Der Hirte

Ich bin David.
Nein, nicht der König.
Ich bin Hirte.
Manchmal fühlt es sich seltsam an, einen so großen Namen zu tragen, aber ich kann nichts dafür. Mein Vater hat mich so genannt.
Mein Vater war auch Hirte, genauso wie mein Großvater.
Eigentlich ist es ein Wunder, dass es mich überhaupt gibt. Hirten gehören nicht zu den Großverdienern, wir sind die kleinen Leute. Die ganz kleinen, um genau zu sein. Unter diesen Umständen zu heiraten, erfordert Mut. Meine Eltern und Großeltern hatten ihn.
Unser Leben hier draussen ist hart. Es ist einsam, und mit der Zeit wird man seltsam. Auch mit dem Waschen und mit der Kleidung nimmt man es nicht mehr so genau. Das trägt nicht dazu bei, dass wir viel Besuch bekommen.
Nachts ist es kalt und sehr dunkel. Jedes Geräusch ist doppelt so laut wie am Tag, und jedes Schaf, das wir bei Einbruch der Dunkelheit nicht in der Herde haben, ist ein verlorenes Schaf. Die Wölfe sind nicht die einzigen Jäger dort draußen.
Das Feuer hält uns zusammen. Es bringt Licht und Wärme, und Glück ist, wenn einer von uns eine Flöte hat und ein anderer eine Geschichte kennt.
Wenn wir könnten, würden die meisten von uns woanders ihr Glück versuchen.
Als der erste Engel kam, war es eine dieser ewiggleichen, stockfinsteren Nächte. Der Mond schien nicht, und an Wunder hat bis dahin wohl keiner von uns geglaubt.
Es wurde hell.
Aber nicht wie am Tag, das war eine andere Helligkeit, ganz anders.
Sie schien mir direkt ins Herz, mir wurde warm und kalt gleichzeitig, ich wollte wegrennen und dableiben, alles auf einmal.
Und dann kamen die anderen Engel.
Und sie sangen.
Und das war ein anderer Gesang als den, den wir bis dahin kannten.
Wir hörten und sahen und weinten und lachten und waren nur noch Ohren und Augen und warme Herzen.
Danach sahen wir uns an, wortlos, bis einer sagte, kommt, lasst uns nachsehen. Wir liessen unsere Herden zurück, ohne uns noch einmal umzudrehen.
Seitdem glaube ich an Wunder.
Alles ist möglich.
Und ich, ich werde heiraten.
Und mutig sein.

Heiligabend-Special und Making Off: Der kleine Schneemann

Der kleine Schneemann

Der kleine Schneemann machte sich Sorgen. Die letzten dreiundzwanzig Tage waren lang gewesen, und so hatte er viel zu viel Zeit gehabt, sich alles mögliche auszumalen. Wo war er gelandet? Wie würde sein Leben weitergehen? Anspruchsvoll war er nicht, er würde alles tun, was ihm aufgetragen wurde, schließlich war er ja genau dafür gemacht worden. Trotzdem. Ein kleines bisschen Angst hatte er schon.


Er war der letzte Schneemann gewesen, der das Licht der Welt erblickt hatte. Seine dreiundzwanzig Brüder hatten bereits auf ihn gewartet, aber leider wusste er das zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Er war sehr verwirrt gewesen, als er das erste Mal die Augen geöffnet hatte. Schüsse und und das Geräusch galoppierender Pferde drangen ihm in die Ohren, und als ihm gleich darauf seine orangene Filznase ins Gesicht gedrückt wurde, kam ein stechender Klebstoffgestank dazu.

Das passte alles überhaupt nicht zusammen. Wo waren die Pferde? Und die Männer mit den seltsamen Namen, die gerade über einen Salzsee ritten? Statt in der Wüste landete er in einem grünen Eierkarton zwischen vielen anderen Schneemännern, die genauso aussahen wie er. Nur ihre Nasen waren alle unterschiedlich krumm. Später lernte er, dass er ein Hörspiel gehört hatte, und dass die Männer mit den seltsamen Namen Karl May und Hadschi Halef Omar hießen.

