Die Farbenspielerin

Die Farbenspielerin tanzt durch unsere Welt. Morgens kurz nach dem Aufstehen, wenn der erste Kaffee getrunken ist, malt sie alles bunt. Was bisher grau war vor meinen Augen und in meinem Herzen wird vielfarbig. Sie spart nicht mit Farbe und kleckst alles voll mit blau, grün, rot und gelb.
Sie selbst ist durchsichtig, etwas schillernd vielleicht wie ein Libellenflügel. Sie flirrt an mir vorbei und ein Regenbogen ist ihre Schleppe. Sie ist die Heilige aller, die Vielfalt mögen.
Es wurde immer wieder versucht, die Farbenspielerin einzusperren. „DAS MUSS BLAU SEIN!“ oder „DAS MUSS GRAU SEIN!“ oder „DAS MUSS GELB SEIN.“ heißt es dann. Sie aber entwischt immer wieder und was blau sein muss ist violett oder was gelb sein muss wird orange. Einfach nur weil sie sich einmischt. Mischen ist ihre große Leidenschaft. Sie kann stundenlang vor einer Blüte sitzen und Farben mischen bis sie das richtige sonnengelb oder leichtrosaaberdochnichtsorichtigrosaweilrosaeigentlichdoofist hinbekommt.
Die Farbenspielerin ist in unserer Welt unterwegs, aber eigentlich gehört sie in den Himmel. Sie hüpfte irgendwann zu uns und das kam so:

Als Gott seinen Bogen damals in den Himmel stellte, war dieser schwarz-weiß. Er half ihm richtig und falsch, heilig und unheilig, schuldig und unschuldig zu unterscheiden.
In der Nacht nach diesem großen Ereignis gab es eine Engelversammlung. Die Engel debattierten, was nun schwarz oder weiß, richtig oder falsch, heilig oder unheilig, schuldig oder unschuldig sei. Die Farbenspielerin langweilte sich schrecklich. Also schlich sie sich aus dem Saal. Draußen hing drohend der schwarz-weiß Bogen Gottes am Himmel. Ein kleines Lächeln erschien auf ihrem Gesicht. Sie beschloss diesem langweiligen Tag eine besondere Farbnote zu geben und dann zu verschwinden.

Einer der Engel, dem bei der Debatte etwas schlecht geworden war, ich glaube es war der Engel der Gnade, verließ den Saal, weil er eine Pause brauchte. Nach ca. 5 ewigen Minuten kam er wieder rein und sagte: „Äh, Leute…“
Die anderen hörten ihn nicht und er wurde etwas lauter: „Leute, das müßt ihr euch ansehen.“
Die Engelschar strömte aus dem Saal. Am Himmel leuchtete Gottes Bogen in allen Farben.
Die Farbenspielerin war indes aus dem Himmel verschwunden. Sie machte lieber die Welt bunt. Der Himmel war ihr einfach zu langweilig und farblos.
Als Gott aber den Bogen sah, lachte sie nur, zog ihr bestes buntes Kleid an und fühlte sich seltsam erlöst.

Ein Text von Dagmar Wegener – vielen Dank!

Urlaub ist, was du daraus machst

Fräulein Honigohr seufzt zufrieden. Sie sieht sich um: Meer, Möwen, Strandkorb, Latte Macchiato.
„Ist das nicht ein herrlicher Tag heute?“ fragt sie die Dame im Strandkorb nebenan. Die guckt irritiert, erst zu Fräulein Honigohr, dann in den Nieselregen und den grauen Himmel, dann auf ihre Fleecejacke. „Naja“, sagt sie zögerlich, während eine kräftige Windböe an ihren Haaren zerrt.
Fräulein Honigohr sieht andere Dinge. Die Spatzen zwischen den Tischen. Kinder in Regenjacken, die das Wetter absolut nicht interessiert. Eine Gruppe Jugendliche, alle mit Eis in der Hand. Und vor allen anderen Dingen: Zeit.
Unverplante Zeit. Verfügbare Zeit. Zeit zum verschwenden, verschlendern, verschleudern. Die Luft riecht nach Freiheit.
Fischbrötchenzeit.
Ausschlafzeit.
Such- und Findezeit.
Fräulein Honigohr legt die Füße auf den nassen Stuhl gegenüber, verschränkt die Arme hinter dem Kopf und lächelt. Vor ihr liegt ein Meer aus Zeit, und ja, sie wird ein Boot mieten und auf ihm segeln gehen.

