Bauarbeiterkumpel

Bauarbeiterkumpel

Manni drückte den Schalter des Rüttlers fester nach unten und das schwere Gerät zog den Rhythmus an. Die Maschine dröhnte auf dem Kies, den sie plattstampfen sollte. Gut. So konnte er Horst nicht mehr hören. Manchmal ging sein Kollege ihm so gewaltig auf die Nerven, dass er sich heimlich vorstellte, wie er unter den Rüttler geriet und für immer schweigend in den Bodenbelag eingearbeitet wurde.
Seit Jahren arbeiteten sie zusammen, aber immer noch bewertete Horst seine Arbeit, als ob er der Lehrer, und er, Manni, sein Schüler wäre. Horst vergab allen Ernstes Noten am Ende jeden Tages für ihre Arbeit, wobei die meiste Arbeit auf Mannis Schultern liegenblieb und Horst gute Ratschläge gab. Und Horst redete! Er hörte nie auf damit. Manni wusste alles über Horst, seinen Rücken, seinen Schrebergarten und über seine immer meckernde Frau. Dabei wollte er das alles gar nicht wissen, aber Horst entkam man nicht. Und so ertrug er ihn, mit seinem Mundgeruch, seinem ständigen Gerede, seiner Drückebergerei und den Noten am Ende jeden Tages.
Bald war Feierabend, er musste nur noch das Gerät verstauen, die Baustelle schließen und mit Horst nach Hause fahren. Kurz träumte er von kühlem Bier und Salamipizza, während der Rüttler die letzten Unebenheiten beseitigte. Dann schaltete er ihn aus und herrliche Stille umgab ihn. Er sah sich um. Wo war Horst? Er blickte in alle Richtungen, aber Horst blieb verschwunden. Als er sich ein letztes Mal ratlos um sich selbst drehte, fiel sein Blick auf den Rüttler und ihm wurde kalt. Unten am Stampfer hing der Rest einer roten Kappe, so wie Horst sie immer trug.

Unter dem Tisch

Unter dem Tisch

Als unter dem Tisch plötzlich alle ungesagten Wörter liegen, wird es einen Moment lang ganz still im Raum. Das Kind hat sie als erstes entdeckt, weil es gerne unter das Tischtuch abtaucht. Die Wörter vibrieren unruhig, ab und zu leuchtet eines auf. Der Hund hat sie gewittert und sitzt mittlerweile auch unter dem Tisch. Er wartet lauernd, und sobald eines aufflammt, packt er es mit einem Knurren und schüttelt es. „Versager!“ gellt durch den Raum, die Erwachsenen ducken sich erschrocken und gucken nirgendwohin. Einer ruckt dabei versehentlich mit den Füßen und trifft einen ganzen Trupp von Worten. „Mir ist langweilig!“ „Schreckliches Jackett!“ „Das Essen ist völlig versalzen!“ wabert unter dem Tisch hervor. Das Kind piekst ein buntes Wort an, „Papageienhintern“ fliegt auf. Als dem Hund ein paar der ungesagten Buchstaben in die Nase geraten, muss er niesen und alles fliegt in die Luft: „Ich will nach Hause!“ „Die andere Seite wär mir lieber!“ „Es juckt!“ „Blödmann!“ „Kleingeist!“ „Ich liebe dich!“
Überrascht guckt die Tischgesellschaft sich an. Wem galt das? Auf einmal raken alle mit den Füßen unter dem Tisch herum, das Kind lacht, der Hund bellt aufgeregt. Hemmungslos fliegen explodierende, ungesagte Wörter durch die Luft, und als es still wird, schwebt Klarheit über dem Tisch.
Alle sehen sich an, als ob sie sich noch nie gesehen hätten. Dann fangen sie an zu reden.

