Das Huhn, der Dieb und die Frau (Stadtmusikanten alternativ)

Das Huhn, der Dieb und die Frau (Stadtmusikanten alternativ)

Es war einmal ein Huhn, das nur jeden zweiten Tag ein Ei legte, nicht in die Norm passte und ein böses Ende als Suppenhuhn nehmen sollte. Da beschloss es, fortzulaufen, denn etwas besseres als den Tod würde es überall finden. Es nahm Anlauf, flog über den Zaun und machte sich auf den Weg.
Tief im Wald traf es einen Dieb. Der Dieb hatte Brot gestohlen, denn er war hungrig gewesen. Er versteckte sich vor den Dorfbewohnern, die mit spitzen Forken und scharfen Sensen nach ihm suchten. Da sagte das Huhn: „Komm mit mir, etwas besseres als den Tod findest du überall, und gemeinsam sind wir stark!“ Der Dieb willigte ein, schnürte sein Bündel mit dem Brot und sie machten sich auf den Weg.
Hinter dem Wald blieben sie an einer Kreuzung stehen und sahen auf den Wegweiser. Links ging es nach Bremen, rechts zur Räuberhütte und geradeaus schlängelte sich der Weg zur Farm des Osterhasen. Unter dem Wegweiser saß eine Frau. Sie sah traurig aus, denn ihre gesamte Karottenernte war von den Arbeitern des Osterhasen gefressen worden. Da sagte das Huhn: „Komm mit uns, etwas besseres als Schuldnerberatung und Gelächter der Arbeitshasen findest du überall, und gemeinsam sind wir stark!“ Die Frau willigte ein, nahm den Sack mit den letzten Karotten und sie machten sich auf den Weg.
Zwei Meter weiter blieben sie stehen. „Wohin wollen wir?“ fragte das Huhn.
„Nicht zurück zur Hühnerfarm!“, sagte der Dieb. „Dort werde ich gesucht.“
„Nicht zur Räuberhütte!“, sagte die Frau. „Dort verstecken sich die Karottendiebe.“
„Gut“, sagte das Huhn, „dann gehen wir geradeaus zum Osterhasen. Mit dem habe ich sowieso noch ein Hähnchen zu rupfen. Schließlich legen wir die Eier, für die er den ganzen Beifall kassiert.“ Und so gingen sie geradeaus zur Farm des Osterhasen.
Der Tag ging zur Neige, es wurde dunkel und kühl. Die Frau fror, und der Dieb borgte ihr seinen Schal. Das Huhn musste eine Pause machen, um ein Ei zu legen, das die Frau und der Dieb sich teilten. Sie aßen es zusammen mit dem gestohlenen Brot und den restlichen Karotten, und die Frau streute ein paar Krümel für das Huhn aus. Als sie weitergingen, war es Nacht.
Da sahen sie in der Ferne ein Licht leuchten. „Was ist das?“ fragte die Frau.
„Ein Himmelsfenster?“ fragte das Huhn mit schwankender Stimme, denn es war nicht daran gewöhnt, in der Nacht draußen zu sein.
„Ich sehe nach“, sagte der Dieb und verschwand wie ein Schatten in der Dunkelheit. „Es ist das Sommerhaus des Osterhasen“, berichtete er, als er zurück kam. „Er malt goldene Eier an und singt dabei, und auf dem Tisch stehen Wein und Käse, Schinken und Bier.“
Das Huhn und die Frau starrten ihn an. „Was können wir tun?“ fragte das Huhn.
„Nun“, sagte die Frau, „das ist einfach. Ich sage euch, was ihr tun müsst. Folgt mir.“ Das taten sie, und als sie am Sommerhaus des Osterhasen ankamen, schien das Licht warm und behaglich aus den Fenstern. Das Huhn flog auf und flatterte gegen die Fensterscheiben, bis sie aufsprangen, und schrie, so laut es konnte: „Pass auf, pass auf, die Menschen kommen, die Menschen kommen!“
Der Osterhase sprang auf und sah sich hektisch um. Das goldene Ei, das er in der Pfote hielt, fiel mit einem dumpfen Geräusch auf seinen langen Fuß, und er heulte auf. Da erschien die Frau vorm Fenster, schwang ihren leeren Karottensack um den Kopf und schrie: „Du bist es! Du bist es! Ich hab es gewusst! Betrug! Betrug! Du bist der Eierdieb! Du stielst die Eier!“
Der Osterhase jaulte auf und sprang durch das offene Fenster. Mit humpelnden Sprüngen machte er sich davon, so schnell ihn seine Pfoten trugen.
Das Huhn, die Frau und der Dieb sahen sich an und lachten. Dann sammelte der Dieb mit geschmeidigen Bewegungen alle goldenen Eier auf, die er finden konnte und tat sie in sein Bündel. Obendrauf packte er Wein und Käse, Schinken und Bier, und als sie sich alle ein wenig aufgewärmt und ausgeruht hatten, verließen sie das Sommerhaus und verschwanden in der Dunkelheit.
Als sie wieder an der Kreuzung ankamen, schien der Mond auf sie herunter.
„Was wollen wir nun tun?“ fragte die Frau.
„Wir könnten uns trennen“, sagte der Dieb. „Die Räuberhütte scheint interessant zu sein.“
„Hm“, sagte die Frau. „Ich wollte immer schon mal die Hühnerfarm sehen.“
„Ach, ihr Langweiler“, sagte das Huhn. „Das kennt ihr doch alles schon! Lasst uns gemeinsam nach Bremen gehen und dort die goldenen Eier verkaufen. Dann machen wir ein kleines Theater auf und spielen unsere Geschichte vor Publikum, und wir bekommen eine Statue auf dem Marktplatz. Na? Was ist?“
„Hm“, sagte der Dieb. „Darf ich ab und zu Geldbörsen stehlen?“
„Hm“, sagte die Frau. „Darf ich Karotten im Garten anpflanzen?“
Das Huhn seufzte. „Na klar. Los jetzt, auf geht´s!“
Und so zogen sie weiter nach Bremen, und wenn sie nicht gestorben sind, leben sie glücklich und in Frieden bis heute in einer alternativen WG im Viertel.

