Rosa

Rosa

Die Familie hat Zuwachs bekommen! Seit gestern wohnt ein neugieriges Schaf bei mir, mit einer sehr speziellen Vorliebe – ich meine, nicht jeder hat rosa Fell, oder? Auch der Schafsname – Rosa – spricht für sich. Sie hat sich mir so vorgestellt, und wir waren uns sofort einig, der Name hat Esprit, Charme, Ausstrahlung, selbstverständlich kann sie ausschließlich Rosa heißen. Auch wenn andere meinen, ihr Name wäre Waldemar. Ts-ts. Da sieht sie gnädig drüber hinweg. Obwohl Waldemar natürlich auch so einiges hat, keine Frage. Aber sagt selbst: Dieser Schwung! Diese Eleganz! Diese natürliche Schönheit!

Allerdings gibt es ein kleines Manko, und hier muss ich ganz leise werden: Sie ist nicht die allerhellste Kerze auf dem Kuchen. Wenn ihr versteht, was ich meine. Dafür aber mit sehr viel Überzeugungskraft ausgestattet. Sie wollte zum Beispiel unbedingt vor diesem Hintergrund fotografiert werden. Ich hab noch versucht, zu vermitteln, habe erklärt, dass Orange und Pink in dieser speziellen Rosa-Kombination nicht die allervorteilhafteste Situation ergeben, aber nein, es musste vor dieser Wand sein. Nun gut. Bitteschön. Ich bin ja kompromissfähig.

Und, man fasst es nicht, heute beim Einkaufen hat sie sofort erste zarte Kontakte geknüpft und diesen Herrn hier kennengelernt, und dann hat sie mich gezwungen gebeten, ihn aus dem Gitterkäfig zu befreien, in dem er sich gerade aufhielt. Und bevor er wusste, wie ihm geschah, befand er sich schon in einem Tete-a-Tete mit einem rosa Schaf. Er guckt noch ein bisschen skeptisch, was ja verständlich ist, aber Rosa hat ihm schon die Wohnung gezeigt, die skandalöse Unterschafung hier beklagt, wie man denn da eine Herde bilden solle, dass es keinen vernünftigen Stall gäbe und wo überhaupt die Hütehunde seien, mit denen man sich üblicherweise die Zeit vertreibe, indem man ihnen entwischt und sie einen wieder einfangen. Der Gute hatte noch nicht viel Zeit, etwas zu sagen, aber ich bin ganz froh, dass er da ist, sonst hätte ich ja nie im Leben die Zeit gehabt, all das hier zu schreiben. Glück gehabt!

Und jetzt muss ich in die Küche und mal nachsehen, was die beiden da so machen. Ich habe da so eine Ahnung, dass das hier interessant werden könnte.

 

An meine wunderbare Schaukel

25. Oktober 2020

Meine wunderbare, geliebte Schaukel,

Du weisst doch hoffentlich, wie ich Dich vermisse? Erinnerst Du Dich, wie wir des Abends unter dem dunklen Samthimmel zusammen langsam hin- und herschwangen? Wie die Spitzen der Tannen bei jedem Aufwärtsschwung den Mond anstachen? Der Wind streichelte sanft meine Wangen, und Deine kühlen Kettenringe lagen gespannt in meinen Händen. Alles war möglich, wir hätten selbst den Abendstern überfliegen können.
Nun bin ich hier, in fremden Lande, und, ach, alles ist anders als erwartet. Niemand kennt hier Wesen wie Dich, den kühnen Schwung Deines Sitzbrettes weiß niemand zu würdigen, und passende Äste für deine langen Ketten gibt es auch nicht. Kein Baum hier könnte Dich tragen. Welch beklagenswertes, armes Königreich!
Im Geiste sehe ich Dich schwingen, Dein entzückendes Quietschen höre ich im Traum des Nachts, und am Morgen brennt die Sehnsucht nach dem wilden Auf und Ab in mir.
Behalte mich im Sinn!
Ich komme wieder!
Sieh keinen anderen Schaukler an bis dahin, ich vergehe sonst wie Schaukelwind im Abenddämmern.
Tausend Küsse und Umarmungen, ich streichle im Geiste jedes Deiner Kettenglieder einzeln! Bleib beweglich und sag Onkel Franz, er möge Dich regelmässig ölen, ich werde es ihm begleichen, wenn ich wieder zuhause bin.

