Oink spielt Carcassonne

„Was macht ihr da?“ fragt Oink neugierig.
„Wir spielen Carcassonne“, sage ich.
Oink marschiert aufs Spielfeld. „Wie geht das?“
„Man baut Städte und Wiesen und Straßen, dann setzt man Bewohner in die Städte und Bauern auf die Wiesen und Bauleute auf die Straßen, und wer die größten Städte und Wiesen und die längsten Straßen hat, gewinnt“, erkläre ich.
„Aha“, sagt Oink. Er guckt nachdenklich. „Kann ich mitspielen?“
„Klar. Wir sind aber schon mittendrin“, sage ich.
„Macht nichts“, sagt Oink. „Sag mal, die Bauern, das sind doch die, die ganz viele Schweine haben, oder?“
Ich wiege den Kopf. „Manche“, sage ich.
Oink nickt. „Bin ich dran?“ fragt er.
„Ja.“
Oink spaziert los und schiebt alle Bauern von allen Wiesen auf einen Haufen.
„He!“ rufe ich entrüstet, „was soll das?“ Meine Mitspielerinnen gucken verzweifelt. Ihre Bauern haben besser gelegen als meine.
Oink schnauft angestrengt, als er den letzten Bauern zum Haufen schiebt. „Guck!“ Er lacht begeistert. „Das Schwein -das bin ich- hat ziemlich viele Bauern!“
Ich lege den Kopf in die Hände. Meine Mitspielerinnen lachen. Oink grunzt fröhlich vor sich hin.
Soviel zu Carcassonne mit meinem Mitbewohner. Regeln? Pffff.

Zimmerreise um das ebook

Bei puzzleblume werden Zimmereisen veranstaltet, und da die echten Reisen zur Zeit ja durchaus Mangelware sind, habe ich beschlossen, daran teilzunehmen und im Gegenzug andere mit auf meine Reisen zu nehmen. Daher gibt es hier meine dritte Zimmerreise zum Buchstaben E wie ebook.