Das ist die hübsche Tiffy, die heute dazu beiträgt, Missverständnisse über dumme Hühner aus der Welt zu schaffen. Hühner können auch ganz anders!

Als die Phantasie die Weltherrschaft übernahm

Als die Phantasie für eine Stunde die Weltherrschaft übernahm, ließ sie als erstes die Farbe mausgrau verschwinden. Sie hatte immer schon eine natürliche Abneigung gegen Grau gehabt, was wohl in der Natur der Dinge liegt, aber bei Mausgrau hörte der Spaß bei ihr auf. Überall auf der Welt färbten Anzüge, Hausmäuse und U-Bahn-Unterführungen sich pink, sonnengelb oder himmelblau, was in einigen Vorstandssitzungen für erhebliche Irritationen sorgte und viele Katzen um ihr Mittagessen brachte. Die farbliche Neugestaltung der U-Bahn-Unterführungen blieb weitestgehend unbemerkt, da seit Jahrzehnten dort niemand mehr auf Wände oder Fußböden achtete.
Als nächstes beschloss die Phantasie, dass zukünftig an allen Gebäuden Außenrutschen vorhanden sein mussten, die alternativ zu den Treppenhäusern genutzt werden konnten. Sie schnippste mit dem Finger und schon wanden sich Rutschen in allen Farben und Materialien aus Fluren und Badezimmern hinunter auf Bürgersteige und Parkplätze. Überraschte Aufschreie und Juchzer waren zu hören, und wenige Minuten später wurden die ersten Rutschen von Kindern in Besitz genommen, die die panischen Rufe ihrer Mütter konsequent ignorierten. Als der erste Handwerker seine Werkzeugtasche vorschickte und dann selbst hinterherrutschte, nickte die Phantasie zufrieden. Das lief hervorragend! So konnte es weitergehen!
Mit einem Händeklatschen schickte sie Milliarden kleiner, goldener Tagträume auf die Reise, die mit einem leisen „Plopp!“ zerplatzten, wenn sie ihr Ziel erreicht hatten. Es regnete Sterne, Hängematten und rote Ferraris, glitzernde Vampire und Erdbeeren, Fußmassagen und marinierte Rippchen, und die Phantasie kicherte und pustete noch ein klein wenig mehr Farbe und Duft in die Tagträume. Und weil ihr gerade danach war, schickte sie ein paar Herden grüner Drachen und Schokoschmetterlinge hinterher.
Überall auf der Welt brach der Verkehr zusammen, die Arbeit in den Büros wurde unterbrochen und die Stahlproduktion kam vorübergehend zum Erliegen. Es wurde still in den Städten. Die Menschen stützten ihre Köpfe in die Hände, blickten aus den Fenstern und lächelten. Die Kinder jagten den Schokoschmetterlingen hinterher und überraschend viele Erwachsene standen Schlange an den Rutschen. Die Phantasie verschränkte die Arme und schaute zufrieden auf ihr Werk. So musste es sein! Und sie hatte ja gerade erst angefangen! Es waren noch sieben Minuten von ihrer Stunde übrig, und sie hatte nicht vor, der Vernunft auch nur eine davon zu überlassen.

