Schweinehund 2.0

Schweinehund 2.0

Als du in den Flur gehst, triffst du deinen Schweinehund vor dem Spiegel an. Er dreht und wendet sich, betrachtet sich über die Schulter von hinten und geht dann ganz nah an den Spiegel heran und fletscht die Zähne.
„Probst du für ein neues Feindbild?“ fragst du und lehnst dich mit verschränkten Armen an den Schuhschrank.
„Ein neues Feindbild? Quatsch!“ antwortet dein Schweinehund. „Obwohl, Moment, warte mal.“ Er stellt sich vor den Spiegel in Positur, hebt beide Arme, boxt mit den Pfoten in die Luft und schreit: „Ban-zaiiiii!“ Er verbeugt sich vor sich selbst, dreht sich zu dir und grinst. „Nicht schlecht, was?“
„Hm-hm“, machst du. „Jetzt mal ernsthaft: Seit wann interessierst du dich für dein Aussehen?“
„Ach“, er wedelt wegwerfend mit einer Pfote, „eigentlich ja gar nicht, ich weiß halt, dass ich gut aussehe, aber in letzter Zeit hatte ich so ein komisches Gefühl, und ich wollte das mal überprüfen.“
„Aha“, sagst du. „Ein komisches Gefühl. Kannst du das näher erläutern?“
„Tja“, sagt er, „ich bin ja wirklich nicht eitel, aber findest du nicht auch, dass ich in letzter Zeit irgendwie noch besser aussehe als sonst?“
Du atmest aus. Nicht eitel, nein, natürlich nicht. Du gehst zum Spiegel, stellst dich hinter deinen Schweinehund und blickst auf ihn runter. „Hm. Mir fällt eigentlich nichts auf“, sagst du.
„Ja, aber guck mal, mein Fell hat jetzt so hübsche goldene Strähnchen, hier, und hier auch, die waren sonst nicht da, und meine Augen“ – hier geht er mit der Nase so dicht an den Spiegel, dass sie einen feuchten Fleck auf dem Glas hinterlässt – „meine Augen haben eine ganz neue Tiefe, so ein Glänzen. So ein emotionales Ding. Oder?“ Er blinzelt ein paarmal schnell nacheinander und sieht sich selbst tief in die Augen.
Du hast plötzlich ein Zucken in den Mundwinkeln, das in ein breites Grinsen übergeht. Emotionale Tiefe! „Klar, du hast völlig Recht“, sagst du dann ernst, „und deine Nase glänzt auch viel mehr als sonst.“
Dein Grinsen ist völlig an deinem Schweinehund vorbei gegangen, er betrachtet jetzt eingehend seine Nase. „Du hast Recht!“ ruft er erstaunt. „Sie glänzt!“
Du lehnst dich wieder an den Schuhschrank. „Tja. Und was für Erkenntnisse gewinnt du jetzt aus deiner persönlichen Optimierung?“
„Erkenntnisse? Wieso Erkenntnisse?“ Er dreht sich noch einmal von links nach rechts und fletscht die Zähne. „Eindeutig. Schärfer. Und spitzer,“ murmelt er und guckt dich dann im Spiegel an. „Was für Erkenntnisse soll ich denn haben? Ich sehe eindeutig gut aus, reicht das nicht? Obwohl…“ er hebt schon wieder die Pfoten, und du rufst schnell: „Nicht wieder den Schlachtruf, bitte!“
Beleidigt sieht er dich an. „Was ist gegen meinen Schlachtruf einzuwenden? Und außerdem wollte ich gar nichts rufen, sondern dir nur eine Erkenntnis mitteilen, du hast schließlich gefragt!“
Du hebst die Hände und gibst auf. „Ok. Sag schon.“
„Vielleicht sehe ich in letzter Zeit besser aus, weil wir mehr Zeit als sonst miteinander verbringen? Du weisst schon, was immer in den Zeitschriften steht: Verbringe mehr Zeit mit deinem Sozialpartner, er wird es dir danken!“
Du lässt die Hände sinken, und alles, was dir einfällt, ist: „Wann liest du denn solche Zeitschriften?“
„Och, mal hier und mal da,“ murmelt dein Schweinehund. „Aber es könnte schon was dran sein, oder?“
Du drehst dich um und gehst zum Kleiderschrank. „Pack deinen Kram zusammen. Wir gehen aus.“
„Jetzt? Seit wann das denn?“
„Seit gerade eben.“
„Ok-eeey,“ sagt dein Schweinehund, „von mir aus. Also, ich sehe gut aus, wie du weisst, aber du könntest dich schon noch ein bißchen optimieren, findest du nicht?“
Du überlegst, ob du deine alten Socken nach ihm werfen sollst. Aber dann greifst du doch nach der neuen Jeans.
Vielleicht hat er dieses eine Mal wirklich Recht.