Mehl

Kleine Vorerklärung: Das hier ist eine Schreibübung zum Thema Kurzkrimi. Ich wollte testen, wie man mit ganz einfachen Worten und Sätzen etwas komplexes ausdrücken kann. Keine Schachtelsätze, keine Fremdwörter, keine komplizierten Ausdrücke, nur das Notwendige. Hier ist das Ergebnis (es ist dann doch kein üblicher Kurzkrimi geworden):

Mehl

Sie haben mir gesagt, ich soll alles aufschreiben. Was denn aufschreiben, habe ich gefragt. Alles, was mir wichtig ist, haben sie geantwortet. Was mir wichtig ist… ich finde, das ist eine dumme Frage. Aber gut – ich habe mir Gedanken gemacht. Wichtig ist mir, daß es mir gut geht. Ich meine jetzt nicht das Geld, das ist nicht so wichtig, nein, sondern einfach gut. Das ich glücklich bin. Und keine Angst habe. Aber ich finde das schwierig zu beschreiben – wann ist man schon glücklich? Das ist nicht so oft. Wenn wir auf dem Sofa sitzen und zusammen Fernsehen gucken, so ganz eng, dann, glaube ich, bin ich manchmal glücklich. Das ist schön, so mit den Menschen zusammen, die man liebt. Wir streiten uns auch, das ist ja klar, ich meine, wer schafft das schon ganz ohne Streit.

Aber eigentlich hasse ich Streit. Das war schon früher so, in der Schule und in der Ausbildung. Ich mag das nicht. Ich finde, alle sollten sich gut vertragen. Sich ein bißchen Mühe geben und auch mal zurückstecken, man muß doch nicht immer seinen Willen haben. Die Leute, die so aggressiv sind, die sollten sich das mal überlegen. Ob es nicht wichtiger ist, ein gutes Auskommen mit den Leuten zu haben als gleich loszubrüllen. Ich denke, es ist wichtig, gut mit den Leuten klar zu kommen. Ich grüße immer. Auch, wenn ich mal nicht so gut gelaunt bin. Ich meine, man weiß ja nie, wo man die Leute wiedersieht. Vielleicht braucht man sie nochmal, und wenn sie einen dann unfreundlich erlebt haben, ist das nicht so gut. An mir gehen viele Leute vorbei, ohne mich anzugucken. Ich finde das nicht schlimm. Ich bin gerne unauffällig, das gehört sich so, nicht wie diese jungen Mädchen, die sich so auffällig anziehen. Die haben doch selber Schuld, wenn sie in Schwierigkeiten geraten, mein Mann sagt das auch. Und es ist nicht gesund, in ein paar Jahren werden sie es alle an den Nieren haben.

Ich bin ganz gesund, das hat mir der Arzt hier gesagt. Ich bin nicht so eine, die immer jammert. Man muß auch schon was aushalten können, man kann nicht wegen jedem Wehwehchen gleich zum Arzt gehen. Meine Mutter hat mich früher mit Hausmitteln kuriert, wenn es gar nicht mehr ging, und es hat mir nicht geschadet. Manchmal nehme ich jetzt aber doch eine Tablette, meine Mutter ist ja nicht mehr da.

Ich weiß nicht, ob ich eine gute Mutter bin. Mein Sohn ist mir wichtig. Vier ist er jetzt. Manchmal geht er mir auf die Nerven, wenn er immer nur bei mir sein will. Ich muß noch viele andere Dinge tun, den Haushalt machen, einkaufen, meine Haare – mein Mann legt Wert darauf, daß ich gut aussehe. Da kann ich nicht immer mit ihm spielen, das muß er verstehen. Ich kann auch nicht immer so, wie ich möchte. Er geht nicht in den Kindergarten, wir wollten das nicht, dass er mit so vielen anderen Leuten zusammenkommt. Die ersten Jahre sind wichtig für ein Kind, und man kann nie genug tun, um ihm eine ordentliche Erziehung zu geben. Mein Mann sagt das auch. Er hat immer Angst, daß unser Sohn nicht klug genug ist. Ich bin ja auch nicht so klug. Manchmal ist er böse auf mich, wenn abends nicht alles aufgeräumt ist, wenn er kommt. Ich versuche wirklich mein Bestes, aber ich schaffe es nicht immer. Es ist mir wichtig, immer mein Bestes zu geben, ich sage ihm das auch, aber er hört nicht gerne zu.