Und wieder ist es Zeit für eine kleine Zimmerreise, dieses Mal zu meinem ebook. Ich hoffe, die ersten Leserinnen und Leser verlassen jetzt nicht fluchtartig diesen kleinen Beitrag, denn wirklich: Das ebook hat auch gute Seiten! Wirklich! Natürlich verstehe ich all die emotionalen Reaktionen, wenn das böse Wort fällt, denn ich habe sie ja auch alle durchgemacht. Ich meine, ernsthaft: Geht irgendetwas über das Gefühl, ein richtiges Buch in der Hand zu halten, seine Seiten sanft mit dem Daumen anzublättern, liebevoll über den hoffentlich irgendwie geprägten Einband zu streicheln? Nein, natürlich nicht. Ich liebe Bücher. Aber, manchmal, in bestimmten Situationen, in den unbequemen Falten des Alltags, da findet man plötzlich ein ebook in einer unerwarteten Ecke und es ist hilfreich. Unfassbar.
Mein ebook also sieht ganz unspektakulär aus, es kann keine Farbe, es bleibt bescheiden schwarzweiß, ab und zu hängt es sich an den endlosen Buchstabenreihen auf, so dass ich es per Stecknadel und ein bisschen Vodoo neu starten muss. Der Akku ist nicht mehr der jüngste und behauptet ständig, er wäre erst fünfzig, dabei ist er schon neunundneunzig. Es muss hinten auf dem Rücken ständig meine Fingerabdrücke ertragen, obwohl ich hingebungsvoll an ihm herumwische, und in den Tiefen seines Speichers sind ein paar Umschlageinbände verschwunden, so dass es beim Schlafen nicht das gerade gelesene Buch anzeigt, sondern irgendeines, das schon gar nicht mehr in ihm ist. Man könnte sagen, es träumt von vergangenen Leben, und das wäre dann ja auch irgendwie richtig, oder?
Es ist mittlerweile nicht mehr ganz uptodate, obwohl es zum Zeitpunkt unseres schicksalhaften Zusammentreffens hip und auf der Höhe der Zeit war. Wie ich früher. Wir passen also wunderbar zusammen.
In meinen Besitz ist es gekommen, weil ich in einem Anfall von Entschlussfreudigkeit beschlossen habe, an der Technik des 21. Jahrhunderts nicht nur in Form von Handy und PC teilzunehmen, sondern auch mit einem ebook. Damals stellte ich mir aufgeregt vor, wie ich gelassen und tiefenentspannt mit einer tausend Bände umfassenden Bibliothek in der Bahn sitzen würde und niemals wieder in die schreckliche Lage kommen würde, nichts passendes zu lesen zu haben.
Mit nonchalanter Geste würde ich mein elegantes ebook aus der Tasche holen und anfangen zu lesen, während um mich herum alle in Verzweiflung angesichts wiederholter Bahnverspätungen ausbrechen würden. Tsja. Ich hatte nur nicht damit gerechnet, dass es mir überhaupt keinen Spaß machen würde, dauernd eine Unzahl von möglichen Büchern um mich herum zu haben und dass das ebook nach und nach zu einem nervzermürbenden Nervzwerg in der Tasche mutieren würde.
Scheinbar gehöre ich zu den Lesern, die lieber nur eine kleine Anzahl noch zu lesender Bücher um sich haben wollen und nicht tausende. Außerdem möchte ich sie selber aussuchen und sie mir nicht von einem Algorithmus vorschlagen lassen.
Was soll ich sagen, das ebook war beleidigt. Es beschloss, für ein paar Jahre in einer staubigen Schublade zu verschwinden und sich seinen Akku fast zu Tode zu grämen ob seiner plötzlichen Unbeliebtheit. Ich fühlte mich ein bisschen schuldig, hatte aber zu viel Freude an den Papierbüchern, bis, ja bis eines Tages ein Urlaub anstand, in den ich nicht die üblichen sieben Bücher mitnehmen konnte – das schreckliche Wort „Übergepäck“ schwebte im Raum. Und da kam mir das verschmähte ebook wieder in den Sinn. Ich holte es aus der Schublade, belebte den Akku wieder (der seitdem behauptet, erst fünfzig sein, aber schon 99 ist), lud etwa zwanzig Bücher drauf und nahm es mit auf große Reise. Plus zwei echten Papierbüchern, man weiß ja nie! Was, wenn das ebook mitten in der Auszeit beschlösse, nun sei es genug, und wenn man schon die Bühne verlassen müsse, solle man das möglichst spektakulär tun und die Leserin in der größtmöglichen Verzweiflung zurücklassen!
Was soll ich sagen, die Papierbücher habe ich umsonst mitgenommen, mein ebook versieht seitdem stoisch seinen Dienst, ab und zu muss ich es aus misslichen Lagen retten. Ich meine, wer will schon mitten in der schlimmsten Thrillerszene ewig festhängen? Nicht mal ein ebook, schätze ich. Und so nutze ich es für Ausflüge, Reisen und in Zeiten des großen C. (der schwarze Herr Covid) für die kontaktlose Ausleihe von Bibliotheksbeständen. Ich hoffe, es bleibt noch lange bei mir, wir sind ein gutes Team geworden, und ich würde es ungern missen.
Das war der Buchstabe E! Zimmerreise beendet, und wenn mein ebook gerade nicht guckt, kann ich nun wieder die guten Papierbücher liebevoll in Händen halten… 😊