Mit Schweinehund im Stau

Auf einmal blinken die Warnleuchten des Autos vor dir auf. Du trittst auf die Bremse. Innerhalb von Sekunden erstrecken sich drei endlose Schlangen aus roten Rückleuchten nach vorn in die Nacht. Nicht jetzt! In einer halben Stunde hast du einen wichtigen Termin, und den kannst du vergessen, wenn das hier ein echter Stau wird. Du schickst ein Stoßgebet nach oben.
Dein Schweinehund auf dem Beifahrersitz hebt träge ein Auge. „Sprechen wir wieder mit dem unsichtbaren Wesen, das keiner ausser dir sehen kann?“
„Ja, genau das tun wir“, sagst du und trommelst nervös mit den Fingern auf dem Lenkrad herum. Bitte kein Stau! Bitte nicht!
„Ich hab ja immer noch nicht begriffen, was das eigentlich bewirken soll“, sagt dein Schweinehund. „Ich meine, soll dein Unsichtbarer jetzt die Autos vor dir wegschieben? Wie Hulk?“
Du bist genervt. „Keine Ahnung, wie er das machen soll – Hauptsache, dieser Stau hier verschwindet! Wir müssen in einer halben Stunde im Büro sein!“
„Ach, das Büro, das Büro“, dein Schweinehund wedelt lässig mit einer Pfote durch die Luft, „das läuft schon nicht weg. Außerdem ist das gar nicht schlecht, da haben wir mal ein bißchen Zeit, uns zu unterhalten!“
Du atmest tief ein. Nur nicht aufregen.
Dein Schweinehund setzt sich auf. „Mal ernsthaft: Warum bist du dir so sicher, dass jemand deine Hilferufe hört? Ich kann hier außer uns beiden niemanden sehen!“
„Mann. Das haben wir doch schon hundertausendmal durchgekaut. Nur, weil du nichts siehst, heißt das nicht, dass da nichts ist!“
„Aber Beweise hast du nicht!“
„Du alter Zweifler! Nein, hab ich nicht. Aber ich glaube, da ist etwas. Tut mir leid, mehr kann ich dazu nicht sagen.“ Dir kommt eine Idee. „Übrigens – hast du schon mal drüber nachgedacht, dass du auch eine ziemlich zweifelhafte Existenz bist?“
„Ich? Wieso?“ Dein Schweinehund klingt erstaunt.
„Na-jaa“, sagst du gedehnt, „überleg mal: Für mich bist du real. Aber für alle anderen? Sehr zweifelhaft. Bedeutet das also, dass du nicht existierst?“
„Ach, schnickschnack“, winkt dein Schweinehund ab, „das sind Spitzfindigkeiten. Ich hab halt keine Lust, mich mit anderen Leuten zu unterhalten, die sind mir alle viel zu anstrengend.“ Er legt sich wieder hin und schliesst die Augen. „Ich merke schon, du bist schlecht drauf heute. Wir unterhalten uns ein andernmal.“
Du lehnst dich zurück. Das war fast zu einfach. Ohne den Kopf zu bewegen schielst du zu deinem Schweinehund hinüber. Aha! Seine Ohren zucken. Ein untrügliches Zeichen dafür, dass ihn irgendetwas intensiv beschäftigt. Dann hupt jemand hinter dir. Der Stau hat sich aufgelöst. Na bitte! Natürlich ist das kein Beweis für irgendetwas, soviel ist dir klar. Aber schlecht ist es auch nicht. Du murmelst leise „danke“, und dann gibst du Gas.