Sein ältester Schneebruder, der einige Tage älter als alle anderen und daher sehr erfahren und weise war, nahm ihn beiseite und klärte ihn über die wichtigsten Dinge auf. Von ihm erfuhr er, dass er dazu bestimmt war, Freude zu bereiten, eine Reise antreten würde und dass das alles geschah, weil vor langer Zeit ein Kind die Welt gerettet hatte, und die Menschen sich immer noch darüber freuten. Was für ein schöner Anlaß, auf die Welt gekommen zu sein! Der kleine Schneemann war glücklich.

Weniger schön war es, als er von seinen Brüdern Abschied nehmen musste. Er versuchte, tapfer zu sein und winkte den anderen ein letztes Mal zu, bevor er verpackt wurde. Danach konnte er nicht mehr sehen, was passierte.

Er fürchtete sich ein bisschen, so ganz allein, aber dann landete er nach einigem Hin und Her zwischen allerlei anderen Dingen, die ihm durch seine Verhüllung hindurch die abenteuerlichsten Geschichten darüber zuflüsterten, wo sie hergekommen waren und was sie dort alles erlebt hatten. Wie viele Häuser es wohl auf der Welt gab? Mehr als vierundzwanzig? Er konnte es sich kaum vorstellen. Welch eine wundersame Welt musste das da draußen sein!

Nun war es fast soweit. Außer ihm war niemand mehr übrig, er war wieder ganz allein, und er machte sich Sorgen. Von seinem Herzenswunsch hatte er bislang auch noch niemandem erzählt. Dieses Kind… er hatte sich viele Gedanken darüber gemacht, und er wusste von seinem ältesten Bruder, dass es in manchen Häusern kleine Puppenstuben gab, in denen die Geburt des Kindes nacherzählt wurde. Ob sie ihn wohl dazustellen würden? Es musste ja gar nicht lang sein, eine Nacht würde ihm schon reichen! Danach würde er klaglos alles tun, was man ihm auftrug, am Weihnachtsbaum hängen oder vor dem Fenster, in einem der seltsamen Kästen mitfahren, die so laut waren und nicht gut rochen, und wenn es sein musste, auch als Schlüsselanhänger sein Bestes geben. Auch, wenn ihn das vermutlich schnell die Nase kosten würde. Oder ein Auge. Aber davor, davor wollte er eine Nacht mit dem Kind verbringen.
Der kleine Schneemann atmete tief ein. Durch seine Verhüllung hindurch konnte er sehen, dass es Tag wurde. Heute war es soweit. Der Rest seines Lebens begann.
Wie es wohl sein würde?