25. Februar

„Warum sagt er nichts? Ist er stumm?“ fragt Oink besorgt.
„Er kann nichts sagen. Er lebt nicht“, sage ich.
„Aber… warum nicht? Er sieht doch lebendig aus!“
„Tja“, sage ich, „das heißt noch lange nichts.“
Oink sieht dem Schneemann ins Gesicht. „Komisch… er ist ein bisschen wie ich, aber dann wieder überhaupt nicht wie ich. Bist du sicher, das ich lebe?“
„Du? Du kamst aus dem Briefumschlag und das erste, was du gesagt hast, war ‚Oink!‘ und ‚wo bin ich?‘ Du bist sehr lebendig.“
„Ich kam aus einem Briefumschlag?“ fragt Oink zweifelnd.
„Ja“, sage ich, „und es gibt Gerüchte, dass du von noch sehr viel weiter weg bist.“
„Echt?“ Von wo denn?“
„Nepal“, sage ich.
Oink wackelt mit den Ohren. „Daran kann ich mich nicht erinnern. Das allererste, an das ich mich erinnere, ist mein erstes Frühstücksei bei dir.“
„Tja“, sage ich, „trotzdem, stell dir vor, deine Ohren haben vielleicht schon in nepalesischem Wind geflattert! So weit weg war ich noch nie.“
„Hm“, sagt Oink. Er sieht nicht überzeugt aus. „Und der Schneemann? Warum lebt der nicht?“
„Ich habe keine Ahnung“, sage ich.
Oink stupst den Schneemann ein letztes Mal an, dann seufzt er. „Das Lebendigsein ist manchmal komisch verteilt, findest du nicht?“

21. Februar

Oink sieht nachdenklich aus heute morgen. Ich trinke meinen Tee und warte.

„Wusstest du, dass Wildlederschuhe besonders anfällig für Schneeränder sind?“ fragt er schließlich nach einer langen Pause. Ich schüttele den Kopf. „Und das Stiefel meistens zuerst am Reissverschluss kaputt gehen?“ Ich nicke. Oink seufzt. „Ich trage nicht mal Schuhe,“ sagt er, „und sie hat nur über Schuhe geredet.“ Er blickt hoch zu mir. „Ich höre mir gern was über Schuhe an, echt, aber den ganzen Abend?“ Ich nicke. „Nicht einfach, das, was?“ frage ich. Oink wackelt mit den Ohren und beugt sich in meine Richtung. „Es war… langweilig!“ Das letzte Wort flüstert er. „Dabei hat sie so schöne Borsten!“ „Vielleicht solltest du berücksichtigen, dass sie meine Schuhbürste ist,“ sage ich, „da liegt das Thema Schuhe nicht weit.“ „Hm,“ macht Oink. Dann grinst er. „Ich weiß jetzt, dass dein Schuhgeschmack in den letzten Jahren nachgelassen hat, und das du früher experimentierfreudiger warst. Stimmt das?“ „Was?“ frage ich entrüstet, „hat sie das echt gesagt?“ Oink nickt. „Hm. Naja,“ sage ich, „möglicherweise war ich früher öfter in der Stadt… da sieht man mehr…“ ich gucke hoch. Oink sieht mich mit großen Augen an. „Ok, ok,“ sage ich, „beim nächsten Mal nehme ich dich mit.“ Oink grinst und hüpft auf das Frühstücksei.

„Also,“ sage ich und schneide mein Brötchen auf, „das mit dir und deiner Verabredung wird also nichts ernstes?“ „Doch!“ sagt Oink mit Nachdruck, „wir sind jetzt befreundet, und ich kann sie immer fragen, wenn ich etwas über Schuhe wissen muss. Meine erste Freundin!“ sagt er andächtig. „Nur abends Sterne gucken, das machen wir nicht mehr, das passt irgendwie nicht.“ Ich nicke. „Meine Wohnung ist groß“, sage ich, „wer weiß, wer sich hier noch alles herumtreibt.“ Und dann frühstücken wir.