Fahrradfahren mit dem Schweinehund

Du trittst wütend in die Pedale, während dir der Gegenwind das Leben schwer macht. Dein Schweinehund sitzt im Fahrradkorb vor dir und pfeift ein Liedchen, seine Ohren flattern im Fahrtwind. Du bist genervt. Kann er nicht mal die Klappe halten?
„Kannst du nicht mal die Klappe halten?“ raunzt du ihn an.
Das Pfeifen verstummt. Du guckst grimmig und trittst schneller, der Fahrtwind zischt dir ins Gesicht.
„Sind wir schlecht gelaunt, oder was?“ kommt es von vorn aus dem Fahrradkorb.
„Mmmrrphh!“ machst du nur. Du hast überhaupt keine Lust, dich zu unterhalten.
Dein Schweinehund windet sich graziös, bis er dir ins Gesicht sehen kann. Dein Fahrradlenker schlackert, während er sich bewegt. „He, pass doch auf!“ rufst du entrüstet und versuchst, das Gleichgewicht zu halten.
„Ach, Schnickschnack, das kriegst du schon hin“, winkt dein Schweinehund lässig ab, lehnt sich mit beiden Armen nach hinten und starrt dich an. „Also. Was ist los?“
„Mann! Du warst doch dabei! Geärgert hab ich mich, das ist los!“
„Ja, und?“
„Was, ja, und? Hab ich etwa nicht Recht?“ fauchst du ihn an.
„Klar hast du Recht. Aber du wusstest doch schon vorher, dass das passieren würde.“
„Wieso? Was soll das denn heißen?“
„Herrje. Das passiert jedes Mal, wenn du zu diesen Treffen gehst. Ich sage dir, geh nicht hin, und du gehst doch hin und ärgerst dich. Je-des Ma-hal!“
„Quatsch! Das stimmt überhaupt nicht!“
„Doch. Stimmt wohl.“
„Nein!“
„Doch!“
„Nein!“
„Wenn du meinst…“ Gelangweilt guckt dein Schweinehund auf eine seiner Pfoten und versucht, einen verfilzten Haarknoten mit seinen Zähnen aufzudröseln.
Du schnaubst. So kommt er dir nicht davon. „Erklär mir das!“
Er lässt die Pfote sinken. „Ist doch ganz einfach. Die Treffen tun dir nicht gut. Aber aus Gründen, die ich einfaches Gemüt nicht nachvollziehen kann, gehst du trotzdem hin. Immer und immer wieder.“ Er guckt jetzt haarscharf an dir vorbei. „Dabei bist du doch eigentlich nicht dumm, du könntest ja einfach wegbleiben. Ist ja nicht so, als ob wir sonst nichts vorhätten! Bei anderen Gelegenheiten ist es viel netter, und du gehst gut gelaunt nach Haus. Ich persönlich finde ja eigentlich alles anstrengend, aber ich weiß: Meine Meinung zählt nicht!“ Bei den letzten Worten schwankt seine Stimme dramatisch und er schnieft laut.
„Aha“, knirscht du, „soll das heißen, ich bin dumm?“
Dein Schweinehund erholte sich in Sekundenschnelle und winkt großzügig ab. „Nur manchmal. In diesem Fall zum Beispiel. Du könntest ja einfach mal auf mich hören. Wir hätten diesen spannenden Film gucken können, den dir dein Kollege ausgeliehen hat. Stattdessen sitzen wir jetzt hier und müssen dahinten noch den Berg rauf!“
„ICH muss den Berg rauf, DU sitzt hier nur rum!“
„ICH wollte ja auch nicht rausgehen, DU aber schon!“
Du stöhnst und lehnst dich fester in die Pedale, langsam wird es steiler. Während dir der Schweiß auf die Stirn tritt, überlegst du. Nur mal angenommen, dein Schweinehund hätte tatsächlich und irrationalerweise recht – was würde das bedeuten? Ist dir etwas entgangen, was er sehen kann? Tun dir diese Abende wirklich nicht gut? Was wäre die Konsequenz? Nie wieder das Haus verlassen kann es ja wohl nicht sein. Du musst dringend mit jemandem reden. Mit jemand Unparteiischem.
„He!“ ruft dein Schweinehund. „Das ist nicht der Weg nach Haus! Was soll das?“
„Wir machen noch einen kleinen Besuch“, antwortest du ihm.
„Och nee! Nicht ernsthaft, oder? Können wir nach diesem ätzenden Abend nicht einfach ein Glas Wein auf der Couch trinken? Es ist schon fast Zeit, ins Bett zu gehen! Herrje, du bist SO anstrengend!“
„Genau. Bin ich.“, antwortest du ihm und freust dich auf einmal auf den Rest des Abends. Manchmal ist es doch ganz hilfreich, den Schweinehund bei sich zu haben.

Entsorgungen

Als du deinen Biomüll zum Kompost bringst, hörst du ein Rumpeln aus der großen Tonne nebenan. Ein Waschbär? Eine Katze? denkst du und öffnest vorsichtig den Deckel der grauen Tonne. Bis zur Nasenspitze eingegraben pflügt dein Schweinehund durch deinen Müll. Als das Licht auf ihn fällt, guckt er kurz hoch, sagt: „Da bist du ja“, und pflügt weiter.
„Was machst du da?“ fragst du ihn.
„Ich bade in Erinnerungen. Guck mal hier“, er hebt einen grauen Fetzen hoch, „das war damals, als uns an diesem geselligen Abend niemand beachtet hat.“ Er wirft den Fetzen hinter sich und greift nach etwas hartem, schwarzen. „Herrje. Da hat uns keiner geglaubt. Weisst du noch? Wir wussten, dass es nicht gut gehen würde, aber niemand hat auf uns gehört.“ Vorsichtig legt er das harte, schwarze in die Ecke und taucht wieder ab. Mit einer Pfote piekst er einen spitzen Stab durch allerlei seltsame Dinge nach oben. Du hörst seine Stimme gedämpft von unten: „Hier! Daran hab ich schon lange nicht mehr gedacht! Da hast du erfahren, dass deine Freunde sich ohne uns getroffen haben! Das war echt hart, damals. Und hier“, er wühlt sich wieder nach oben und hält dir eine braune Schale entgegen, „das ist noch gar nicht so lange her, wir hatten keine Lust auszugehen, und hinterher haben die anderen erzählt, dass es ein schöner Abend war.“ Er wirft die leere Schale zwischen den anderen Müll und beginnt, ein braunes Netz aufzuknibbeln, das voller Buchstaben ist. „Meine Güte, soviele Erinnerungen…“ Er seufzt selig.
Du lehnst dich auf den Rand der Tonne. Die Sonne scheint dir ins Gesicht. „Willst du da noch lange drinbleiben?“
„Wieso?“ Er guckt hoch, etwas Graues zwischen seinen Ohren. Es sieht aus wie ein alter, zerknautschter Hut. „Stört´s dich? Mir war gerade so sentimental zumute, da dachte ich, ich krame ein bißchen in alten Erinnerungen.“
„Neinnein. Mach nur. Aber du hast nur noch eine Stunde Zeit, dann stelle ich die Tonne an die Straße. Morgen ist Müllabfuhr.“
„Was?“ Dein Schweinehund ist entsetzt. „Du willst das alles wegwerfen?“
Du nickst. „Was hast du denn gedacht? Du sitzt in einer Mülltonne.“
„Ja, aber, ja, aber“, stottert er, „das sind doch alles unsere Erinnerungen! Die kannst du doch nicht wegwerfen!“
„Ach, ich hab so viele Erinnerungen, da kommt´s auf eine mehr oder weniger nicht an. Pass ein bisschen auf, wenn du weiter sentimental schwelgst: Du sitzt in den ganzen scharfen, spitzen, ansteckenden Erinnerungen, nicht, dass du dir noch was einfängst.“
Dein Schweinehund betrachtet voller Wehmut das Netz mit den Buchstaben. „Kann ich nicht wenigstens ein paar wieder mit reinnehmen? Ich hänge so an ihnen. Guck mal, hier, das ist ein ganz altes Diktat, da hatten wir keine Lust zum Üben, und du hast „daine Füse sint groz“ geschrieben. Das war schön damals…“ Versonnen blickt er in die Ferne.
Du winkst ab. „Auf keinen Fall. Bleib gern noch drin. Aber nachher kommt die Tonne raus. Komplett.“
Und, mal ehrlich: Das wird auch Zeit.