Mein Haushalt ist mir wichtig. Ich mag es, wenn alles da steht, wo es hingehört. Kochen mag ich nicht, es ist dann alles immer so unordentlich und schwierig. Ich bin mir nie sicher, ob es so wird, wie es sein soll. Ich bin immer froh, wenn ich fertig bin und aufräumen kann. Wenn alles weggeräumt ist und ich mich abends in der sauberen Küche umsehe, bin ich stolz. Essen tue ich nicht so gerne, ich habe einen nervösen Magen, und manchmal kann ich das Essen einfach nicht hinunter bekommen.

Ich bin ein vorsichtiger Mensch. Ich vertraue niemandem schnell. Man weiß nie, was dabei herauskommt. Freunde habe ich nicht, wir sind aus unserer alten Stadt weggezogen, meinem Mann wurde es zuviel dort, er hat gesagt, die Leute würden zuviel reden.

Meine Ausbildung habe ich abgebrochen, als das Kind unterwegs war. Aber ich bin zufrieden. Ich brauche keinen Beruf, ich habe eine Familie, eine Wohnung. Ich habe viele Blumen. Ich mag Blumen, die Blüten, die Farben und den Duft. Sie gedeihen gut bei mir, es ist immer grün.

Die Wohnung verlasse ich ungern, draußen ist es anstrengend. Manchmal, wenn ich in der Straßenbahn sitze, überlege ich, einfach weiterzufahren und nicht mehr auszusteigen. Aber das geht natürlich nicht. Die vielen Farben draußen tun mir in den Augen weh, auch der Himmel. Bei uns ist es dunkler, mein Mann mag am liebsten dunkle Farben. Er mag keine hellen Farben, er sagt, die sind unpraktisch, man sieht alles darauf, und die Möbel müssen lange halten. Das dunkle Holz ist auch viel einfacher sauber zu halten.

Ich war mal in einer Kirche, mir war so merkwürdig, und ich bin einfach reingegangen. Eigentlich mache ich sowas nicht, man weiß ja nicht, ob man willkommen ist. Aber außer einem Mann war niemand drin, und es war dunkel und kühl. Ich habe mich in eine Bank gesetzt und einfach nur so dagesessen, wie lange, weiß ich nicht mehr. Das war schön. Irgendwann habe ich bemerkt, daß der Mann mich so angeguckt hat, da bin ich lieber gegangen. Er ist mir nicht nachgekommen.

Ich gehe auch gerne ins Museum. Die Bilder beruhigen mich. Es ist schön, sich etwas anzusehen, was jemand vor langer Zeit gemacht hat. Ich frage mich oft, was die Personen wohl gedacht haben, als sie gemalt wurden. Ob sie sich mit dem Maler unterhalten haben, oder ob sie sich gelangweilt haben. Auch die Bilder mit den Landschaften mag ich. Ich stelle mir vor, dort spazierenzugehen. Manchmal ist es wie ein Sog, ich kann mich kaum von ihnen trennen. Ich könnte stundenlang da sitzen, aber das geht nicht, mein Sohn wird dann unruhig, und im Museum muß es leise sein.

Mein Sohn ist ein stilles Kind. Ich weiß nicht, wie das werden soll, wenn er in die Schule kommt. Dann muß er mehr reden. Mein Mann sagt das auch, und manchmal wird er wütend auf ihn und auf mich, weil ich ihn nicht richtig erziehe. Er schlägt uns wirklich nur im äußersten Notfall. Manchmal ist das notwendig, ich verstehe das. Er ist müde, wenn er nach Hause kommt, und hat ein Recht darauf, alles schön vorzufinden. Er bringt das Geld nach Hause, und ich bin für den Haushalt zuständig. Er will nur das Beste für uns.