Als ich die Phantasie traf

Heute Abend habe ich die Phantasie getroffen. Natürlich sah sie ganz anders aus als beim letzten Mal, als sie Lollys im Haar trug und kichernd auf bunten Socken durch meine Küche tanzte.
Heute dagegen ging sie geistesabwesend immer zwei Meter vor mir her, ihr Haar schimmerte silbergrau und hing schwer herunter. Sie war nur halb bei mir, die andere Hälfte war sehr weit weg und befasste sich mit ernsten Angelegenheiten.
Von Zeit zu Zeit drehte sie sich zu mir um, ging rückwärts und sagte Dinge wie: „Wusstest du, dass Tränen eine silberne Innenhaut haben und Welten enthalten können?“ Oder: „Gerade habe ich mir vorgestellt, es wäre noch Tag, die Sonne schiene und ich wäre so leicht wie ein Rotkehlchen.“ Oder: „Schwarz ist gar nicht immer einfach nur Schwarz. Es kann bleiernes Schwarz sein, oder dumpfes Schwarz. Es gibt sogar strahlendes Schwarz, wusstest du das?“
Nach jeder Frage drehte sie sich wieder um und sah nach vorn. Sie erwartete keine Antworten.
Es war ein bisschen seltsam, wo sie doch sonst immer vor Farbe, Musik und Ideen übersprudelte. Wie oft hatte ich schon kleine Fische um ihren Kopf herumschwimmen sehen, ohne dass auch nur eine Spur Wasser in der Nähe gewesen wäre! Und nie konnte ich mich sonst entscheiden, welche Augenfarbe sie gerade hatte, mal waren sie Ozeanblau, mal Sonnenuntergangsgolden, mal grün wie Waldmeisterwackelpudding. Heute dagegen war ich mir sicher: Sie konnten nur silbergrau sein.
Nachdem wir alles ein paarmal wiederholt hatten – umdrehen, rückwärts gehen, Frage stellen, keine Antworten – ging ich ein wenig schneller, bis ich auf einer Höhe mit ihr war. Sie sah mich nicht an. Ganz vorsichtig nahm ich ihre Hand. Sie war kühl und sie zog sie nicht weg. So gingen wir schweigend zusammen nach Hause.
Ich bin mir nicht sicher, aber mir war, als ob wir beide ein wenig heller wurden auf dem Weg.