Wellenbrink und Gnorm


Teil III

Herr Wellenbrink hatte ein ganz schlechtes Gefühl. Sorgenvoll blickte er an seinem guten schwarzen Mantel, der schwarzen Cordhose und seinen besten schwarzen Tanzschuhen hinunter. Wie um Himmels willen hatte er sich nur zu dieser Aktion überreden lassen können? Aber nun war es zu spät, ihr Ziel befand sich bereits in Sichtweite, und Gnorm war einfach nicht aufzuhalten. Abgesehen davon war er auch ziemlich schlecht zu sehen in der Dunkelheit. Nicht nur, dass er wirklich winzig war, was Herr Wellenbrink schon fast vergessen hatte, solange sie sich in seiner Wohnung aufgehalten hatten, nein, zu allem anderen Übel war er genauso schwarz gekleidet wie Herr Wellenbrink selber und verschwand damit fast in der Nacht. Nur der schwach glimmende Leuchtstab in seiner Hand zeigte an, wo er sich gerade befand. Zumindest den Leuchtstab hatte Herr Wellenbrink ausgehandelt. Wenn es nach Gnorm gegangen wäre, hätten sie ihre Mission in schwärzester Dunkelheit ausgeführt.
Herr Wellenbrink blieb einen Moment stehen und wischte sich den Schweiß von der Stirn. Nicht zu glauben, dass jemand, der so klein war, so schnell sein konnte. Noch ein paar Jahre weiter, überlegte er grimmig, und er würde einen E-Rollstuhl brauchen, um nicht auf halber Strecke schlapp zu machen bei diesem Tempo. Glücklicherweise hatten sie ihr Ziel fast erreicht. Außerdem kannte er sich hier aus, auch in der Dunkelheit. Sein Stadtteil! Sein Marktplatz.
Jetzt allerdings sah der Marktplatz doch ein bisschen fremd aus, fast ohne Beleuchtung und ohne die hell strahlenden Fenster der zahlreichen Geschäfte, die in großem Bogen rund um das Rathaus standen. Die riesige Weihnachtstanne stand bereits, er konnte ihre schwarzen Umrisse schwach gegen den etwas weniger dunklen Himmel sehen.
Gnorm war ein paar Meter vor ihm, das Licht seines Leuchtstabs warf ein trübes Licht auf das nasse Kopfsteinpflaster. „Jetzt komm endlich!“ zischte er Herrn Wellenbrink zu, der innerlich aufstöhnte. Nasses Kopfsteinpflaster! In der Dunkelheit! In seinem Alter, in rutschigen Tanzschuhen! Und dann sollte er auch noch schnell machen! Trotzdem beeilte er sich. Je schneller sie fertig waren, desto schneller konnten sie wieder nach Hause. Der unregelmässig ausgebeulte Rucksack hing schwer auf seinen Schultern und puffte ihm immer wieder in die Rippen. Bestens. Noch mehr blaue Flecken. Herr Wellenbrink lachte tonlos. Niemand würde ihm diese Geschichte jemals glauben, soviel stand fest.
Jetzt waren sie an der großen Weihnachtstanne angekommen. Sie ragte endlos vor ihnen auf und er bekam Angst. „Bist du wirklich sicher?“ flüsterte er.
„Natürlich! Was glaubst du denn!“ fragte Gnorm entrüstet zurück. „Wollen wir jetzt Eindruck machen oder nicht?“
„Doch, doch. Klar. Ich frag ja nur. Ist ganz schön hoch, oder?“
„Ach, papperlapapp. Die ist doch ein Zwerg. Du solltest mal die Tannen bei uns sehen, DIE sind hoch! Hier, nimm mal den Leuchtstab und mach Licht!“ Gnorm drückte Herrn Wellenbrink das knorrige Stück Holz in die Hand und verschwand in den buschigen Tannenzweigen.
„Äh… wie geht denn das?“ rief Herr Wellenbrink ihm hinterher und fuchtelte ratlos mit dem Stock in der Hand herum. Augenblicklich fiel scheinwerferartiges Licht aus seiner Hand auf die Tanne. Sie warf riesige, bedrohliche Schatten an die Häuserwände ringsum. Panisch schüttelte er den Stock, der nur noch heller strahlte und versteckte ihn dann mangels anderer Möglichkeiten unter seinem schwarzen Mantel, der nun unheimlich von innen heraus leuchtete. Er hörte Gnorm heiser grunzen. Lachte der Wichtel etwa? Vorsichtig bewegte er den Stock unter seinem Mantel hin und her, bis das Licht schwächer wurde, dann zog er den Stab wieder hervor. Bestens. So wollte er es haben. Zufrieden leuchtete er an der Tanne hinauf, die raschelte und wackelte. Gnorm war schon fast oben, wenn er sich nicht sehr irrte. Da! Ein winziger, kahler Schädel stach durch die letzten buschigen Zweige direkt unter der Spitze. Die Tanne schwankte und ächzte. Meine Güte. Wenn er verantwortlich gewesen wäre für das Aufstellen des Baumes, er hätte die Leute zur Rechenschaft gezogen! Nie im Leben war das vom TÜV abgenommen worden.
Gnorm pfiff und Herr Wellenbrink zuckte zusammen. Mit weit offenen Augen starrte er nach oben in die Dunkelheit. Gnorm nahm ein Seil aus seinem Rucksack, zog eine Schlinge, zielte und warf es nach unten in Herrn Wellenbrinks Richtung, der es beim ersten Versuch fing. Na also! Herr Wellenbrink fühlte eine Woge aus Stolz in sich aufwallen.