Karamellbad

Oink badet

„Das ist ganz schön braun hier, oder?“ fragt Oink.
Ich versuche, nirgendwohin zu gucken, während ich meine Zähne putze. „Stimmt“, nuschle ich.
„Sogar die Vorhänge“, stellt Oink fest.
Ich nicke.
„Und dunkel ist es auch. Bis auf die Lampen. Die sind SEHR hell“, sagt Oink und blinzelt in die Scheinwerferlampen.
Ich nicke und gucke in den Spiegel. Mist. Viel zuviel zu sehen.
„Vielleicht mögen die hier Karamell“, sagt Oink.
Ich schürze die Lippen.
„Und Schokolade. Darum ist es auch so warm hier. Das liegt gar nicht an der Heizung! Die mögen heiße Schokolade mit Karamell!“ Oink hopst auf der Spiegelablage herum. „Und das wollen sie schon vor dem Frühstück!“
Ich starre ihn an. Naja. Dann gucke ich auf die karamellfarbenen Fliesen, die hellbraune Dusche und die goldbraunen Vorhänge.
Warum nicht?
„Lass uns frühstücken gehen“, sage ich.
„Gibt es Kakao?“ fragt Oink.

Unter dem Cappuccinoschaum

Oink taucht ab

Ich streue Zucker auf den Cappuccinoschaum, rühre vorsichtig nur in der Mitte um und tauche mit dem Löffel in die Schaumschicht ein. Oink guckt mir interessiert zu. Zucker und Schaum vermischen sich köstlich knirschend mit mildbitterem Aroma im Mund.
„Was ist eigentlich unter dem Schaum?“ fragt Oink.
Ich schiebe noch mehr Knusperschaum auf den Löffel und überlege. „Was denkst du denn?“ frage ich zurück.
Oink reckt seine Nase über den Tassenrand und schnuppert. „Ich glaube, da drin lebt ein Cappuccinofrosch, der es gern heiß und dunkel mag, und dann kommt die Milch dazu, die er überhaupt nicht mag. Er strampelt und strampelt um die Milch loszuwerden, macht immer mehr Schaum und zum Schluß springt er empört aus der Tasse, wenn du gerade nicht hinsiehst. Und dann kommst du, machst Zucker drauf und trinkst das.“ Er sieht mich erwartungsvoll an.
Mir schwirren Wörter wie „Kaffeebohne“, „Wasser“ und „Koffein“ im Kopf herum, als ich in meinen Cappuccinofroschbecher gucke. Dann nehme ich noch einen Löffel Milchschaum und antworte: „Du hast absolut recht.“

