Fundbüro

Vorsichtig öffne ich die Tür. Sie quietscht, als ich sie nach innen schiebe. Drinnen ist es dämmrig, auf dem Tresen steht eine angelaufene Klingel. Ich drücke zaghaft auf den Klingelknopf und warte.
Nach einer Weile schlurft ein sehr alter Mann durch den Fliegenvorhang, der in den hinteren Bereich des Ladens führt. Sein Gesicht ist unbewegt. „Ja?“
„Ich… ähm…“ Ich ringe innerlich die Hände. „Ich suche einen abgelaufenen Neuanfang. Haben Sie sowas da?“ Erleichtert lasse ich die Hände sinken. Jetzt ist es raus.
Der alte Mann zupft an seinem faltigen Ohrläppchen. „Neuanfang, Neuanfang… wie soll er denn aussehen?“
„Oh. Nun ja. Irgendwie neu, eben.“ Ich überlege. „Nicht zu abgelaufen. Vielleicht mit ein bisschen Farbe? Kein Grau, bitte. Ja. Und… frisch! Frisch sollte er auf jeden Fall sein. Aber auch nicht zu frisch! Das fühlt sich so kalt an. Und aufregend! Ja!“ Ich bin aufgeregt. Sofort kommen mir Zweifel. „Aber normale Aufregung, nicht zu schlimm“, schiebe ich schnell noch hinterher.
Der alte Mann starrt mich ausdruckslos an. „Ich geh nachsehen“, knarzt er dann und verschwindet durch den Fliegenvorhang nach hinten.
Ich warte. Eine Fliege summt gegen die Fensterscheibe. Es ist warm hier drinnen.
Der alte Mann kommt zurück. Er trägt ein vibrierendes, gut verschnürtes Päckchen, das versucht, ihm aus den Händen zu hüpfen.
Es ist rosa. Mit Glitzer.
„Das?“ frage ich entsetzt.
„Es gibt nur das hier“, antwortet der alte Mann. „Nehmen Sie es?“
Ich zittere, aber irgendetwas lässt mich nicken.
„Hier quittieren“, knarzt der alte Mann, „kein Umtausch.“
Ich unterschreibe und bezahle, dann nehme ich den Neuanfang vorsichtig hoch. Das Päckchen fühlt sich an, als ob es gleich in meinen Händen explodieren würde. Der alte Mann verschwindet ohne ein weiteres Wort in den hinteren Teil des Ladens. Behutsam öffne ich die Tür und gehe hinaus. Das Päckchen schnurrt und räkelt sich in der Sonne. Es glitzert sehr rosa.
Ich schwitze.

Nougat

Wie konnte er es wagen! Er hatte es ihr versprochen! Wütend biß sie in die Nougatpraline, die natürlich kein echter Ersatz sein konnte, aber besser war als nichts, dann wendete sie den Wagen. Niemandem konnte man trauen, dachte sie, als sie den nächsten Gang einlegte, alle waren sie gleich, kein einziger hielt seine Versprechen. Aber dieses Mal würde sie nicht lockerlassen, wenn er nicht zu ihr kam, gut, dann kam sie eben zu ihm!
Herzhaft trat sie aufs Gaspedal, der Wagen schoss nach vorn und nahm einem grauen Audi die Vorfahrt. Wandern müsse er, hatte er gesagt, er könne nicht immer bei ihr bleiben, aber er würde zurückkommen. Und war er das? Nein! Sie hupte einen Mann vom Zebrastreifen und zischte bei Orangerot über die nächste Ampel. Fast wäre er ihr entkommen. Das würde sie nicht zulassen! Sie brauchte ihn! Sie konnte sich nicht vorstellen, wie sie ohne ihn den Sommer überleben sollte.
Der große Wagen vor ihr wurde langsamer, und sie fühlte, wie ihr das Wasser im Mund zusammenlief. Da vorn war er, ganz nah und trotzdem unerreichbar. Verdammt! Frustriert schlug sie mit der Hand auf das Lenkrad. Und er fuhr natürlich nicht zu ihr nach Hause, genau, wie sie es geahnt hatte, sondern bog in eine schattige Seitenstraße ab. Einfamilienhäuser! Ihr Blut kochte. Sie sah zu, wie er den Wagen parkte und vorbereitete, dann stieg sie mit steifen Beinen aus, um ihn zur Rede zu stellen.
Als er sie sah, ging ein Lächeln über sein Gesicht, und als sie vor ihm stand, rief er: „Carrissima! Hier, für Sie, Zitrone, Sahne-Karamell und Nougat-Schokolade in der Waffel! Bitteschön, wie immer!“
Es war wie jedes Mal. Er wickelte sie ein mit seinem Eisverkäufer-Charme und sie verlor. Was sollte sie machen? Sie brauchte sein Eis wie andere die Luft zum Atmen.

