Drei-Tage-Tagebuch

Drei-Tage-Tagebuch

Sonntag: Nach endloser Autofahrt Ankunft im Hotel. Das Hotel ist schwer. Alles dort ist schwer, solide, dunkel, erdig. Die Dame an der Rezeption ist allein, eine Mischung aus Aufregung, Hilflosigkeit und Bemühen, fast schon rührend. Und so stolz auf das größere Zimmer, das sie mir im Tausch für kein Frühstück anbietet. Sie ist nett, aber ich bin froh, als sie geht und mich in dem dunklen Zimmer allein lässt.
Montag: Mühsames Erwachen. Es ist feucht draußen, durch und durch feucht. Frühstück beim Bäcker an der Ecke, die Verkäuferin ist überfordert mit meinem Coronatest, wie eigentlich alle, denen ich ihn vorlege. Erstaunt stelle ich fest, dass man weiter kommt, wenn man fest auftritt und überzeugend wirkt. Meist tut es mir schon leid, während ich spreche und ich mildere es ab, aber totzdem: Überzeugung wirkt.
Dann Frühstück mit Oink. Wie immer wird alles besser mit ihm, plötzlich sehe ich die großen Fenster, die Schönheit hier. Er wirkt wie ein Katalysator, der die schönen und komischen Dinge sichtbar macht. Später esse ich ein Eis auf dem Marktplatz. Der Eisverkäufer ist schlecht gelaunt, Corona verdirbt ihm das Geschäft, und der Regen! Ach, der Regen. Unter den großen Schirmen sitzt eine noch schlechter gelaunte alte Frau, die ein Kleinkind nachäfft, das nach seinem Papa ruft, der ein Eis und Cappuccino to go kauft. Das Kind guckt erstaunt und schweigt eine halbe Minute. Die alte Frau und ich unterhalten uns. Ich verstehe nur die Hälfte (dieser Dialekt!), aber das macht nichts: Ich entlocke ihr ein Lächeln. Und auch, wenn es so schnell wieder verlöscht wie ein Blatt, das im Feuer verkohlt: Immerhin. Abends: Fremdeln mit dem Stift. So forsche, hart an der Grenze zur Unfreundlichkeit agierende Kirchenmitarbeiter hatte ich selten.
Dienstag: Heute morgen Sandalenentscheidung trotz des Wetters. Angenehmes Frühstück. Die Bauarbeiter auf dem Gerüst vor den Fenstern arbeiten langsam, unaufgeregt, aber stetig. Ich bin müde, von der Nacht, vom Leben, von allem. Aber nicht dunkelmüde, sondern pastellig müde, mit einem leicht weißneblig übertönten Grundton. Gegenüber Balkonkaffeetrinker, locker plaudernd oder schweigend, während die Handwerker arbeiten.

8 Gedanken zu „Drei-Tage-Tagebuch

    • Wer weiß, wer weiß… ich glaube, sie hätten erst aus ihrem Corona-Streß herausklettern müssen. Die Mitarbeiter dort waren nicht die einzigen, die Mühe mit der Freundlichkeit hatten. Das ganze Städtchen hatte große Mühe. Vielleicht lag es am großen C, vielleicht ist es dort auch Dauerzustand. Was schade wäre.

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