Immer, in Liebe, Dein Schaukler

 Bild von FREE-PHOTOS auf PIXABAY

Zeitstrandmaschine

Zeitstrandmaschine

Zögernd taucht die Frau einen Fuß ins Wasser. Es ist warm. Sie zieht den zweiten Fuß hinterher und bleibt stehen, als ob man sie bei etwas Verbotenem ertappt hätte. Darf sich etwas so kindisches so gut anfühlen? Mit den Füßen im Wasser plantschen wie ein fünfjähriges Kind?
Probeweise geht sie einen Schritt. Der Sand unter den Fußsohlen ist weich. Das Wasser umspielt lockend ihre Knöchel. Sie macht noch einen Schritt. Und noch einen. Es fühlt sich verboten gut an. Schnell schaut sie nach links und rechts. Niemand da, der sie kennen könnte. Wagemutig läuft sie tiefer ins Wasser, gräbt die Zehen in den Sand, spritzt mit dem Wasser, bis es gegen ihre Oberschenkel platscht.
Mit jedem Schritt wird sie jünger, die Jahre fallen von ihr ab wie Blätterteigkrümel von einem Croissant, sie lacht laut auf, bis ihr bewusst wird, dass sie gerade fünf Jahre alt ist, mit dem Wissen einer fünfzig Jahre älteren Frau im Rücken.
Erschrocken schlägt sie die Hand vor den Mund, um ihr Lachen einzufangen. Sie dreht sich um und watet so schnell zurück, wie es ihr einigermaßen würdevoll möglich ist. Mit jedem Meter zurück wird sie wieder älter. Im Strandkorb schlägt sie keuchend die Augen zu und schüttelt sich.
Aber es ist zu spät. Ihr Körper erinnert sich, wie gut die Erde sich früher angefühlt hat, die Sonne, das Gras, der Schlamm, und wie sie miteinander gesprochen haben.
Ihr Körper will zurück. Und er wird keine Ruhe geben.

 

Wasserpferde

Wasserpferde

Gestern waren Marie und ihre Schwester Lea Fische, sie sind schneller als der schnellste Meeresfisch durch das Wasser getaucht, und sie haben einen Schatz gefunden, aber das war gestern.
Heute ist Marie ein Pferd. Sie streift sich das Halfter über und ihre Schwester Lea nimmt das Ende der langen Leine in die Hand. Sie schüttelt es prüfend und ruft „Hüah!“
Marie wirft ihre lange Mähne nach hinten und bäumt sich auf. Sie ist ein wunderschönes Pferd mit glänzendem braunem Fell, sie hat schwarze Hufe, mit denen sie die härtesten Muscheln zerstampfen kann und sie ist schneller als der Wind! Sie ist so schnell, dass ihre Mähne wie eine Fahne im Sturm flattert und ihrer Schwester die Leine aus der Hand gerissen wird. Lea fällt spritzend ins flache Wasser. Als sie lachend und prustend wieder auftaucht, umrundet Marie sie übermütig und stampft mit den Hufen ins Wasser, dass es nur so spritzt. Gnädig lässt sie zu, dass Lea die Leine wiederfindet und in die Hand nimmt, dann galoppieren sie beide über die Meeresbodenkoppel, und als Marie mit einem Riesensprung ins tiefere Wasser hüpft, stellt sie fest, dass sie ein Meerespferd ist.
Krabben flüchten sechsbeinig vor ihren harten Hufen und ein paar Quallen schweben geringschätzig murrend an ihr vorbei – wie man nur so einen Krach machen kann!
Lea interessiert das nicht, sie schreit so laut „Hüah!!“, dass ein paar Luftblasen aus ihrer Nase kullern und nach oben zur Wasseroberfläche tanzen. Marie galoppiert los. Sie ist ein Hai mit Pferdemähne, ein Delphin mit braunem Fell, und hinter ihr entsteht eine Spur aus winzig kleinen Luftbläschen im Wasser, die eilig nach oben trudeln und silbrig glänzen.
Vor ihr taucht ein Mann auf, der ein halber Wal ist, sein Bauch glänzt rund und rosig, er winkt ihr freundlich zu und taucht dann mit einem einzigen gemütlichen Flossenschlag ab. Marie vertreibt ein paar lästige Heringe mit ihrem Schweif und sieht neugierig nach vorn. Der Leuchtturm von Neuwerk steckt wie eine Riesenstecknadel im Meeresboden fest und verhindert, dass die Insel davon schwimmt.
Der Meeresboden ist weich und elastisch unter Maries Hufen, sie könnte ewig so weitergaloppieren. Sie dreht sich um zu Lea. Die lacht und ruft blubbernd: „Helgoland?“
Marie wiehert begeistert. Die beste Schwester der Welt! Zusammen traben sie los, das Wasser ist warm, der Boden ist weich und am Horizont warten Nessi und eine Schule Flamingofische mit glänzenden grünen Schuppen auf sie.