Das war ein Beitrag zu den abc-Etüden, und ich bedanke mich ausdrücklich bei Christiane für die geniale Idee, die mir hier in den Kommentaren geliefert wurde. 😁
Die Worte waren Praline, herzhaft und wandern, sie waren unterzubringen in einem maximal 300 Worte langen Text und die Wortspende kam von Monika mit ihrem Blog Allerlei Gedanken. Organisiert wird alles von Christiane (ja, die Ideengeberin für diese Geschichte). Ihr müsst zugeben, eine Eiswagen-Stalkerin hatten wir bestimmt noch nicht, oder? 😁

Mein Balkon im Juni

Sechs Tage war ich weg, und was macht mein Balkon in der Zeit? Er verbündet sich mit meiner Balkonkümmerin und explodiert. Und als ich noch ungläubig gucke ob all des neuen Grüns und der Größe der Tomatenpflanzen, raschelt meine Stachelbeere mit all ihren stacheligen Zweigen und fragt schnippisch, ob denn jetzt eigentlich endlich mal der übliche Balkonauftritt im Blog dran wäre, grüner würde es ja wohl nicht mehr werden.

Die Stachelbeere ist dieses Jahr übermütig, denn ich habe sie nicht beschnitten, und nun nimmt sie die Hälfte des Balkons ein und piekt mich, wenn ich versuche, sie zu gießen. Ehrlich gesagt habe ich keine Ahnung, wie ich die Stachelbeeren pflücken soll, ihre Mama ist besitzergreifend und kann sehr schlecht loslassen. Für den Rosmarin ist das aber ein Glück, wie ich vermute.

Er hat ein dramatisches Jahr hinter sich. Nach hemmungslosem Wachstum bis in den Dezember hinein und schlichtem Ignorieren des Winters mit Hilfe zahlloser kleiner rosa Blüten kam der März, und der März war hart. Er hat dem Rosmarin die Füße abgefroren und so blieb mir nichts anderes übrig, als zur Schere zu greifen. Er muss geahnt haben, dass ich drauf und dran war, ihn ganz in den Pflanzenhimmel zu befördern, denn er hat um eine zweite Chance geduftet, und so durfte er bleiben. Wenn auch geschrumpft. Die Stachelbeere umschmeichelt jetzt seine kahlen Zweige und die beiden flüstern die ganze Zeit miteinander. Er hat sogar schon wieder ein paar grüne Triebe bekommen.

Die Nelke, die frühere Küchenhockerin, hat sich prächtig entwickelt. Sie ist still und genügsam, wächst langsam vor sich hin und strotzt vor Blüten. Der kleine Männertreu muss sich mächtig anstrengen, um auch etwas Platz zu bekommen.

Alle Bewohner dieses Balkonkastens müssen sich ran halten, denn sonst werden sie von dieser Erdbeer-Vanille-Minze hinterrücks überwältigt. Eigentlich wollte ich nur ein paar Mochitos mit ihr mixen, aber dann habe ich kurz nicht hingesehen und zack! ist sie sowas wie der Pate der rosa-lila Balkongesellschaft geworden: O sole mio, her mit dem Wasser und dem Dünger oder ich überwachse dich (was ich sowieso tun werde, aber Höflichkeit ist die Tugend der Minzepflanzen)!

Diese zwei hier haben sich gegen den Minze-Paten verbündet und wachsen einfach so dicht an dicht, dass sie keine Chance hat, ihr Geschäft in diese Richtung zu erweitern. Sehr clever. Im nächsten Kasten wächst auch eine Minzpflanze, aber eine Spearmint-Pflanze. Sie spricht immer ein bisschen nuschelig, vermutlich wegen des Kaugummiaromas, und ist im Gegensatz zum Paten pflegeleicht und verträglich.