Adventsfrühstück mit Schweinehund

„Ich will ein Schwei-heiiiiinsko-hotelett, uh-uh-uh, ich will ein Schweiiiiiinsko-hotelett, uh-uh-uh!“ Dein Schweinehund singt aus voller Kehle und mit tiefer Überzeugung, und zwar auf die Melodie „Ich will ´nen Cowboy als Mann“.
Du seufzt. „Ich hab dir schon tausendmal gesagt, zum Frühstück gibt´s keine Koteletts!“ versuchst du es in sanftem Ton, schließlich ist es noch unmenschlich früh, und andere Leute in diesem Haus schlafen noch oder versuchen es zumindest.
„Ich will ein Schweiiiiiinsko-hotelett, uh-uh-uh…!“ Zur Bekräftigung seiner Aussage legt dein Schweinehund feierlich eine Pfote auf seine Brust, während er weitersingt. Du gibst auf. „Halt die Klappe!“ brüllst du, so laut du kannst. Dein Schweinehund verstummt mitten im schönsten Tremolo und guckt dich beleidigt an.
„Was denn? Gefällt´s dir nicht? Hab ich extra für dich umgetextet!“
Du rollst mit den Augen. „Ganz wunderbar, jaja. Aber zum einen wohnen wir hier nicht alleine, und zum anderen weisst du ganz genau, dass wir zum Frühstück KEINE Koteletts essen!“
„Manno.“ Dein Schweinehund verschränkt die Arme und schmollt. „Nichts darf man. Immer muss man rücksichtsvoll sein. Und nie gibt es was Leckeres zum Frühstück! Dabei weisst du ganz genau, wie wichtig ein gutes Frühstück mit allen Mineralien und Spurenelementen für mein Fell ist! Guck, hier, und hier, lauter dünne Stellen, und hier, da bilden sich dauernd Knötchen! Und das, wo doch bald Weihnachten ist, da muss ich gut aussehen!“ Er zupft an sich herum, und du musst dich zusammenreißen. Jetzt bloß nicht lachen, sonst hast du verloren.
„Du hattest gestern abend vier Koteletts mit Kartoffelbrei und Rosenkohl, und hinterher Eis und zwei Stücke Kuchen mit Sahne und drei Vitamalz. Ich glaube, dein Mineralhaushalt ist ausreichend gedeckt.“
„Na und? Ich hab halt einen schnellen Stoffwechsel. ICH kann mich an gestern abend schon kaum noch erinnern, und du sagst doch auch dauernd, ich soll nicht immer in der Vergangenheit leben“, gibt dein Schweinehund zurück.
„Na wunderbar, dann lebst du eben in der Gegenwart, und in der gibt es keine Koteletts zum Frühstück. Außerdem ist zuviel Fleisch ungesund“, antwortest du und brühst in aller Ruhe deinen Tee auf.
„Phffrrrr… ungesund…“ macht dein Schweinehund und betrachtet kritisch deinen Teller. „So ein labbriger Toast kann doch wohl nicht alles gewesen sein, oder? Da kriegt man ja Depressionen. Und dann noch nicht mal Kaffee!“
Du stützt dich mit den Händen auf die Spüle, straffst die Schultern und atmest tief durch. Dann drehst du dich mit einem Lächeln um. „Nein, natürlich nicht, mein Lieber! Ich hab da eine Kleinigkeit vorbereitet, extra für dich!“
„Für mich? Extra für mich?“ Dein Schweinehund setzt sich auf und guckt erwartungsvoll.
„Jepp. Mein Spezial-Adventsmüsli.“
„Müsli.“ Mehr Enttäuschung kann nicht mal der Schweinehund in seine Stimme legen.
„Jetzt guck nicht so. Probiers erstmal! Ich hab extra viel Honig reingetan, und Schokorosinen, und Gewürze, damit es nicht nur süß, sondern auch würzig ist. Mit Sahnejoghurt, so…“ du schiebst ihm die Schale voller Joghurt und Müsli hin.
Dein Schweinehund guckt die Schale an, seufzt schwer und dramatisch, taucht seinen Löffel ein und kostet vorsichtig. Er kaut lange und gründlich. Dann nimmt er einen zweiten Löffel und nuschelt undeutlich: „Ja, doch. Gar nicht so übel. Kann man essen. Ist da Pfefferkuchen drin?“ Er schmatzt vor sich hin und zerbeisst krachend eine Gewürzmandel. „Doch, doch. Besser als Toast auf jeden Fall.“
Du betrachtest den schnell sinkenden Pegelstand der Müslischale, während du deinen Tee trinkst. Als die Schale fast leer ist, stützt dein Schweinehund seine Ellenbogen auf den Tisch und piekst mit dem Löffel in die Luft. „Aber heute mittag, da essen wir was Schönes, ja? Rouladen vielleicht? Oder Brathähnchen? Gulasch wäre auch nicht schlecht. Oder wir gehen zum Griechen!“
„Wir schaun mal“, sagst du und denkst an dein Käsebrot, das schon fertig in deiner Tasche liegt. „Willst du einen Nachschlag?“
„Wenn du mich so fragst…“ er hält dir seine Schale hin.
„Gerne!“ antwortest du und lächelst sanft.