Der Hirte

Ich bin David.
Nein, nicht der König.
Ich bin Hirte.
Manchmal fühlt es sich seltsam an, einen so großen Namen zu tragen, aber ich kann nichts dafür. Mein Vater hat mich so genannt.
Mein Vater war auch Hirte, genauso wie mein Großvater.
Eigentlich ist es ein Wunder, dass es mich überhaupt gibt. Hirten gehören nicht zu den Großverdienern, wir sind die kleinen Leute. Die ganz kleinen, um genau zu sein. Unter diesen Umständen zu heiraten, erfordert Mut. Meine Eltern und Großeltern hatten ihn.
Unser Leben hier draussen ist hart. Es ist einsam, und mit der Zeit wird man seltsam. Auch mit dem Waschen und mit der Kleidung nimmt man es nicht mehr so genau. Das trägt nicht dazu bei, dass wir viel Besuch bekommen.
Nachts ist es kalt und sehr dunkel. Jedes Geräusch ist doppelt so laut wie am Tag, und jedes Schaf, das wir bei Einbruch der Dunkelheit nicht in der Herde haben, ist ein verlorenes Schaf. Die Wölfe sind nicht die einzigen Jäger dort draußen.
Das Feuer hält uns zusammen. Es bringt Licht und Wärme, und Glück ist, wenn einer von uns eine Flöte hat und ein anderer eine Geschichte kennt.
Wenn wir könnten, würden die meisten von uns woanders ihr Glück versuchen.
Als der erste Engel kam, war es eine dieser ewiggleichen, stockfinsteren Nächte. Der Mond schien nicht, und an Wunder hat bis dahin wohl keiner von uns geglaubt.
Es wurde hell.
Aber nicht wie am Tag, das war eine andere Helligkeit, ganz anders.
Sie schien mir direkt ins Herz, mir wurde warm und kalt gleichzeitig, ich wollte wegrennen und dableiben, alles auf einmal.
Und dann kamen die anderen Engel.
Und sie sangen.
Und das war ein anderer Gesang als den, den wir bis dahin kannten.
Wir hörten und sahen und weinten und lachten und waren nur noch Ohren und Augen und warme Herzen.
Danach sahen wir uns an, wortlos, bis einer sagte, kommt, lasst uns nachsehen. Wir liessen unsere Herden zurück, ohne uns noch einmal umzudrehen.
Seitdem glaube ich an Wunder.
Alles ist möglich.
Und ich, ich werde heiraten.
Und mutig sein.

Heiligabend-Special und Making Off: Der kleine Schneemann

Der kleine Schneemann

Der kleine Schneemann machte sich Sorgen. Die letzten dreiundzwanzig Tage waren lang gewesen, und so hatte er viel zu viel Zeit gehabt, sich alles mögliche auszumalen. Wo war er gelandet? Wie würde sein Leben weitergehen? Anspruchsvoll war er nicht, er würde alles tun, was ihm aufgetragen wurde, schließlich war er ja genau dafür gemacht worden. Trotzdem. Ein kleines bisschen Angst hatte er schon.


Er war der letzte Schneemann gewesen, der das Licht der Welt erblickt hatte. Seine dreiundzwanzig Brüder hatten bereits auf ihn gewartet, aber leider wusste er das zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Er war sehr verwirrt gewesen, als er das erste Mal die Augen geöffnet hatte. Schüsse und und das Geräusch galoppierender Pferde drangen ihm in die Ohren, und als ihm gleich darauf seine orangene Filznase ins Gesicht gedrückt wurde, kam ein stechender Klebstoffgestank dazu.

Das passte alles überhaupt nicht zusammen. Wo waren die Pferde? Und die Männer mit den seltsamen Namen, die gerade über einen Salzsee ritten? Statt in der Wüste landete er in einem grünen Eierkarton zwischen vielen anderen Schneemännern, die genauso aussahen wie er. Nur ihre Nasen waren alle unterschiedlich krumm. Später lernte er, dass er ein Hörspiel gehört hatte, und dass die Männer mit den seltsamen Namen Karl May und Hadschi Halef Omar hießen.

Sein ältester Schneebruder, der einige Tage älter als alle anderen und daher sehr erfahren und weise war, nahm ihn beiseite und klärte ihn über die wichtigsten Dinge auf. Von ihm erfuhr er, dass er dazu bestimmt war, Freude zu bereiten, eine Reise antreten würde und dass das alles geschah, weil vor langer Zeit ein Kind die Welt gerettet hatte, und die Menschen sich immer noch darüber freuten. Was für ein schöner Anlaß, auf die Welt gekommen zu sein! Der kleine Schneemann war glücklich.