Sommerloch

Sommerloch

Die Wasserläufer zogen stur ihre Bahnen über die Wellen, hin und her, her und hin. Das Konzert direkt an der Wasserkante schien sie nicht im Mindesten zu interessieren, dabei war das Sommerloch dieses Jahr so tief und breit wie selten, und die Tatsache, dass das Konzertgelände sich direkt über dem Loch befand, war schon für sich allein eine Sensation. Wann hatte es das zuletzt gegeben? Die Sommerlöcher der vorherigen Jahre waren entweder mühevoll zugeschüttet worden, wurden einfach ignoriert oder mit einer Abdeckung und Dachbegrünung versehen und alle hofften, nie wieder daran erinnert werden zu müssen.
Dieses Jahr dagegen hatten die Lebensgeister beschlossen, das Loch zu nutzen. Unter der Konzertbühne befand sich ein Kletterpark, der weit hinab ging, und ganz unten auf der Lochsohle befand sich ein Sommerlochrestaurant, in dem Burger und Lochkäsevariationen serviert wurden. Weil die Lebensgeister immer ein wenig willkürlich handelten, wusste niemand, wie lange die Konzertbühne dort stehen würde, und so befand sich die halbe Stadtbevölkerung an diesem schönen Spätsommerabend vor der Bühne und feierte die Fliegenklatschen, die das Konzert ihres Lebens gaben. „He-ho, sowieso!“ gröhlte der Leadsänger, der seine langen Haare im Takt vor und zurück warf, und „HE-HO, SOWIESO!!!“ schrie das Publikum zurück. Über der brüllenden Menge flogen Möwen, die nach unvorsichtig hochgereckten Popcorntüten Ausschau hielten und sich dabei hin und wieder erleichterten, was entrüstete Schreie von unten nach sich zog. Die Möwen ignorierten die Schreie hochmütig, was sein musste, musste eben sein.
Langsam zogen Wolken auf, graublau und schwarzblau. Es wetterleuchtete, Blitze zuckten über die Wasserläufer, die immer noch ihre Bahnen zogen, dann setzte der Regen ein. Die Menge zog sich Regenponchos über, nicht umsonst war man hier an der Küste, die Bewohner waren schlimmeres gewohnt. Der Leadsänger gab alles, beim Schlusslied fing er an, auf und ab zu hüpfen und sein Publikum feuerte ihn begeistert an. Dann begann der erste Zuschauer mitzuhüpfen, sein Nachbar machte es ihm nach und innerhalb kürzester Zeit hüpfte das gesamte Publikum im Takt des Liedes, ihre Regenponchos knisterten dazu eine seltsame zweite Melodie.
Die Konzertbühne bebte und schwang, erste Erdbrocken fielen vom Rand abwärts, die Lebensgeister wandten schamhaft die Köpfe ab. Die Menge brüllte enthusiastisch auf und hüpfte stärker, der Leadsänger sang lauter, seine Band stampfte mit den Füßen und dann zerbrach die Bühne in zwei Teile und öffnete sich wie ein geheimer Tunnel in einem alten James Bond Film. Alles, alles sank leise und sanft ins Sommerloch hinab. Teile des Publikums sprangen hinterher und segelten wie Vögel an den Rändern des Lochs zu Boden.
Der Restaurantbetreiber seufzte schicksalsergeben, als er die vielen neuen Gäste auf sich zu fliegen sah, soviele Portionen Burger und Lochkäsevariationen hatte er nicht vorrätig, das würde eine Schlacht ums Essen geben, aber er war Küstenbewohner, er war schlimmeres gewohnt.
Die Möwen dagegen schrien enttäuscht auf, all ihre Popcornhoffnungen zerstoben, wie ein gutes Sommerloch es eben immer tut. Da war nichts zu machen. Zornig drehten sie ab und flogen über die Wasserläufer hinweg auf das offene Meer hinaus. Wenigstens das war verlässlich.
Genau wie die Wasserläufer, die immer noch stur ihre Bahnen über die Wellen zogen, hin und her und her und hin, und ihre Wanderstöcke platschten bei jedem ihrer Schritte leise auf.

Das war ein ausgeflippter Beitrag zum Etüdensommerpausenintermezzo 2021! Ich weiß auch nicht, was da in mich gefahren ist, ich habe einfach immer weiter aufgeschrieben, was mir einfiel, und das waren, äh, interessante Dinge. 😁
Vielen Dank an Christiane, die das alles organisiert und so schöne Worte aus dem Lostopf hat ziehen lassen. Hier gibt es Links zu mehr Texten von anderen Bloggern. Viel Freude daran!

Oink am Meer

„Ohhh…“, sagt Oink, als er das Meer zum ersten Mal sieht, dann noch einmal „oh…“ und dann sagt er nichts mehr.

