg.
Zwei Meter weiter blieben sie stehen. „Wohin wollen wir?“ fragte das Huhn.
„Nicht zurück zur Hühnerfarm!“, sagte der Dieb. „Dort werde ich gesucht.“
„Nicht zur Räuberhütte!“, sagte die Frau. „Dort verstecken sich die Karottendiebe.“
„Gut“, sagte das Huhn, „dann gehen wir geradeaus zum Osterhasen. Mit dem habe ich sowieso noch ein Hähnchen zu rupfen. Schließlich legen wir die Eier, für die er den ganzen Beifall kassiert.“ Und so gingen sie geradeaus zur Farm des Osterhasen.
Der Tag ging zur Neige, es wurde dunkel und kühl. Die Frau fror, und der Dieb borgte ihr seinen Schal. Das Huhn musste eine Pause machen, um ein Ei zu legen, das die Frau und der Dieb sich teilten. Sie aßen es zusammen mit dem gestohlenen Brot und den restlichen Karotten, und die Frau streute ein paar Krümel für das Huhn aus. Als sie weitergingen, war es Nacht.
Da sahen sie in der Ferne ein Licht leuchten. „Was ist das?“ fragte die Frau.
„Ein Himmelsfenster?“ fragte das Huhn mit schwankender Stimme, denn es war nicht daran gewöhnt, in der Nacht draußen zu sein.
„Ich sehe nach“, sagte der Dieb und verschwand wie ein Schatten in der Dunkelheit. „Es ist das Sommerhaus des Osterhasen“, berichtete er, als er zurück kam. „Er malt goldene Eier an und singt dabei, und auf dem Tisch stehen Wein und Käse, Schinken und Bier.“
Das Huhn und die Frau starrten ihn an. „Was können wir tun?“ fragte das Huhn.
„Nun“, sagte die Frau, „das ist einfach. Ich sage euch, was ihr tun müsst. Folgt mir.“ Das taten sie, und als sie am Sommerhaus des Osterhasen ankamen, schien das Licht warm und behaglich aus den Fenstern. Das Huhn flog auf und flatterte gegen die Fensterscheiben, bis sie aufsprangen, und schrie, so laut es konnte: „Pass auf, pass auf, die Menschen kommen, die Menschen kommen!“
Der Osterhase sprang auf und sah sich hektisch um. Das goldene Ei, das er in der Pfote hielt, fiel mit einem dumpfen Geräusch auf seinen langen Fuß, und er heulte auf. Da erschien die Frau vorm Fenster, schwang ihren leeren Karottensack um den Kopf und schrie: „Du bist es! Du bist es! Ich hab es gewusst! Betrug! Betrug! Du bist der Eierdieb! Du stielst die Eier!“
Der Osterhase jaulte auf und sprang durch das offene Fenster. Mit humpelnden Sprüngen machte er sich davon, so schnell ihn seine Pfoten trugen.
Das Huhn, die Frau und der Dieb sahen sich an und lachten. Dann sammelte der Dieb mit geschmeidigen Bewegungen alle goldenen Eier auf, die er finden konnte und tat sie in sein Bündel. Obendrauf packte er Wein und Käse, Schinken und Bier, und als sie sich alle ein wenig aufgewärmt und ausgeruht hatten, verließen sie das Sommerhaus und verschwanden in der Dunkelheit.
Als sie wieder an der Kreuzung ankamen, schien der Mond auf sie herunter.
„Was wollen wir nun tun?“ fragte die Frau.
„Wir könnten uns trennen“, sagte der Dieb. „Die Räuberhütte scheint interessant zu sein.“
„Hm“, sagte die Frau. „Ich wollte immer schon mal die Hühnerfarm sehen.“
„Ach, ihr Langweiler“, sagte das Huhn. „Das kennt ihr doch alles schon! Lasst uns gemeinsam nach Bremen gehen und dort die goldenen Eier verkaufen. Dann machen wir ein kleines Theater auf und spielen unsere Geschichte vor Publikum, und wir bekommen eine Statue auf dem Marktplatz. Na? Was ist?“
„Hm“, sagte der Dieb. „Darf ich ab und zu Geldbörsen stehlen?“
„Hm“, sagte die Frau. „Darf ich Karotten im Garten anpflanzen?“
Das Huhn seufzte. „Na klar. Los jetzt, auf geht´s!“
Und so zogen sie weiter nach Bremen, und wenn sie nicht gestorben sind, leben sie glücklich und in Frieden bis heute in einer alternativen WG im Viertel.

