Kämpfe

Sie öffnete die Tür und ihr Magen zog sich zusammen. Sie sollte nicht hier sein und sie wusste es. Mit schnellen Schritten ging sie zum hintersten Tisch und setzte sich, stopfte ihren Rucksack unter den kleinen Stuhl und wartete. Das Leben war nicht nett zu ihr gewesen in der letzten Zeit und neuerdings hatte sie das Gefühl, auf ihrer Schulter säße ein kleiner Gnom, der bei allem, was sie tat, aufstöhnte und seufzte und sie generell für völlig unzurechnungsfähig hielt. Sie drehte ihren Kopf vorsichtig nach links und rechts und schielte auf ihre Schultern, aber sie waren leer. Natürlich waren sie leer.
Als der Kellner kam, bestellte sie eine Tasse Schokolade, mit extra Sahne, und ihr schlechtes Gewissen wuchs zu einem Berg fast so hoch wie der Kilimandscharo. Bislang war sie stark geblieben. Sie tippte mit den Fingernägeln eine schnelle, kleine Melodie auf die Resopaloberfläche des Tisches und hörte erst damit auf, als der Kellner zurück kam. Die heiße Schokolade, die er vor sie stellte, schien sie anzulächeln. Fast konnte sie sie hören, ein dunkler Strom betörender Worte schwebte aus der Tasse direkt in ihre Ohren, und, was schlimmer war, in ihre Nase. Du willst es doch auch, komm, nimm einen Schluck, ich werde dir warm und weich die Kehle hinunterrinnen, du wirst dich sofort besser fühlen, ich weiß das und du weißt es auch, na los, MACH schon!
Die letzten zwei Worte hallten durch den Raum und wurden nur langsam leiser. Verwirrt starrte sie die Tasse an. Was war das denn? Die Schokolade schwieg, so wie sie immer schwieg, wenn sie direkt angesehen wurde. Diese verwirrenden Gespräche gab es nur, wenn sie abgelenkt war, sie kannte das schon, genau, wie sie den Gnom auf ihrer Schulter nur sah oder hörte, wenn sie nicht auf der Hut war. Was tat sie hier? Hatte sie sich nicht geschworen, mit der Schokolade aufzuhören? Das Zeug würde sie noch ins Grab bringen, wenn sie nicht endlich etwas unternahm. Meine Rede, knarzte der Gnom auf ihrer linken Schulter. Raus hier!
Sie hielt ganz still. Bist du für oder gegen mich? flüsterte sie. Du bist ich und ich bin du, knarzte der Gnom, überleg mal. Mit zittrigen Händen kramte sie ein paar Münzen hervor und legte sie neben die Schokolade auf den Tisch. Die Sahnehaube war wie ein zu lange benutztes Kopfkissen in sich zusammengesunken und wirkte klebrig matt. Neiiiin, hörte sie die Schokolade darunter kreischen, als sie aufstand, ihren Rucksack nahm und das Cafe verließ. Und jetzt? fragte sie niemand im Bestimmten. Keine Ahnung, knarzte der Gnom. Sie holte tief Luft, dann ging sie.

Das war ein Beitrag zu Myriades Impulswerkstatt, die es hier zu finden gibt. 😊 Die Idee, ein Schreibmuster durchzuhalten, finde ich sehr interessant, aber auch ganz schön schwer. Aber mit einem Tässchen Schokolade ist alles halb so schwer… 😁

11 Gedanken zu „Kämpfe

  1. Ach, das gefällt mir, weil ja in dieser Tasse tatsächlich Schokolade drin war 😉 Mich begeistert die Resopaloberfläche, die bei mir sofort ein ganz klares Bild von der Lokalität zeichnet, in der sich der Kampf abspielt. Lächelnde Schokoladen kenne ich auch, flüssige und andere, nur zu einem Gnom auf der Schulter habe ich es noch nicht gebracht. Eigentlich schade. Einerseits …
    Herzlichen Dank für den Beitrag, der mir wieder bestätigt, dass diese Rahmen eine gute Idee sind.

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  2. Da bin ich ganz klar: Wenn ich über die Schwelle getreten bin in genau der Absicht, dann lasse ich das Wunderwerk aus Schokolade und Sahne auch nicht stehen!!!! 🍫☕
    Ich hätte den Kampf vor der Tür ausgetragen …
    Aber liest sich dennoch sehr bekannt. Und ich bewundere sie, dass sie es geschafft hat. 👍
    Abendgrüße mit Wein statt Schoki ☁️🌳🍷🍪🌼👍

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    • Also, ich würde sie auch nicht stehen lassen, soviel steht fest. Da gäbe es keinerlei Kämpfe, ich kapituliere sofort. 😋 Ich bin aber ganz stolz auf meine Heldin (denn das ist sie), dass sie in den Ring getreten ist und die Boxhandschuhe angezogen hat. Tschakka, Sie-Figur, du schaffst das! Ich geh jetzt einen Kinderriegel essen. 😁

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      • Kinderriegel sind eine ganz, ganz gemeine Erfindung und haben einen völlig falschen Namen. Ich kenne viel mehr Erwachsene als Kinder, die die Dinger lieben, mich eingeschlossen. Selbst meine megaernährungsbewusste Kollegin kann ihnen nicht widerstehen. Also zumindest nicht immer. 😊

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  3. Ach – dort ist der Gnom gelandet!! Freut mich ungemein. Meine Schultern fühlen sich frei und unbelastet und ich habe auch kein nerviges Gekeife mehr in meinen Ohren. 😊
    PS: die Resopalplatte hat mich auch schwer beeindruckt in deinem Text.

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  4. Pingback: Impulswerkstatt Mai-Juni – Zusammenfassung – MYRIADE – La parole a été donnée à l´homme pour cacher sa pensée

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