Fundbüro

Vorsichtig öffne ich die Tür. Sie quietscht, als ich sie nach innen schiebe. Drinnen ist es dämmrig, auf dem Tresen steht eine angelaufene Klingel. Ich drücke zaghaft auf den Klingelknopf und warte.
Nach einer Weile schlurft ein sehr alter Mann durch den Fliegenvorhang, der in den hinteren Bereich des Ladens führt. Sein Gesicht ist unbewegt. „Ja?“
„Ich… ähm…“ Ich ringe innerlich die Hände. „Ich suche einen abgelaufenen Neuanfang. Haben Sie sowas da?“ Erleichtert lasse ich die Hände sinken. Jetzt ist es raus.
Der alte Mann zupft an seinem faltigen Ohrläppchen. „Neuanfang, Neuanfang… wie soll er denn aussehen?“
„Oh. Nun ja. Irgendwie neu, eben.“ Ich überlege. „Nicht zu abgelaufen. Vielleicht mit ein bisschen Farbe? Kein Grau, bitte. Ja. Und… frisch! Frisch sollte er auf jeden Fall sein. Aber auch nicht zu frisch! Das fühlt sich so kalt an. Und aufregend! Ja!“ Ich bin aufgeregt. Sofort kommen mir Zweifel. „Aber normale Aufregung, nicht zu schlimm“, schiebe ich schnell noch hinterher.
Der alte Mann starrt mich ausdruckslos an. „Ich geh nachsehen“, knarzt er dann und verschwindet durch den Fliegenvorhang nach hinten.
Ich warte. Eine Fliege summt gegen die Fensterscheibe. Es ist warm hier drinnen.
Der alte Mann kommt zurück. Er trägt ein vibrierendes, gut verschnürtes Päckchen, das versucht, ihm aus den Händen zu hüpfen.
Es ist rosa. Mit Glitzer.
„Das?“ frage ich entsetzt.
„Es gibt nur das hier“, antwortet der alte Mann. „Nehmen Sie es?“
Ich zittere, aber irgendetwas lässt mich nicken.
„Hier quittieren“, knarzt der alte Mann, „kein Umtausch.“
Ich unterschreibe und bezahle, dann nehme ich den Neuanfang vorsichtig hoch. Das Päckchen fühlt sich an, als ob es gleich in meinen Händen explodieren würde. Der alte Mann verschwindet ohne ein weiteres Wort in den hinteren Teil des Ladens. Behutsam öffne ich die Tür und gehe hinaus. Das Päckchen schnurrt und räkelt sich in der Sonne. Es glitzert sehr rosa.
Ich schwitze.

Nougat

Wie konnte er es wagen! Er hatte es ihr versprochen! Wütend biß sie in die Nougatpraline, die natürlich kein echter Ersatz sein konnte, aber besser war als nichts, dann wendete sie den Wagen. Niemandem konnte man trauen, dachte sie, als sie den nächsten Gang einlegte, alle waren sie gleich, kein einziger hielt seine Versprechen. Aber dieses Mal würde sie nicht lockerlassen, wenn er nicht zu ihr kam, gut, dann kam sie eben zu ihm!
Herzhaft trat sie aufs Gaspedal, der Wagen schoss nach vorn und nahm einem grauen Audi die Vorfahrt. Wandern müsse er, hatte er gesagt, er könne nicht immer bei ihr bleiben, aber er würde zurückkommen. Und war er das? Nein! Sie hupte einen Mann vom Zebrastreifen und zischte bei Orangerot über die nächste Ampel. Fast wäre er ihr entkommen. Das würde sie nicht zulassen! Sie brauchte ihn! Sie konnte sich nicht vorstellen, wie sie ohne ihn den Sommer überleben sollte.
Der große Wagen vor ihr wurde langsamer, und sie fühlte, wie ihr das Wasser im Mund zusammenlief. Da vorn war er, ganz nah und trotzdem unerreichbar. Verdammt! Frustriert schlug sie mit der Hand auf das Lenkrad. Und er fuhr natürlich nicht zu ihr nach Hause, genau, wie sie es geahnt hatte, sondern bog in eine schattige Seitenstraße ab. Einfamilienhäuser! Ihr Blut kochte. Sie sah zu, wie er den Wagen parkte und vorbereitete, dann stieg sie mit steifen Beinen aus, um ihn zur Rede zu stellen.
Als er sie sah, ging ein Lächeln über sein Gesicht, und als sie vor ihm stand, rief er: „Carrissima! Hier, für Sie, Zitrone, Sahne-Karamell und Nougat-Schokolade in der Waffel! Bitteschön, wie immer!“
Es war wie jedes Mal. Er wickelte sie ein mit seinem Eisverkäufer-Charme und sie verlor. Was sollte sie machen? Sie brauchte sein Eis wie andere die Luft zum Atmen.

Das war ein Beitrag zu den abc-Etüden, und ich bedanke mich ausdrücklich bei Christiane für die geniale Idee, die mir hier in den Kommentaren geliefert wurde. 😁
Die Worte waren Praline, herzhaft und wandern, sie waren unterzubringen in einem maximal 300 Worte langen Text und die Wortspende kam von Monika mit ihrem Blog Allerlei Gedanken. Organisiert wird alles von Christiane (ja, die Ideengeberin für diese Geschichte). Ihr müsst zugeben, eine Eiswagen-Stalkerin hatten wir bestimmt noch nicht, oder? 😁

Mein Balkon im Juni

Sechs Tage war ich weg, und was macht mein Balkon in der Zeit? Er verbündet sich mit meiner Balkonkümmerin und explodiert. Und als ich noch ungläubig gucke ob all des neuen Grüns und der Größe der Tomatenpflanzen, raschelt meine Stachelbeere mit all ihren stacheligen Zweigen und fragt schnippisch, ob denn jetzt eigentlich endlich mal der übliche Balkonauftritt im Blog dran wäre, grüner würde es ja wohl nicht mehr werden.