Er schlang das Seil um einen Arm und befreite den großen, goldenen Holzstern aus seiner Rucksackverpackung. Er glänzte im Licht des Leuchtstabs, die kleinen Kristalle im Goldbelag glitzerten um die Wette. Sein Meisterstück! Liebevoll befestigte Herr Wellenbrink den Stern am Seil. Nun kam der Teil, der ihm am meisten Kopfzerbrechen bereitet hatte. Wie sollte ein vierzig Zentimeter großer Wichtel einen schweren Holzstern bewältigen, der größer war als er? Aber Gnorm hatte gesagt, dass er das seine Sorge sein lassen sollte. Vorsichtig ließ Herr Wellenbrink den Stern los, bis dessen volles Gewicht am Seil hing. Überrascht sah er zu, wie der Stern in nullkommanichts nach oben schwebte, als sei er nicht schwerer als ein Butterbrot. Gnorm steckte voller Überraschungen.
Die Tanne wankte. Es knackte in ihren Zweigen. Gnorm schob sich den Stern auf den Rücken und kletterte die dünne Spitze hinauf, an der er den Stern befestigen wollte, als sie langsam nachgab und sich elastisch nach unten bog. Plötzlich hing Gnorm am Ende eines perfekten, umgedrehten U´s aus Tannenzweigen, der Stern baumelte von seinem Rücken herab. Er leuchtete wirklich wunderschön, wie Herr Wellenbrink noch bemerkte, dann gab die Tanne ein Ächzen von sich, es knackte, knirschte und knallte, dann rauschte sie langsam, aber unerbittlich auf ihn zu. Herr Wellenbrink stieß einen Schrei aus, blieb aber wie angewurzelt stehen, links und rechts, hinter und vor ihm prasselten nadelige Zweige auf den Boden, wippten auf und ab, und als die Tanne zur Ruhe kam, stand Herr Wellenbrink immer noch steif und aufrecht da, überall rund um ihn herum Tannengrün und stachelige Nadeln. Er öffnete den Mund, aber es kam nichts heraus, dann sah er sich hektisch um. In zwei Fenstern über ihm ging das Licht an. Wo war Gnorm? Links vor ihm raschelte es, ein paar Äste wippten, dann hievte Gnorm sich zwischen einigen Zweigen hervor.
„Geht´s dir gut?“ rief er Herrn Wellenbrink zu. Der nickte benommen. „Dann schnell! Wir müssen hier weg! Hast du deinen Rucksack?“
Der Rucksack! Wo war er? Herr Wellenbrink suchte leicht fahrig zwischen den Zweigen herum, aber er war nirgends zu finden. Gnorm zog mit hektischen Bewegungen sein Seil unter dem Baum hervor. „Hast du ihn?“
„Nein!“
„Dann lass ihn liegen! Komm!“
„Aber… der Stern?“
„Ist irgendwo unter der Tanne. Keine Zeit mehr. Komm, sonst fliegen wir auf! Guck doch!“
Herr Wellenbrink sah auf. Oh. In ziemlich vielen Fenstern brannte jetzt Licht. Es erhellte schemenhaft den Marktplatz, die ersten Menschen sahen aus den Fenstern und blickten zu ihnen hinunter. Glücklicherweise war der Leuchtstab in seiner Hand erloschen, als ob er die Gefahr spüren würde. Gut. Dann würde er Rucksack und Stern halt opfern. Eilig suchte er sich einen Weg aus der Tanne heraus und lief zu Gnorm.
„Ich sag´s nicht gern“, flüsterte der, „aber kannst du mich auf den Arm nehmen? Wir verlieren uns sonst vielleicht.“
Herr Wellenbrink beugte sich kommentarlos nach unten, nahm Gnorm hoch und setzte ihn sich in die Armbeuge. Dann machte er sich davon, so schnell es ihm möglich war, verließ den Marktplatz, bog um zahlreiche Ecken und wechselte die Straßenseiten, bis sie weit genug entfernt waren. Bei der nächsten Bushaltestelle ließ er sich auf einen der unbequemen Plastiksessel fallen und atmete tief durch. Herrje. Dann spürte er, dass Gnorm in seinem Arm zitterte und seltsam heisere Laute ausstieß. Weinte er etwa? Ohje. Natürlich. Sie hatten versagt. „Hör mal“, sagte er tröstend zu dem Wichtel, „so schlimm ist es doch nicht. Wir erzählen einfach keinem davon. Und um die Tanne ist es nicht schade, besser sie fällt jetzt um als später, wenn alles voller Menschen ist.“
Gnorm beruhigte sich nicht. Er holte keuchend Luft und stieß dann wieder diese seltsamen, heiseren Laute aus. Herr Wellenbrink sah ihn genauer an. Lachte der Wichtel etwa?
„Hast du… hast du… gesehen, wie ich geflogen bin?“ Gnorm quietschte. „Dieser Stern… wie eine Sternschnuppe mit Bruchlandung! Und du… du hast da gestanden wie Gevatter Frost persönlich! Steif wie ein Eiszapfen!“ Er schüttelte sich vor Lachen und presste die Hände auf die Augen.
Herr Wellenbrink spürte, wie sich ein Lächeln auf seinem Gesicht ausbreitete und immer größer wurde. Schließlich lachten sie zusammen, bis ihre Bäuche wehtaten und die Bushaltestellensessel wackelten.
Ihre Mission war gescheitert. Aber wen störte das? Wenn er sich nicht sehr irrte, hatte er einen Freund gefunden. Und das war viel besser als jeder Tannenschmuck.