Chancen

Heute gibt es meinen Text zum Writing Friday Special von Elizzy. Bis zum 24. Dezember wird jeden Tag eine neue Geschichte von einem Blogger veröffentlicht, am 25. Dezember bindet Elizzy den Sack zu. Vor mir war meintraumfreizusein dran, nach mir geht es  Bei der Kellerbande! weiter. Eine Übersicht über alle 24 Tage gibt es bei Elizzy. Und nun geht´s los!

Chancen

Herr Wellenbrink wachte wie immer mitten in der Nacht auf, weil sein Körper dringend nach der Toilette verlangte. Innerlich seufzend schob er widerwillig die warme Decke zur Seite, setzte sich ächzend auf und angelte mit geschlossenen Augen nach seinen Pantoffeln. Das Licht ließ er aus, denn aus jahrelanger Erfahrung wusste er, dass das Wiedereinschlafen leichter sein würde, wenn er im Dunkeln ins Bad ging. Noch so ein Tribut, den das Älterwerden von einem forderte – die Jahre des seligen Durchschlafens waren wohl für immer vorbei, ganz zu schweigen vom früheren elastischen aus dem Bett springen. Heutzutage war er froh, wenn er ohne Bandscheibenschaden hoch kam.
Schlaftrunken schlurfte er zur Tür, öffnete sie und ging in den dunklen Flur. Früher, ja, da war alles anders gewesen. Da hätte ein kleines Nachtlicht im Flur gestanden, um ihm den Weg zu weisen. Aber seine Frau, Elsi, war nicht mehr da, und er hatte kein neues Licht aufgestellt, als das alte kaputt gegangen war.
Vorsichtig tastete er mit den Händen an der Wand entlang, gleich musste die Ecke nach rechts kommen, hinter der das Bad lag. Er stoppte. Was war das? Ein leises Schlurfen, ein Schleifen, das nicht hierher gehörte. Hier rührte sich normalerweise gar nichts, und nachts war es sowieso totenstill. Ohne das er es verhindern konnte, huschte ein grimmiges Lächeln über sein Gesicht. Totenstill, ja, so war das hier bei ihm. Da! Wieder ein Schleifen, als ob jemand etwas über den Boden zog. Einbrecher? Bei ihm? Jetzt bereute er es, kein Licht eingeschaltet zu haben. Hier hinten gab es keinen Schalter, der Flur war fensterlos und stockfinster. Vorsichtig machte er einen Schritt nach vorne und stieß mit dem Fuß in eine weiche Masse, die erstickt „Aua!“ schrie. Erschrocken riß Herr Wellenbrink den anderen Fuß nach vorne, traf ein zweites Mal die Masse, die dieses Mal „Aaarghh!“ brüllte, ruderte mit den Armen, riß dabei den Garderobenständer um und fiel mit Gepolter schmerzhaft gegen die Wand und dann zu Boden., während die Schals und Mäntel, die an der Garderobe gehangen hatten, sich sanft wie eine Decke über ihn ausbreiteten.
Herr Wellenbrink überlegte kurz, ob er jetzt tot war, aber die Schmerzen in Hüfte und Po sprachen deutlich dagegen. Umständlich versuchte er, sich von den Stoffmassen zu befreien und verwünschte abermals, das Licht nicht eingeschaltet zu haben. Da! Vor ihm bewegte sich etwas in dem Stoffhaufen, sein Mantel wurde ihm von den Knien gezogen, er konnte spüren, wie kühle Luft auf seine Beine traf. Erschrocken ruderte er mit den Füßen, traf noch einmal ins Schwarze und erntete eine ganze Salve von phantasievollen Flüchen.
„Herrgottsakrakruzifixverdammtnochmal! So ein blöder Kackmist! Hab ich´s nicht gesagt, Dunkelheit ist nie gut, aber nein, diese dämlichen Büroasseln wussten es ja wieder besser! Wo ist dieser vermaledeite Lichtstab, wenn man ihn braucht! Au! Tritt mich noch einmal, du grobschlächtiger Mensch, dann vergeß ich mich! Was ist das hier für ein stinkender Stoffberg? Das riecht ja schlimmer als in jedem rattenverseuchten Kanalloch! Dreimal verfluchte regenwurmhäutige Assel! Nimm das von mir runter!“
Herr Wellenbrink atmete tief durch. Was auch immer da gerade passierte, es war besser als sein sonstiges Leben, das sich so langweilig anfühlte wie ein Paar durchgelatschte graue Wollsocken. Vorsichtig tastete er mit beiden Händen in dem Berg herum und hob seinen uralten gelben Regenmantel und eine zerlöcherte Strickjacke hoch, die er längst hatte entsorgen wollen.
„Au! Pass doch auf, du Dämlack! Meine Nase! Mann, immer krieg ich die Alten, nur weil ich einmal, ein-mal was kaputt gemacht habe… ah, mein Leuchtstab!“ Das Gefluche verstummte und mattgelbes Licht flammte auf. Herr Wellenbrink staunte. Halb begraben unter seinem Regenmantel hockte ein dicker kleiner Mann mit Glatze und Blaumann. Er hielt einen Holzstab hoch, von dessen knorrigem Ende das gelbe Licht ausging. Jetzt richtete er sich auf, und Herr Wellenbrink staunte noch mehr. Das waren doch höchstens 40 cm! Was für Menschen waren denn so klein? Und was um alles in der Welt machte er hier bei ihm in der Wohnung?