Was man von ihrer Nachbarin wirklich nicht sagen kann. Sie hat ein sehr ausartendes Gemüt, und wenn ich ihr nicht massiv Einhalt gebiete, würde sie an der Eroberung der kompletten Balkonwelt arbeiten und hätte auch schon Erfolg gehabt. Dabei ist sie trotzdem ein sensibles Seelchen, sie möchte nicht nur den Balkon, sondern auch den Himmel erobern, knickt dabei aber gern mal zur ein oder anderen Seite ab. Eine absturzgefährdete, penetrante, wuchernde Seele. Aber alle Schwebfliegen lieben sie, deswegen darf sie bleiben.

Hier ist es etwas aus dem Ruder gelaufen. Ich hätte wohl mal energisch durchgreifen müssen, aber man kommt so schlecht ran, und es war das einzige, was im Winter grün geblieben ist, und es sieht ein bisschen aus wie ein wuscheliger Kopf… ach, egal, der Topf ist, was er ist, ein wilder Minigarten. Wenn ich reingucken könnte, würde ich bestimmt ein winziges Dorf entdecken, das sich über die sintflutartigen Regenfälle beschwert, die regelmässig morgens stattfinden, und der Bürgermeister muss endlich etwas dagegen tun, oder er wird abgewählt!

Was das hier ist? Ich habe keine Ahnung, aber es wächst einfach immer weiter und immer höher. Mal sehen, wo es hinwill. Und es schwankt im Wind, als ob es zuviele Mochitos getrunken hätte. Die Minze wäre auf jeden Fall schon mal fast in Reichweite.

Dann gibt es da noch die Tomaten, allesamt Kollegen-Geschenke, die in einem Fall ein Joint-Venture mit einer Waldmeister-Siedlung bilden, im anderen Fall meine etwas kläglichen Versuche einer Vermehrung von Weidenkätzchen begleiten. Den Tomaten geht es prima. Die anderen… naja… wer weiß, da geht bestimmt noch was. Und seht mal, wie liebevoll sich meine Balkonbetreuerin gekümmert hat! Ich habe vor meiner Abreise nämlich nur noch schnell einen Stab in die Erde gesteckt und gedacht, das reicht schon, so schnell werden die ja nicht wachsen! Haha.

Einzelne, interessante Untermieter haben sich eingefunden, zum Beispiel diese Dame hier mit exorbitantem Haarwuchs:

Und dann gibt es noch den Glasfisch, der stetig seine Runden zieht, völlig unbeeindruckt von Mafia, Bündnissen, zickigen Stachelbeeren und blühendem Schnittlauch aus dem vorletzten Jahr. Er schwimmt in all dem Grün und freut sich seines Lebens. Und ich freue mich mit.

Mein Balkon Ende März

Heute besuche ich meinen Balkon. Er war schon den ganzen Winter über allein, ich weiß das, denn ich war auch oft allein. Manchmal auch einsam, aber meistens nur allein.
Meine Socken werden ein bisschen feucht, als ich ihn betrete. Mein Balkon entschuldigt sich, er könne nichts dafür, es hätte in den letzten Tagen viel geregnet, er würde sein Bestes tun, die Nässe loszuwerden, aber mit diesen alten Steinfliesen, es sei nicht einfach…
Ich beruhige ihn. Es ist interessant, die Nässe an den Füßen zu spüren. Ich strenge mich an und lasse ein paar Wurzeln aus meinen Zehen sprießen. Sie graben sich zwischen den Steinplatten ein. Es kitzelt an den Zehen. Oh, sagt mein Balkon überrascht, dann sagt er nichts mehr.
Wir betrachten gemeinsam den Himmel, der heute grauweißblau dahinfliegt, jederzeit bereit, noch mehr Regen fallen zu lassen. Der Rosmarin blüht. Vielleicht hat der Lavendel überlebt. Ich könnte nachsehen, aber ich lasse es. Manche Überraschungen muss man sich für später aufheben.
Der Wind fährt über meine bloßen Unterarme und ich fröstle und betrachte das Moos am Rand der Steinplatten. Hübsch, nicht? fragt mein Balkon stolz und ich nicke. Der grüne Glasfisch schwimmt unverdrossen seine Runden, ihm ist es egal, welches Wetter gerade ist. Er ist unabhängig.
Schön ist es bei dir, sage ich und atme die Luft tief ein. Mein Balkon dehnt sich auf das Doppelte seiner normalen Größe. Alte Schmeichlerin, flüstert der Zwerg mit der blauen Mütze, aber er grinst dabei. Er wohnt immer noch unter der Stachelbeere, die im Moment ziemlich kahl aussieht. Das habe ich gehört! zischt sie, um dann beleidigt weiter zu dösen. Ohje. Das wird ein Gemetzel im Sommer beim Pflücken geben. Selbst schuld, murmelt mein Balkon, du weisst doch, wie empfindlich sie ist. Und immer noch nicht die Hellste, murmele ich fast unhörbar zurück. Dann schweigen wir wieder. Der Himmel rast über uns hinweg. Das Leben könnte schlechter sein.