Rosa geht eigene Wege

Letztes Jahr im Oktober ist Rosa bei mir eingezogen, das Schaf mit der Vorliebe für rosa Locken und Zwerge mit geringelten Mützen. Ich bin noch einen Bericht schuldig, wie die weitere Entwicklung unseres Zusammenwohnens verlaufen ist. Bitteschön!
Rosa hat sich als äußerst selbständig erwiesen, um nicht zu sagen, freiheitsliebend bis zur Aufgabe des ständigen Wohnortes. Ihr kleines Tete-a-tete mit dem Herrn mit der geringelten Zipfelmütze hat sich als zu überwältigend für ihn herausgestellt. Er mag es lieber ruhig und hat am liebsten einen dauerhaften Standplatz, von dem er sich nur sehr selten wegbewegt. Rosa dagegen… tja, ihr fehlten die Querfeldeinrennen mit den Hütehunden, die Aufregung, das Abenteuer und die frische Luft um die Nase.

Und so hat sie sehr schnell Mittel und Wege (vor allem Wege!) gefunden, meine schöne, warme Wohnung so oft wie möglich zu verlassen. Ich war zuerst ein bisschen geknickt, ich meine, wer findet es schon toll, wenn eine neue Mitbewohnerin dauernd fluchtartig die gemeinsamen Wohnräume verlässt? Aber sie kam immer zurück, war dann gut gelaunt und ausgeglichen, brachte Waldgeruch mit sich, und sie und der geringelte Herr zogen sich für ein Stündchen zurück. Rosa erzählte von ihren Abenteuern, der Zipfenmützenberingelte hörte gebannt zu und war froh, nicht da raus ins Ungewisse zu müssen und Rosa sonnte sich in seiner Aufmerksamkeit.

Rosa erzählte von Weinlaublabyrinthen, in denen sie sich zuerst immer verirrt hätte, aber mittlerweile würde sie immer ihren Weg finden und wie eine Seiltänzerin über die dünnsten Äste vor den Hütehunden des Viertels fliehen können. Noch nie hätte einer auch nur eine Locke ihres Haares zwischen den Zähnen gehabt!

In einer abgelegenen Ecke des Viertels gäbe es paradiesische Senfflechtenwiesen, und am Rand der Wiesen wüchsen die leckersten Rote-Flechten-Beeten, die man sich vorstellen könne! Nichts sei besser für die Augen, gesunde Klauen und natürlich das Fell! Man könne ja nicht dauernd nachfärben, wer hätte denn dafür Zeit!

Für die orangenen Zuckernüsse müsse sie schon ganz schön hoch klettern, aber nichts wäre besser für den kleinen Nachmittagsrausch als diese Nüsse. Rosa! habe ich entsetzt gerufen, aber Rosa hat nur milde gelächelt.

Einer der spannendsten Orte überhaupt sei der große Blätterrausch an einem geheimen Ort am Waldrand. Ein Blätterhaufen, so groß wie die Welt! Wenn man nicht aufpasse, würde man nie wieder herausfinden und müsse ein elendes Dasein darin fristen, nur mit der Gesellschaft von Käfern, Spinnen und Regenwürmern, und dass die nicht die begnadesten Unterhalter seien, wüsste ich ja wohl!

Ein weiterer Lieblingsort sei ein alter, verlassener Container, der im wahnsinnigsten Rot leuchten würde, das man sich vorstellen könne! Nicht nur Rosa wäre regelmässig dort, auch Igel, Rehe und Füchse würden den Container verehren, weil er das einzige verlässliche Rot der Umgebung bieten würde. Manchmal gäbe es dort geheime Treffen der Waldbewohner, an denen sie, Rosa, mittlerweile als gleichwertiges Mitglied teilnehmen dürfe! Ich habe natürlich sofort gefragt, worum es bei diesen Treffen ginge, aber Rosa starrte mich nur an und erwiderte kühl, dass sie selbstverständlich kein Tratschschaf wäre.