„Was glotzt du denn so?“ Der kleine Mann stach mit dem Leuchtstab in seine Richtung. „Wohl noch nie einen Wichtel gesehen, was? Ist ja auch kein Wunder, so wie du seit Jahren Weihnachten mit Füßen trittst! Nikolaussinger? Drei-Königs-Tag? Advent? Alles Fremdworte für dich, was?“
Herr Wellenbrink schwankte zwischen Belustigung, Beschämung und Wut. Ja, gut, er hatte Weihnachten in den letzten Jahren etwas schleifen lassen, aber das war doch wohl ganz allein seine Sache, oder? Der kleine Mann sah im schwankenden Licht grotesk aus, wie eine zu groß geratene, seltsame Puppe. Er war zu dick, zu kahl und mit dem Blaumann sah er absolut nicht aus wie ein Wichtel. Die hatte er sich immer ganz anders vorgestellt. Viel … netter.
„Was machst du hier?“ fragte er den Wichtel. Eine dumme Frage, aber etwas besseres fiel ihm nicht ein.
„Gott, wieder diese langweiligen, dämlichen Fragen. Immer dasselbe. Das übliche halt. Dich besuchen, auf den richtigen Weg bringen, blablabla, das, was wir immer tun, zum Schluß Friede, Freude, Eierkuchen und alle sind glücklich. Wer´s braucht…“ Abschätzig wedelte der kleine Mann mit der freien Hand, während er mit der anderen unter dem Regenmantel herumwühlte.
„Mich? Auf den Weg bringen?“ Herr Wellenbrink lachte verwundert. „Wieso das denn?“
„Ja, was weiß ich, ich bin hier nur das letzte Glied in der Kette, der Trottel, der die ganze Drecksarbeit macht, während die Herren Elfen schön Kakao trinken und in der Hängematte liegen. Und du siehst ja, wohin das führt! In die Dunkelheit, zu blauen Flecken, getreten werden und unerquicklichen, unnützen Gesprächen mit dummen Menschen!“ Die letzten Worte stieß der kleine Mann mit großer Verbitterung hervor.
Herr Wellenbrink überlegte. Egal, ob er nun vielleicht doch träumte oder ob ihm das gerade tatsächlich passierte: Das war sein erstes, längeres Gespräch seit Tagen, es mochte sein, dass er Weihnachten in den letzten Jahren erfolgreich ignoriert hatte, aber er hatte bei Gott nicht die Absicht, sich diese Geschichte entgehen zu lassen. Er versuchte zu lächeln, seine Gesichtsmuskeln knarrten bei dieser unerwarteten Anstrengung, aber es gelang ihm halbwegs.
„Weißt du was? Lass uns aufstehen, wir gehen ins Wohnzimmer, trinken einen Likör und du erzählst mir in Ruhe, was du von mir willst.“ Er begann ächzend, sich hochzurappeln. Der kleine Mann seufzte matt, schob die Regenjacke mitsamt der Strickjacke zur Seite und hiefte sich einen schmutzigen Rucksack auf den Rücken, von dem allerlei seltsame Geräte herunterhingen. Herr Wellenbrink erkannte einen Dosenöffner, einen Korkenzieher und Haarklemmen, die anderen Geräte wirkten fremd auf ihn. Der Leuchtstab warf zuckendes Licht an Wände und Decke. Als er es endlich geschafft hatte und sicher auf seinen Beinen stand, starrte er noch einmal staunend auf den Zwerg im Blaumann hinunter, dann stapfte er entschlossen zum Lichtschalter, schaltete die große, trübe Flurleuchte ein und beleuchtete das Durcheinander, das er angerichtet hatte. Die Garderobe hatte nicht nur alle Kleidungsstücke fallengelassen, sondern auch gleich noch den Schirmständer und das Schuhregal mitgerissen. Ein Wunder, dass weder er noch der Zwerg sich schlimmer verletzt hatten. Vermutlich würden sie beide schlimme blaue Flecken bekommen, aber das war jetzt zweitrangig.
„Komm schon, hier geht´s ins Wohnzimmer“, sagte er, drehte sich um und ging voran, ohne zu warten, ob der Zwerg nachkommen würde. Er war sich sicher, dass er ihm folgen würde, ohne sagen zu können, woher er das wusste. Und richtig. Verdrossen vor sich hin murmelnd folgte ihm der Kleine ins Wohnzimmer, sah sich um und steuerte den bequemsten Sessel an – seinen Sessel. Großzügig beschloss Herr Wellenbrink, heute ausnahmsweise das Sofa zu nehmen. Während er zwei Gläser und den Schlehenlikör aus der Vitrine nahm, beobachtete er aus dem Augenwinkel, wie der Zwerg am Bein des Sessels gekonnt hochkletterte.
„Ja, was? Guck nicht so! Was meinst du denn, wie wir überall reinkommen – mit Glitzerstaub etwa? Nene, das ist harte Arbeit, und nie, nie! wird sie gewürdigt, weil ja immer alles geheim bleiben muss!“ Bei dem Wort „geheim“ machte er mit beiden Händen Wackelbewegungen, wohl um die Absurdität des Ganzen zu betonen. Herr Wellenbrink machte zustimmende Geräusche und reichte dem Zwerg ein randvolles Glas Likör. Der nahm es mit beiden Händen entgegen, setzte an und trank mit großen Schlucken, bis das Kristallglas leer war. Er schmatzte behaglich, rülpste heftig und hielt ihm das Glas erneut hin. „Nochmal vollmachen! Der ist gar nicht übel!“