Aber neulich ist etwas Merkwürdiges passiert. Da stand ich in der Küche und habe zugesehen, wie mein Mann das ganze Mehl verschüttet hat, über die Schränke und Türen, und über meinen gewischten Boden, und in den Ofen über das Essen. Vorher war es ganz sauber und ordentlich überall, weil er es nicht mag, wenn es unordentlich ist. Er hat gesagt, wenn ich zuviel Zeit hätte, könnte ich das ja morgen aufräumen, anstatt in die Stadt zu gehen. Und da hab ich so eine Wut gekriegt, ich habe richtig gezittert und danach wird alles undeutlich in meiner Erinnerung.

Auf jeden Fall tut es mir leid, ich weiß gar nicht, was da über mich gekommen ist, ich meine, ich bin doch ein ruhiger Mensch, ich liebe meinen Mann, unsere Familie. Was die Nachbarn wohl sagen. Und wer gießt jetzt meine Blumen?

Ich würde gerne nochmal in die Kirche gehen. Es war so ruhig und friedlich dort.

Hier kann ich meinen Sohn nicht sehen. Ich finde das schade. Wer kümmert sich jetzt um ihn? Mein Mann kann das nicht tun. Er ist ja jetzt tot.

Fräulein Honigohr frühstückt

Fräulein Honigohr saß wie jeden Morgen zusammen mit Herrn Brummeck beim Bäcker und aß ein Honigbrötchen (nomen est omen!) Herr Brummeck studierte den Sportteil der Zeitung, während sie sich die Rubrik Vermischtes geangelt hatte und die neuesten Informationen über surfbordfahrende Hunde und fehlgeleitete Ameisenkolonien überflog.
Als sie gerade mit dem Finger einen verlorengegangenen Tropfen Honig vom Teller tupfte, betrat ein weiterer Gast das Café. Neugierig betrachtete Fräulein Honigohr den Neuen über den Rand ihrer Zeitung hinweg, während er sich aus der Kühltheke eine Flasche Kakao nahm und an der Theke ein Käsebrötchen bestellte. Er bezahlte und setzte sich dann grußlos an den Tisch direkt neben ihnen. Fräulein Honigohr runzelte die Stirn. Trotzdem, nicht übel: Groß, gut gewachsen, dunkles Haar, Knubbelnase. Nicht schlecht, vermerkte sie in ihrem Kopfnotizbuch.
Dann fing der Fremde an zu essen und Fräulein Honigohr zuckte zusammen. Es krachte, knusperte und malmte, Schmatzen, Schlucken und Blubbern füllte den Raum, dann sog der Knubbelnasige schlürfend Kakao durch den Strohhalm, während Fräulein Honigohr ihre Kopfnotiz von „nicht übel“ in „Katastrophe!“ und „untragbar!“ änderte.
Sie verzog das Gesicht. Herr Brummeck warf ihr einen kurzen Blick zu. Der Fremde hatte zu hastig gegessen und stieß hörbar auf, dann rülpste er zart und biß erneut krachend in sein Brötchen. Die ältere Dame mit dem lila Blumenhütchen stand ruckartig auf und wechselte den Platz. Der Fremde blubberte unbeeindruckt in seinem Kakao herum.
Fräulein Honigohr seufzte. Noch einer! Herr Brummeck blickte mahnend in ihre Richtung, aber sie ignorierte ihn. Wenn sich hier sonst niemand kümmerte, musste sie es eben selber tun. Ein heftiger Rülpser wehte durch die Bäckereiluft und brachte leisen Käsegeruch mit sich. Sie runzelte die Stirn und schloss die Augen, schüttelte leicht den Kopf und öffnete die Augen wieder.
Der Fremde war mitsamt den Resten seines Brötchens und der halbleeren Flasche Kakao fort. Er saß nun am anderen Ende des Raumes an einem einzeln stehenden Tisch neben dem Ausgang und blickte mit offenem Mund verwirrt zwischen seinem neuen Tisch, der Theke und seinem alten Tisch hin und her.
Die übrigen Gäste warfen Fräulein Honigohr dankbare Blicke zu, während Herr Brummeck sanft den Kopf schüttelte, die Augenbrauen hochzog, ihr einen vielsagenden Blick zuwarf und dann zu seinem Bericht über die Abfahrtsrennen in St. Moritz zurückkehrte. Fräulein Honigohr lächelte entschuldigend. Es war nicht ihre Schuld, oder? Der Neue hatte es ja nicht anders gewollt. Sie warf einen Blick zu ihm hinüber. Er saß mit hängenden Schultern da, ein Bild der Verwirrung, sein Frühstück stand unbeobachtet vor ihm. Fräulein Honigohr bekam Mitleid. Er konnte ja eigentlich nichts dafür, er kannte die Regeln in dieser Bäckerei einfach noch nicht. Sie tippte mit dem Finger an Herrn Brummecks Zeitung, damit er Bescheid wusste, nahm ihre Tasse Tee und stand auf. Sie würde DAS GESPRÄCH mit ihm führen. Und dann konnte er entscheiden, ob er wiederkam oder nicht. Fräulein Honigohr hoffte auf ersteres, als sie sich mit einem Lächeln am Tisch des Neuen niederließ und das Gespräch eröffnete.

