Bahnfahrer-Meditation

Ich bin stolz auf mich. Heute Abend bin ich auf meiner persönlichen Selbstoptimierungsliste mindestens drei Level nach vorne gerückt. Und das ging so: Um 18.00 Uhr nahm ich den Zug nach Hause, mein Fahrrad hatte ich dabei. An der dritten Station fing es an, sintflutartig zu regnen, aber egal, ich saß ja im Zug, also alles ok. Dann wurde der Zug langsamer. Und langsamer. Gleichzeitig fuhren auf beiden Seiten Güterzüge an uns vorbei. Der Zugführer kommentierte lakonisch: „Sie sehen, heute ist Rushhour auf den Gleisen.“ Mit zwanzig Minuten Verspätung kamen wir an der siebten Station an, die letzte vor meiner Aussteigestation. Es passierte eine Zeitlang nichts mehr, dann kam die Durchsage: „Es tut uns leid, aber heute endet dieser Zug hier. Bitte alle aussteigen.“ Empörtes Stimmengewirr meiner Mitreisenden. Es regnete noch immer.

Zenmässig gelassen ging ich meine Möglichkeiten durch: Aussteigen und warten? Der nächste Zug käme erst in einer Dreiviertelstunde, und an dieser Station ist es auch nicht wirklich gemütlich, wenn die Sonne scheint. Oder mit dem Fahrrad nach Hause? Hm. Zehn Kilometer im Regen ohne Regenjacke? Und dann kam mir ein Daniel-Düsentrieb´scher-Geistesblitz: Ich könnte einfach im Zug bleiben, drei Stationen zurückfahren an einen Bahnhof mit Wetterdach, aussteigen und dort auf den nächsten Zug warten, der wieder bis zum Ende durchfährt!

Gesagt, getan. Entspannt blieb ich sitzen, der Regen rauschte an den Fensterschreiben entlang, während ich dieselbe Strecke wieder zurückfuhr, auf der ich gekommen war. Am Bahnhof mit Wetterdach stieg ich aus, nahm nicht den Aufzug, vor dem die Feuerwehr gerade gewarnt hatte, weil er in einer Woche dreimal steckengeblieben war, trug mein Fahrrad mit Muskelkraft die Treppen hinauf und hinunter und setzte mich dann für weitere zwanzig Minuten auf den Bahnsteig, um auf den nächsten Zug zu warten. Der Regen fiel schwallartig. Ich blieb gelassen.

Beweisfoto: Gelassene Füße auf Fahrrad. Es regnet.
Beweisfoto 2: Füße auf Fahrrad bei durchrasendem Zug. Es regnet.

Güterzüge fuhren durch. Autozüge fuhren durch. Kleinbahnen fuhren durch. Eine Bahn mit anderem Ziel fuhr durch. Dann kam mein Zug. Es regnete wie aus Eimern, als ich einstieg. Dann fuhr ich zum dritten Mal dieselbe Strecke. Kurz vor der vorletzten Station war ich fast ein bisschen aufgeregt: Würden wir es dieses Mal schaffen, die Station zu passieren? Oder gab es hier eine unsichtbare Grenze, die heute niemand passieren konnte? Vor lauter Nachdenken darüber verpasste ich die Station komplett und dann fuhren wir tatsächlich in meinen Heimatbahnhof ein. Selbstverständlich regnete es immer noch, als ich ausstieg, mich aufs Fahrrad schwang und mit nur einer Stunde Verspätung nach Hause fuhr.

Gar nicht so übel für eine üble Ausgangssituation, fand ich – und Zack! – schon wieder ein Level weiter 🙂 .

 

Druckerprobleme

Es ist 11.35 Uhr, und ich habe viel zu tun. Aktuell muss ich nur noch ein paar Dokumente ausdrucken und fertig machen, bis 12.00 Uhr will ich fertig sein und das nächste Projekt angehen.