Herr Wellenbrink atmete tief durch – sein guter Schlehenlikör hatte gut und gern an die 30% Alkoholgehalt, aber gut, von nichts kam nichts. Er schenkte nach, ließ die Flasche aber dieses Mal auf dem Rand des Glases liegen, bevor der kleine Mann erneut ansetzen konnte.
„Ich dachte, wir könnten uns ja mal vorstellen, nachdem wir uns auf so, äh, ungewöhnliche Weise kennengelernt haben. Mein Name ist Fritz Wellenbrink.“ Er stieß mit seinem Likörglas vorsichtig an das des kleinen Mannes, während er weiterhin den Flaschenhals darauf liegen ließ.
„Namen! Namen! Was interessieren mich Namen! Ihr seht für mich sowieso alle gleich aus! Und du, du bist sowieso ein hoffnungsloser Fall! Ach, egal, was solls. Gnorm.“
„Gnorm?“ fragte Herr Wellenbrink mit hochgezogenen Augenbrauen.
„Ja was? Ist dir der etwa nicht gut genug? Gnorm! Gnorm! Wie der berühmte Höhlenkundschafter, der 1736 die größte je gefundene Echohöhle unterhalb der Pyrenäen entdeckt hat! Voll mit gläsernen Stalaktiten! Ach, was rede ich hier, Perlen vor die Säue…“ mit einer entschlossenen Handbewegung drückte Gnorm den Flaschenhals von seinem Glas weg und trank es das zweite Mal komplett leer. Herr Wellenbrink nickte nachdenklich, nippte an seinem Likör und schenkte Gnorm ein drittes Mal nach.
„Gnorm. Nein, das ist absolut in Ordnung. Also, Gnorm, was machst du hier in meiner Wohnung, mitten in der Nacht?“
Der Zwerg nahm kleine Schlucke aus seinem Glas, während er antwortete. „Tja, jetzt ist es wohl zu spät für Heimlichkeit und Unsichtbarkeit, was?“ Er starrte Herrn Wellenbrink aus kleinen grauen Augen an. Bei jedem Augenzwinkern verrutschten seine Pupillen ein wenig, so dass er aussah, als ob er schielen würde. Der Schlehenlikör tat seine Wirkung. „Ich sollte dich zurückholen. Weil du Weihnachten seit Jahren komplett ignorierst. Wir haben dir Sternsinger geschickt, dich Eintrittskarten für die Weihnachtsmatinee gewinnen lassen, deine Nachbarn haben Päckchen an deine Tür gehängt – nichts. Wir haben dein Radio manipuliert, damit es hauptsächlich Weihnachtslieder spielt, Kollegen von mir haben dir sogar nachts schöne Gedanken ins Ohr geblasen, alles umsonst. Du bist echt ´ne harte Nuß. Völlig retist-, reschis-, resistent!“ Er hickste laut. „Ich bin deine letzte Chance! Tjahaaa, deine leeeetzte Chance!“ Er hickste noch einmal.
Herr Wellenbrink nickte langsam. „Ok. Und warum hat man ausgerechnet dich zu mir geschickt?“
„Ach!“ Gnorm schloß die Augen und öffnete sie in Zeitlupe wieder. „Ich hab halt gepasst. Passt. Hum. Mir ist da vielleicht ein, zweimal ein kleines Mißgeschick passiert, bei Aufträgen, weisssst du… vielleicht hat mich das ein oder andere Kind gesehen… vielleicht ist das ein oder andere Mal was kaputt gegangen… obwohl ich niiiiichts dafür konnte!“ Tränen traten ihm in die Augen, weinerlich fuhr er fort: „Gaar nichtsss konnte ich dafür, über-haaaupt nix!“ Er nahm noch einen großen Schluck Likör. Das Glas war wieder leer. „Du bissst auch meine leeeetzte Chance, weisssdu?“ Er schwankte dramatisch, sah sich mit glasigen Augen verwundert um, fiel dann im Sessel zur Seite und fing sofort an, laut zu schnarchen. Dabei umklammerte er nach wie vor mit beiden Händen das leere Likörglas.
„Sowas hab ich mir schon gedacht“, murmelte Herr Wellenbrink leise, während er Gnorm betrachtete. „Vielleicht sind wir ja gegenseitig unsere letzte Chance.“ Dann stand er auf und nahm Gnorm vorsichtig das Glas aus den Händen. Er breitete seine Kamelhaardecke über ihm aus und stellte den kleinen Rucksack mit den wunderlichen Gegenständen ordentlich neben das Sesselbein, den Leuchtstab legte er neben ihm auf den Sessel.
Schon im Flur hatte er sich dazu entschlossen, diese neue Entwicklung nicht ungenutzt vorbeiziehen zu lassen. Jetzt würde er schnell ins Bad gehen und es sich dann auf dem Sofa gemütlich machen, damit sein neuer Bekannter am Morgen nicht einfach das Weite suchen konnte.
Während er in den Flur ging, ertappte Herr Wellenbrink sich dabei, dass er den Radetzkymarsch vor sich hin pfiff. Wenn das kein gutes Zeichen war, wusste er auch nicht weiter.

