Winter

Heute hatte es zum ersten Mal nach Winter gerochen.
Seine weißen Schleier wehten in der Luft und kitzelten im Haar, und als sie auf meine Wangen trafen, hielt er erstaunt inne – so viel Wärme war in mir, dass seine Schleier sich sofort auflösten. Neugierig kam er näher, strich über mein Haar, tupfte kalte Punkte auf die Haut am Hals und umschloss kühl meine Hände, bis ich sie ihm entzog und in die Jackentaschen schob.
Zweifelnd zog er sich ein wenig zurück, unklar darüber, was für ein merkwürdiges Wesen ich wohl sei, so seltsam warm, dann wandte er sich neuen Dingen zu und zog seine eisige Schleppe sorglos mitten durch mich hindurch. Fröstelnd krümmte ich mich zusammen und lief schneller, um nach Haus ins Warme zu kommen.
Und doch… und doch war er so verlockend, roch nach frischem Schneegestöber, klaren Eisblumen, den ersten Schlittschuhspuren auf dem gefrorenen See, nach runzligen Winteräpfeln und Kiefernnadeln, so süß und kalt. Noch war er zurückhaltend, vorsichtig, jung. Später würde er strenger werden, manchmal sogar unerbittlich, aber heute war er die Versuchung selbst.
Es stand fest. Ab jetzt würde ich jeden Tag nach ihm Ausschau halten. Ich würde ihn finden und ihn tief einatmen, mit ihm spielen und Eisblumen pflücken, solange es möglich war.
Das Später würde früh genug kommen.

Ein Gedanke zu „Winter

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