Treue

Treue

Der Landvermesser sah sich um. Nur rote Erde, Kakteen und Staub in weitem Umkreis. Niemand war in Sichtweite. Die Schienenstränge vor ihm glänzten stählern in der Sonne. Das war sein Werk. Nicht seines allein, natürlich, viele waren beteiligt gewesen, aber ohne ihn hätte alles länger gedauert.
Es war Zeit. Er holte die kleine Lederhülle aus seiner Tasche, wog sie in den Händen und legte sie vor sich auf den staubigen Boden. Dann nahm er Zündhölzer und Stroh aus der Tasche, öffnete die Hülle und zog das brüchige Papier hervor. Behutsam breitete er es ein letztes Mal aus, betrachtete die Linien und Zeichen, die bunten Symbole und die unbekannten Schriftzeichen. Dann legte er das Stroh darauf, zündete mit hohler Hand ein Zündholz an und hielt es an das Papier. Es fing sofort Feuer und brannte mit leisem Zischen und heller Flamme. Das Feuer fraß zuerst das Stroh, dann verkohlte es das Papier. Der Landvermesser sah ruhig zu, wie die Linien und Symbole noch einmal aufleuchteten, bevor sie zu Asche zerfielen. Der leichte Wind spielte mit den weißen Flocken, verteilte sie im blauen Himmel.
Es war gut so. Er hatte es dem Indianer versprochen. Nur der Weg war ihm geschenkt worden, nicht der Rest. Er hatte keinen Grund, undankbar zu sein. Er würde auch die Lederhülle aussetzen, direkt unter der Schiene würde sie bleiben, bis sie zerfallen war. Wie sie es vereinbart hatten. Wer brauchte schon Schätze zum Leben? Er hatte alles gefunden, was er sich gewünscht hatte.
Und es war gut so.

Das war mein dritter Beitrag zu den abc-Etüden, die mit viel Aufwand dankenswerterweise von Christiane organisiert werden – vielen Dank! Die Regeln: Maximal 300 Wörter, im Text enthalten sein müssen drei Wörter. Dieses Mal waren es Landvermesser, undankbar und aussetzen. Die Wortspende kam von Werner und seinem Blog Mit Worten Gedanken horten. Landvermesser war wirklich sehr inspirierend. 🙂

Hawaiihemd-Ideen

Hawaiihemd-Ideen

Du schwitzt, aber du hörst nicht auf zu graben. Es muss tiefer werden, viel tiefer. Als du die nächste Spatenladung nach oben wirfst, ist da ein Hindernis. Der Sand verteilt sich gleichmässig über ein Paar Füße in Jesuslatschen. Du guckst hoch.
Vor deinem Loch steht ein mittelgroßer, mitteldicker Mann im Hawaiihemd. Er sieht auf dich herunter. „So“, sagt er und spitzt die Lippen, „das hast du also mit mir vor?“
Du stützt dich auf deinen Spaten. „Ich habe gar nichts mit Ihnen vor“, sagst du gereizt. „Warum stehen Sie vor meinem Loch? Sie stehen im Weg!“
„Du willst mich vergraben! Gib es zu!“
Du rollst mit den Augen. Noch so ein Verrückter.
„Du brauchst gar nicht mit den Augen zu rollen. Warum bitteschön gräbst du wohl sonst dieses Loch?“
„Das geht Sie gar nichts an!“ zischt du. „Gehen Sie einfach woanders hin!“
„Ich kann nicht!“ Der Mann im Hawaiihemd ringt die Hände. „Ich bin dein Ideen-Engel!“
Du hast noch nie jemanden gesehen, der weniger engelhaft aussieht.
„Ich weiß, ich bin schwer zu glauben. Aber du bist nicht besser! Jemand, der seine Ideen vergraben will, weil sich die Leute lustig darüber machen, ist doch wohl keinen Deut besser!“ Der Mann sieht dich flehend an. „Komm schon! Du willst das doch nicht wirklich tun, oder?“
Du lässt den Spaten sinken. Nie wieder wolltest du eine deiner Ideen ans Tageslicht lassen, aber da steht sie und streckt dir die Hand entgegen. Zögernd ergreifst du sie.
Die Erleichterung steht dem Hawaiihemd-Mann ins Gesicht geschrieben. „Gott, bin ich froh! Ich dachte schon, du machst ernst. Komm, lass uns Ideen sammeln gehen, die gibt´s wie Sand am Meer…“
Du lässt dich einfach mitziehen. Einmal drehst du dich noch um, aber da ist nichts. Keine ausgehobene Erde, kein Spaten.
Wäre ja auch eine dumme Idee gewesen.