Forschen Schrittes eile ich zum Drucker. Der hat gerade ein paar Probleme, und so kann ich nicht alle Dokumente auf einmal ausdrucken, sondern immer nur eins auf einmal – Briefpapier einlegen, Datei auswählen, zwei Seiten drucken, und so weiter. Mit den fertigen Papieren eile ich zum Schreibtisch zurück, will die Briefe falten und – nanu! Es fehlt das Logo auf Seite 1! Wo ist es hin? Argh. Es ist auf Seite 2, über dem ausgedruckten Text. Hektisch blättere ich durch die Seiten – alles falsch, der Drucker hat jede Seite 1 als Seite 2 gedruckt, dafür die Seite 2 als Seite 1 – ich muss alles nochmal machen.

Ich atme tief durch. Die Dokumente sind geänderte Serienbriefelemente, die kann ich nicht einfach nochmal drucken, die muss ich alle neu machen. Vielleicht ist ja noch was zu retten, wie rasend hämmere ich auf die Tasten meines PC. Kontrollblick auf die Uhr: 11.50 Uhr. Wäre noch zu schaffen bis 12.00 Uhr.

Zweiter Versuch am Drucker. Das erste Dokument: Richtig. Alle anderen: Falsch. Atmen, Fäuste entkrampfen, bis auf das erste alles nochmal drucken. Dieses Mal hatte ich klugerweise schon jedes Dokument einzeln gespeichert. 11.55 Uhr.

Dritter Versuch: Seite 1: Richtig. Seite 2: Fehlermeldung, der Text ist verschwunden, dafür habe ich kryptische Zeichenfolgen auf dem Papier. Ich knülle den Stapel Papier ruckartig zusammen und pfeffere ihn in den Papierkorb. Die Fehlermeldung verschwindet, ich werde automatisch abgemeldet, weil ich zu lange nichts gemacht habe. Ich melde mich wieder an, drucke das letzte Dokument nochmals und versuche, die Fehlermeldung zu identifizieren, bevor sie verschwindet. Keine Chance. Ich brauche einen Fotoapparat. Mit stampfenden Schritten pflüge ich durch den Flur,  eine Ader pocht auf meiner Stirn, Schweißtröpfchen sammeln sich auf meiner Stirn.

Mit dem Fotoapparat gehe ich zurück zum Drucker, drucke erneut die letzte Seite, versuche, den Auslöseknopf zu drücken – der Akku der Kamera ist leer. Ganz kurz zuckt der Gedanke in mir auf, die Kamera in den Papierkorb zu schmeißen und sie vorher noch auf das Display des Druckers zu knallen. Mit Mühe beherrsche ich mich. Es ist 12.15 Uhr. Eine Kollegin kommt herein, wirft einen Blick auf mein Gesicht und nimmt schnell den schwarz-weiß Drucker, bevor sie eilig den Raum wieder verlässt. Ich bringe die Kamera zurück, nicht ohne vorwurfsvoll die Kollegen über den leeren Akkustand zu informieren. Keine andere Kamera einsatzbereit. Jetzt muss es mein Handy tun. Ha! Dieses Mal kann ich die Fehlermeldung fotografieren, bevor ich wieder aus dem Programm geworfen werde.

Erneuter Versuch, die Dokumente zu drucken. Es ist 12.20 Uhr. Jetzt habe ich es – ich überliste den Drucker und lege die Vordrucke verkehrt in die Papierfächer. Es funktioniert!!! Ich muss jedes Dokument zwar dreimal drucken, damit die Fehlermeldung verschwindet, aber egal. Der Stapel der Fehldrucke ist jetzt zwei Zentimeter hoch.

Es ist 12.30 Uhr. Ich falte gerade die Papiere, da überkommt es mich: Dieses klitzekleine Teil des Hirns, das einen dauernd beobachtet und dafür sorgt, dass man morgens trotz fehlenden Schlafs nicht in Hausschuhen aus der Wohnung marschiert, setzt mich darüber in Kenntnis, dass ich gerade  ausgesehen haben muss wie ein Gremlin, kurz nachdem ihn das Wasser getroffen hat. Ich bin über den Flur gestampft wie ein wütendes Nashorn, immer mit dem Horn voran, schnaubend und rasend. Erst muss ich nur grinsen, aber als dann eine Kollegin ins Büro kommt und mich erstaunt ansieht, reisst es mich um – ein ausgewachsener Lachanfall wirft mich fast vom Stuhl.

12.40 Uhr. Da hat sich die eingesetzte Zeit doch noch gelohnt. 🙂