Auch dieser Pfahl sei sehr beliebt im Wald, aber im Gegensatz zum Container stünde er an einer zu öffentlichen Stelle, so dass er weniger besucht sei. Was für sie, Rosa, natürlich nicht gelte. Und ob ich gesehen hätte, wie das Orange mit ihrer Fellfarbe sprechen würde? Ich habe genickt.

Und so ist Rosa kein normales Hausschaf geworden. Sie ist oft auf Abwegen, selten zu Hause, und wenn ich sie mal treffe (was nicht oft der Fall ist), duftet sie nach Moos, Kiefernnadeln und Waldboden und hat ein grünes Funkeln in den Augen. Sie ist kein Einstein-Schaf, aber sie kann höher klettern, findet bessere Futterstellen und ist abenteuerlustiger als alle anderen Schafe, die ich bisher getroffen habe. Eindeutig: Mein Leben wäre ärmer ohne sie.

14. Februar

Oink ist hin und weg. „Hast du ihre Haare gesehen? Diese Borsten!“ Er lächelt selig und guckt mich verträumt an.
„Ähm…“ sage ich.
„Und diese Rundungen! Ohhh… sie ist perfekt!“ Oinks rosa wird noch etwas rosaner.
Ich räuspere mich.
„Und wie sie ihre Borsten trägt! So natürlich! Sie glänzen wie… wie…“ Er blickt sinnend vor sich hin.
„Wie Honig?“
„Ja! Genau!“ Er lächelt und sieht etwas, was ich nicht sehe.
„Du, also, weisst du…“ Ich verstumme. Wie sage ich es ihm? Seine Angebetete ist meine Schuhbürste, und ich glaube, sie hat keine Ahnung, dass ihre Borsten verehrt werden. Sie ist einfach nur eine Schuhbürste. Oinks sind selten auf dieser Welt.
„Weisst du was?“ Oink balanciert vor Aufregung auf den Zehenspitzen. Er hat mir nicht zugehört.
„Was denn?“ frage ich höflich nach und bin dankbar für die drei Sekunden Aufschiebezeit.
„Ich habe sie gefragt, ob sie heute abend mit mir den Schnee angucken will!“
„Oh!“ sage ich.
„Und weisst du was?“ Oink hüpft jetzt auf und ab.
Ich gucke fragend.
„Sie hat ja gesagt!“ Er strahlt über beide Backen.
„Ach!“ sage ich.
„Darf ich heute abend dein Fensterbrett haben?“ Oink guckt flehend.
„Ja, äh, klar“, sage ich überrumpelt.
„Super, danke!“ ruft Oink und hüpft davon. „Ich muss mich hübsch machen!“
Ich gucke ihm hinterher. Ich muss noch sehr viel lernen auf dieser Welt, das steht fest.

12. Februar

„Brrrr, ist mir kalt!“ schimpfe ich und bewege unbehaglich meine eisigen Zehen. Oink hüpft durch den Schnee. „Ist dir nicht kalt?“ frage ich ihn.
Er bleibt stehen und wackelt mit den Ohren. „Was ist kalt?“
„Oh“, sage ich. „Also, das ist, wenn du deine Hände und Füße nicht richtig spürst und so ein taubes, stechendes Gefühl in ihnen hast. Und wenn du zittert. Und Gänsehaut hast. Und wenn deine Haut sich gern nach innen ziehen würde, das aber nicht kann.“
Oink schüttelt den Kopf. Er sieht beunruhigt aus. „Das kenne ich nicht. Ist das schlecht, wenn ich das nicht kenne? Nur das mit der Haut, das hatte ich neulich, mit dem Rotwein. Das war nicht schön.“
Ich gucke ungläubig. „Du frierst nicht? Gar nicht?“
Oink schüttelt wieder den Kopf. „Wenn frieren dasselbe wie kalt ist, nein.“ Er guckt wieder besorgt. „Ist das schlimm?“
Ich überlege. „Naja… das Frieren an sich nicht, das musst du nicht vermissen. Aber wenn es dann warm wird und man aufhört zu frieren, und wenn die Füße prickeln, das ist schon sehr schön.“
„Aber das kenne ich!“ ruft er aufgeregt, „das ist das Gefühl, das ich habe, wenn du mich auf ein Ei setzt! Vorher ist da so eine Leere, und man möchte, dass das aufhört, aber es geht irgendwie nicht, und manchmal kriege ich so kleine Beulen innendrin, und dann kommt das Ei und alles ist wunderbar.“ Er strahlt.
Ich nicke langsam. „Doch, das ist wie frieren und warm werden“, sage ich.
Oink seufzt erleichtert. „Gut. Jetzt weiß ich, was frieren ist und ich kann das. Und jetzt lass uns weitergehen, es ist so schön weiß überall!“
Ich seufze unhörbar und wackle mit den kalten Zehen. Er hat Recht. Es ist wunderbar weiß überall. Und kalt. Sehr kalt.