Oink fährt in Urlaub

Wir fahren, schon ziemlich lange. Oink betrachtet die Landschaft. „Du“, sagt er, „es gibt aber ziemlich viel Welt, oder?“

Ich nicke.

„Warum machen wir soweit weg Urlaub?“ fragt er.

„Weil es das Seminar nur soweit weg gibt“, sage ich.

„Aha“, sagt Oink. Er guckt aus dem Fenster. „Diese Straße ist ganz schön gerade.“

Ich nicke.

„Warum fahren wir auf so einer langweiligen Straße?“

„Weil wir eine ganze Menge Weg zu fahren haben. Die Autobahn ist die schnellste aller Straßen.“

Oink sagt nichts. Ich spüre seine ungestellten Fragen wie Schneeflocken um mich herum fliegen. „Aber…“, sagt er, „man sieht ja gar nichts hier! Ich mag Häuser und Tiere und Kurven und Schaufenster, aber hier ist nur Straße!“

„Naja, Landschaft hast du hier auch, oder?“ Ich fasse es nicht. Ich verteidige die Autobahn.

Oink schüttelt die Ohren. „Das ist nicht dasselbe.“

„Ohne Autobahn würden wir aber Tage brauchen, um anzukommen“, sage ich.

Oink sieht wieder aus dem Fenster. „Ich glaube, ich würde lieber nicht Autobahn fahren und dafür Urlaub in der Nähe machen und an Pferden und Schaufenstern vorbeifahren. Guck mal, wie viele Autos da sind! Wo kommen die alle her?“ Er starrt fasziniert auf die vierspurige Blechlawine, die vor uns her fährt. „Machen die auch alle Urlaub weit weg?“

„Vermutlich“, sage ich und bremse. Vor uns stockt es. „Vielleicht hast du Recht. Beim nächsten Mal überlege ich, ob wir nicht doch näher dran in Urlaub fahren.“

Oink hört nicht zu. „Guck mal!“ ruft er und lacht. „Ein Zebra-Anhänger!“

Oink und die Stiefmütterchen

„Das sind aber viele“, sagt Oink. Dann ist er still und guckt.
„Hab ich dir doch gesagt“, sage ich und bin ein kleines bisschen stolz, obwohl ich absolut nichts dazu beigetragen habe.
„Und die wachsen einfach so?“ fragt er.
„Naja“, sage ich, „man muss sie giessen und düngen und pikieren, glaube ich, und umtopfen und irgendwann ins Freie pflanzen.“
„Aha“, sagt Oink und guckt überall hin, zu den Stiefmütterchen und Tulpen und Margariten, zum Lavendel und einer Menge anderer Blumen, deren Namen ich nicht kenne. „Und warum macht ihr das? Esst ihr sie?“
„Nein! Die sind nicht zum Essen“, sage ich leicht kratzig. Wir essen schon eine ganze Menge und auch Dinge, die wir wohl eher nicht essen sollten, aber Blumen sind für etwas anderes da.
„Aha“, sagt Oink, „warum macht ihr euch dann soviel Arbeit mit ihnen?“
„Ähm…“, sage ich und überlege, „ich glaube, weil sie schön sind. Ein paar andere Gründe gibt es auch noch, aber vor allem, weil sie schön sind.“
Oink starrt ein Stiefmütterchen an, das zurückstarrt. „Das ist ein guter Grund, finde ich. Guck mal, die hier hat ein Gesicht.“
Ich bin ein kleines bisschen stolz auf uns Menschen. Das kommt nicht allzu oft vor.
„Ich nehme ein Blumenbad!“ ruft Oink, dann stürzt er sich in ein Beet voller lila und gelber Blütenblätter.
„Oink!“ rufe ich und gucke mich um, ob uns jemand beobachtet. Dann halte ich meinen Mund. Wer wird schon ein kleines rosa Schwein in einem Meer voller Schönheit erkennen?