Weniger schön war es, als er von seinen Brüdern Abschied nehmen musste. Er versuchte, tapfer zu sein und winkte den anderen ein letztes Mal zu, bevor er verpackt wurde. Danach konnte er nicht mehr sehen, was passierte.

Er fürchtete sich ein bisschen, so ganz allein, aber dann landete er nach einigem Hin und Her zwischen allerlei anderen Dingen, die ihm durch seine Verhüllung hindurch die abenteuerlichsten Geschichten darüber zuflüsterten, wo sie hergekommen waren und was sie dort alles erlebt hatten. Wie viele Häuser es wohl auf der Welt gab? Mehr als vierundzwanzig? Er konnte es sich kaum vorstellen. Welch eine wundersame Welt musste das da draußen sein!

Nun war es fast soweit. Außer ihm war niemand mehr übrig, er war wieder ganz allein, und er machte sich Sorgen. Von seinem Herzenswunsch hatte er bislang auch noch niemandem erzählt. Dieses Kind… er hatte sich viele Gedanken darüber gemacht, und er wusste von seinem ältesten Bruder, dass es in manchen Häusern kleine Puppenstuben gab, in denen die Geburt des Kindes nacherzählt wurde. Ob sie ihn wohl dazustellen würden? Es musste ja gar nicht lang sein, eine Nacht würde ihm schon reichen! Danach würde er klaglos alles tun, was man ihm auftrug, am Weihnachtsbaum hängen oder vor dem Fenster, in einem der seltsamen Kästen mitfahren, die so laut waren und nicht gut rochen, und wenn es sein musste, auch als Schlüsselanhänger sein Bestes geben. Auch, wenn ihn das vermutlich schnell die Nase kosten würde. Oder ein Auge. Aber davor, davor wollte er eine Nacht mit dem Kind verbringen.
Der kleine Schneemann atmete tief ein. Durch seine Verhüllung hindurch konnte er sehen, dass es Tag wurde. Heute war es soweit. Der Rest seines Lebens begann.
Wie es wohl sein würde?