Ein Schneewanderer unterwegs.

Zimmerreise: Das Brot und die Kindheit

Bei puzzleblume habe ich neulich die Zimmerreisen entdeckt, die ich sehr verführerisch finde. So eine Wohnung ist unentdecktes Land, hinter jedem Gegenstand lauert eine Geschichte darauf, erzählt zu werden. Daher gibt es hier meine zweite Zimmerreise zum Buchstaben B wie Brot.

Wie man sieht, sieht man gute Dinge.

Das ist mein Tiefkühlfach. Und das da ist mein Vorratsbrot, fein von Hand in Scheiben geschnitten, damit ich immer die zwei Scheiben Brot, die ich täglich esse, frisch herausnehmen kann. Ich mag nämlich kein Pappbrot, und wenn das Brot anfängt, sich zu krümmen, muss es doch eine schlimme Krankheit haben, und dann sollte man ihm den Gnadenstoß geben anstatt es zu essen. Das widerspricht aber meinem du-sollst-kein-Essen-wegwerfen-Prinzip, und da kommt die Tiefkühleinheit ins Spiel! (Ich könnte auch eine Zimmerreise zum Thema Kühlschrank mit Gefrierschrank schreiben, das wäre ein buchfüllendes Großereignis, aber nein, heute ist nur das Brot an der Reihe. Also zurück.) Wo war ich? Brot, eingefroren. Ich habe im Tiefkühlfach auch Toastbrot (ganz schlimm für alle Vollwertliebhaber, ich weiß, aber da müsst ihr jetzt durch), Aufbackbrötchen (mein Ruf ist eh schon ruiniert) und frische Brötchen vom Bäcker (Landgewinn!). Es gibt als alleinlebender Mensch ja diverse Möglichkeiten, an seine Nahrung zu kommen, und ich gehöre eher nicht zur Sorte „ich kaufe jeden Tag auf meiner vorfrühstücklichen Laufeinheit ein Brötchen und ein Ei“. Ich bin eher der pragmatische Typ, der maximal einmal pro Woche einkaufen geht, und ich mag kein angetrocknetes Brot, das mir morgens vorwurfsvoll ins Gesicht sieht und über die miserable Essrate von Singles herummeckert. Darum der Tiefkühler.
Das alles wollte ich aber eigentlich gar nicht erzählen, ich weiß auch nicht, wie ich auf diese Tiefkühl-Abwege geraten bin, eigentlich sollte es hier um die Brotkauf-Erlebnisse aus meiner Kindheit gehen. Da gab es nämlich in meinem Dorf den Bäckerwagen. Der kam jeden Dienstag, wurde von der Frau des Bäckermeisters gefahren und hupte laut vor unserer Einfahrt. Meist hatte meine Mutter das Geld schon herausgelegt und einen Zettel geschrieben, was zu kaufen wäre: Ein Kastenweißbrot, ein Schwarzbrot und ein Graubrot und meistens noch irgendeinen Kuchen, der gerade da war. Diese neumodischen Dinge wie Körnerbrote mit Sonnenblumenkernen (!) oder Kürbiskernen (!!!) kamen erst etwas später in Mode, und auch die haben wir dann vom Bäckerwagen gekauft. Der Bäckerwagen kam aus einem Nachbardorf, und das war brisant, denn in meinem Dorf gab es natürlich auch einen Bäcker, aber der kam eben nicht bis direkt vor die Haustür. Wir kauften also bei der Konkurrenz ein, und das hatte immer eine kleine, subversive Note, die mir gut gefallen hat. Das Brot war allererste Klasse. Ich mochte nie Schwarzbrot, früher nicht, heute nicht und zukünftig wohl auch nicht, aber die Knüste von einem frischen Schwarzbrot von diesem Bäckerwagen, um die haben wir uns alle gestritten. Der Gewinner wurde jede Woche neu festgelegt. Auch die anderen Knüste waren heiß begehrt, außen knackig, innen weich, duftend, perfekt für Butter und Honig oder im Falle meines Vaters für Leberwurst. Ich mag den Begriff „Knust“ für das Endstück eines Brotes bis heute und verbreite ihn unermüdlich überall. So ein schönes Wort!
Das Brot selbst wurde mit einer alten, in die Küche eingebauten, ausklappbaren Brotschneidemaschine mit Handkurbel geschnitten, die Scheibenstärke war einstellbar und das Geräusch des knackenden Brotes, das durch die scharfen Sägezähne gemahlen wurde, kann ich sofort jederzeit vor meinen inneren Ohr reproduzieren. Jedes Mal ermahnte meine Mutter alle Benutzer der Brotmaschine (so hieß sie bei uns), ja auf die Finger achtzugeben, sie wolle bitte keine Fingerkuppen in ihrem Brot haben. Bis heute hätte ich gerne so eine Brotmaschine mit Handkurbel, aber ach, wo sollte ich sie hinstellen und wo bekäme man so eine her, und überhaupt wäre es nicht dasselbe.
Der Dienstag war bei uns also der Tag des frischen Brotes, und da der Bäckerwagen ja auch Kuchen hatte und wir ihn kaufen durften, auch der Tag des Bäckerkuchens. Ansonsten gab es ausschließlich selbstgebackene, sehr gute Kuchen und Torten, aber einmal in der Woche eben auch den Butterkuchen vom Bäckerwagen. Sehr viele B´s habe ich hier gerade im Text, stelle ich mit Genugtuung fest, aber es ist ja auch die Zimmerreise zum Buchstaben B wie Brot.
Geblieben aus diesen Bäckerwagen-Dienstagen ist meine Vorliebe für frisches Brot. Bei mir gibt es nie solche seltsamen Dinge wie Arme Ritter, Brotkuchen oder Suppencroutons, geschweige denn selbstgemachtes Paniermehl. Woraus sollte ich das herstellen? In meiner Wohnung gibt es kein altes Brot. Nur knackiges Weißbrot, krachende Brötchen und knuspriges Kürbiskernbrot. Guten Appetit! 🙂