Adventsmarmelade

Frau Müller hat für sowas keine Zeit. Das ist ja nett gemeint, aber mal ernsthaft: Wer braucht denn dieses ganze Weihnachtsgedöns? Marmelade gibt es wie Sand am Meer, eine ganze Supermarktregalwand ist voll damit, sie kann sich jede nur denkbare Sorte dort kaufen, und wenn sie wollte, würde sie das auch tun.
Überhaupt, dieses Lamettagetue: Die Leute machen sich was vor. Wenn man es nüchtern betrachtet, ist der zwölfte Monat dazu da, Buchhandlungen und Spielwarengeschäfte über den Rest des Jahres zu bringen und Restaurantbesitzer jubeln und frohlocken zu lassen. Und am Ende steht der Weihnachtsbaum doch nur entnadelt im Wohnzimmer und nichts hat sich geändert, nur das Konto ist leichter als im Monat zuvor.
Frau Müller sieht das Marmeladenglas prüfend an. Vielleicht kann sie es weiter verschenken? Sie runzelt die Stirn. Lieber nicht. Wer weiß, wer noch alles so eins bekommen hat. Ganz hinten im Schrank ist noch eine Lücke, da schiebt sie es fürs erste hinein. Sie bleibt lieber bei ihrer Stammmarke, Erdbeer, wie schon seit zwanzig Jahren. Sie hat viel zu viel zu tun, um sich mit überflüssigem Kram zu befassen, so nett gemeint er auch sein mag. Nett sein bringt nichts voran, das hat sie schon vor langer Zeit gelernt, was zählt, sind abgeschlossene Geschäfte. Umsatz. Mit diesen Gedanken putzt Frau Müller sich energisch die Zähne, zieht die Bettsocken an und sinkt müde ins Bett.

Sie träumt einen Traum.