Die Stachelbeere ist dieses Jahr übermütig, denn ich habe sie nicht beschnitten, und nun nimmt sie die Hälfte des Balkons ein und piekt mich, wenn ich versuche, sie zu gießen. Ehrlich gesagt habe ich keine Ahnung, wie ich die Stachelbeeren pflücken soll, ihre Mama ist besitzergreifend und kann sehr schlecht loslassen. Für den Rosmarin ist das aber ein Glück, wie ich vermute.

Er hat ein dramatisches Jahr hinter sich. Nach hemmungslosem Wachstum bis in den Dezember hinein und schlichtem Ignorieren des Winters mit Hilfe zahlloser kleiner rosa Blüten kam der März, und der März war hart. Er hat dem Rosmarin die Füße abgefroren und so blieb mir nichts anderes übrig, als zur Schere zu greifen. Er muss geahnt haben, dass ich drauf und dran war, ihn ganz in den Pflanzenhimmel zu befördern, denn er hat um eine zweite Chance geduftet, und so durfte er bleiben. Wenn auch geschrumpft. Die Stachelbeere umschmeichelt jetzt seine kahlen Zweige und die beiden flüstern die ganze Zeit miteinander. Er hat sogar schon wieder ein paar grüne Triebe bekommen.

Die Nelke, die frühere Küchenhockerin, hat sich prächtig entwickelt. Sie ist still und genügsam, wächst langsam vor sich hin und strotzt vor Blüten. Der kleine Männertreu muss sich mächtig anstrengen, um auch etwas Platz zu bekommen.

Alle Bewohner dieses Balkonkastens müssen sich ran halten, denn sonst werden sie von dieser Erdbeer-Vanille-Minze hinterrücks überwältigt. Eigentlich wollte ich nur ein paar Mochitos mit ihr mixen, aber dann habe ich kurz nicht hingesehen und zack! ist sie sowas wie der Pate der rosa-lila Balkongesellschaft geworden: O sole mio, her mit dem Wasser und dem Dünger oder ich überwachse dich (was ich sowieso tun werde, aber Höflichkeit ist die Tugend der Minzepflanzen)!

Diese zwei hier haben sich gegen den Minze-Paten verbündet und wachsen einfach so dicht an dicht, dass sie keine Chance hat, ihr Geschäft in diese Richtung zu erweitern. Sehr clever. Im nächsten Kasten wächst auch eine Minzpflanze, aber eine Spearmint-Pflanze. Sie spricht immer ein bisschen nuschelig, vermutlich wegen des Kaugummiaromas, und ist im Gegensatz zum Paten pflegeleicht und verträglich.

Was man von ihrer Nachbarin wirklich nicht sagen kann. Sie hat ein sehr ausartendes Gemüt, und wenn ich ihr nicht massiv Einhalt gebiete, würde sie an der Eroberung der kompletten Balkonwelt arbeiten und hätte auch schon Erfolg gehabt. Dabei ist sie trotzdem ein sensibles Seelchen, sie möchte nicht nur den Balkon, sondern auch den Himmel erobern, knickt dabei aber gern mal zur ein oder anderen Seite ab. Eine absturzgefährdete, penetrante, wuchernde Seele. Aber alle Schwebfliegen lieben sie, deswegen darf sie bleiben.