Der Garten

„Ich war beim Straßenbau, wissen Sie, ich hab Rohre verlegt, gebuddelt haben wir, wenn ich das alles zusammenrechnen würde, ich glaub, ich hab mich halb bis nach Australien durchgegraben. Das war ´ne schöne Zeit, aber hart war´s auch, die Knochen, die wollen irgendwann nicht mehr graben, da ist jede Bewegung ein Schmerz. Aber wir hatten immer gute Kameradschaft unter den Kollegen. Nur verdient hab ich nicht viel, die Bezahlung war schlecht, wir sind gerade so über die Runden gekommen, die Frau und ich. Für die Kinder hat´s gereicht, aber mehr war nicht drin. Und dann hab ich den Garten entdeckt. Wir haben die Gräben für die Stromkabel gemacht, und da war er. Ein Dschungel war das, alles voller Brombeeren und Brennesseln, und Tannen, zwanzig Meter hoch, unten kahl und oben nichts als Zapfen. Aber er war frei, der Garten! Keiner wollte ihn, bis ich kam. Ne Baracke stand drauf, die hab ich mitbekommen, für lau. Für lau! Das war so ein Glück damals. Und dann hab ich aufgeräumt, Tannen gefällt, Brombeeren raus, und die Baracke hab ich wieder hergerichtet, immer schön eins nach dem anderen, wie das Geld gerade da war. Und jetzt sehen Sie sich den Rasen an! Schöneren finden Sie nirgends, ich vertikuliere, mähe, dünge, bis alles glatt ist. Dieser Mensch, der ist über meinen Rasen gelaufen, als würde er ihm gehören. Was hat er mir alles erzählt, was ihm für Unrecht widerfahren wäre, er hätte Dokumente, und ich solle verschwinden. Da hab ich rot gesehen. Ich meine, wohin soll ich verschwinden? Keiner mehr da, zu dem ich hin könnte. Die Kartoffeln haben nie besser geschmeckt als in dem Jahr. Ich konnte doch nicht ahnen, dass da später nochmal Kabel verlegt werden, mitten durch meinen Garten. Gehen wir? Moment, meine Knie… mach´s gut, mein Garten.“

Das war ein Beitrag zu den abc-Etüden. Die Regeln: Drei Begriffe, maximal 300 Wörter. Die Begriffe lauteten dieses Mal Baracke, widerfahren und lau und stammen von Bernd mit seinem Blog Red Skies Over Paradise. Und organisiert wird alles von Christiane mit ihrem Blog Irgendwas ist immer! Vielen Dank! Heute sende ich mörderische Grüße in die Blogwelt… 😎