Wellenbrink und Gnorm


Teil III

Herr Wellenbrink hatte ein ganz schlechtes Gefühl. Sorgenvoll blickte er an seinem guten schwarzen Mantel, der schwarzen Cordhose und seinen besten schwarzen Tanzschuhen hinunter. Wie um Himmels willen hatte er sich nur zu dieser Aktion überreden lassen können? Aber nun war es zu spät, ihr Ziel befand sich bereits in Sichtweite, und Gnorm war einfach nicht aufzuhalten. Abgesehen davon war er auch ziemlich schlecht zu sehen in der Dunkelheit. Nicht nur, dass er wirklich winzig war, was Herr Wellenbrink schon fast vergessen hatte, solange sie sich in seiner Wohnung aufgehalten hatten, nein, zu allem anderen Übel war er genauso schwarz gekleidet wie Herr Wellenbrink selber und verschwand damit fast in der Nacht. Nur der schwach glimmende Leuchtstab in seiner Hand zeigte an, wo er sich gerade befand. Zumindest den Leuchtstab hatte Herr Wellenbrink ausgehandelt. Wenn es nach Gnorm gegangen wäre, hätten sie ihre Mission in schwärzester Dunkelheit ausgeführt.
Herr Wellenbrink blieb einen Moment stehen und wischte sich den Schweiß von der Stirn. Nicht zu glauben, dass jemand, der so klein war, so schnell sein konnte. Noch ein paar Jahre weiter, überlegte er grimmig, und er würde einen E-Rollstuhl brauchen, um nicht auf halber Strecke schlapp zu machen bei diesem Tempo. Glücklicherweise hatten sie ihr Ziel fast erreicht. Außerdem kannte er sich hier aus, auch in der Dunkelheit. Sein Stadtteil! Sein Marktplatz.
Jetzt allerdings sah der Marktplatz doch ein bisschen fremd aus, fast ohne Beleuchtung und ohne die hell strahlenden Fenster der zahlreichen Geschäfte, die in großem Bogen rund um das Rathaus standen. Die riesige Weihnachtstanne stand bereits, er konnte ihre schwarzen Umrisse schwach gegen den etwas weniger dunklen Himmel sehen.
Gnorm war ein paar Meter vor ihm, das Licht seines Leuchtstabs warf ein trübes Licht auf das nasse Kopfsteinpflaster. „Jetzt komm endlich!“ zischte er Herrn Wellenbrink zu, der innerlich aufstöhnte. Nasses Kopfsteinpflaster! In der Dunkelheit! In seinem Alter, in rutschigen Tanzschuhen! Und dann sollte er auch noch schnell machen! Trotzdem beeilte er sich. Je schneller sie fertig waren, desto schneller konnten sie wieder nach Hause. Der unregelmässig ausgebeulte Rucksack hing schwer auf seinen Schultern und puffte ihm immer wieder in die Rippen. Bestens. Noch mehr blaue Flecken. Herr Wellenbrink lachte tonlos. Niemand würde ihm diese Geschichte jemals glauben, soviel stand fest.
Jetzt waren sie an der großen Weihnachtstanne angekommen. Sie ragte endlos vor ihnen auf und er bekam Angst. „Bist du wirklich sicher?“ flüsterte er.
„Natürlich! Was glaubst du denn!“ fragte Gnorm entrüstet zurück. „Wollen wir jetzt Eindruck machen oder nicht?“
„Doch, doch. Klar. Ich frag ja nur. Ist ganz schön hoch, oder?“
„Ach, papperlapapp. Die ist doch ein Zwerg. Du solltest mal die Tannen bei uns sehen, DIE sind hoch! Hier, nimm mal den Leuchtstab und mach Licht!“ Gnorm drückte Herrn Wellenbrink das knorrige Stück Holz in die Hand und verschwand in den buschigen Tannenzweigen.
„Äh… wie geht denn das?“ rief Herr Wellenbrink ihm hinterher und fuchtelte ratlos mit dem Stock in der Hand herum. Augenblicklich fiel scheinwerferartiges Licht aus seiner Hand auf die Tanne. Sie warf riesige, bedrohliche Schatten an die Häuserwände ringsum. Panisch schüttelte er den Stock, der nur noch heller strahlte und versteckte ihn dann mangels anderer Möglichkeiten unter seinem schwarzen Mantel, der nun unheimlich von innen heraus leuchtete. Er hörte Gnorm heiser grunzen. Lachte der Wichtel etwa? Vorsichtig bewegte er den Stock unter seinem Mantel hin und her, bis das Licht schwächer wurde, dann zog er den Stab wieder hervor. Bestens. So wollte er es haben. Zufrieden leuchtete er an der Tanne hinauf, die raschelte und wackelte. Gnorm war schon fast oben, wenn er sich nicht sehr irrte. Da! Ein winziger, kahler Schädel stach durch die letzten buschigen Zweige direkt unter der Spitze. Die Tanne schwankte und ächzte. Meine Güte. Wenn er verantwortlich gewesen wäre für das Aufstellen des Baumes, er hätte die Leute zur Rechenschaft gezogen! Nie im Leben war das vom TÜV abgenommen worden.
Gnorm pfiff und Herr Wellenbrink zuckte zusammen. Mit weit offenen Augen starrte er nach oben in die Dunkelheit. Gnorm nahm ein Seil aus seinem Rucksack, zog eine Schlinge, zielte und warf es nach unten in Herrn Wellenbrinks Richtung, der es beim ersten Versuch fing. Na also! Herr Wellenbrink fühlte eine Woge aus Stolz in sich aufwallen.