Das war ein Text zu den abc-Etüden, die dankenswerterweise von Christiane organisiert und mit viel Liebe umgesetzt werden! Die Wortspende ist vom Etüdenerfinder Ludwig Zeidler und besteht aus den Worten Idee, engelhaft und vergraben in maximal 300 Wörtern, und meine Idee wollte unbedingt ans Licht! 🙂

 

Mein Balkon im Juli

Die Stachelbeeren sind reif! Das ist doch ein Anlass, mal wieder ein kleines Balkonupdate in die Welt zu entlassen. Dieses Jahr hatte ich einen schon mit Erde aus dem letzten Jahr gefüllten Topf übrig (ich glaube, es war der Kartoffeltopf) und ein Samentütchen, das ich auf einem Sommerfest auch im letzten Jahr geschenkt bekommen hatte, Sommerwiese für Bienen, für ca. 6m². 6m²! Das Tütchen fühlte sich sehr leicht an, und 6m² sind doch komplett übertrieben, ein Topf mit 28cm Durchmesser passt da bestimmt auch, dachte ich, und so landete alles hübsch verteilt in der Erde.

Nun ja. Also, es wächst ziemlich gut, kann ich mittlerweile sagen, und vielleicht waren die 6m² doch nicht völlig übertrieben. Ab und zu habe ich Sorge, dass der Topf explodiert, aber bislang konnten wir dieses Drama erfolgreich vermeiden.

Dann habe ich versucht, aus Samen Tomaten zu ziehen. Es waren Qualitätssamen und ich habe alles minutiös befolgt, was auf der Tüte draufstand, inklusive ständigem Feuchthalten. Ich habe meine Eierpappe morgens in die Sonne gestellt und abends liebevoll nachgefeuchtet, und irgendwann, Wochen und Monate später, kamen klitzekleine grüne Dingelchen aus der Erde. Und das war´s dann. Weiter passierte nichts. Irgendwann färbte sich eins der Dingelchen dunkel, dann das zweite, dann brach die Pappe auseinander und mein Durchhaltewillen auch, und dann bin ich ins Gartencenter gefahren und habe eine Tomatenpflanze geholt, die schon im rotzigen Teeniealter war. Ich habe ihr einen Platz an der Sonne gegeben, nährstoffreich gefüttert (braucht man ja als Teenie) und siehe da! Ich werde Tomaten ernten, haha!

Als ich schon mal im Gartencenter war, habe ich gleich noch ein paar Teenies gekauft, obwohl ich mich eigentlich zurückhalten wollte, es gab ein paar Überlebende aus dem letzten Jahr, den Samenkartoffeltopf, aber egal: Sie haben mich angefleht, sie aus dem tristen Blumenwohnsilo herauszuholen, und da konnte ich nicht nein sagen. Sie danken es mit üppigem Blau und Lila (sehr klein im Hintergrund die farbenfrohen Mülltonnenblumen in hellblau, grün und schmeichelndem Grau).

Mitten im Blau hat sich wanderndes Volk niedergelassen, mal sehen, ob das Zusammenwohnen klappt.