Oink und der Sommer

Oink starrt hypnotisiert auf die Erdbeeren. „Wie können die denn nur so rot sein und so riechen?“ fragt er fasziniert.
„Pfoten weg!“ sage ich streng, „die sind für nachher.“
Oink schnuppert Erdbeerduft. „Nachher, nachher… was, wenn es kein Nachher mehr gibt?“
Ich versuche, weiter streng zu gucken, aber es ist schwierig.
„Und die gibt es nur im Sommer?“ fragt Oink und versucht, sich in einer Erdbeere zu spiegeln.
„Ja. Und im Frühling, wenn die Beete mit schwarzer Folie abgedeckt werden“, erläutere ich, aber Oink hört schon nicht mehr zu.
„Sommer… was ist das?“ fragt er.
„Oh!“ sage ich und überlege. „Sommer… das sind Erdbeeren und Wassermelonen, morgens vor dem Wecker von der Sonne geweckt werden, abends jede Menge fiese Mücken, vor allem, wenn man noch auf dem Balkon sitzen will, morgens mit kalten Füßen in Sandalen zur Arbeit gehen, den Bäumen beim Rauschen zuhören, im Regen schwimmen gehen, Sonnenbrand kriegen, obwohl das mittlerweile bei Todesstrafe verboten ist, in der Mittagspause auf Bänken sitzen und viel Fahrrad fahren.“ Ich mache eine Pause. „Mehr fällt mir gerade nicht ein.“
„Machen wir das auch alles?“ fragt Oink mit schiefgelegtem Kopf.
„Klar“, sage ich.
Oink strahlt, dann schielt er auf die Erdbeeren.
„Jaja“, sage ich, „nimm dir ruhig eine.“
„Eine ist keine!“ ruft Oink und angelt nach der dicksten Erdbeere, die er fassen kann.
Ich seufze. Mit meinen eigenen Waffen geschlagen. Ich sollte wirklich mehr darauf achten, was ich vor mich hin rede, wenn angeblich keiner zuhört.

Oink sieht in die Ferne

Oink starrt nach vorn in die Wolken. „Das ist also der Horizont?“ fragt er andächtig.
Ich nicke.
„Das ist aber… groß“, sagt er. „So viel leere Luft! Wo sind denn all die Häuser?“
„Hier gibt´s keine. Zum Glück“, sage ich.
„Warum zum Glück? Magst du keine Häuser? Du wohnst doch in einem?“
„Schon“, sage ich, „aber manchmal werden sie mir zu eng.“
Oink starrt auf die Wolken, die sich ineinanderschieben. „Wie meinst du das?“
Ich atme tief ein. „Dann sind da zuviele Mauern, zuviele Autos, zuviele Fenster, es ist alles vielzuviel und vielzueng. Dann brauche ich viel Himmel und viel Platz, damit das Gefühl wieder verschwindet.“
„Aha“, sagt Oink. Er guckt sich um. „Aber ein bisschen einsam ist es hier schon, oder? So ganz ohne andere?“
„Ich bleibe ja nicht lange“, sage ich, „und du bist doch da.“
„Das stimmt!“ sagt Oink. Dann guckt er nach vorn auf den drohenden, grauen Wolkenstreifen am Horizont. „Wollen wir noch ein bisschen bleiben und zugucken? Das sieht so lebendig aus da hinten!“
Ich nicke. Es ist lebendig und wild da hinten. Wunderschön.


Oink spielt Carcassonne

„Was macht ihr da?“ fragt Oink neugierig.
„Wir spielen Carcassonne“, sage ich.
Oink marschiert aufs Spielfeld. „Wie geht das?“
„Man baut Städte und Wiesen und Straßen, dann setzt man Bewohner in die Städte und Bauern auf die Wiesen und Bauleute auf die Straßen, und wer die größten Städte und Wiesen und die längsten Straßen hat, gewinnt“, erkläre ich.
„Aha“, sagt Oink. Er guckt nachdenklich. „Kann ich mitspielen?“
„Klar. Wir sind aber schon mittendrin“, sage ich.
„Macht nichts“, sagt Oink. „Sag mal, die Bauern, das sind doch die, die ganz viele Schweine haben, oder?“
Ich wiege den Kopf. „Manche“, sage ich.
Oink nickt. „Bin ich dran?“ fragt er.
„Ja.“
Oink spaziert los und schiebt alle Bauern von allen Wiesen auf einen Haufen.
„He!“ rufe ich entrüstet, „was soll das?“ Meine Mitspielerinnen gucken verzweifelt. Ihre Bauern haben besser gelegen als meine.
Oink schnauft angestrengt, als er den letzten Bauern zum Haufen schiebt. „Guck!“ Er lacht begeistert. „Das Schwein -das bin ich- hat ziemlich viele Bauern!“
Ich lege den Kopf in die Hände. Meine Mitspielerinnen lachen. Oink grunzt fröhlich vor sich hin.
Soviel zu Carcassonne mit meinem Mitbewohner. Regeln? Pffff.