Wellenbrink & Gnorm Teil I
Wellenbrink & Gnorm Teil II
Wellenbrink & Gnorm Teil IV
Wellenbrink & Gnorm Teil V

Der Wirt

Ich bin Akim.
Ich bin Wirt.
Und Berater und Seelsorger und strenger Vater. Ich mag meinen Job. Wenn man ein Wirtshaus hat, muss man Menschen mögen, sonst wird man irgendwann verrückt. Ich mag Menschen, meine Frau ist da eher zurückhaltend. Deswegen steht sie in der Küche und ich hinterm Tresen. Es ist eine gute Arbeitsteilung. Sie kocht und kümmert sich um die Finanzen, ich rede und schenke aus.
Unser Wirtshaus läuft gut. Wir haben viele Stammgäste, die Zimmer und Schlafsääle sind oft voll, gerade jetzt während dieser irrsinnigen Schätzung, die die Leute zu langen Wanderungen zwingt. Der Kaiser muss verrückt geworden sein, eine solche Unruhe unter die Menschen zu bringen!
Für uns ist das natürlich gut, viele zusätzliche Gäste bringen viel gutes Geld ein.
Ja, es läuft gut. Und trotzdem…
Manchmal ertappe ich mich dabei, wie ich Löcher in die Luft starre und auf etwas warte, das nicht kommt. Etwas Besonderes. Auf eine Änderung im täglichen Einerlei, das ich ja eigentlich mag.
Ich weiß auch nicht. Es fehlt etwas. Etwas, das alles rund macht und dem Leben Sinn gibt.
Wenn ich solche Gedanken habe, sagt meine Frau immer, ich sei als Kind wohl zu oft ins Weinfass gefallen, ich solle mich doch freuen, dass es uns gut geht! Sie meint es gut, ich weiß, aber trotzdem. Irgendetwas fehlt.
Gestern kam ein Paar, er schon älter, sie schwanger, und sie fragten nach einer Unterkunft. Wir waren schon voll, aber sie sahen so müde und hungrig und verzweifelt aus, da habe ich ihnen unseren Stall angeboten. Meine Tiere werden schon zur Seite rücken, und in weitem Umkreis ist nirgendwo mehr etwas Besseres zu finden. Ich konnte sie doch nicht in dem Zustand auf der Straße stehen lassen.
Nachher werde ich nochmal nach ihnen sehen und fragen, ob sie etwas brauchen. Wirklich, diese Schätzung! Und dann auch noch jeder dort, wo er geboren wurde. Vermutlich geht es wieder um die Steuern und wie die Römer uns am besten ausnehmen können.
Entweder das, oder der Kaiser ist wirklich verrückt geworden…