Letztes Jahr habe ich irgendwann im Sommer eine hübsche pinkfarbene Nelke für das Küchenfenster gekauft. Sie hat bis in den November hinein durchgehalten, und als sie fast am Ende war, konnte ich sie einfach nicht in den Lauf aller Dinge zurückgeben – kein Kompostgrab für die Küchennelke! Ich habe sie Ende November einfach in eine leere Stelle des Balkonkastens gesetzt und das Beste gehofft. Voilà! Auferstehung! Und zwar schöner als vorher! Bin ich stolz? 🙂

Ich mag die stinkenden Studentenblumen, und fast jedes Jahr schafft es eine in meine Balkonkästen. Ich finde, sie macht sich neben dem Rosmarin (Überlebender des letzten Jahres) sehr gut, oder?

 

 

Der Balkon war damit eigentlich schon voll, aber dann kam der Kollege mit zwei experimentellen Tomatenpflänzchen (russischer Riese und Riesenfleischtomate – laut sicheren Quellen sollen sie fußballgroß werden! Naja, wir gucken dann mal, ich würde sie auch kartoffelgroß nehmen.) und es musste noch ein Platz her. Der sich dann fand. Jetzt wuchern sie munter vor sich hin, ab und zu muss ich hochbinden und stutzen, ich will ja durchaus auch noch mal den Balkon betreten, nur mit Tomatenblüten halten sie sich sehr zurück. Macht aber nix. Der tomatige Duft, wenn man zart über ihre Stengel streichelt, ist auch sehr schön.

Die Schnittlauchdiva vom letzten Jahr bleibt unübertroffen, aber ihre Nachfolgerin gibt sich alle Mühe. Daneben habe ich getestet, was mit Kresse im Topf passiert, wenn man sie nicht abschneidet und aufisst. Jo. Interessant. Irgendetwas kleines, lilanes hat sich untergemogelt. Vielleicht der Beginn einer wunderbaren Freundschaft?

Apropos Freundschaft: Der Rosmarin flirtet wieder mit der Stachelbeere, aber wie schon im letzten Jahr kapiert sie es einfach nicht und piekst vor sich hin, mosert ab und zu und produziert fleissig viele, viele dunkelrote Stachelbeeren.

Ich warte ja noch auf eine Rosmarinstachelbeere, aber ich glaube, das wird dieses Jahr nichts. Sehr fleißig, aber nicht die hellste, die Gute. Unten im Topf hat sich ein Blaumützenwicht einquartiert, was mich sehr freut. Ich habe es raunen hören, dass der böse Mehltau sich nicht ran traut, wenn ein Blaumützenwicht einzieht. Damit er nicht wieder auszieht, plaudere ich täglich kurz mit ihm und entferne sorgsam alle Spinnweben von seiner Mütze. Es scheint zu funktionieren.

Und zum Schluss noch eine Warnung für alle ehrgeizigen Hoch-hinaus-Woller: Das passiert, wenn man nicht weiß, wann man aufhören muss mit dem Wachsen:

Kurz vor dem Absturz über die bodenlose Balkonbrüstung konnte ich gerade noch rettend eingreifen! Nun müssen sie damit leben, angebunden zu sein. Und bei jeder heftigen Böe (von denen es hier gerade ziemlich viele gibt), höre ich erschreckte Rufe vom Balkon. Bislang ging es aber immer gut.

Soviel vom Balkon im Juli. Wird der Blaumützenwicht bleiben? Wird der russische Riese doch noch erscheinen? Und was passiert mit dem Kresseexperiment? Wir werden sehen. 🙂

 