Er schlang das Seil um einen Arm und befreite den großen, goldenen Holzstern aus seiner Rucksackverpackung. Er glänzte im Licht des Leuchtstabs, die kleinen Kristalle im Goldbelag glitzerten um die Wette. Sein Meisterstück! Liebevoll befestigte Herr Wellenbrink den Stern am Seil. Nun kam der Teil, der ihm am meisten Kopfzerbrechen bereitet hatte. Wie sollte ein vierzig Zentimeter großer Wichtel einen schweren Holzstern bewältigen, der größer war als er? Aber Gnorm hatte gesagt, dass er das seine Sorge sein lassen sollte. Vorsichtig ließ Herr Wellenbrink den Stern los, bis dessen volles Gewicht am Seil hing. Überrascht sah er zu, wie der Stern in nullkommanichts nach oben schwebte, als sei er nicht schwerer als ein Butterbrot. Gnorm steckte voller Überraschungen.
Die Tanne wankte. Es knackte in ihren Zweigen. Gnorm schob sich den Stern auf den Rücken und kletterte die dünne Spitze hinauf, an der er den Stern befestigen wollte, als sie langsam nachgab und sich elastisch nach unten bog. Plötzlich hing Gnorm am Ende eines perfekten, umgedrehten U´s aus Tannenzweigen, der Stern baumelte von seinem Rücken herab. Er leuchtete wirklich wunderschön, wie Herr Wellenbrink noch bemerkte, dann gab die Tanne ein Ächzen von sich, es knackte, knirschte und knallte, dann rauschte sie langsam, aber unerbittlich auf ihn zu. Herr Wellenbrink stieß einen Schrei aus, blieb aber wie angewurzelt stehen, links und rechts, hinter und vor ihm prasselten nadelige Zweige auf den Boden, wippten auf und ab, und als die Tanne zur Ruhe kam, stand Herr Wellenbrink immer noch steif und aufrecht da, überall rund um ihn herum Tannengrün und stachelige Nadeln. Er öffnete den Mund, aber es kam nichts heraus, dann sah er sich hektisch um. In zwei Fenstern über ihm ging das Licht an. Wo war Gnorm? Links vor ihm raschelte es, ein paar Äste wippten, dann hievte Gnorm sich zwischen einigen Zweigen hervor.
„Geht´s dir gut?“ rief er Herrn Wellenbrink zu. Der nickte benommen. „Dann schnell! Wir müssen hier weg! Hast du deinen Rucksack?“
Der Rucksack! Wo war er? Herr Wellenbrink suchte leicht fahrig zwischen den Zweigen herum, aber er war nirgends zu finden. Gnorm zog mit hektischen Bewegungen sein Seil unter dem Baum hervor. „Hast du ihn?“
„Nein!“
„Dann lass ihn liegen! Komm!“
„Aber… der Stern?“
„Ist irgendwo unter der Tanne. Keine Zeit mehr. Komm, sonst fliegen wir auf! Guck doch!“
Herr Wellenbrink sah auf. Oh. In ziemlich vielen Fenstern brannte jetzt Licht. Es erhellte schemenhaft den Marktplatz, die ersten Menschen sahen aus den Fenstern und blickten zu ihnen hinunter. Glücklicherweise war der Leuchtstab in seiner Hand erloschen, als ob er die Gefahr spüren würde. Gut. Dann würde er Rucksack und Stern halt opfern. Eilig suchte er sich einen Weg aus der Tanne heraus und lief zu Gnorm.
„Ich sag´s nicht gern“, flüsterte der, „aber kannst du mich auf den Arm nehmen? Wir verlieren uns sonst vielleicht.“
Herr Wellenbrink beugte sich kommentarlos nach unten, nahm Gnorm hoch und setzte ihn sich in die Armbeuge. Dann machte er sich davon, so schnell es ihm möglich war, verließ den Marktplatz, bog um zahlreiche Ecken und wechselte die Straßenseiten, bis sie weit genug entfernt waren. Bei der nächsten Bushaltestelle ließ er sich auf einen der unbequemen Plastiksessel fallen und atmete tief durch. Herrje. Dann spürte er, dass Gnorm in seinem Arm zitterte und seltsam heisere Laute ausstieß. Weinte er etwa? Ohje. Natürlich. Sie hatten versagt. „Hör mal“, sagte er tröstend zu dem Wichtel, „so schlimm ist es doch nicht. Wir erzählen einfach keinem davon. Und um die Tanne ist es nicht schade, besser sie fällt jetzt um als später, wenn alles voller Menschen ist.“
Gnorm beruhigte sich nicht. Er holte keuchend Luft und stieß dann wieder diese seltsamen, heiseren Laute aus. Herr Wellenbrink sah ihn genauer an. Lachte der Wichtel etwa?
„Hast du… hast du… gesehen, wie ich geflogen bin?“ Gnorm quietschte. „Dieser Stern… wie eine Sternschnuppe mit Bruchlandung! Und du… du hast da gestanden wie Gevatter Frost persönlich! Steif wie ein Eiszapfen!“ Er schüttelte sich vor Lachen und presste die Hände auf die Augen.
Herr Wellenbrink spürte, wie sich ein Lächeln auf seinem Gesicht ausbreitete und immer größer wurde. Schließlich lachten sie zusammen, bis ihre Bäuche wehtaten und die Bushaltestellensessel wackelten.
Ihre Mission war gescheitert. Aber wen störte das? Wenn er sich nicht sehr irrte, hatte er einen Freund gefunden. Und das war viel besser als jeder Tannenschmuck.