Morgens setzt sie sich auf, zieht sich an und will Kaffee kochen, aber die Dose mit dem Pulver ist leer, der Vorratsschrank ebenfalls. Ärgerlich reisst sie die Kühlschranktür auf, um sich wenigstens das tägliche Erdbeermarmeladenbrot zu machen und starrt verständnislos in die Fächer. Es gibt Erdbeermarmelade. Und sonst nichts. Keine Eier, keine Butter, keinen Käse. Nur Erdbeermarmelade.
Voller böser Vorahnungen wirft sie die Kühlschranktür wieder zu und durchsucht alle Schränke und Schubladen. Sie findet Erdbeermarmelade in Dosen, Schalen und Tupperbehältern. Sonst nichts.
Sehr verwirrt macht Frau Müller sich auf zum Supermarkt, um dort neue Lebensmittel einzukaufen. Dass sie das in Hausschuhen tut, ist an diesem Morgen schon fast nebensächlich. Als sie die ersten Menschen mit Einkaufswagen sieht, beginnt sie zu ahnen, dass etwas ganz und gar nicht stimmt. Und richtig: Alle Regale, die Tiefkühltruhen: Voll mit Erdbeermarmelade. Immerhin, es gibt mehr Sorten als bei ihr zuhause, püriert, mit Stückchen oder als Gelee, aber: Ausschließlich Erdbeeren. Sie läuft durch die Regale und kann es nicht fassen. Die übrigen Kunden sehen gelangweilt oder geschäftig aus, wie man eben aussieht, wenn man seinen Wocheneinkauf erledigt, selbst wenn der ausschließlich aus Erdbeermarmelade besteht.
Frau Müller traut sich nicht, jemanden auf die seltsame Einheitsnahrung anzusprechen, niemand hier sieht irritiert aus, und schlussendlich greift sie sich irgendein Glas aus den Regalen, es ist ja eh egal, es gibt nur ein Produkt, und rennt danach fast ins Büro, immer noch in Hausschuhen. Wenigstens ihren Kollegen müsste doch irgendetwas aufgefallen sein!
Aber als sie das Büro betritt, löffelt der Pförtner geistesabwesend Erdbeermarmelade, während er in der Zeitung blättert und sie durchwinkt, und ihr Kollege trinkt Erdbeerpüree anstatt des üblichen Kaffees.
Frau Müller beschließt zu schweigen. Irgendetwas muss sie essen, also zwingt sie mit Mühe ein paar Löffel der roten Masse hinunter und unterdrückt schaudernd ein Würgen. Das kann doch wohl alles nicht wahr sein!
Mittags versucht sie es voller Hoffnung beim Imbißwagen gegenüber. Anstatt mit Salat sind die flachen Bleche in der Auslage mit Marmelade gefüllt, und aus der Friteuse dampft es heiß und fruchtig süß. Frittierte Erdbeermarmeladenklümpchen sind im Angebot.

Schweißgebadet schreckt Frau Müller hoch. Ihr Wecker klingelt. Schweratmend sinkt sie wieder zurück ins Kissen. Was für ein schrecklicher Traum!
In der Küche greift sie zögernd zur Kühlschranktür. Was, wenn… aber alles ist so, wie es sein soll: Eier, Butter und Käse sind da, und rechts in der Mitte steht wie immer die Erdbeermarmelade. Frau Müller sieht sie kritisch an. Ihr Magen zieht sich reflexartig zusammen beim Gedanken an Frühstück mit Erdbeeren. Nein. Heute nicht. Stattdessen angelt sie aus der hinteren Ecke des Schranks das geschenkte Glas und beäugt misstrauisch das Etikett. Apfel-Birne-Feige. Nun gut. Besser als Erdbeeren auf jeden Fall. Und dann ist sie gar nicht so übel, die Adventsmarmelade, Birnen- und Apfelaroma mischen sich mit Zimt und einem herben, nicht zu identifizierenden Duft, und ab und zu knirscht ein Feigenkorn zwischen den Zähnen.
Frau Müller ertappt sich dabei, wie sie mit dem Mund voller Adventsmarmelade darüber nachdenkt, wann sie das letzte Mal selber gekocht hat. Sie kann sich nicht erinnern.
Ihr letzter Urlaub ist auch schon sehr lange her.
Vielleicht sollte sie sich heute einfach mal frei nehmen.
Warum eigentlich nicht?

Fräulein Honigohr stellt sich vor

Wenn Fräulein Honigohr morgens aufwacht, steigt sie als erstes in ihre kuscheligen, rosa Plüschhasenschuhe, macht sich leicht schlaftrunken eine Tasse dampfend heißen Tee und sieht im Dunkeln aus dem Fenster. Sie beobachtet die Leute, die unter ihrem Fenster vorbeigehen und freut sich über die lebendige Straße, in der sie wohnt.

Danach zieht sie sich an und schlüpft zum Schluss in die weißgepunkteten roten Regenstiefel, weil es draußen nieselig und naß ist. Auf dem Weg zum Bäcker, bei dem sie sich jeden Morgen mit Herrn Brummeck die Zeitung teilt, geht sie konsequent durch jede Pfütze – wenn schon, denn schon.