Wandgespräche

Wandgespräche

Als die Haustür ins Schloss fällt, herrscht einen Moment lang Ruhe.
Dann poltert die Wohnzimmerwand los. „So geht das nicht weiter! Lagebesprechung!“
„Ach, ach, ach“, jammert die Küchenwand, „sie war wieder nur zehn Minuten in mir, ich weiß schon gar nicht mehr, wie sie aussieht!“
„Was soll ich denn sagen? Wie meine Balkonkästen aussehen, alles vertrocknet, es ist eine Schande!“ Die Balkonwand zittert vor Empörung und weil unten ein dicker LKW vorbeifährt.
„Naja, vielleicht hatte sie es eilig“, sagt die vernünftige Badezimmerwand. Sie ist noch feucht, weil sie gerade dort geduscht hat.
„Du hast leicht reden, bei dir ist sie ja jeden Tag mindestens zweimal, aber was ist mit mir?“ Die Esszimmer/Bürowand schwankt hin und her, sie hat es nicht leicht, sie ist auf Bewohnerentzug. Der vorige Mieter hat Stunden in ihr verbracht, und nun? Sie fühlt sich vereinsamt.
„Ruhe!“ Die Wohnzimmerwand lässt die Bücherschränke als Warnung klappern. „Jammern hilft nichts, soviel wissen wir schon. Was können wir tun, um sie länger hierzubehalten?“
Die Badezimmerwand trocknet vor sich hin. Die Schlafzimmerwand schnarcht leise. Die Balkonwand windet sich, dann schlägt sie vor: „Ich könnte mich ja vielleicht versuchen, nicht ganz so stark aufzuwärmen, wenn die Sonne scheint. Obwohl ich ja nun mal eine Südwand bin.“ Stolz sendet sie ein paar Hitzestrahlen nach innen.
„Lass das“, knurrt die Wohnzimmerwand. „Was hast du vorzuschlagen, Küchenwand?“
„Vielleicht… vielleicht absorbiere ich ein paar der schlimmeren Gerüche? Den Käse vielleicht?“
„Gut. Nicht schlecht“, brummt die Wohnzimmerwand. „Da hättest du auch schon früher drauf kommen können. Flurwand?“
Die Flurwand verzieht die Ecken. „Was ihr immer habt! Ich kann mich nicht beklagen! Gut, sie ist nicht stundenlang hier, aber ich sehe sie dauernd, an mir kann´s nicht liegen.“
„Das ist ja wieder typisch!“ Die Küchenwand ächzt anklagend. „Durch dich muss sie dauernd durch, ist kein Wunder, dass du sie am meisten siehst! Du könntest ruhig auch deinen Beitrag leisten!“
Die Flurwand macht ein abschätziges Geräusch. „Wenn es sein muss. War ja klar, dass ihr ohne mich nicht könnt. Dann mache ich mich eben ein bisschen breiter. Seid ihr jetzt glücklich?“
Die Wohnzimmerwand lacht grollend. „Meine Liebe! Ohne uns wärst du gar nichts! Sei froh, dass wir dich nicht einfach dichtmachen. Dann wäre es bei dir zappenduster.“
„Allerdings“, sagt die Schlafzimmerwand mit Reibeisenstimme. Sie ist gerade aufgewacht. „Und im Dunkeln ist es nicht immer schön, das kann ich dir sagen. Mein Beitrag wären noch bessere Träume. Seid ihr einverstanden?“
„Ach du liebe Güte!“ schreit die Esszimmer/Bürowand, „dann kommt sie überhaupt nicht mehr zu mir! Sie isst nichts, sie arbeitet nichts, sie hat kein Hobby – was TUT sie denn überhaupt?“
„Stell dich nicht so an“, sagt die Badezimmerwand. „Du weisst doch, dass man vorher nie wissen kann, wen man bekommt. Jetzt hast du eben mal Pech. Beim letzten hatte ich Pech.“
„Ich auch!“ ruft die Schlafzimmerwand. „Der Geruch war nicht auszuhalten!“
„Aber ich fand´s schön“, flüstert die Esszimmer/Bürowand, „so lange hat sich noch nie einer in mir aufgehalten. Und die Videospiele waren spannend…“
„Zurück zum Thema!“ poltert die Wohnzimmerwand. „Ich werde mich behaglich machen und versuchen, die Nachbarn von oben auszublenden.“
Ein verstopftes Geräusch lässt alle innehalten.
„Ach“, sagt die Flurwand, „die hab ich ja ganz vergessen.“ Sie schüttelt sich und die Tür zum Abstellraum springt auf. Hinter deckenhoch gestapelten Kartons und Sperrmüll kann man die Abstellraumwand kaum verstehen, aber es klingt, als ob sie sagt, dass sie sich so gut es geht verschlossen halten und nichts herauslassen wird.
„Gut“, sagt die Wohnzimmerwand. „Wir wissen also alle, was wir zu tun haben?“ Sie wartet einen Moment. Alle Wände murmeln zustimmend, auch wenn die Flurwand etwas lustlos dabei klingt. „Sehr gut. Was ich noch sagen wollte…“
In diesem Moment wird von außen ein Schlüssel ins Türschloss gesteckt.
Die Wände erstarren. „Alle auf mein Kommando!“ zischt die Wohnzimmerwand, „eins, zwei, drei!“

Sie tritt in ihre Wohnung. Irgendwas ist anders. Die Tür zum Abstellraum steht offen. Sie hat sie doch heute morgen zugemacht? Egal. Nur schnell die Sportschuhe holen, dann ist sie wieder raus. Obwohl… vielleicht könnte sie ja vorher noch einen Kaffee trinken.
Oder?