Wellenbrink & Gnorm Teil I
Wellenbrink & Gnorm Teil II
Wellenbrink & Gnorm Teil IV
Wellenbrink & Gnorm Teil V

Der Wirt

Ich bin Akim.
Ich bin Wirt.
Und Berater und Seelsorger und strenger Vater. Ich mag meinen Job. Wenn man ein Wirtshaus hat, muss man Menschen mögen, sonst wird man irgendwann verrückt. Ich mag Menschen, meine Frau ist da eher zurückhaltend. Deswegen steht sie in der Küche und ich hinterm Tresen. Es ist eine gute Arbeitsteilung. Sie kocht und kümmert sich um die Finanzen, ich rede und schenke aus.
Unser Wirtshaus läuft gut. Wir haben viele Stammgäste, die Zimmer und Schlafsääle sind oft voll, gerade jetzt während dieser irrsinnigen Schätzung, die die Leute zu langen Wanderungen zwingt. Der Kaiser muss verrückt geworden sein, eine solche Unruhe unter die Menschen zu bringen!
Für uns ist das natürlich gut, viele zusätzliche Gäste bringen viel gutes Geld ein.
Ja, es läuft gut. Und trotzdem…
Manchmal ertappe ich mich dabei, wie ich Löcher in die Luft starre und auf etwas warte, das nicht kommt. Etwas Besonderes. Auf eine Änderung im täglichen Einerlei, das ich ja eigentlich mag.
Ich weiß auch nicht. Es fehlt etwas. Etwas, das alles rund macht und dem Leben Sinn gibt.
Wenn ich solche Gedanken habe, sagt meine Frau immer, ich sei als Kind wohl zu oft ins Weinfass gefallen, ich solle mich doch freuen, dass es uns gut geht! Sie meint es gut, ich weiß, aber trotzdem. Irgendetwas fehlt.
Gestern kam ein Paar, er schon älter, sie schwanger, und sie fragten nach einer Unterkunft. Wir waren schon voll, aber sie sahen so müde und hungrig und verzweifelt aus, da habe ich ihnen unseren Stall angeboten. Meine Tiere werden schon zur Seite rücken, und in weitem Umkreis ist nirgendwo mehr etwas Besseres zu finden. Ich konnte sie doch nicht in dem Zustand auf der Straße stehen lassen.
Nachher werde ich nochmal nach ihnen sehen und fragen, ob sie etwas brauchen. Wirklich, diese Schätzung! Und dann auch noch jeder dort, wo er geboren wurde. Vermutlich geht es wieder um die Steuern und wie die Römer uns am besten ausnehmen können.
Entweder das, oder der Kaiser ist wirklich verrückt geworden…