Und hier geht es morgen mit Türchen Nr. 16 weiter: Bei der Kellerbande!

Josef

Ich bin Josef.
Ich bin Zimmermann.
Holz ist ein wunderbares Material, es ist lebendig und atmet, und wenn man sich auskennt, kann man es in jede nur mögliche Form bringen.
Meine Hände sind rauh und hart vom Hobeln und Schmirgeln, und auf meinen Haaren liegt oft eine Schicht Holzstaub.
Maria scheint das nicht zu stören. Auch nicht, dass ich älter bin als sie.
Maria.
Ich mag ihre Augen und ihr Haar, und die Art, wie sie mit ihren jüngeren Geschwistern spricht. Wir sind uns schon lange versprochen, und ich hatte immer Angst, ich wäre zu alt für sie.
Ich habe ein Kästchen aus Holz für sie gebaut, mit Scharnieren, damit sie den Deckel gut schließen kann. Feines Olivenholz habe ich dafür genommen und mir vorgestellt, wie ich es ihr überreiche.
Aber als sie mir von dem Kind erzählt hat, ängstlich, ja, aber auch so sicher, als ob es keine Zweifel an ihrer Geschichte geben könne, bin ich ohne ein Wort gegangen. Zuhause habe ich das Holzkästchen an die Wand geworfern, mit aller Kraft. Es ist zerbrochen. Ich habe die Teile zusammengefegt und bin schlafen gegangen.
Ich habe lange wach gelegen.
Dann kam der Traum.
Danach war alles anders.
Ich bin Zimmermann. Ich baue Häuser und Truhen. Ich bin kein Schriftgelehrter. Aber dieser Traum war klar und deutlich, und ich sehe ihn immer noch vor mir, sobald ich die Augen schließe.
Noch gestern hätte ich gesagt, so etwas passiert doch nicht, und schon gar nicht mir! Aber es ist passiert.
Maria.
Morgen werde ich das Kästchen reparieren und es ihr bringen.
Und dann werden wir reden.