Das ist die hübsche Tiffy, die heute dazu beiträgt, Missverständnisse über dumme Hühner aus der Welt zu schaffen. Hühner können auch ganz anders!

Als die Phantasie die Weltherrschaft übernahm

Als die Phantasie für eine Stunde die Weltherrschaft übernahm, ließ sie als erstes die Farbe mausgrau verschwinden. Sie hatte immer schon eine natürliche Abneigung gegen Grau gehabt, was wohl in der Natur der Dinge liegt, aber bei Mausgrau hörte der Spaß bei ihr auf. Überall auf der Welt färbten Anzüge, Hausmäuse und U-Bahn-Unterführungen sich pink, sonnengelb oder himmelblau, was in einigen Vorstandssitzungen für erhebliche Irritationen sorgte und viele Katzen um ihr Mittagessen brachte. Die farbliche Neugestaltung der U-Bahn-Unterführungen blieb weitestgehend unbemerkt, da seit Jahrzehnten dort niemand mehr auf Wände oder Fußböden achtete.
Als nächstes beschloss die Phantasie, dass zukünftig an allen Gebäuden Außenrutschen vorhanden sein mussten, die alternativ zu den Treppenhäusern genutzt werden konnten. Sie schnippste mit dem Finger und schon wanden sich Rutschen in allen Farben und Materialien aus Fluren und Badezimmern hinunter auf Bürgersteige und Parkplätze. Überraschte Aufschreie und Juchzer waren zu hören, und wenige Minuten später wurden die ersten Rutschen von Kindern in Besitz genommen, die die panischen Rufe ihrer Mütter konsequent ignorierten. Als der erste Handwerker seine Werkzeugtasche vorschickte und dann selbst hinterherrutschte, nickte die Phantasie zufrieden. Das lief hervorragend! So konnte es weitergehen!
Mit einem Händeklatschen schickte sie Milliarden kleiner, goldener Tagträume auf die Reise, die mit einem leisen „Plopp!“ zerplatzten, wenn sie ihr Ziel erreicht hatten. Es regnete Sterne, Hängematten und rote Ferraris, glitzernde Vampire und Erdbeeren, Fußmassagen und marinierte Rippchen, und die Phantasie kicherte und pustete noch ein klein wenig mehr Farbe und Duft in die Tagträume. Und weil ihr gerade danach war, schickte sie ein paar Herden grüner Drachen und Schokoschmetterlinge hinterher.
Überall auf der Welt brach der Verkehr zusammen, die Arbeit in den Büros wurde unterbrochen und die Stahlproduktion kam vorübergehend zum Erliegen. Es wurde still in den Städten. Die Menschen stützten ihre Köpfe in die Hände, blickten aus den Fenstern und lächelten. Die Kinder jagten den Schokoschmetterlingen hinterher und überraschend viele Erwachsene standen Schlange an den Rutschen. Die Phantasie verschränkte die Arme und schaute zufrieden auf ihr Werk. So musste es sein! Und sie hatte ja gerade erst angefangen! Es waren noch sieben Minuten von ihrer Stunde übrig, und sie hatte nicht vor, der Vernunft auch nur eine davon zu überlassen.