Adventsmarmelade

Frau Müller hat für sowas keine Zeit. Das ist ja nett gemeint, aber mal ernsthaft: Wer braucht denn dieses ganze Weihnachtsgedöns? Marmelade gibt es wie Sand am Meer, eine ganze Supermarktregalwand ist voll damit, sie kann sich jede nur denkbare Sorte dort kaufen, und wenn sie wollte, würde sie das auch tun.
Überhaupt, dieses Lamettagetue: Die Leute machen sich was vor. Wenn man es nüchtern betrachtet, ist der zwölfte Monat dazu da, Buchhandlungen und Spielwarengeschäfte über den Rest des Jahres zu bringen und Restaurantbesitzer jubeln und frohlocken zu lassen. Und am Ende steht der Weihnachtsbaum doch nur entnadelt im Wohnzimmer und nichts hat sich geändert, nur das Konto ist leichter als im Monat zuvor.
Frau Müller sieht das Marmeladenglas prüfend an. Vielleicht kann sie es weiter verschenken? Sie runzelt die Stirn. Lieber nicht. Wer weiß, wer noch alles so eins bekommen hat. Ganz hinten im Schrank ist noch eine Lücke, da schiebt sie es fürs erste hinein. Sie bleibt lieber bei ihrer Stammmarke, Erdbeer, wie schon seit zwanzig Jahren. Sie hat viel zu viel zu tun, um sich mit überflüssigem Kram zu befassen, so nett gemeint er auch sein mag. Nett sein bringt nichts voran, das hat sie schon vor langer Zeit gelernt, was zählt, sind abgeschlossene Geschäfte. Umsatz. Mit diesen Gedanken putzt Frau Müller sich energisch die Zähne, zieht die Bettsocken an und sinkt müde ins Bett.

Sie träumt einen Traum.