Hier ist es etwas aus dem Ruder gelaufen. Ich hätte wohl mal energisch durchgreifen müssen, aber man kommt so schlecht ran, und es war das einzige, was im Winter grün geblieben ist, und es sieht ein bisschen aus wie ein wuscheliger Kopf… ach, egal, der Topf ist, was er ist, ein wilder Minigarten. Wenn ich reingucken könnte, würde ich bestimmt ein winziges Dorf entdecken, das sich über die sintflutartigen Regenfälle beschwert, die regelmässig morgens stattfinden, und der Bürgermeister muss endlich etwas dagegen tun, oder er wird abgewählt!

Was das hier ist? Ich habe keine Ahnung, aber es wächst einfach immer weiter und immer höher. Mal sehen, wo es hinwill. Und es schwankt im Wind, als ob es zuviele Mochitos getrunken hätte. Die Minze wäre auf jeden Fall schon mal fast in Reichweite.

Dann gibt es da noch die Tomaten, allesamt Kollegen-Geschenke, die in einem Fall ein Joint-Venture mit einer Waldmeister-Siedlung bilden, im anderen Fall meine etwas kläglichen Versuche einer Vermehrung von Weidenkätzchen begleiten. Den Tomaten geht es prima. Die anderen… naja… wer weiß, da geht bestimmt noch was. Und seht mal, wie liebevoll sich meine Balkonbetreuerin gekümmert hat! Ich habe vor meiner Abreise nämlich nur noch schnell einen Stab in die Erde gesteckt und gedacht, das reicht schon, so schnell werden die ja nicht wachsen! Haha.

Einzelne, interessante Untermieter haben sich eingefunden, zum Beispiel diese Dame hier mit exorbitantem Haarwuchs:

Und dann gibt es noch den Glasfisch, der stetig seine Runden zieht, völlig unbeeindruckt von Mafia, Bündnissen, zickigen Stachelbeeren und blühendem Schnittlauch aus dem vorletzten Jahr. Er schwimmt in all dem Grün und freut sich seines Lebens. Und ich freue mich mit.

Mein Balkon Ende März

Heute besuche ich meinen Balkon. Er war schon den ganzen Winter über allein, ich weiß das, denn ich war auch oft allein. Manchmal auch einsam, aber meistens nur allein.
Meine Socken werden ein bisschen feucht, als ich ihn betrete. Mein Balkon entschuldigt sich, er könne nichts dafür, es hätte in den letzten Tagen viel geregnet, er würde sein Bestes tun, die Nässe loszuwerden, aber mit diesen alten Steinfliesen, es sei nicht einfach…
Ich beruhige ihn. Es ist interessant, die Nässe an den Füßen zu spüren. Ich strenge mich an und lasse ein paar Wurzeln aus meinen Zehen sprießen. Sie graben sich zwischen den Steinplatten ein. Es kitzelt an den Zehen. Oh, sagt mein Balkon überrascht, dann sagt er nichts mehr.
Wir betrachten gemeinsam den Himmel, der heute grauweißblau dahinfliegt, jederzeit bereit, noch mehr Regen fallen zu lassen. Der Rosmarin blüht. Vielleicht hat der Lavendel überlebt. Ich könnte nachsehen, aber ich lasse es. Manche Überraschungen muss man sich für später aufheben.
Der Wind fährt über meine bloßen Unterarme und ich fröstle und betrachte das Moos am Rand der Steinplatten. Hübsch, nicht? fragt mein Balkon stolz und ich nicke. Der grüne Glasfisch schwimmt unverdrossen seine Runden, ihm ist es egal, welches Wetter gerade ist. Er ist unabhängig.
Schön ist es bei dir, sage ich und atme die Luft tief ein. Mein Balkon dehnt sich auf das Doppelte seiner normalen Größe. Alte Schmeichlerin, flüstert der Zwerg mit der blauen Mütze, aber er grinst dabei. Er wohnt immer noch unter der Stachelbeere, die im Moment ziemlich kahl aussieht. Das habe ich gehört! zischt sie, um dann beleidigt weiter zu dösen. Ohje. Das wird ein Gemetzel im Sommer beim Pflücken geben. Selbst schuld, murmelt mein Balkon, du weisst doch, wie empfindlich sie ist. Und immer noch nicht die Hellste, murmele ich fast unhörbar zurück. Dann schweigen wir wieder. Der Himmel rast über uns hinweg. Das Leben könnte schlechter sein.