Als ich die Phantasie traf

Heute Abend habe ich die Phantasie getroffen. Natürlich sah sie ganz anders aus als beim letzten Mal, als sie Lollys im Haar trug und kichernd auf bunten Socken durch meine Küche tanzte.
Heute dagegen ging sie geistesabwesend immer zwei Meter vor mir her, ihr Haar schimmerte silbergrau und hing schwer herunter. Sie war nur halb bei mir, die andere Hälfte war sehr weit weg und befasste sich mit ernsten Angelegenheiten.
Von Zeit zu Zeit drehte sie sich zu mir um, ging rückwärts und sagte Dinge wie: „Wusstest du, dass Tränen eine silberne Innenhaut haben und Welten enthalten können?“ Oder: „Gerade habe ich mir vorgestellt, es wäre noch Tag, die Sonne schiene und ich wäre so leicht wie ein Rotkehlchen.“ Oder: „Schwarz ist gar nicht immer einfach nur Schwarz. Es kann bleiernes Schwarz sein, oder dumpfes Schwarz. Es gibt sogar strahlendes Schwarz, wusstest du das?“
Nach jeder Frage drehte sie sich wieder um und sah nach vorn. Sie erwartete keine Antworten.
Es war ein bisschen seltsam, wo sie doch sonst immer vor Farbe, Musik und Ideen übersprudelte. Wie oft hatte ich schon kleine Fische um ihren Kopf herumschwimmen sehen, ohne dass auch nur eine Spur Wasser in der Nähe gewesen wäre! Und nie konnte ich mich sonst entscheiden, welche Augenfarbe sie gerade hatte, mal waren sie Ozeanblau, mal Sonnenuntergangsgolden, mal grün wie Waldmeisterwackelpudding. Heute dagegen war ich mir sicher: Sie konnten nur silbergrau sein.
Nachdem wir alles ein paarmal wiederholt hatten – umdrehen, rückwärts gehen, Frage stellen, keine Antworten – ging ich ein wenig schneller, bis ich auf einer Höhe mit ihr war. Sie sah mich nicht an. Ganz vorsichtig nahm ich ihre Hand. Sie war kühl und sie zog sie nicht weg. So gingen wir schweigend zusammen nach Hause.
Ich bin mir nicht sicher, aber mir war, als ob wir beide ein wenig heller wurden auf dem Weg.

Der Hirte

Ich bin David.
Nein, nicht der König.
Ich bin Hirte.
Manchmal fühlt es sich seltsam an, einen so großen Namen zu tragen, aber ich kann nichts dafür. Mein Vater hat mich so genannt.
Mein Vater war auch Hirte, genauso wie mein Großvater.
Eigentlich ist es ein Wunder, dass es mich überhaupt gibt. Hirten gehören nicht zu den Großverdienern, wir sind die kleinen Leute. Die ganz kleinen, um genau zu sein. Unter diesen Umständen zu heiraten, erfordert Mut. Meine Eltern und Großeltern hatten ihn.
Unser Leben hier draussen ist hart. Es ist einsam, und mit der Zeit wird man seltsam. Auch mit dem Waschen und mit der Kleidung nimmt man es nicht mehr so genau. Das trägt nicht dazu bei, dass wir viel Besuch bekommen.
Nachts ist es kalt und sehr dunkel. Jedes Geräusch ist doppelt so laut wie am Tag, und jedes Schaf, das wir bei Einbruch der Dunkelheit nicht in der Herde haben, ist ein verlorenes Schaf. Die Wölfe sind nicht die einzigen Jäger dort draußen.
Das Feuer hält uns zusammen. Es bringt Licht und Wärme, und Glück ist, wenn einer von uns eine Flöte hat und ein anderer eine Geschichte kennt.
Wenn wir könnten, würden die meisten von uns woanders ihr Glück versuchen.
Als der erste Engel kam, war es eine dieser ewiggleichen, stockfinsteren Nächte. Der Mond schien nicht, und an Wunder hat bis dahin wohl keiner von uns geglaubt.
Es wurde hell.
Aber nicht wie am Tag, das war eine andere Helligkeit, ganz anders.
Sie schien mir direkt ins Herz, mir wurde warm und kalt gleichzeitig, ich wollte wegrennen und dableiben, alles auf einmal.
Und dann kamen die anderen Engel.
Und sie sangen.
Und das war ein anderer Gesang als den, den wir bis dahin kannten.
Wir hörten und sahen und weinten und lachten und waren nur noch Ohren und Augen und warme Herzen.
Danach sahen wir uns an, wortlos, bis einer sagte, kommt, lasst uns nachsehen. Wir liessen unsere Herden zurück, ohne uns noch einmal umzudrehen.
Seitdem glaube ich an Wunder.
Alles ist möglich.
Und ich, ich werde heiraten.
Und mutig sein.