Morgens setzt sie sich auf, zieht sich an und will Kaffee kochen, aber die Dose mit dem Pulver ist leer, der Vorratsschrank ebenfalls. Ärgerlich reisst sie die Kühlschranktür auf, um sich wenigstens das tägliche Erdbeermarmeladenbrot zu machen und starrt verständnislos in die Fächer. Es gibt Erdbeermarmelade. Und sonst nichts. Keine Eier, keine Butter, keinen Käse. Nur Erdbeermarmelade.
Voll böser Vorahnungen wirft sie die Kühlschranktür wieder zu und durchsucht alle Schränke und Schubladen. Sie findet Erdbeermarmelade in Dosen, Schalen und Tupperbehältern. Sonst nichts.
Verwirrt macht Frau Müller sich auf zum Supermarkt, um dort neue Lebensmittel einzukaufen. Dass sie vergessen hat, Straßenschuhe anzuziehen und in Hausschuhen los läuft, ist an diesem Morgen schon fast nebensächlich. Als sie die ersten Menschen mit Einkaufswagen sieht, beginnt sie zu ahnen, dass etwas ganz und gar nicht stimmt. Und richtig: Alle Regale, die Tiefkühltruhen: Voll mit Erdbeermarmelade. Immerhin, es gibt mehr Sorten als bei ihr zuhause, püriert, mit Stückchen oder als Gelee, aber: Ausschließlich Erdbeeren. Sie läuft durch die Regale und kann es nicht fassen. Die übrigen Kunden sehen gelangweilt oder geschäftig aus, wie man eben aussieht, wenn man seinen Wocheneinkauf erledigt, selbst wenn der ausschließlich aus Erdbeermarmelade besteht.
Frau Müller traut sich nicht, jemanden auf die seltsame Einheitsnahrung anzusprechen, niemand hier sieht irritiert aus, und schlussendlich greift sie sich irgendein Glas aus den Regalen, es ist ja eh egal, es gibt nur ein Produkt, und rennt danach fast ins Büro, immer noch in Hausschuhen. Wenigstens ihren Kollegen müsste doch irgendetwas aufgefallen sein!
Als sie das Büro betritt, löffelt der Pförtner geistesabwesend Erdbeermarmelade, während er in der Zeitung blättert und sie durchwinkt, und ihr Kollege trinkt Erdbeerpüree anstatt des üblichen Kaffees.
Frau Müller beschließt zu schweigen. Irgendetwas muss sie essen, also zwingt sie mit Mühe ein paar Löffel der roten Masse hinunter und unterdrückt schaudernd ein Würgen. Das kann doch wohl alles nicht wahr sein!
Mittags versucht sie es voller Hoffnung beim Imbisswagen gegenüber. Anstatt mit Salat sind die flachen Bleche in der Auslage mit Marmelade gefüllt, und aus der Friteuse dampft es heiß und fruchtig süß. Frittierte Erdbeermarmeladenklümpchen sind im Angebot.

Schweißgebadet schreckt Frau Müller hoch. Ihr Wecker klingelt. Schwer atmend sinkt sie wieder zurück ins Kissen. Was für ein schrecklicher Traum!
In der Küche greift sie zögernd zur Kühlschranktür. Was, wenn… aber alles ist so, wie es sein soll: Eier, Butter und Käse sind da, und rechts in der Mitte steht wie immer die Erdbeermarmelade. Frau Müller sieht sie kritisch an. Ihr Magen zieht sich reflexartig zusammen beim Gedanken an Frühstück mit Erdbeeren. Nein. Heute nicht. Stattdessen angelt sie aus der hinteren Ecke des Schranks das geschenkte Glas und beäugt misstrauisch das Etikett. Apfel-Birne-Feige. Nun gut. Besser als Erdbeeren auf jeden Fall. Und dann ist sie gar nicht so übel, die Adventsmarmelade, Birnen- und Apfelaroma mischen sich mit Zimt und einem herben, nicht zu identifizierenden Duft, und ab und zu knirscht ein Feigenkorn zwischen den Zähnen.
Frau Müller ertappt sich dabei, wie sie mit dem Mund voller Adventsmarmelade darüber nachdenkt, wann sie das letzte Mal selber gekocht hat. Sie kann sich nicht erinnern.
Ihr letzter Urlaub ist auch schon sehr lange her.
Vielleicht sollte sie sich heute einfach mal frei nehmen.
Warum eigentlich nicht?

Aus adventlichen Gründen erneut gebloggt. Erstveröffentlichung im Dezember 2017 🙂 .