Das war ein Beitrag zum #writingfriday, an dem ich leider viel zu selten teilnehme und der von Elizzy mit ihrem Blog readbooksandfallinlove.com organisiert wird. Auf ihrem Blog gibt es die Links zu den anderen Teilnehmern mit einem ganzen Füllhorn schöner Texte!

Darjeeling

Darjeeling

Am liebsten hätte er alles vergessen. Alles hinter sich gelassen. Die mitleidigen Blicke, wenn er wieder den Freitagabend verpasst und sich vom Sog seiner Arbeit hatte mitreißen lassen. Das Verlangen, eine Lösung zu finden, war übermächtig, er konnte ihm nicht widerstehen.
Niedergeschlagen fuhr er sich mit der Hand über die Stirn und starrte die dampfenden Kupferkessel an. Warum gelang es ihm nicht? Es musste einen Weg geben! Grübelnd schloss er die Augen und ging erneut alles durch. Vom verknöcherten Tentakel eine geriebene Messerspitze. Oder war es eine gehackte gewesen? Verzweifelt drückte er die Handballen auf die Augen, als ein scharfes Knacken durch das Labor schoss.
Er riss die Augen auf. Nicht jetzt! Er würde von vorn anfangen müssen! Panisch suchte er Glaskolben und Rohre ab, und da war es: Ein Reagenzglas war unter dem Druck des heißen Honigs gesprungen. In verzweifelter Hast suchte er etwas zum Abdichten, irgendetwas, riß schließlich den feuchten Teebeutel aus der Tasse und drückte ihn in das Reagenzglas, bis die Versuchslösung darüber hinweg in den nächsten Kolben floss. Allerdings hatte er nicht bedacht, dass der Darjeeling seinen eigenen Willen hatte. Farb- und Bitterstoffe drangen in die Versuchslösung und färbten sie goldbraun. Er schluckte. Er würde wieder von vorn anfangen müssen. Alles umsonst, wie jedes Mal.
Eine kleine Weile lang bemitleidete er sich, dann riss er sich zusammen und bereitete den Abbau vor, als ein leises Klicken ihn aufblicken ließ. Erneut klickte es. Und wieder. Was war das? Ungläubig blickte er auf die Petrischale, die unter dem letzten Abkühlrohr stand. Es glitzerte darin. Wie Gold. Gold? Er nahm einen der kleinen Krümel zwischen Daumen und Zeigefinger, rollte ihn hin und her und biss vorsichtig hinein. Er war schwer. Und weich.
Ungläubig ließ er sich auf einen Stuhl sinken und betrachtete den Teebeutel im Reagenzglas. Darjeeling?
Echt jetzt?

Das war ein Beitrag zu den abc-Etüden, wie immer organisiert von Christiane und ihrem Blog Irgendwas ist immer. Die Regeln: Maximal 300 Worte, und im Text unterzubringen waren dieses Mal die Wörter Reagenzglas, übermächtig und vergessen. Wortspender ist der Herr Stepnwolf mit seinem Blog Weltall. Erde. Mensch…und Ich  – vielen Dank fürs Organisieren und spenden! Und übrigens ist das ein Text für alle, die morgens erst nach der ersten Tasse Tee sicher sind, wer sie sind. 🙂

Mein Regenschirm

Mein Regenschirm ist ein echter Regenschirm.
Nicht wie all die anderen, die nur so tun als ob. Wenn ich meinen Regenschirm aufspanne, tut er das, was ein echter Regenschirm tun soll: Er beginnt zu regnen. Er lässt sanften, gleichmäßigen Sommerregen auf mich heruntertropfen, so, wie es sein soll.
Keine Ahnung, wie all die anderen es im Sommer mit diesen unechten Regenschirmen aushalten. Was tun sie nur, wenn es richtig warm wird? Wenn ich mit meinem Regenschirm lange genug auf einer Stelle stehe, wachsen dort ein paar Tage später Löwenzähne oder Tomaten. Manchmal auch Disteln, aber so ist das eben.
Ich liebe meinen Regenschirm. Um nichts in der Welt würde ich ihn hergeben.