Fräulein Honigohr träumt davon, eines Tages mit dem Schaufelraddampfer den Mississippi hinunterzufahren, von der Quelle bis zur Mündung, und dabei Tom Saywer und Huckleberry Finn zu lesen. Gemeinsam mit Herrn Brummeck, wenn es geht. Wenn es nicht geht, dann ohne ihn. Sie hat schon die Hälfte des notwendigen Reisegelds zusammen und arbeitet an der zweiten Hälfte (wenn auch nicht immer hundertprozentig konsequent, aber wer kann schon an einer englischen Komplettausgabe aller Calvin und Hobbes Bände vorbeigehen? Fräulein Honigohr jedenfalls nicht).

Sie liebt französische Macarons, am liebsten sind ihr die grünen, die rosafarbenen schenkt sie meist ihren Kollegen, denen die Farbe rätselhafterweise völlig egal ist – Männer! Ihre Arbeit liebt sie auch, meistens jedenfalls. Vormittags plant sie Spielplätze für Schulen und Kindergärten, nachmittags verleiht sie Bücher in der Stadtbibliothek. Und wenn der Jahrmarkt in der Stadt ist, findet man sie entweder im Kettenkarussell oder im Mäusepanoptikum, obwohl sie auf den Geruch dort eher verzichten könnte – aber die Mäuse machen das wett. Diese zwei Leidenschaften teilt sie mit ihren Nichten, und sie teilt sie gerne und oft mit ihnen.

Und das soll fürs erste reichen.

Navifahrten

Mein Navi sagt mir, ich soll abbiegen, und zwar in exakt vierhundert Metern.

Ich habe aber keine Lust, da abzubiegen. Da sieht´s langweilig aus.

Das Navi weiß genau, wie resistent ich sein kann und wiederholt die Anweisung, jetzt in zweihundert Metern, abbiegen, pronto!

Nö. Will ich nicht. Und fahre geradeaus. Es kurvt gerade so schön. Und stand da vorhin auf der Karte nicht was von einem See? Wieso führt mich das Navi nicht zum See? Es sollte mich doch mittlerweile kennen.

Das Navi kämpft um die Oberhand. „Bitte wenden!“

Tja, Pech gehabt. Das Steuer gehört mir.

Das Navi schweigt. Stumm zeigt es den Weg, den ich gerade entlang fahre. Dann versucht es, mich in regelmässigen Abständen auf den geraden Pfad zurückzuführen. Ich lächle.

Nach ein paar Kilometern lenke ich ein. Na gut. Langsam bekomme ich Hunger, und der See taucht nur in weiter Entfernung kurz mal auf. Ich überlasse meinem Navi das Kommando. „Links abbiegen! Im Kreisel die dritte! Der Straße folgen! Rechts, dann schräg rechts halten, dann links…“

Woooaa! Und schon bin ich falsch. Diese Straße hier sieht eng aus. Wo bin ich? Das Navi schweigt. Es muss überlegen. Dann, mit frischer Kraft: „Rechts. Geradeaus. Folgen!“ Die Straße wird immer enger. Es gibt keine Verkehrszeichen. Der Mittelstrich ist verlorengegangen. Wald auf der einen, hohe Büsche auf der anderen Seite. Das Sträßchen schlängelt sich wie eine Kreuzotter. Was, wenn mir jetzt jemand entgegenkommt? Schwitzend umkurve ich Schlaglöcher und riesige Pfützen. Das hier wird doch wohl nicht zum Feldweg? Eine einsame, uralte Stromleitung an Holzpfählen begleitet mich noch ein Stück, dann hört auch das auf. Der Asphalt weicht Schotter. Mit Tempo fünfundzwanzig fahre ich über die knirschenden Steine. Keine Wendemöglichkeit. Mein Navi schweigt. Noch anderthalb Kilometer diese Straße entlang, lese ich.

Dann, endlich: Eine Asphaltstraße! Mit Mittelstreifen! Ich atme auf. Fünfhundert Meter weiter spricht das Navi plötzlich wieder: „Sie haben Ihr Ziel erreicht.“

Misstrauisch starre ich auf den kleinen Bildschirm. Hat es etwa gerade… Nein. Unbewegt blinkt es auf dem Zielpunkt. Trotzdem. Wenn ich mich nicht sehr irre, klang da tiefe Befriedigung aus seinem Schlusssatz.