Josef

Ich bin Josef.
Ich bin Zimmermann.
Holz ist ein wunderbares Material, es ist lebendig und atmet, und wenn man sich auskennt, kann man es in jede nur mögliche Form bringen.
Meine Hände sind rauh und hart vom Hobeln und Schmirgeln, und auf meinen Haaren liegt oft eine Schicht Holzstaub.
Maria scheint das nicht zu stören. Auch nicht, dass ich älter bin als sie.
Maria.
Ich mag ihre Augen und ihr Haar, und die Art, wie sie mit ihren jüngeren Geschwistern spricht. Wir sind uns schon lange versprochen, und ich hatte immer Angst, ich wäre zu alt für sie.
Ich habe ein Kästchen aus Holz für sie gebaut, mit Scharnieren, damit sie den Deckel gut schließen kann. Feines Olivenholz habe ich dafür genommen und mir vorgestellt, wie ich es ihr überreiche.
Aber als sie mir von dem Kind erzählt hat, ängstlich, ja, aber auch so sicher, als ob es keine Zweifel an ihrer Geschichte geben könne, bin ich ohne ein Wort gegangen. Zuhause habe ich das Holzkästchen an die Wand geworfern, mit aller Kraft. Es ist zerbrochen. Ich habe die Teile zusammengefegt und bin schlafen gegangen.
Ich habe lange wach gelegen.
Dann kam der Traum.
Danach war alles anders.
Ich bin Zimmermann. Ich baue Häuser und Truhen. Ich bin kein Schriftgelehrter. Aber dieser Traum war klar und deutlich, und ich sehe ihn immer noch vor mir, sobald ich die Augen schließe.
Noch gestern hätte ich gesagt, so etwas passiert doch nicht, und schon gar nicht mir! Aber es ist passiert.
Morgen werde ich das Kästchen reparieren und es ihr bringen.
Und dann werden wir reden.

 

Maria

Ich bin Maria.
Viele Menschen kennen mich.
Sie haben schon hunderte Male von mir gehört. Oder gelesen. Sie haben sich ein Bild von mir gemacht. Vielleicht sehen sie die Frau im wundervollen blauen Mantel. Oder sie sind ehrfürchtig. Oft bin ich ihnen fremd, obwohl ich doch jedes Jahr zumindest einmal wieder auftauche, in der Krippe.
Das ist in Ordnung. Der Text über mich im Buch ist kurz, es gibt viel Raum für Spekulationen und Überlegungen.
Ich wünsche mir manchmal trotzdem, ich könnte meine Version der Geschichte erzählen. Davon, dass ich wie alle anderen war, bevor der Engel kam. Ein ganz normales Mädchen.
Ich hatte Vorlieben, Feigen in Honig mochte ich. Die klebrige Süße der Feigen an einem heißen Nachmittag, dazu Tee. Wunderbar. Auf dem Markt gefiel es mir am besten, wenn es laut und voll war und die Händler feilschten, als ginge es um ihr Leben.
Den Esel unserer Nachbarn liebte ich, grauhaarig und struppig war er, und ich streichelte jedes Mal seine langen, weichen Ohren, wenn ich eingelegte Fische zur Nachbarin brachte.
Nach dem Essen war es meine Aufgabe, die Schüsseln zu spülen. Keine Tätigkeit, die ich gern tat. Ich versuchte oft, diese Aufgabe an meine jüngeren Geschwister weiterzugeben. Manchmal mit Erfolg, manchmal ohne.
Auf meine Haare war ich stolz und kämmte sie gern und lange. Ich freute mich darauf, zu heiraten, Mutter zu werden und meinen eigenen Haushalt zu führen. Josef war ein guter Mann, wir waren uns schon lange versprochen und ich war einverstanden mit ihm.
Dann kam der Engel.
Und alles änderte sich.
Ich war ein normales Mädchen, als meine Geschichte von Grund auf neu geschrieben wurde. Ich wurde nicht gefragt, ob ich einverstanden bin, mir wurde erzählt, was passieren würde und dann passierte es.
Manchmal frage ich mich, ob ich es anders hätte haben wollen.
Ich denke nicht.
Es war schwer, zu manchen Zeiten, aber ich bekam soviel anderes geschenkt, Geschenke, die mir lieb und teuer sind, bis heute.
Wichtig ist mir, dass die Menschen im Gedächtnis behalten, dass ich nicht anders war als sie. Daran sollen sie sich erinnern, wenn ich wieder im wundervollen blauen Mantel im Stall sitze, vor der Krippe, und meinen Sohn ansehe.
Gott schreibt Geschichte mit Menschen.
Alles ist möglich.
Jederzeit.