Möglichkeiten

Der Affe war unruhig. Er war alle Äste entlanggelaufen, hatte zwei Käfer gefunden, mit ihnen gespielt und sie gegessen. Das Obst am Morgen war saftig und süß gewesen, aber es war nichts mehr übrig. Er hatte mit den Fingern die Mauer gestreift und war den Abhang hinuntergerannt, und nun saß er in der Astgabel und alles war ruhig. Vögel flogen über ihn hinweg, sie kamen von vor der Mauer und flogen nach hinter der Mauer. Der Affe sah ihnen nach und schlug mit einer Hand auf den Ast, auf dem er saß. Er war neu hier und es gefiel ihm nicht. Vorher hatte es andere gegeben, Familie, und wenn dort Obst zu ihnen geworfen wurde, musste er schnell sein, um etwas abzubekommen. Nun musste er nicht mehr schnell sein. Es war nicht dasselbe. Den Alten vermisste er nicht, er hatte ihn schon fast vergessen, auch die Bisse und Knüffe verblassten, dafür wurde die Stille immer dichter. Er kreischte, einfach so, weil er es konnte, rannte über Äste und Schaukeln, sprang und klammerte sich hoch oben an der Mauer fest. In einem dünnen Grasbüschel fand er Halt, dann bohrte er einen Fuß in eine winzige Spalte und schob sich ein Stückchen höher. Unter seinen Händen und Füßen öffneten sich Wege, und so krallte und zog er sich voran. Ganz oben schob die Mauer sich nach innen, aber er würde sich nicht blockieren lassen, jetzt nicht mehr. Er suchte einen Vorsprung, fand ihn, baumelte ein paar Sekunden mit den Beinen in der Luft und zog sich hinauf. Verwirrt blickte er um sich. Die Welt war groß. Groß! Unüberschaubar. Riesige Bäume mit Blättern, ohne kahle Äste, und viele Mauern, da liefen Futterbringer herum, und weiter hinten standen sonderbare Wesen mit bauschigen Dingern auf dem Rücken. Er kreischte, triumphierend nun. Dann rannte er los.

Das war ein Beitrag zu den abc-Etüden, die von Christiane organisiert werden. Die Wörter für die Textwochen 06/07 des Schreibjahres 2021 stiftete Torsten mit seinem Blog Wortman. Sie lauteten Affe, neu und blockieren. Wie immer vielen Dank an Christiane für das Organisieren!

6. Februar

„Was trinkst du da?“ fragt Oink.
„Rotwein“, sage ich.
„Rotwein… wie schmeckt das? Und warum ist der in so einem komischen Glas auf einem Ständer?“
Ich überlege. „Der schmeckt wie… strenger Traubensaft mit Wärme. Und warum die Gläser so einen Stiel haben… ich habe keine Ahnung.“
Oink starrt von unten auf das Glas. „Du trinkst doch sonst immer Tee oder Milch oder Wasser.“
„Schon. Aber hier, einmal in der Woche, gibt es Rotwein.“
„Kann ich mal probieren?“
Ich grinse. „Klar. Aber du wirst Flecken auf deinem rosa Bauch bekommen, und ich meine mich zu erinnern, dass du da sehr etepetete bist.“
Oink guckt beleidigt. „Ich bin gar nicht etepetete!“
„Doch.“ Ich überlege. „Ich weiß was: Wir machen das so wie bei den Frühstückseiern.“
Oink strahlt. „Ja!“

Als er auf der Flasche sitzt, atmet er tief ein. „Oh!“
Ich nicke wissend.
„Das fühlt sich interessant an“. Oink wiegt sich hin und her. „Duftet nach Weintrauben. Und Mandali… Margarin… Mandarinen! Und Bitterschoddolade?“ Er hickst. „Bitterschnoddru… Bitterschorolade… egal.“
Ich reibe mir übers Kinn. „Ich glaube, du solltest da runterkommen.“
„Noch´n Momentchen… hicks. HICKS!“ Oink fällt vom Flaschenhals. „Puh! Warum dreeeeht sich alles? Hassu den Tisch auf Rollen gestellt? HICKS!“
Ich glaube, ich habe ein betrunkenes Eierwärmerschwein auf dem Esstisch, das bedrohlich auf den Tischrand zuwankt. Ups. Jetzt ist er vom Tisch gefallen.
Morgen wird er einen fürchterlichen Kater haben. Und das nur vom dran schnuppern! Armer Oink. Ich sollte Eis bereit legen.
Ich kann nicht anders: Während ich ihm über den Teppich hinterher robbe, grinse ich breiter als ein Honigkuchenpferd.